Ein Rind äugt aus dem Stall auf die Dorfstrasse von Murzelen. Eine Geflügelzuchthalle duckt sich zwischen stattliche Bauernhäuser. Hier, in der Nähe von Bern, wohnt die Schutzpatronin der Schweizer Fleischesser: Susanne Staub.

An den Verwaltungsratssitzungen von Proviande, dem mächtigen Zentralausschuss der Schweizer Fleischbranche, darf Susanne Staub zwar nicht abstimmen, aber immerhin mitreden. Als Einzige am Tisch vertritt sie die Interessen der sieben Millionen Fleischkonsumentinnen und Fleischkonsumenten der Schweiz. Neben ihr sitzen die Geschäftsführer der Schlachtfirmen von Migros und Coop, der Vertreter des Bauernverbands oder der Delegierte der Viehhändler. Deren Ziel ist es, auf dem Schweizer Fleischmarkt Geld zu verdienen; einem Markt, der durch hohe Zollmauern vor der ausländischen Konkurrenz geschützt ist.

Susanne Staubs Amt bei der Genossenschaft Proviande wirkt wie ein Überbleibsel aus einer vergangenen Zeit, als Kartelle respektiert wurden und Wettbewerb ein Unwort war. In der Landwirtschaft hat diese Zeit jedoch nie ganz geendet, wie das System Proviande zeigt.

Geheime Beschlüsse

Bei Proviande trifft man sich alle vier Wochen, um Marktlage und Preise zu besprechen. Die Sitzungsprotokolle sind geheim. Die Tochterfirmen von Migros und Coop erörtern zusammen mit anderen Metzgern und Bauernorganisationen, was der Fleischmarkt Giftstoff im Fleisch Worte machen Rinder nicht gesünder benötigt. Das Gesetz ermöglicht ihnen, das Angebot und die Nachfrage zu beeinflussen. Fachleute nennen das «Marktentlastung Subventionen Der Ostereier-Wahnsinn ».

Wenn ein Preiszerfall droht, darf Proviande als Gegenmassnahme Kalbfleisch in Lagern einfrieren lassen. Finanziert aus Steuergeldern. Oder beim Bundesamt für Landwirtschaft beantragen, dass vorübergehend keine Edelstücke mehr zu tiefen Zöllen importiert werden dürfen. Das klappt meistens problemlos. In den letzten zwei Jahren hat das Bundesamt für Landwirtschaft nur einen Antrag von Proviande abgelehnt. Im Wesentlichen bestimmt also die Fleischbranche selbst, wie viel Konkurrenz aus dem Ausland sie zulassen will.

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Der gesteuerte Markt hat Vorteile. Er garantiert Bauern einigermassen stabile Preise, weil der Wert eines geschlachteten Tiers nicht ins Bodenlose fallen kann. Die Konsumenten bezahlen dafür allerdings einen hohen Preis. Schweizer Fleisch Fleisch essen Welche Tierwohl-Label gut sind ist im Schnitt 85 Prozent teurer als in Deutschland, bei Edelstücken wie Rindsbraten sind es gar bis zu 191 Prozent, errechnete das Bundesamt für Landwirtschaft. Ein dreimal höherer Preis ist saftig – selbst wenn man berücksichtigt, dass die Tierschutzvorschriften in der Schweiz teils strenger sind als in Deutschland, was die Produktion verteuert.

Der Preisunterschied lockt. Die Schweizer Importeure kaufen im Ausland Edelstücke auf und verkaufen sie in der Schweiz teurer weiter. Das sei «in der Regel lukrativ», sagt der Bundesrat. Die Konsumenten zahlen ihnen 65 Millionen Franken zu viel pro Jahr, schrieb der Bundesrat in einer Vernehmlassungsvorlage zur neuen Agrarpolitik.

Schlachten lohnt sich

Firmen, die Importrechte haben, sitzen dank den rigiden Zollbestimmungen auf einer Art Gelddruckmaschine. Sie dürfen tun, was Einkaufstouristen untersagt ist: kiloweise Fleisch zum tiefen Zolltarif importieren. Die einheimischen Bauern haben davon wenig. Von den 65 Millionen Franken gehe «nur ein Bruchteil» an sie, heisst es im Bericht des Bundesrats.

Schweizer Metzger St. Galler Kalbsbratwurst Die wahre Wurst profitieren von Sonderrechten beim Fleischimport. Je mehr Tiere sie im Inland schlachten, desto mehr Fleisch dürfen sie aus dem Ausland importieren. Inlandleistung nennt sich diese Regel, nach der 40 Prozent aller Importkontingente vergeben werden. Die grössten Metzger sind die Coop-Tochter Bell und die Migros-Tochter Micarna. Weil sie so gross sind, erhielten sie in diesem Jahr knapp die Hälfte aller Inlandleistungs-Importrechte für Rindfleisch zugesprochen.

Die Gewinne, die die Metzger so erzielen, werden «von den Konsumenten mit höheren Lebensmittelpreisen Fair-Food-Initiative «Lebensmittel sind viel zu billig» bezahlt», hält der Bundesrat offiziell fest und kritisiert: «Dies kommt einer Subventionierung gleich.»
 

«Es ist eine Konzentration von Macht, wie es sie in keiner anderen Branche gibt.»

Paolo Bianchi, Unternehmer


Paolo Bianchi bekämpft das System Proviande bereits seit zehn Jahren. Er führt zusammen mit seinem Bruder Giulio die Firma Bianchi, die Restaurants mit Fleisch und Fisch beliefert. In seinem Büro im aargauischen Zufikon stehen mehrere Ordner voller Korrespondenz, in denen die Quersubventionierung der Schlachtbetriebe dokumentiert ist. Alt Bundesrätin Doris Leuthard und alt Bundesrat Johann Schneider-Ammann haben Paolo Bianchi geschrieben, das Bundesamt für Landwirtschaft ist zu einer Aussprache vorbeigekommen. Doch geändert hat das alles nichts.

«Das System zur Vergabe der Fleischimportrechte ist konsumentenfeindlich. Eigentlich wissen das alle, aber es passiert trotzdem nichts», sagt Bianchi. Er fordert, dass alle Importrechte versteigert werden, so wie das auch der Bundesrat wollte. «Dann gäbe es mehr Wettbewerb.» Gemäss dem Bericht des Bundesrats würden die Preise dadurch etwas sinken. Vor allem aber müssten die Konsumenten nicht mehr 50 bis 65 Millionen Franken pro Jahr an die Metzger Crowdbutchering Das ganze Tier essen abliefern, sondern dem Staat, der das Geld zweckgebunden einsetzen könnte.

«Vom heutigen System profitieren Migros und Coop am meisten. Die Bauern und Fleischlieferanten sind abhängig von ihnen. Es ist eine Konzentration von Macht, wie es sie in keiner anderen Branche gibt», kritisiert Paolo Bianchi. Der Fehler liege auch in der Organisation der Fleischbranche. «Der Verwaltungsrat von Proviande ist einseitig zusammengesetzt. Eine Konsumentenvertreterin sitzt nur darin, um die konsumentenfeindliche Politik zu legitimieren.»

Starke Fleischlobby

Der Bundesrat wollte dieses fragwürdige System ändern, machte in diesem Sommer aber einen Rückzieher. Der Widerstand von Bauern, Metzgern und Proviande war in der Vernehmlassung zu gross. Das System habe sich «bestens bewährt» und unterstütze die Landwirte, argumentierten sie. Migros und Coop wollten eine Reform nur im Zusammenhang mit einer grösseren Marktöffnung diskutieren. Die Migros gab vor fünf Jahren zwar zu, dass sie von Importrenten beim Fleisch profitiert, «wie alle schlachtenden Betriebe». Heute sagt sie indes, sie gebe günstige Importpreise an Kundinnen und Kunden weiter.

Susanne Staub, die Konsumentenvertreterin bei Proviande, verteidigt die Fleischindustrie. «Im Verwaltungsrat sind alle Seiten vertreten, das ist nicht einseitig.» Die 65 Millionen Franken seien vielleicht unschön, aber im Gesamtpaket «akzeptabel». Die Metzger machten mit dem Importfleisch mehr Gewinn und könnten deshalb den Schweizer Bauern mehr für die Tiere zahlen. Eine Quersubventionierung. «Die Bauern profitieren indirekt von höheren Preisen, deshalb ist es ein gutes System.» Schliesslich habe das Parlament das heutige Modell eingeführt. «Es ist ein politischer Entscheid.»

Vertreterin mit Interessenkonflikt

Susanne Staub ist jedoch nicht frei von Interessenbindungen. Zum einen führt sie als Bäuerin den familiären Landwirtschaftsbetrieb in Murzelen, zum anderen sitzt sie in der Geschäftsleitung des bürgerlichen Konsumentenforums. Dort ist sie für das Ressort Landwirtschaft zuständig, und dazu gehört traditionellerweise auch der Sitz im Proviande-Verwaltungsrat, der ein paar Hundert Franken pro Monat einbringt.

Ihr Verwaltungsratssitz bei Proviande sei keine Alibiübung. Ihre Stimme mache einen Unterschied. Sie bringe sich ein, wenn es etwa um Tierhaltungsfragen Tierhaltung Wie gut geht es unseren Tieren wirklich? oder Tiertransporte geht. «Ich will aber nicht mitentscheiden, ob jetzt der Metzger oder der Tierhalter einen Franken mehr oder weniger erhält. Das sollen die beiden Gruppen untereinander klären.»

Dass sie und ihr Mann Pioniere der tierfreundlichen Mutterkuhhaltung waren, die jahrelang Angus-Kälbli für die Natura-Beef-Linie aufzogen, beeinflusse sie nicht. «Ich argumentiere bei Proviande nicht aus der Sicht der ehemaligen Fleischproduzentin, sondern aus Sicht der liberalen Konsumentin. Und auch aus Sicht der Tiere. Ich bin neutral, so gut es geht.» Sie habe nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie Bäuerin sei. «Ich kann die beiden Rollen trennen.» Sie sei eine Brückenbauerin. Es müsse für die Landwirte, die Händler und die Konsumenten stimmen.

Proviande, die private Genossenschaft mit staatlichem Auftrag, betont, dass im Verwaltungsrat gleich viele Bauern wie Fleischverwerter sitzen würden. Dass Migros und Coop das Sagen haben, stimme nicht.

So bleibt alles beim Alten. Proviande schaltet weiterhin mit Steuergeldern Fleischwerbung Forderung von VgT und Swissveg Keine Subventionen mehr für Schweinefleisch-Werbung? , kontrolliert weiterhin im staatlichen Auftrag die Fleischbranche und legt weiterhin indirekt fest, wie viel welche Fleischstücke in der Schweiz kosten sollen. Hinter verschlossenen Türen.

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Andres Büchi, Chefredaktor

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