Das Jahr 2020 könnte die Schweizer Landwirtschaft völlig umpflügen. Dafür gedacht wäre eigentlich die Agrarpolitik 22+, ein Regelpaket, das die agrarpolitischen Rahmenbedingungen neu absteckt. Noch diesen Monat will der Bundesrat seine Botschaft dazu vorlegen. Sicher ist bereits: Wer vom Bundesprogramm griffige Antworten auf die drängenden Fragen erwartet, wird enttäuscht sein. Die häufigste Kritik in der Vernehmlassung lautete: «mutlos». Das Bestehende wird nur feinjustiert.

Handfester wird es im Frühling zur Sache gehen: Voraussichtlich im Mai stimmt das Volk über die Trinkwasser- und die Pestizid-Initiative ab. Sie verlangen, dass weniger Pflanzenschutzmittel versprüht respektive synthetische Pestizide verboten werden. Falls diese Forderungen an der Urne eine Mehrheit finden, geht es den Landwirten ans Lebendige.

«Nur noch die Hälfte» 

Die Bauernlobby dreht im roten Bereich und malt düstere Szenarien. Man müsste «extensivieren», falls die Initiativen angenommen werden, sagt Biobauer Fritz Glauser. Heisst: «Die Produktion um die Hälfte drosseln und entsprechend mehr importieren.» Die Schweizer Bauern würden dann nur noch für Nischenmärkte anbauen. Glauser ist Vizepräsident des Schweizer Bauernverbands, Präsident des Freiburger Kantonalverbands, langjähriges Mitglied im Weltbauernverband – sein Wort hat Gewicht. Ins Gewissen redet der Spitzenfunktionär speziell den Konsumentinnen und Konsumenten. «Unsere Mitbürger wissen nicht mehr, was Landwirtschaft ist.» 

Genau umgekehrt sieht es Robert Finger, Professor für Agrarökonomie an der ETH Zürich: Die hoch subventionierte, traditionell ertragsorientierte Landwirtschaft stehe einer Bevölkerung gegenüber, die immer stärkere Forderungen bezüglich Nachhaltigkeit, Tierwohl Fleisch essen Welche Tierwohl-Label gut sind und Naturschutz stelle. «Was zurzeit politisch läuft, ist Ausdruck davon, dass es eine Kluft gibt zwischen den gesellschaftlichen Ansprüchen und ihrer agrarpolitischen Umsetzung.»

Die Landwirte müssten umdenken, es gebe einen «Zwang zur Veränderung». Es gilt nachzuholen, was jahrelang versäumt wurde. Finger liefert Bauern und Politik dafür Empfehlungen und Entscheidungsgrundlagen.

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Roboter, Sensoren, Drohnen

Wohin die Reise führt, steht für den 39-jährigen Wissenschaftler fest: Die Landwirtschaft braucht technische Innovation, namentlich durch angewandte Informations- und Kommunikationstechnologie – das Smart Farming. Roboter zum Melken, präziser Pestizideinsatz dank Sensortechnik, Schädlingsbekämpfung mit Drohnen: «Es wäre fahrlässig, diese Möglichkeiten nicht zu nutzen», sagt Robert Finger. «Dank der Digitalisierung lässt sich der ökologische Fussabdruck verringern und die Produktion effizienter gestalten.» In welchem Ausmass das möglich ist, untersucht Finger mit Fachleuten aus anderen Disziplinen gegenwärtig in einem nationalen Forschungsprogramm.

In der Schweiz ist Smart Farming noch wenig etabliert, es wird vielfach erst in Pilotprojekten getestet. Das hat mit der Kleinräumigkeit der hiesigen Landwirtschaft zu tun. Robert Finger warnt davor, die Strukturen der Technologie anzupassen. Richtig sei umgekehrt: «Wir müssen Technologien entwickeln und fördern, die jene Landwirtschaft ermöglicht, die unsere Gesellschaft sich wünscht.»

Das geht ins Geld

Ohnehin: Auf die Schnelle lassen sich die Methoden der Zukunft nicht übers Konzept der Gegenwart stülpen. Smart Farming ist im Trend, doch der Markt gibt erst wenige wirklich ausgereifte digitale Lösungen her. Es hapert mit deren Vernetzung, und noch sind viele Systeme sehr teuer.

Mahnende Worte kommen von Agroscope, dem Kompetenzzentrum für landwirtschaftliche Forschung. Arbeitswissenschaftlerin Christina Umstätter führt psychologische Aspekte ins Feld: «Viele Landwirte fürchten die Abhängigkeit von der Technik. Das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren, ist ein Stressfaktor.»

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Die smarte Technologie wird die Bauern nicht ersetzen – aber die Bauern müssen die Technologie für sich vereinnahmen: Neue Bauern braucht das Land, mit neuem Know-how, einem neuen Selbstverständnis.

Solche wie Hans Fässler. Der 25-Jährige, aufgewachsen auf einem Milchviehhof in Appenzell, den er dereinst vom Vater übernehmen wird, hat in einer Weiterbildung das Potenzial der digitalen Landwirtschaft ausgeleuchtet. Er sagt: «Durch sie werde ich vom Bewirtschafter mehr zum Manager des Hofs.»

Traktor mit GPS: Punktgenau säen und düngen

Jakob Widmer sitzt im Cockpit seines Traktors, schwarzes Poloshirt mit dem Emblem seines Hofs, darüber eine sportliche Jacke. Vor dem 34-Jährigen flimmern mehrere Bildschirme. Zum Steuerrad greift er nur, wenn die automatischen Lenksysteme versagen – oder wenn er das Gefährt wenden muss.

Widmer hat seinen Traktor mit GPS-Systemen nachgerüstet. Damit kann er genauer aussäen: Mais, Weizen, Kartoffeln, Rüebli. Mit dem GPS sei das auf zwei Zentimeter genau möglich. «Wenn ich das von Hand mache, landet an gewissen Stellen zu viel, an anderen zu wenig Saat.»
 

25 Prozent an Pestiziden lassen sich mit innovativer Technik und Organisation einsparen.


Mit der digitalen Methode spart er Material, weil es nicht mehr zu Überlappungen kommt. Das mache zwar die Kosten der Neuanschaffung nicht wett. Für das Umrüsten seiner Maschinen hat Jakob Widmer auf seinem Hof in Rickenbach ZH rund 25'000 Franken investiert. Seine Arbeit sei heute präziser, umweltfreundlicher, besser planbar.

Auch Pestizide kann er mit der GPS-Steuerung punktgenau spritzen. Der Traktor fährt exakter, das GPS schaltet gewisse Düsen des Spritzapparats ein und aus. Dadurch werde nur die genau definierte Fläche behandelt, erklärt Widmer. «So spritzt man auch an den Rändern und in den Ecken nicht doppelt.» Besonders bei Schweizer Feldern, die oft klein und verwinkelt sind, sei das wichtig. Ausserdem verhindere man, dass Pestizide in angrenzende Gewässer Pestizide Gefahr in der Luft gelangen.

Bevor er heute aussät oder spritzt, misst Jakob Widmer jedes Feld per GPS aus. Das bedeutet Mehrarbeit. Aber: «Am Ende des Tages bin ich deutlich weniger müde als früher, als ich alles von Hand steuern musste.»

Roboter: Effizienter melken und füttern

Melkroboter

Melkroboter: Er findet das Euter per Kamera.

Quelle: Strickhof
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Kuh Nummer 238 steht duldsam in der Box, während sich unter ihr der Roboterarm ruckartig bewegt. Zack! Die 3-D-Kamera hat am Euter die Position einer Zitze bestimmt, jetzt wird der Melkbecher angesetzt. Zack, zack, zack! Die anderen Zitzen. Das Display zeigt in Echtzeit an, wie viel Milch durch die Schläuche fliesst. Nach wenigen Minuten macht die Kuh im Melkroboter Platz für die Kollegin hinter ihr.

Etwa 1000 solcher Anlagen gibt es in der Schweiz – bei 20'000 Milchviehbetrieben. Trotzdem gehören Melkroboter zu den am meisten verbreiteten Anwendungen des Smart Farming. Hans Fässler hat keinen eigenen Roboter, aber er weiss viel darüber. In der Landwirtschaftsschule Strickhof in Lindau ZH, wo er soeben mitverfolgt hat, wie Kuh 238 zwölf Kilo Milch loswurde, bildete sich der 25-Jährige zum Agrotechniker weiter. Das Berufsbild umfasst Eigenschaften, die er sich selber zuschreibt: «Begeisterter Landwirt und Technikbegeisterter.»

Seine Diplomarbeit über gesamtheitliche Farmmanagement-Systeme hat Fässler die Note 6 eingebracht. «Für uns Bauern bieten sich grosse Chancen, wenn die Abläufe auf dem Hof vernetzt sind», sagt er. Arbeitstechnisch wie ökonomisch. Erst recht, wenn auch Informationen von aussen ins System einfliessen – Marktberichte, Wetterdaten. Wie entwickelt sich der Weizenpreis? Wann sind die Bedingungen zum Ernten optimal? «Wenn wir mehr darüber wissen, können wir eine bessere Wertschöpfung erzielen.»
 

10 bis 15 Prozent mehr Milch als ein Mensch holt ein Roboter aus einer Kuh.


Der smarte Farmer klingt wie ein Manager. Und er will etwas, das die Bauerngenerationen vor ihm nicht kannten: Work-Life-Balance Work-Life-Balance Kluge suchen das Gleichgewicht . Wenn man ständig wiederkehrende Tätigkeiten an einen Roboter abtreten könne, «liegt es auch mal drin, am Sonntag bis um acht Uhr liegen zu bleiben». Dass Melk- oder Fütterungsroboter bei jungen Bauern gefragt sind, überrascht Hans Fässler nicht – zu offensichtlich sind die Vorteile. Die vollautomatischen Anlagen sind anspruchslose Knechte und ersetzen teure Manpower. Allerdings haben sie auch ihren Preis: Etwa 230'000 Franken kostet ein normal ausgestatteter Melkroboter. Eine Anschaffung will gut durchgerechnet sein.

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Hans Fässler studiert unterdessen Agronomie und will dann eine Zeit lang auf diesem Beruf arbeiten, «Geld verdienen». Später will er den elterlichen Hof übernehmen und sein Wissen in den Betrieb einfliessen lassen. Auf dem Fässler-Hof bei Appenzell – 25 Hektaren stotziges Land – wird smarte Technologie Einzug halten, das steht fest.

Hans Fässler senior ist froh, dass die Nachfolge so früh aufgegleist ist. Wie sieht er den Weg, den sein Sohn geht? «Es braucht heute mehr Wissen, sonst kann man nicht mithalten.» Und diese ganze Technik? Neulich habe ein Bauer aus der Nachbarschaft, einer mit einem Roboter, geklagt, er habe mitten in der Nacht einen Alarm erhalten – das System meldete eine Störung. Eine Kuh wollte nicht, wie sie sollte. Also: aufstehen, nachschauen. Der 50-Jährige, chächer Landwirt alter Schule, erzählt es schmunzelnd. «Eine Kuh bleibt eben eine Kuh. Und ohne Bauer geht es dann doch nicht.»

Automatisierter Stall: Schweine tierfreundlich halten

Oliver Hess, 49, Erfinder des «Wiesenschwein»-Systems

«Ich will möglichst vielen Schweinen ein würdiges Leben ermöglichen». – Oliver Hess, 49, Erfinder des «Wiesenschwein»-Systems.

Quelle: Philipp Rohner
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«Es läuft viel», sagt Oliver Hess. Der Mann mit dem dauerpiepsenden Handy grinst. Vor zehn Jahren hat er sich aufgemacht, den Mastschweinen in der Schweiz zu einem besseren Leben zu verhelfen. Der Querdenker arbeitete damals als Herdenschützer und half im Winter bei einem Schweinemäster aus. «Als ich sah, wie die Tiere gehalten wurden Tierhaltung Wie gut geht es unseren Tieren wirklich? , tat es mir in der Seele weh.» Ein Stall voller Schweine, die auf Spaltenböden und engstem Raum in ihrem eigenen Dreck standen und lethargisch darauf warteten, nach vier Monaten geschlachtet zu werden.

Hess liebt «unlösbare» Probleme. So sehr, dass er selber einen Zucht- und Mastbetrieb Tierhaltung Den Himmel sehen die «Optigal»-Hühner der Migros nie kaufte, um herauszufinden, wie man Schweine artgerechter halten kann. Er stellte schnell fest: «Schweine sind neugierig. Sie wollen wühlen, spielen, suhlen.» Wie aber kann man viele Tiere so halten, dass sie diese Bedürfnisse ausleben können, und die Haltung dennoch platzsparend und effizient ist?

Die Antwort zeigt Hess auf dem Hof von Franz Studer im luzernischen Schüpfheim. Hier konnte er sein neuartiges Haltesystem erstmals verwirklichen. Der bestehende Stall mit den 350 Schweinen wurde mit einer überdachten Wühlarena samt Schwimmbecken und einer grossen Wiese mit Bäumen ergänzt. Der Clou: Die Schweine benutzen den Aussenbereich nacheinander, in Gruppen. So wird die Auslaufhaltung auch in grossen Mastställen möglich.
 

2,7 Millionen Schweine pro Jahr werden in der Schweiz geschlachtet.


Das Rotationssystem läuft vollautomatisch, dank ausgeklügelter Technik. Wenn sich die Tür zum Aussenbereich für die erste Gruppe öffnet, rennen 30 quietschfidele Schweine in den Wühlbereich, um das dick eingestreute Sägemehl mit dem Rüssel umzupflügen. Haben sie sich ausgetobt, öffnet sich die Tür zur Wiese. Diese ist erstaunlich grün und gepflegt – dank einem unterirdisch verlegten Gitter und Maiswürfeln, die im hinteren Bereich aus einem Rohr kullern und dafür sorgen, dass die Schweine nur dort wühlen.

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Nach einer knappen Stunde kündigt eine Melodie an, dass es drinnen Futter gibt – und die Tiere rennen prompt mit fliegenden Ohren wieder in den Stall. Dass jede Gruppe «nur» zweimal für rund eine Stunde rausdarf, sei kein Problem, sagt Oliver Hess. «Schweine schlafen, liegen oder ruhen 16 bis 18 Stunden am Tag.»

Auch Bauer Franz Studer ist zufrieden. Coop kauft ihm das Fleisch ab, die Investition wird in wenigen Jahren amortisiert sein. Und er hat seinen Berufsstolz zurückgewonnen: «Eine konventionelle Schweinezucht muss man fast ein bisschen verstecken», sagt er.

Bis heute sind mehr als 500 Landwirte, Experten und Vermarkter auf den Studer-Hof gepilgert, um sich das «Wiesenschwein»-System anzuschauen, das Hess in Lizenz verkauft. 30 Ställe sind in Planung, darunter auch einer mit 900 Mastplätzen. Das ist ganz im Sinne des Erfinders: «Ich will möglichst vielen Schweinen ein würdiges Leben ermöglichen.»

Digitaler Feldkalender: Besser organisieren

E-Feldkalender

E-Feldkalender: Die ganze Administration passiert im Internet.

Quelle: ZVG
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Mehrere Stunden pro Woche verbringt ein Bauer im Büro. Aussaat, Bodenbearbeitung, Pflanzenschutz, Ernte – alles muss exakt aufgezeichnet und belegt werden. Sonst kann der Bund die Subventionen kürzen.

Jungbauer Christoph Herren wollte sich die Arbeit vereinfachen und erfasste die Angaben in einer «selbst gebastelten» Excel-Tabelle. Das einfache Tool verbreitete sich im Kollegenkreis, die Rückmeldungen waren ermutigend, und die Liste der Anregungen zur Verbesserung wurde rasch lang. So beschloss der 33-Jährige, den ersten vollständig webbasierten Feldkalender der Schweiz zu entwickeln.

Der Eierproduzent aus dem Berner Mittelland hat sich damit ein zweites Standbein geschaffen. Heute protokollieren mehr als 800 Landwirte mit seinem E-Feldkalender, auf welcher Parzelle sie was säen, wie viel sie düngen und spritzen. Die Pflanzenschutzmittel sind mit den Auflagen des Bundes verknüpft, der Lagerbestand wird umgehend aktualisiert. Die Daten können auch für die Betriebsführung genutzt werden.
 

120 Verordnungen etwa betreffen die Bauern. Das entspricht einem Stapel von rund 4000 Blatt Papier.


Weil der E-Feldkalender über das Internet läuft, kann die Büroarbeit mit dem Tablet oder dem Handy auch auf dem Traktor oder am Küchentisch erledigt werden. Der Gang ins Büro entfällt.

Moderne John-Deere-Traktoren registrieren gar selbst, wie viel sie wo spritzen, und geben die Daten an den smarten Kalender weiter. «Bei der Aufzeichnung der Felddaten sparen wir Zeit», sagt Christoph Herren. «Doch insgesamt nimmt der administrative Aufwand trotzdem eher zu. Die Digitalisierung macht es dem Bund auch einfacher, neue Regeln und Pflichten zur Aufzeichnung einzuführen.»

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Drohnen: Schädlinge natürlich bekämpfen

David Aebi, 30, Agrartechniker

«Die Drohne fliegt einen Hektar in drei Minuten ab. Zu Fuss braucht man eine halbe Stunde.» – David Aebi, 30, Agrartechniker.

Quelle: Philipp Rohner

«Gamer sind besonders gute Drohnenpiloten», sagt David Aebi und grinst. «Sie haben den Umgang mit dem Joystick im Gespür. Gegen die habe ich keine Chance.» Auf dem Küchentisch vor dem 30-Jährigen steht ein altertümlicher Krug mit Milch – daneben liegt ein iPad. Aebi sieht aus wie ein grossstädtischer Hipster, kantige, schwarz umrandete Brille, Dreitagebart.

David Aebi und sein Bruder Benjamin, 25, beide Agrartechniker, haben vor drei Jahren in Hellsau BE ein Drohnen-Start-up für die Landwirtschaft gegründet: die «Agrarpiloten». Mit dabei sind auch ihr Vater und ein Freund, der Informatiker ist. David Aebi leitet selbst einen Landwirtschaftsbetrieb. Das mit den Drohnen habe er als Hobby angefangen. Dabei sei er auf die Technik gestossen, Maisfelder via Drohne mit Nützlingen zu behandeln.

Die Methode wurde bei der Agrargenossenschaft Fenaco entwickelt. Dabei fliegt die GPS-gesteuerte Drohne übers Feld und lässt alle paar Meter eine biologisch abbaubare Kugel mit Schlupfwespenlarven fallen. Die Nützlinge nisten sich in den Larven des gefährlichen Maiszünslers ein und machen dem Kleinschmetterling den Garaus. Schlupfwespen setzt man schon länger ein, bisher wurden die Larven aber von Hand verteilt. Das ist ineffizient: «Durchs Feld zu laufen, ist mühsam, man schneidet sich oft», sagt Aebi. Bei der Variante mit der Drohne spare man Zeit: «Die Drohne fliegt einen Hektar in rund drei Minuten ab. Zu Fuss braucht man eine halbe Stunde.»

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Die Agrarpiloten sehen sich als Dienstleister. Inzwischen haben sie acht Drohnen. Die Investition lohnt sich: Die pestizidfreie Schädlingsbekämpfung stösst auf grosses Interesse. Immer mehr Bauern wollen die Aebis für das Ausbringen der Schlupfwespen buchen.
 

100 Schlupfwespen-Kugeln werden pro Hektar abgeworfen, jede enthält etwa 1100 Larven.


Das Start-up arbeitet mit Fenaco zusammen, Landwirte können die Services über die Landi buchen. Die Nachfrage steige kontinuierlich, sagt David Aebi. Mit den Drohnen haben er und sein Bruder neben dem traditionellen Bauernbetrieb ein ernst zu nehmendes zweites Standbein aufgebaut. Zeitweise wachse das Start-up stärker als das reguläre Business.

26 Freelancer beschäftigen die Agrarpiloten als Drohnenpiloten. Einige sind Landwirte, andere kommen aus technischen Berufen. Alle verfügen über eine Pilotenbewilligung.

Kürzlich haben die Agrarpiloten in einen weiteren Bereich expandiert: Mit kamerabestückten Flächenfliegern, einer Art Langstrecken-Drohne, fliegen sie Waldstücke ab. So wollen sie den schädlichen Borkenkäfer aufspüren. Jeder aufgenommene Baum erhält eine Nummer und wird auf einer Karte festgehalten. Auf einem zweiten Rundflug ein paar Wochen später können Veränderungen am Baum erkannt werden, und das deutlich früher als bei anderen Methoden. «So spüren wir bis zu 90 Prozent der befallenen Bäume auf», sagt Aebi.

Im Weinbau testen sie den Multikopter ebenfalls bereits. Damit kann präzise und nur wo nötig gespritzt werden. Auch an Steilhängen bewähren sich die Drohnen – zum Beispiel zum Säen oder zum effizienten Ausbringen von Schneckenkörnern Pflanzenschutzmittel Gift im Garten muss nicht sein .

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Pyrolyse: Den Boden natürlich düngen

Bauer verstreut Pflanzenkohle im Stall

Pflanzenkohle: als Einstreu im Stall und als Dünger sehr effizient.

Quelle: PD

Die Themen Boden und Klimaschutz «brennen», sagt Markus Bischofberger, der im Appenzell einen Hof mit Alpakas Rentier-Bauer Arnold Luginbühl «Dann bin ich eben ein Exot – wen kümmerts?» , Schweinen und Kühen bewirtschaftet. «Die Ausfälle bei den Ernten Ernteausfälle Eine Versicherung gegen den Klimawandel? häufen sich. Denn die harten Böden können den Starkregen nicht mehr aufnehmen, den der Klimawandel bringt.» Es brauche immer grössere Traktoren, um die Böden zu bearbeiten – das verdichte sie noch mehr. Ein Teufelskreis.

Dabei gäbe es einen einfachen und natürlichen Ausweg: Pflanzenkohle. Die Ureinwohner von Südamerika verkohlten schon vor Jahrtausenden Pflanzenreste zu Terra Preta, die die Böden extrem fruchtbar macht. Nun wird das traditionelle Verfahren wiederentdeckt: Biomasse lässt sich mit modernsten Pyrolyseverfahren schadstoffarm zu Kohle machen. Die Wärme, die bei der Verkohlung entsteht, kann zum Trocknen der Biomasse, zum Heizen und zur Stromproduktion genutzt werden.
 

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3,6 Tonnen CO2 bringt eine Tonne Pflanzenkohle dauerhaft in den Boden.


Markus Bischofberger gehört zu den Schweizer Pionieren der regenerativen Landwirtschaft. Vor acht Jahren hat er begonnen, mit Mikroorganismen angereicherte Pflanzenkohle Neue Form der Landwirtschaft Permakultur: Mehr als Bio als Streu im Stall einzusetzen. Weil sie den Urin absorbiert, bilden sich im Stall weniger Ammoniak und Lachgas, das äusserst klimaschädlich ist. Im Futtersilo optimiert die Kohle die bakteriellen Prozesse, das verbessert die Verdauung der Kühe. Sie furzen und rülpsen weniger, produzieren somit weniger klimaschädliches Methan.

Den Mist aus den Ställen kompostiert Bischofberger mit Lehm, Grünschnitt und einer weiteren Kohlezugabe. Dabei sammeln sich die Nährstoffe in der Pflanzenkohle an. Auf dem Feld geben sie diese als Langzeitdünger wieder ab – Kunstdünger wird überflüssig. «Es geht darum, die natürlichen Kreisläufe wieder zum Funktionieren zu bringen.»

Der Appenzeller will nun eine Pyrolysemaschine aufbauen und betreiben. «Das würde ich nicht machen, wenn ich nicht vollkommen überzeugt wäre.» In Zusammenarbeit mit dem Ökozentrum in Langenbruck BL wird sein Betrieb nun zur Carbon-Farm, zu einem klimapositiven Vorzeigebetrieb.

Der Einsatz der Kohle lohnt sich für Bischofberger auch finanziell. Seine Tiere sind gesund, Antibiotika braucht er kaum mehr Kuhmilch Schweizer Bauern spritzen rekordmässig Antibiotika . Die Kulturen haben mehr Nährwert, das Gras ist bis in den November sattgrün, der Boden gesund. Studien zeigen: So können Pflanzen Hitzeperioden zehn Tage länger überstehen, und der Boden kann ein Drittel mehr Wasser aufnehmen.

Pflanzenkohle hat noch einen weiteren Vorteil: Sie bringt CO2 dauerhaft in den Boden. So viel, dass sie viel zur Lösung des Klimaproblems beitragen kann. 4 Promille mehr Kohlenstoff pro Jahr in den Böden würden ausreichen, um die gesamten vom Menschen verursachten CO2-Emissionen zu binden, hat das französische Landwirtschaftsministerium berechnet.

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Innovativen Bauern eröffnet sich mit dem CO2-Zertifikatshandel eine neue Einnahmequelle: Mit GPS-genauen Bodenproben kann der zusätzlich im Boden gespeicherte Kohlenstoff gemessen und vergütet werden. So werden die Bauern – heute als Treiber der Klimakrise kritisiert – zum Teil der Lösung.

Interview: «Vielleicht werden bald kleine Roboter die Felder bewirtschaften»

In der Schweizer Landwirtschaft sind digitale Mittel noch nicht besonders verbreitet. Dabei könnten die Bauern davon profitieren, sagen Forscherinnen und Forscher.

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Landwirtschaft 4.0: Was heisst das?

Smart Farming

Der Oberbegriff für die Digitalisierung landwirtschaftlicher Produktionsprozesse. Deren Vernetzung ist dabei zentral.

 

Precision Farming

Bereich der Smart-Farming-Technologie, der die gezielte Bewirtschaftung von Flächen ermöglicht. Durch GPS- oder Sensorsteuerung kann etwa Dünger effizienter und umweltfreundlicher eingesetzt werden.


Precision Livestock Farming

Digitale Technologien in der Tierhaltung.

 

Automatisierung und Robotik

Roboter im Stall oder autonome Fahrzeuge auf dem Feld erlauben es, wiederkehrende Abläufe weitgehend zu automatisieren. Dadurch wird der Mensch von monotonen Tätigkeiten wie Melken, Füttern oder Jäten entlastet.

 

Management-Informationssysteme

Technologien zum Sammeln, Bearbeiten, Analysieren, Speichern und Kommunizieren von Daten mit dem Ziel, die Produktionsprozesse auf dem Hof zu optimieren. Dadurch sinkt für Bauern der administrative Aufwand.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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