Es ist der 5. August 1993. Der Bundesrat hat gerade mit Kasachstan ein Abkommen unterzeichnet, dank dem die Swissair nun die noch junge Republik überfliegen darf. Da geschieht in New York Historisches. Wie ein Stein aus heiterem Himmel stürzt der Goldpreis um 8.27 Uhr Ortszeit in die Tiefe: In sieben Minuten fällt er von 400 auf 387 Dollar, bis um 14.10 Uhr weiten sich die Verluste auf 25 Dollar aus. Einen so scharfen, schnellen Einbruch hat es seit dem Börsencrash von 1987 nicht mehr gegeben.

Und es bleibt nicht dabei. Jedes Mal, wenn Gold die 400-Dollar-Marke nimmt, kriegt es eins auf den Deckel. Die Goldhändler stehen vor einem Rätsel. Das Spiel wiederholt sich in den folgenden drei Jahren immer wieder. Dann herrscht Ruhe. Bis es am 18. Mai 2001 erneut beginnt.

Das fällt auch dem Münchner Techniker Dimitri Speck auf, der sich auf das ­Messen von Börsenkursen spezialisiert hat. Der Goldpreis fällt immer dann, wenn der Handel in New York einsetzt. Für Speck ist schnell klar: Dahinter muss die amerikanische Notenbank stecken. Sie verfolgte ab 1993 eine Tiefzins­politik. Damit wollte sie die wirtschaftliche Erholung stützen, deshalb musste sie Inflationssorgen schon im Keim ersticken. Und ein steigender Goldpreis signalisierte, dass diese Sorgen zunahmen und Anleger in das sichere Gold flüchteten.

Unter Anlegern gilt Gold seit alters als die beste Versicherung gegen Hyperinfla­tion und den Totalabsturz der Wirtschaft. Je düsterer die Perspektiven, desto heller strahlt das gelbe Metall. Gold verspricht Schutz, wenn die anderen ­Kurse ins Rutschen geraten. Wie jetzt in der EU-Schuldenkrise, wo das Vertrauen in die Regierungen und den Euro auf den Nullpunkt gesunken ist. Bestärkt durch die Erfahrung, dass es über Jahrzehnte hin seinen Wert behalten hat, wollen viele ihre Ersparnisse retten und kaufen Gold. Jede neue Krise nährt den Mythos von Gold als Krisen­währung. Das macht Gold aber auch zu ­einer Projektionsfläche für Ängste und ­Verschwörungsgeschichten.

«Es war keine Verschwörung, sondern Politik – allerdings Politik hinter verschlossenen Türen und mit geheimen Absprachen», sagt Speck zu den angeblichen ­Interventionen der Notenbanken in den neunziger Jahren, für die es bis heute keine gesicherten Beweise gibt. Deutsche Finanzmedien lobten Speck trotzdem. Mit seiner nüchternen Analyse habe er jene Skeptiker aus der Schmuddelecke geholt, die glauben, der Goldpreis werde systematisch manipuliert. Dabei hatten die Medien etwas übersehen. Speck hat sich unter Verschwörungstheoretikern längst einen Namen gemacht – als Bibelforscher. In seinem Buch «Petrus erfand Jesus» hatte er mit den Mitteln der Charttechnik nachgewiesen, dass der ­Kirchengründer die Mirakel des Neuen Testaments nur erfunden habe, um Jesus publi­cityträchtig zum Wundermann zu stilisieren.

Verschwörungstheorien, Holocaust-Leugner

Verschwörungstheoretiker halten Speck für ein Weichei. Ihr Credo: Gold war einst die ­Sicherheit ganzer Völker, das von den USA ausgehende Komplott will das Prinzip zerstören. «Eine kleine Gruppe von Menschen regiert im Geheimen unsere Welt – mittels des Geldes und der Banken, die ziemlich fest in ihrer Gewalt sind», schreibt der Austroamerikaner Michael Morris. Sein Buch «Was Sie nicht wissen sollen!» erschien im deutschen Amadeus-Verlag des Holocaust-Leugners Jan van Helsing. Der führt wunderliche Titel wie «Hitler überlebte in Argentinien».

Der Doyen der Verschwörerszene war etwas anders gestrickt. Er war ein freundlicher Zürcher Privatbankier, der seine Freizeit mit dem Studium von Geschichte, Architektur und Philosophie verbrachte. Der 2005 verstorbene Ferdinand Lips war ein intimer Kenner der Goldszene, breit vernetzt und immer wieder gern in Südafrika unterwegs, wo sich das Apartheid-Regime sein Über­leben mit Goldverkäufen sicherte.

«Das Leiden der Menschheit beenden»

Lips war der Erste, der Beweise dafür gefunden haben wollte, dass die Zentralbanken den Goldpreis schamlos manipulieren. Was sich wie ein Drecksgeschäft anhöre, sei mehr: «ein Angriff der Regierung auf die einem Individuum gemäss Verfassung zustehenden Freiheiten». Papiergeld, das nicht mit Gold gedeckt werden muss und deshalb beliebig vermehrbar sei, verleihe einer kleinen Finanzelite unbegrenzte Macht. Manchmal wolle sie Kriege führen, ohne die Steuern erhöhen zu müssen; dann wieder finanziere sie mit Notenbankgeld einen nicht bezahlbaren Sozialstaat.

Gold sei die Währung der Freiheit und damit das letzte Bollwerk gegen die Machtgier einer kleinen Finanzelite. Kein Wunder, wähnte sich der rüstige Rentner in ­einem grossartigen Kampf. Es ging um die Rettung der freien Welt, und Lips hatte die Rolle von Johannes dem Täufer als ein­samer Rufer in der Wüste. «Wenn die Zeit gekommen ist, wird dieses Wissen dazu dienen, das Leiden der Menschheit zu beenden und der Wirtschaft zu gesundem, inflationsfreiem Wachstum zu verhelfen, indem das Weltfinanzsystem wieder zurück auf eine sichere goldene Bahn gebracht wird», prophezeite er in seiner «Gold-Verschwörung». Das Buch erschien im deutschen Kopp-Verlag, der auch ­Werke bekannter Antisemiten verlegt.

Für Claudio Grass war das Buch eine Offenbarung. Inzwischen ist der wache Wirtschaftskopf eines von drei Mitgliedern des Lips Institute in Rüschlikon ZH und Managing Director bei Global Gold in Rapperswil SG. Die kleine Firma mit dem gros­sen Namen kauft, verwaltet und verkauft seit 2008 für ihre Kunden physisches Gold. Ein krisenfestes Geschäft ohne grosse Risiken: Kauft ein Kunde für 50'000 Franken Gold, kassiert die Fünf-Personen-Firma in drei Jahren 3400 Franken Gebühren, in zehn Jahren 6800 Franken.

Um von solchen Spesen abzulenken, brauchts eine gute Geschichte. Die Angst vor dem grossen Knall («Behaften Sie mich nicht, aber in drei bis fünf Jahren wird die grösste Wirtschaftsblase platzen», so Grass) taugt schon mal nicht schlecht. Angereichert mit einem Schuss Verschwörungstheorie, ergibt das eine clevere Mischung, um physisches Gold an Private zu verhökern.

Es gebe keinen Ausweg aus der Kata­s­trophe, man könne sich nur gegen die dann folgende Hyperinflation schützen. Das gehe mit dem Kauf von Gold und Silber. «Wir müssen zurück zu einem Geldsystem, das staatlich nicht mehr manipulierbar ist», sagt Grass weiter. Jeder Mensch müsse selber entscheiden können, was er künftig als Geld akzeptieren möchte.

Grass, der in Videos und Seminar­auftritten Goldkunden beschwört, ist kein Einzelgänger. Thorsten Polleit, ein anderer Fürsprecher des Goldes, arbeitet als Chefvolkswirt bei der deutschen Degussa, die ebenfalls physisches Gold verkauft. Auch er sagt: «Das Papiergeldsystem ist ein Fremd- und Störfaktor im Gefüge freier Märkte. Es verursacht zwangsläufig ­Finanz- und Wirtschaftskrisen, sorgt für eine nicht marktgerechte Einkommensverteilung und wird, wenn nichts unternommen wird, in Hyperinflation und dem Kollaps des freien Wirtschaftens enden.» Lips und seine Jünger sind Exoten geblieben. Aber längst ist Gold nicht mehr nur ein Investment für schräge Vögel und ewiggestrige Exzen­tri­ker. Es gilt als seriöse Rohstoffanlage.

Plötzlich bricht Gold alle Rekorde

Gross in Mode gekommen ist Gold aber erst 2001. Zuvor hatte der Kurs über Jahrzehnte vor sich hin gedümpelt, während Immobilien, Obligationen und vor allem Aktien in die Höhe schossen.

Das ändert sich Ende September 1999, als die grossen Notenbanken vereinbaren, höchstens noch 400 Tonnen Gold pro Jahr zu verkaufen. Der Preis für die Feinunze schiesst in 14 Tagen von 255 auf 312 Dollar. Es ist der Vorgeschmack auf den Superzyklus des Goldes, der im April 2001 einsetzt – wieder bei 255 Dollar. Ab 2005 klettert der Kurs immer schneller, im März 2008 durchbricht er die 1000-Dollar-Schallmauer, knickt zwischenzeitlich auf 700 Dollar ein und schnellt dann auf den Allzeitrekord von 1920 Dollar hoch.

Wie war das möglich? Weil Gold eine Versicherung gegen den Totalabsturz der Wirtschaft sei, heisst es immer wieder. Doch das kann nicht der einzige Grund dafür sein, dass sich sein Preis in zehn Jahren versiebenfachte. Viel wichtiger waren die neu entstandenen Finanzprodukte, die Gold zu einem leicht handelbaren Gut machten. Anleger wollen ja nicht Metall bunkern, sondern mit Gold Kohle scheffeln. Sie handeln nicht mit Gold, sondern nur mit der Idee davon. Am schnellsten funktionierte das über Optionsgeschäfte und mit strukturierten Produkten – mit Gold als Basiseinheit.

Gold in Zahlen

Chemisch: Aurum; Schmelzpunkt: 1064 Grad Celsius

Globale Produktion (2011): 2818 Tonnen

Todesrate bei Förderung (Südafrika): pro 3 Tonnen ein Mensch (2011: 128 Tote)

Goldgehalt in gefördertem Gestein: 0,8 Gramm pro Tonne (1830: 22 Gramm)

Goldbesitz weltweit: 171'300 Tonnen (ein Würfel von 20,7 Metern Seiten­länge); Wert: 9,5 Billionen Dollar

Grösste Goldbesitzer: USA 8133 Tonnen, Deutschland 3395, Internationa­ler ­Währungsfonds 2814, Schweiz 1040 (entspricht 17 Prozent Golddeckung
des Geldes im Umlauf)

Verwendung (2010): 51 Prozent als Schmuck, 19 Prozent private Anlagen, 17 Prozent öffentlicher Sektor, 11 Prozent Industrie, 2 Prozent nicht belegt

«Eine irrationale Übertreibung»

Aber es waren erst die Exchange-Traded Funds (ETF), die die Goldspekulation stärker als alles Bisherige anheizten. 2003 ging mit dem australischen Gold Bullion der erste Gold-ETF an den Start, Dutzende folgten. Die Zürcher Kantonalbank stieg 2006 ein. Es wurde ein Grosserfolg. Heute muss sie 227 Tonnen Gold in ihren Tresoren hinterlegen: ein 912 Meter hoher Turm im Wert von 12,1 Milliarden Franken.

Am stärksten war die Nachfrage auf dem Höhepunkt der Schuldenkrise Anfang 2009. In vier Monaten wurden weltweit ETFs im Wert von 447 Tonnen Gold verkauft. Das entspricht einem Sechstel der weltweiten Gold-Jahresproduktion.

Der andere Kurstreiber waren die Schwellenländer: 1999 gingen 40 Prozent des Goldes nach Asien, 2010 waren es 57 Prozent. China stockte seine Goldreserven seit 2003 um 76 Prozent auf. Von 2004 bis 2009 hatten Notenbanken weltweit pro Jahr 380 Tonnen Gold verkauft, 2011 aber 440 Tonnen gekauft – unter Führung von Mexiko, Russland und Thailand. Doch am 6. September 2011 brach der Trend ab. Der Goldpreis gab 15 Prozent nach. «Die Panikkäufer wegen der Schuldenkrise fehlen. Die Nachfrage ist stetig, aber nicht mehr annähernd so gross wie im Frühling 2010 oder Anfang 2011», kommentiert der Londoner CS-Analyst Tom Kendall.

Goldfans erschüttert das nicht, genauso wenig die Warnungen eines Warren Buffett, des vielleicht erfolgreichsten Anlegers überhaupt. «Blasen, die zu gross werden, platzen unweigerlich. Und dann bestätigt sich das alte Sprichwort erneut: Was der weise Mann als Erster tut, macht der Idiot zuletzt», meinte der 82-Jährige kürzlich zur Goldspekulation.

«Ein derart rasanter Preisanstieg ist ein Warnzeichen für extremen Enthusiasmus und euphorischen Herdentrieb», meint auch Yoni Jacobs. In seinem Buch «Gold Bubble» (Goldblase) warnt der US-Investmentspezialist: «Diesmal ist Gold das Objekt einer irrationalen Übertreibung.» Das Gefährlichste am Gold sei aber die ­Illusion, es sei eine todsichere Anlage, die vor Verlusten schütze. Das Gegenteil sei richtig: Der Goldpreis entwickelt sich meist parallel zu Aktienanlagen – in Rezessionen runter, in Haussen rauf. Zur Diversifikation tauge es deshalb nur bedingt.

Goldfreaks blenden solche Erkenntnisse aus, den Blick starr auf den Feind gerichtet: das beliebig vermehrbare Papiergeld, das letztlich wertlos sei. Und sie wissen auch ganz genau, wann der Sündenfall ­erfolgte: am 15. August 1971, als US-Präsident Richard Nixon die feste Bindung des Dollars an das Gold auflöste. Es war der Startschuss für die Ära des ungezügelten Finanzkapitalismus. Geld diente nicht mehr nur zum Zahlen von Gütern und Dienstleistungen, sondern wurde immer mehr das Schmiermittel für Spekulationen.

Namhafte Ökonomen hatten Nixon davor gewarnt, den Goldstandard aufzuheben, darunter der junge Alan Greenspan. «Ohne Goldstandard gibt es keine Möglichkeit, Ersparnisse vor der Enteignung durch Inflation zu schützen. Es gibt dann kein sicheres Wertaufbewahrungsmittel mehr», schrieb der spätere Chef der US-Notenbank 1966. «Die Finanzpolitik des Wohlfahrtsstaates macht es erforderlich, dass es für Vermögensbesitzer keine Möglichkeit gibt, sich zu schützen. Dies ist das schäbige Geheimnis, das hinter der Verteufelung des Goldes durch die Verfechter des Wohlfahrtsstaates steht.» Staatsverschuldung sei eine versteckte Form der Enteignung. Nur Gold schütze die Eigentumsrechte. «Wenn man das begriffen hat, ist die Feindschaft der Wohlfahrtsstaatsverfechter gegen den Goldstandard nicht mehr schwer zu verstehen.»

Die SVP will das Schweizer Gold retten

Den Goldstandard zurück in die Diskus­sion gebracht hat jüngst der gescheiterte republikanische Präsidentschaftskandidat und Tea-Party-Heroe Ron Paul. In seinem Buch «Befreit die Welt von der US-Notenbank!» schreibt er, warum: Die US-Notenbank, die unbegrenzt Geld drucken könne, sei «ein sozialistisches Monster» geworden, das mit unheimlicher Macht aus­gestattet sei. Sie sei schuld an Inflation, ­Rezession, Depression und den exzessiven Schul­den der USA. Paul ist als Kandidat zwar durchgefallen, doch seine Partei hat eine Kommission eingesetzt, die prüfen soll, ob eine Rückkehr zum Goldstandard Sinn macht. Das sei kein wirklicher Sieg, ­sagen Politbeobachter in Washington, das Anliegen sei ­damit auf Eis gelegt.

Die Idee, den Goldstandard wieder einzuführen, hat auch in der Schweiz gefunkt. Fern der öffentlichen Wahrnehmung sammelt die SVP Unterschriften für ihre Volksinitiative «Rettet unser Schweizer Gold». Sie verlangt, dass die Nationalbank kein Gold mehr verkauft, die Goldreserven in der Schweiz lagert und mindestens 20 Prozent der Reserven in Gold halten muss.

«Lizenz zum Gelddrucken»

Im Kopräsidium der Initiative sitzt auch SVP-Nationalrat Luzi Stamm. «Mit dem Wegfall der Golddeckung hat die Nationalbank ­eine grenzenlose Macht erhalten. ­Ihre ­Lizenz zum Gelddrucken bedroht die Unabhängigkeit der Schweiz und die direkte Demokratie.» In einem solchen System sei Budgetdisziplin nicht mehr erwünscht. «Das verantwortungslose Schuldenmachen wird noch belohnt», sagt Stamm, der im Goldverschwörer Ferdinand Lips einen seiner Kronzeugen sieht.

Nur, stimmt das überhaupt? Hat der Goldstandard jemals Wirtschaftskrisen und Inflationsschübe verhindert? In Bezug auf die Inflation stimme das grosso modo, zumindest bis zum Ersten Weltkrieg. Aber die Wirtschaft habe sich auch bis dahin ­alles andere als stabil entwickelt, hat der US-Wirtschaftshistoriker Michael Bordo nachgewiesen. Sein grausames Gesicht ­habe der Goldstandard aber erst in der Weltwirtschaftskrise 1931 offenbart. Um ihre Goldwährungen zu verteidigen, waren die Notenbanken gezwungen, die Zinsen anzuheben. Die Folgen: Massenarbeits­losigkeit, Deflation, und beides zusammen machte den Weg frei für Faschismus und Kommunismus. Aus dieser Erfahrung he­raus wurde der Goldstandard 1944 im Bretton-Woods-Abkommen durch ein System fixer Wechselkurse ersetzt. Als auch das ein zu enges Korsett für die Wirtschaft wurde, gingen die Industrieländer 1973 zum System der flexiblen Wechselkurse über.

Auch das funktioniere selbstverständlich nicht perfekt, sagt der Zürcher Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. «Es hat eine Tendenz zur Inflation, lässt hohe Staatsschulden zu und kann grosse Wechselkursschwankungen nicht verhindern – im Gegensatz zum Goldstandard, der ­Inflation verunmöglicht, Staatsschulden limi­tiert und Währungsstabilität garantiert.» Die mit dem Goldstandard verbundenen Gefahren wie eine Geldentwertung, ein nur enger Spielraum, um echte Konjunkturpolitik zu betreiben, und die immense internationale Ansteckungsgefahr gewichte man vor dem Hintergrund der schlimmen Erfahrungen in den dreissiger Jahren aber weit höher.

«Die globalisierte Weltwirtschaft an einen Goldstandard zu binden wäre etwa so sinnvoll, wie die Transportprobleme in den Alpen mit einer Rückkehr zur Postkutsche lösen zu wollen», sagt deshalb der Zürcher Wirtschaftspublizist Philipp Löpfe. Die ­Eurokrise sei der beste Beweis dafür, wie gefährlich es sei, wenn ein Land keinen geldpolitischen Spielraum mehr habe. Griechenland könne deshalb seine Währung nicht abwerten und so seine Wett­bewerbsfähigkeit nicht verbessern. Damit sei es zu einer verhängnisvollen Defla­tionspolitik verdammt, die jede Investi­tionstätigkeit im Keim erstickt. Die Euro­päische Währungsunion wirke sich damit aus wie ein verschärfter Goldstandard.

Gold zu Silber wie Sonne zu Mond

«Gold mag kurzfristig Schutz bieten», sagt auch US-Starökonom Nouriel Roubini, der als einer von wenigen die Finanzkrise 2008 vorausgesagt hatte. «Es bietet eine Rückzugsmöglichkeit, kann aber kein Fundament einer neuen Währungsordnung sein. Es hat weniger praktische Einsatzmöglichkeiten, ist schwer zu lagern und im Verhältnis zum heutigen Umfang der Weltwirtschaft nur in winzigen Mengen vorhanden.»

Gold als Garant für sicheres Geld – diese Vorstellung, die bis heute lebendig ist, wurzle im magischen Denken, sagt Chris­tina von Braun. In ihrem Buch «Der Preis des Geldes» weist die Berliner Kulturwissenschaftlerin auf den ursprünglich sakralen Charakter von Edelmetallen hin: Gold war das Sinnbild für die Sonne, Silber für den Mond. Und das Wertverhältnis von Gold zu Silber von 1 zu 131⁄3 leiteten die Babylonier aus den Umlaufzeiten der Sonne zum Mond ab. Es hatte bis in die Neuzeit seine Gültigkeit. «Der Wert von Gold und Silber wurde also gewissermassen vom Himmel geholt», schreibt von Braun.

Wie erklärt mans einem Marsmenschen?

Dass Gold bis heute diesen magischen Charakter besitzt, erklärt der deutsche Ökonom Günter Schmölders in seiner «Psychologie des Geldes» mit einer kleinen Phantasie: «Ein mit rationalen Verstandeskräften begabter Marsmensch, der heute die Erde beträte, müsste sich aufs Äusserste darüber verwundern, dass die Menschen in Südafrika, auf der einen Seite der Erd­kugel, mit grösstem technischem Aufwand alles tun, um möglichst viel Gold aus den Tiefen der Erde zu fördern, nur um das gelbe Metall auf der anderen Seite, zum Beispiel in Nordamerika, gereinigt, gestempelt, registriert und kontrolliert, wiederum in gewaltige Tresore und Schatzkammern tief unter der Erde zu versenken.»

Warren Buffett meint dasselbe, nur viel nüchterner: «Wenn Sie alles Gold der Welt zu einem Würfel formen, dann hätte dieser eine Kantenlänge von gut 20 Metern. Sie könnten eine Leiter nehmen und draufsteigen. Sie können es begrapschen. Sie können es polieren, Sie können es anstarren. Aber es wird nichts tun.»

Gold kaufen?

Gold taugt vor allem zum Absichern eines breit diversifizierten Depots. Experten raten zu einem Anteil von hächstens fünf Prozent. Nachteil: Gold wirft keinen Zins ab. Das wird zum Problem, wenn die Zinsen steigen und Anleger in zinstragende Anlagen wechseln.

  • Barren und Münzen: Jede Bank verrechnet andere Preise für Goldbarren. Bei Münzen sind die Unterschiede noch grösser. Preisvergleiche lohnen sich. ­Besonders teuer ist der Kauf kleiner Mengen: Beim Kauf ist ein Ein-Gramm-Barren bis zu 20 Prozent teurer als beim Verkauf. Hinzu kommen hohe Spesen für Auslieferung und Lagerung.

  • Edelmetallkonto: die kostengünstige Alternative zu einem physischen Goldkauf. Hier fällt nur eine ­Kontoführungsgebühr an. Der Preis wird einem Konto ­gut­geschrieben; die Bank ­garantiert, dass sie das Gold jederzeit ausliefern kann. Bei einer Bankpleite sind aber nur 100'000 Franken versichert.

  • Exchange-Traded Fund (ETF): die günstigste Art, in Gold zu investieren. Die an der Börse gehandelten Indexaktien bilden den Goldkurs eins zu eins ab. Aber nicht alle ETFs sind mit Gold unterlegt.

  • Minenaktien: Statt Gold kauft man Aktien einer Firma, die Gold schürft. Der Aktienkurs spiegelt nur zum Teil den Goldpreis; er hängt vor allem davon ab, wie gut eine Firma arbeitet.

  • Schmuck: Taugt nur begrenzt als Anlage. Beim Kauf zahlt man einen Aufpreis für Design und ­Produktion, beim Verkauf wird nur der Metallwert verrechnet.
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Der Goldpreis und seine unglaubliche Entwicklung

Über Jahrzehnte hinweg bewegte sich der Goldpreis innerhalb einer minimalen Bandbreite. Immobilien, Obligationen und Aktien steigerten ihren Wert dagegen markant. Ende der siebziger Jahre kam es zu einer ersten Spekulationswelle, die jedoch bald wieder abflachte. 2001 begann der Superzyklus, die Nachfrage nach Gold explodierte. Im September 2011 erreichte der Goldpreis schliesslich seinen bisherigen Höchststand.

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Was ist Geld?

Als Zahlungsmittel taugt eigentlich alles. Das merkt man, wenn Münzen und Noten Mangelware sind – wie im Gefängnis. Dort zahlen Häftlinge auch mal mit Zigaretten oder Duschgel. Das funktioniert, weil sie dort drei Eigenschaften an­nehmen, die zu jeder Währung gehören: Sie muss ein anerkanntes Zahlungsmittel sein, wie ein Wertspeicher funktionieren und ein knappes Gut sein. Denn nur was begrenzt verfügbar ist, kann viel Wert ­haben. Daher taugt Sand nicht zum Geld.

Die älteste bekannte Münze stammt aus der west­lichen Türkei, aus dem 7. Jahrhundert vor Christus. Es handelt sich um eine Gold-Silber-Legierung. Das erste Papiergeld zirkulierte um 1000 nach Christus in China. Erst ab dem 14. Jahrhundert nehmen in Europa Münzen ihre aktuelle Bedeutung als geprägtes Zahlungsmittel an. Die Anfänge des Geldes reichen aber viel weiter zurück, in die Zeit, als sich die ersten Bauern zu spezialisieren begannen: Wer mehr herstellt, als er verbraucht, tauscht es gegen andere Waren ein. Was aber tun, wenn man niemanden findet, der genau das verkauft, was man will, und genau das will, was man verkauft? Der Ausweg aus diesem Dilemma ist: Geld.

Das funktionierte mit Gold und Silber ­lange gut. Doch Münzen haben gewichtige Nachteile. Sie sind ­unhandlich und – in grösseren Mengen – ziemlich schwer. Das liess sich lösen: Man gab die Münzen einer Bank und erhielt dafür eine Quittung auf Papier: eine «Bank-Note». Deshalb stand darauf noch lange: «Zahlen Sie dem Überbringer den ­folgenden Betrag in Gold.»

Dann war da noch das Mengen­problem: Mal gab es zu wenig Gold, dann wieder zu viel. Als etwa die Spanier den euro­päischen Markt mit Aztekengold überschwemmten, büssten Goldmünzen rapide an Wert ein, Gold verlor seine Kreditwürdigkeit. Geld darf aber auch nicht zu knapp sein, denn die Wirtschaft ist auf genügend Geld angewiesen. Nur dann lassen sich ­Waren ungehindert kaufen und verkaufen. Das geht mit gedrucktem Geld besser als mit Gold. Für die richtige Dosierung verantwortlich wurden jene, die es drucken dürfen.

Dieses Recht hatten um 1870 in der Schweiz 28 Banken. Es zeigte sich schnell, dass dies dem Vertrauen in die Einheitswährung nicht eben förderlich war. Deshalb wurde 1907 die Nationalbank gegründet, ausgestattet mit dem Monopol auf das Drucken von Geld. Seither verlor Gold schrittweise seine Funktion als Anker des Frankens. Erst ­erklärte man Banknoten zum gesetzlichen Zahlungsmittel, dann schaffte man die Goldeinlösungspflicht ab und schliesslich die Golddeckung des Frankens. Seither ist die Nationalbank mit ihrer Geldpolitik einzige Garantin dafür, dass der Franken seinen Wert bewahrt – oder nicht wie vor einem Jahr in den Himmel schiesst.

Gelingt ihr das nicht mehr, schwindet das Vertrauen in die Landeswährung. Die Leute beginnen, andere Währungen wie den US-Dollar als Zahlungsmittel zu verwenden – oder flüchten zurück ins Gold.