Senta Gautschi koordiniert den Stillstand vom Küchentisch aus. Sie ist Projektmanagerin bei der Weisse-Arena-Gruppe in Laax GR, dem grössten Arbeitgeber der Region, und delegiert nun die Arbeiten der letzten 20 Saisonmitarbeitenden, die im Betrieb übrig geblieben sind. Der Krisenmodus als Alltag. Das Hauptgebäude der Bergbahnfirma steht verwaist neben der Talstation.

Damit ist die Erfolgsgeschichte, die die Weisse Arena Wintertourismus So wollen die Skigebiete überleben in den letzten Jahrzehnten geschrieben hat, abrupt unterbrochen. 80 Festangestellte machen Homeoffice oder Kurzarbeit, bei 140 Saisonmitarbeitenden wurden die Verträge vorzeitig aufgelöst, sie sind zurück in ihre Heimat gereist. Wer geblieben ist, arbeitet nicht mehr an der Bergbahn, sondern transportiert warme Mahlzeiten durchs Dorf. Das lokale Hilfsprogramm ist ein kleiner Erfolg in einer schwierigen Zeit.

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Der inoffizielle Corona-Slogan der Freizeitindustrie heisst jetzt «First in, last out». Zuerst betroffen, als Letzte in die Normalität entlassen. Über die Hälfte der Angestellten dieser Branche hat Kurzarbeit. Noch schlimmer ist die Situation nur im Gastgewerbe und in der Luftfahrt. Im Tourismuskanton Graubünden hat sich die Arbeitslosenquote im März fast verdoppelt. Es war der steilste Anstieg in der ganzen Schweiz.

Pessimismus

Die Zukunft bereitet Senta Gautschi Sorgen. Wie schnell die Kunden nach dem Lockdown wiederkommen, fragt nicht nur sie sich.

Das fragen sich auch eine Kosmetikerin, eine Ladenbesitzerin, ein Bergführer, ein Bierhändler, ein Pianist, ein Gärtnereibesitzer und ein Start-up-Gründer. Viele Menschen kämpfen mit Existenzängsten, die auch nach der schrittweisen Aufhebung der Corona-Massnahmen nicht einfach verschwunden sein werden.

Der Pessimismus ist gross, warnt das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) aufgrund einer repräsentativen Umfrage. Die Konsumentinnen in der Schweiz erwarten, dass ihre eigene finanzielle Lage so schlimm sein wird wie seit 25 Jahren nicht mehr. Damals löste die Immobilienkrise eine drei Jahre dauernde Rezession aus.

Die Pandemie lässt soziale Unterschiede ungeschminkt hervortreten. Wer wenig hat, ist jetzt arm dran. In Tieflohnbranchen wie der Gastronomie erhalten Arbeitnehmer für die Kurzarbeit nur 80 Prozent ihres ohnehin tiefen Lohns. Einige versuchen, mit einem Zweitjob die Lücke zu schliessen. Das hat der Bundesrat bei Corona-Erwerbsersatz Corona-Krise So funktioniert die Bundeshilfe für KMU und Selbständige sowie Kurzarbeitsentschädigung explizit erlaubt.

Ein älteres Wirtepaar aus der Region Basel bietet sich auf dem Stellenportal der «Bauernzeitung» als Erntehelfer an. Ein Squashtrainer, eine Serviceangestellte, ein Spezialreiniger ebenfalls. Der branchenübliche Stundenlohn für landwirtschaftliche Helferinnen beträgt magere Fr. 14.55.

Rezession

«Am stärksten unter die Räder kommen die mit den tiefsten Einkommen. Das ist brutal», sagt Daniel Lampart, Chefökonom des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds. Wer auf Abruf Arbeit auf Abruf Lassen Sie sich nicht alles gefallen! oder im Stundenlohn arbeite oder wer einen Temporärjob Temporärarbeit Das gilt bei Zeitarbeit habe, zähle zu den grössten Opfern der Krise. Erstens sei der Stellenmarkt ausgetrocknet, zweitens erhielten die meisten nur wenig Arbeitslosengeld oder sehr kleine Corona-Entschädigungen.

Lampart hat in seinem Homeoffice in Zürich-Oerlikon Arbeitslosenzahlen aus den 1930er-Jahren heruntergeladen, um sie zu analysieren. Damals waren bis zu 93'000 Erwerbstätige ohne Stelle. «Die Weltwirtschaftskrise von damals ist mit heute nicht vergleichbar. Es gab weder eine Arbeitslosenversicherung noch Kurzarbeit.»

Doch für den Gewerkschaftsökonomen ist klar: «Wir sind in einer schweren Rezession. Sie ist bereits jetzt schlimmer als jene während der Finanzkrise vor zwölf Jahren.» Solange die Nachfrage aus Deutschland und den USA nicht anziehe, werde die Wirtschaft nicht richtig auf Touren kommen, selbst wenn die Corona-Massnahmen aufgehoben sind. Die kleine Schweiz sei stark vom Wohlergehen des Auslands abhängig.

Global werde der grosse Lockdown «zur schlimmsten Rezession seit der Weltwirtschaftskrise» führen, warnt auch Gita Gopinath, Chefökonomin des Internationalen Währungsfonds. «Das Ausmass und die Geschwindigkeit des Zusammenbruchs sind anders als alles, was wir in unserem Leben erlebt haben.»

Die Schweiz indes steht besser da als andere. Zwar kosten die Stilllegungsmassnahmen die Wirtschaft rund 500 Millionen Franken pro Tag. Doch das Land werde die Krise möglicherweise relativ unbeschadet überstehen, sagt Ökonom Mathias Binswanger im Interview.

Infografik

Angestellte in Kurzarbeit in der Schweiz per Mitte April 2020
Quelle: Seco – Infografik: Andrea Klaiber

Unterstützung

Um die Wirtschaft zu stützen, hat allein der Bund über 60 Milliarden Franken an Hilfsgeldern bereitgestellt. Doch Gratiskredite, Corona-Erwerbsersatz und Kurzarbeitsentschädigungen nützen nicht allen. Selbständige erhalten oft nur einen Bruchteil des Maximalsatzes von 3320 Franken pro Monat bei Kurzarbeit oder von 5880  Franken pro Monat bei Erwerbsersatz. Vielen geht das Geld aus.

Auch viele Angestellte haben ihren Job bereits verloren. Seit dem 15. März melden sich jeden Werktag rund 1500 arbeitslos. Die Arbeitslosenquote könne nächstes Jahr bis auf sieben Prozent steigen, warnt das Seco in einem Negativszenario. Das wären 360'000 Menschen ohne Job.

Der Bund will das mit Kurzarbeit Kurzarbeit Ihre Rechte bei reduzierter Arbeitszeit verhindern. Pro Monat zahlt er bereits rund acht Milliarden Franken Kurzarbeitsentschädigung. Über ein Drittel aller Erwerbstätigen erhalten damit einen Teil ihres Lohns über die Arbeitslosenversicherung, 1,76 Millionen Menschen sind als unterbeschäftigt gemeldet. «Eine noch nie dagewesene Entwicklung», sagt Boris Zürcher vom Staatssekretariat für Wirtschaft. 

Daniel Perret, Bergführer
Quelle: Philipp Rohner

Daniel Perret: Der Bergführer

Ihm seien die Tränen gekommen, als der Bundesrat den Bergführern ein Arbeitsverbot erteilte, erzählt Daniel Perret. Er habe sich an jenem Abend zur Lagebesprechung mit einem engen Freund getroffen, der ebenfalls Bergführer ist. Beim Bier eröffnete ihm der Kollege, er wisse nicht, wie er die Ausgaben für seine vier Kinder und die grosse Wohnung stemmen könne. Er werde so bald wie möglich umziehen. «Es war ein Schock. Wir weinten beide, was für Bergführer unüblich ist.»

Perret hatte schlaflose Nächte. Der 32-Jährige ist Vater zweier Kinder, die bei der Mutter leben. «Wie bezahle ich die Unterhaltsbeiträge ?», fragte er sich. Von März bis Mai hat er eigentlich Hochsaison in Engelberg, jetzt müsste er mit Skihochtouren viel verdienen, um die Nebensaison zu überbrücken. Perret schliff stattdessen die Steigeisen, räumte auf und wurde durch die Telefonanrufe seiner Gäste überwältigt. «Die Solidarität war enorm.»

Ein Stammgast buchte zehn Sommertouren und zahlte sofort. Andere kauften Gutscheine. Perret ging viel joggen. «Es war ein Kickstart für neue Ideen.» Er schrieb ein Corona-Tagebuch für eine Schulklasse, programmierte für drei Läden einen Webshop. Nun digitalisiert er seine Outdoorguides für Unterwalden und pusht die Sommersaison. Er hofft auf Kletterkurse und Tagestouren ab Ende April. Perret erhält Corona-Erwerbsersatz, was ein wenig helfe. «Einen Kredit würde ich nie beantragen. Wenn mir das Ersparte ausgeht, leihe ich Geld von Freunden.»

Text: Yves Demuth

Maria Valero aus Zürich
Quelle: Philipp Rohner

Maria Valero: Die Wollladen-Besitzerin

Der Laden begann gerade erst zu laufen. Im Mai 2019 hatte Maria Valero das Traditionsgeschäft im Zürcher Kreis 4 übernommen und sich einen Traum verwirklicht. Nun konnte sie sich einen bescheidenen Lohn auszahlen und zwei Mitarbeiterinnen einstellen. Dann kam Corona. «Als ich schliessen musste, habe ich nur noch geheult», sagt Valero. «Ich habe mich selbst nicht wiedererkannt, war gereizt, resigniert.»

Die Staatshilfen seien ein Pflästerli, doch längerfristig helfen sie nicht. «Ich kann die Miete zahlen und Rechnungen begleichen. Aber die Umsätze bleiben trotzdem aus», sagt Valero. «Gleichzeitig verschulde ich mich weiter.» Ihre Mitarbeiterinnen sind in Kurzarbeit, sich selbst konnte sie im März keinen Lohn auszahlen.

Die 57-Jährige wurde kreativ. Sie nahm Bestellungen per Telefon oder E-Mail entgegen und lieferte die Ware vor die Haustür. Ihr Sohn hilft ihr dabei, auch bei der Werbung auf Facebook und Instagram. So könne sie zwar arbeiten, aber eigentlich rechtfertigen die Einnahmen den Aufwand nicht. «Ich habe in eineinhalb Wochen so viel eingenommen wie sonst an einem Tag.» Valero hofft, am 11. Mai wieder öffnen zu können. Dass die grossen Detailhändler ihren Nonfood-Bereich bereits vorher öffnen dürfen, findet sie unverständlich. «Die können jetzt die Kleinen plattmachen.»

Text: Caroline Freigang

Tamara Staub, Kosmetikerin aus Zürich
Quelle: Philipp Rohner

Tamara Staub: Die Kosmetiksalon-Besitzerin

Wässrige Augen, schweissnasse Hände, rasender Puls. «Mir kamen fast die Tränen», erinnert sich Tamara Staub an den 16. März, als der Bundesrat den historischen Lockdown verkündete. Sie führt seit vier Jahren «Cloud 7 Cosmetics» im Salon des Zürcher Coiffeurs «Haargenau». Von einem Tag auf den nächsten musste die 23-Jährige ihr Kosmetikstudio schliessen, alle Kundentermine absagen. «Mein erster Gedanke war: Wie soll ich mindestens einen Monat ohne Einnahmen überleben? Das Ganze fühlte sich so surreal an.»

Nach dem ersten Schock schaltete sie in den Arbeitsmodus: «Organisieren, innovativ sein, diese Krise finanziell irgendwie überleben.» Sie begann, Gutscheine für Maniküre, Pediküre, Haarentfernungen und Gesichtsbehandlungen zu verkaufen. Ihr Problem sei damit aber nicht vom Tisch. «Auch wenn jetzt Geld reinkommt, stehe ich nachher mit Arbeit, aber ohne Einnahmen da.» Deshalb verkauft sie nun auch Pflegeprodukte online, legt die Bestellung den Kundinnen in den Milchkasten.

Am 27. April kann Staub ihr Studio wieder öffnen. Darüber ist sie zwar erleichtert, finanziell sei es wichtig. Sie wird aus Hygienegründen jedoch nicht von Anfang an alle Behandlungen anbieten können. «Es wird eine Maskenpflicht geben. Jede Kundin wird ein Dokument ausfüllen müssen, damit Ansteckungen nachverfolgt werden können.»

Text: Melanie Wirz

Nandi Fried, Bierhändler
Quelle: Philipp Rohner

Nandi Fried: Der Bierhändler

Als die Nachricht kam, dass Restaurants und Bars schliessen müssen, machte sich Nandi Fried sofort auf den Weg zu seinen Kunden an der Zürcher Langstrasse. Fried verkauft Bier der lokalen Amboss-Brauerei. «Für viele meiner Kunden war der Bundesratsentscheid ein Schock», sagt er. Auch für ihn änderte sich von einem Tag auf den nächsten alles. «Ich hatte plötzlich fast nichts mehr zu tun. Mir gingen tausend Sachen durch den Kopf, ob ich meinen Job behalten könnte. Ich dachte an meine kleine Tochter und fragte mich, ob ich meine Familie durchbrächte.» 

Das Hilfspaket des Bundes brachte etwas Sicherheit. Statt wie viele Gastrobetriebe die Mitarbeiter nach Hause zu schicken, setzte sich das Amboss-Team zusammen. Fried brachte die Idee mit der Direktlieferung an Private ins Spiel. Eigentlich belieferte Amboss bisher nur Gastrobetriebe. Pro Harass gehen fünf Franken neu an Amboss-Kunden, die von der Krise besonders hart getroffen werden.

Das neue Geschäft ist gut angelaufen. In den ersten Wochen sind Bestellungen für zirka 220 Harasse eingegangen, so Fried. Das sei im Vergleich zum sonstigen Geschäft zwar nicht viel, aber: «Jeder Harass, den wir verkaufen, zahlt einem Mitarbeiter einen Teil seines Lohns.» Auch erste Hilfszahlungen an Kunden sind bereits herausgegangen. 300 Franken hat Amboss dem Zürcher Betrieb Summergarte gespendet, 310 Franken dem Café Z am Park. Sie wollen das Geld an ihr Personal verteilen. «Viele Mitarbeiter in der Gastronomie sind im Stundenlohn angestellt», so Fried. «Sie wissen oft nicht, ob sie sich bald noch etwas zu essen kaufen können.»

Text: Caroline Freigang

Stefan Flück von Appentura
Quelle: Privat

Stefan Flück: Der Jungunternehmer

Stefan Flück verkauft Überraschungs-Erlebnisse: Kanufahrten, Nachtessen, Gleitschirmflüge. Das Coronavirus hat dem Start-up-Gründer einen Strich durch die Rechnung gemacht. Appentura steht operativ still – alles wurde verschoben. Nun sitzt der Berner als Einziger im Büro, verpackt Gutscheine in Metallboxen und Tischbomben. «Vorfreude verschenken» lautet das Motto. Und im Gespräch bleiben. Seine Mitarbeitenden hat er ins Homeoffice geschickt.

Der Umsatz sei anfangs um die Hälfte eingebrochen, sagt der 40-Jährige, doch es habe sich angefühlt, als liefe gar nichts mehr. «Die Leute hatten andere Probleme.» Für die Lockdown-Phase hat Appentura das Angebot angepasst. Neu gibt es Sushi oder eine Brunch-Box, direkt an die Haustür geliefert. Geplant sind auch Privatkonzerte. Musiker, die nur für die Beschenkten spielen, via Webcam. «Es geht auch um Solidarität, Künstler trifft die Krise besonders hart.»

Die nächste Investitionsrunde, die diesen Sommer hätte stattfinden sollen, ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Momentan hat es noch Geld in der Appentura-Kasse. Die Aussichten aber sind nicht rosig: Geldgeber verhalten sich zurückhaltend, kümmern sich um das eigene Portfolio. Die Start-up-Bewertungen sind um 30 bis 60 Prozent eingebrochen. Klopfte jemand an, müssten Anteile viel zu günstig abgegeben werden. Aber Stefan Flück will nicht verkaufen. Noch nicht. «Als Gründer habe ich schon Schlimmeres durchgemacht. Diese Krise wird uns das Genick nicht brechen.»

Text: Peter Aeschlimann

Senta Gautschi, Projektleiterin
Quelle: Privat

Senta Gautschi: Die Projektleiterin

Senta Gautschi war in Laax GR, als sie die Nachricht erreichte, dass alle Skigebiete geschlossen werden. Sie versuchte, die Pistenbullyfahrer oben am Berg zu informieren. «Sie hatten bereits begonnen, die Pisten für den nächsten Tag zu präparieren.» Doch das war nun nicht mehr nötig.

An diesem Tag war die Skisaison nicht nur für Schneesportler abrupt zu Ende, sondern auch für Gautschi und die übrigen 800 Mitarbeitenden der Weisse-Arena-Bergbahnen. «Nur 20 Saisonmitarbeiter blieben und bilden seither den Corona-Hilfsdienst der Region.»

Das Unternehmen übernahm im Auftrag der Gemeinden Flims, Laax und Falera Dienstleistungen, die bis dahin von der Spitex angeboten worden waren: Mahlzeiten liefern, Fahrdienste, Einkäufe, Hilfe im Haushalt und Telefonkontakte für Menschen, die zur Risikogruppe zählen.

Senta Gautschi ist die Projektleiterin und koordiniert die Einsätze. «Wir verfügen über das nötige Personal und Autos. Deshalb war von Anfang an klar: Wir helfen!», sagt die 34-Jährige.

«Ursprünglich war die Hilfe bis zum Saisonende an Ostermontag geplant. Im Moment rechnen wir aber damit, dass wir bis Ende Mai so weiterfahren.» Jene, die helfen, werden weiterhin bezahlt. Und das, obwohl die Weisse-Arena-Gruppe seit jenem Freitag im März keine Einnahmen mehr hat und mit mehreren Millionen Franken Verlust rechnet. 

«Es ist traurig. Auch weil der Frühling die schönste Zeit auf dem Berg gewesen wäre – für Gäste, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.»

Text: Melanie Wirz

Thomas Weber, Gärtnerei-Besitzer aus Oberglatt ZH
Quelle: Privat

Thomas Weber: Der Gärtner

«Am Ende lebt man vom Geld und nicht von Träumen», sagt Thomas Weber. In seiner Gärtnerei in Oberglatt ZH ist beides, Geld wie Träume. Vor 30 Jahren hat er den Betrieb vom Vater übernommen. Als Selbständiger weiss er, was er wann zu tun hat, er weiss, wie zu wirtschaften ist, und er weiss, dass er bis Ende Mai drei Viertel seines Jahresumsatzes mit Setzlingen machen muss. Sonst wachsen ihm die Sonnenblumen und Storchschnäbel über den Kopf, der Kompost wird voll, und die Kasse bleibt leer.

Nach Wochen voller Unsicherheit darf Weber wieder direkt ab Gärtnerei verkaufen. Ein Webshop war bisher nicht nötig gewesen. Die Leute wählten Lobelien und Lorbeer vor Ort, sie zahlten und nahmen die Pflanzen mit. Ausliefern wäre ebenfalls ein Problem gewesen. Der Mann ist meist auf sich allein gestellt. Seine erste Frau hilft zu 50 Prozent, Mutter und Tante pikieren die Setzlinge. Gratis und franko, sie sind 85 und 83. Wer soll Goldmarie und Katzenminze durch die Gegend fahren, wer nimmt die Bestellungen auf und stellt die Töpfe bereit?

In Webers Gärtnerei wird alles von Hand gemacht, für Maschinen sei der Betrieb zu klein. Sogar den Kompost, in dem Geranien wie die Schöne Helena Wurzeln schlagen, sterilisiert der 58-Jährige selber. Es sei wie Fieber, der Kompost werde auf 80 Grad erhitzt. Dann sind fast alle Unkräuter tot. Bei 100 Grad aber ist die ganze Erde tot. Das Ende des Lockdowns wird seine Gärtnerei womöglich am Leben erhalten. Wenn die Kunden in Scharen kommen.

Text: René Ammann

Sebastien Dupuis, Pianist
Quelle: Philipp Rohner

Sébastien Dupuis: Der Pianist

Vor der Krise verdiente Sébastien Dupuis seinen Lebensunterhalt mit Klavierstunden und Konzerten. Die Konzerte sind abgesagt, von den Klavierstunden hat er 40 Prozent verloren. Das Einkommen ist praktisch halbiert, die Fixkosten sind geblieben. «Ich muss die Wohnungsmiete bezahlen, die Leasingrate für mein Auto, die Kreditrate für meinen Flügel. Mein Vermieter und meine Bank haben zwar angeboten, eine bis zwei Monatsfälligkeiten zu stunden. Doch das hilft nur beschränkt, weil die Kosten ja bloss aufgeschoben werden», sagt Dupuis. Vor zwei Wochen habe er sich bei der SVA Zürich angemeldet, ob sie helfen könne. Gehört hat er noch nichts.

Der Einbruch war für ihn ein Schock. «Ich war deprimiert und habe zwei Wochen lang das Klavier nicht angerührt. Das ist mir noch nie passiert, seit ich mit 13 angefangen habe, ernsthaft zu üben. Jetzt bin ich 37.»

Die verbliebenen Klavierstunden gibt er jetzt per Skype. Das geht nicht ohne Probleme. «Es braucht ein sehr gutes Mikrofon, damit ich die Feinheiten hören und Rückmeldung geben kann.» Er könne Erfahrung sammeln im Unterrichten via Videotelefon. Das sei vielleicht das einzig Positive an der Situation. So könne er den Schülerkreis erweitern.

Er hat auch wieder angefangen zu üben: die Balladen von Brahms und die h-Moll-Sonate von Liszt. Die will er am 13. Juni in der Tonhalle Maag in Zürich spielen. Sofern das Konzert auch stattfinden kann. Dupuis sagt: «Wir werden sehen.»

Text: Gian Signorell

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