An einem Montagmorgen im August werden Rita Müller* und ihre Tochter Aline* verhaftet. Die folgende Nacht verbringen die bis dahin unbescholtenen Frauen in Untersuchungshaft. Ein Schock. Die 75-jährige Rita Müller hat sich davon nicht mehr richtig erholt. Sie schämt sich, findet keinen Schlaf mehr, Selbstvorwürfe plagen sie Tag und Nacht.

Rita Müller führt mit ihrer 33-jährigen Tochter Aline seit Jahren ein kleines Geschäft im Gesundheitsbereich in Zürich. Die Mutter kümmert sich um die Finanzen, die Tochter steht im Geschäft. Ihre Stärke ist der Umgang mit den Kunden.

Doch Rita Müller hat immer mehr Mühe, das Finanzielle im Alleingang zu erledigen. Sie leidet an einer Netzhauterkrankung. Ohne die grosse Lupe, die sie stets bei sich trägt, sieht sie unscharf. Und für Zahlungen muss sie an den Postschalter. Dort sei man genervt, weil sie nicht mehr schnell genug sei, erzählt sie. Aber wegen ihrer schlechten Augen komme E-Banking für sie nicht in Frage.

Vor zwei Jahren kam ein vermeintliches Geschenk des Himmels. Durch ihre Tochter lernte sie den Finanzberater Mesut B. kennen. Der 33-Jährige war ihr sofort sympathisch. Höflich, hilfsbereit, stets erreichbar. Er habe sich aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet, seine Eltern sind türkische Einwanderer; heute berate er Firmen, kenne sich aber auch mit Immobilien und Altersvorsorge aus. Auf seinen Papieren stand das vertrauenerweckende Logo des Versicherers Swiss Life. Die Frauen engagierten ihn.

Anzeige

Heute wissen sie: Mesut B. ist «ein selbständiger Unternehmer». Die Swiss Life schreibt auf Nachfrage, er stehe in einem Agenturverhältnis zu ihrer Tochterfirma Swiss Life Select.

Anfangs beriet Mesut B. die beiden Frauen nur in Versicherungsfragen. Mit der Zeit wurde er aber ihr Mann für alles. Vor einem Jahr bat ihn Rita Müller sogar, ihren Nachlass zu regeln. «B. wusste alles über uns», sagt sie. «Wir haben gedacht, es sei uns jemand ins Haus gelaufen, der das Herz auf dem rechten Fleck hat.»

«Ich wollte das Volk nicht bestehlen. Aber das glaubt mir kein Mensch.»

Rita Müller*, Firmeninhaberin

Als der Bundesrat am 16. März den Lockdown verhängte, standen Aline und Rita Müller mit ihrem Geschäft vor dem Nichts. «Wir hatten von einem Tag auf den nächsten keine Kunden und keine Einnahmen mehr. Wir wussten nicht, wie wir die Miete zahlen sollen und ob wir die Krise überleben.» Die Frauen riefen Mesut B. an. Es sollte das letzte Mal sein.

Anzeige

Er kenne jemanden bei der Bank

Mesut B. sagte den beiden Frauen, dass die Krise noch sehr lange dauern werde. Bis ein Impfstoff gegen Corona da sei, würden sicher noch zwei Jahre verstreichen. Doch er könne helfen. Der Bund habe für Firmen in Not Corona-Kredite bereitgestellt. Er könne dafür sorgen, dass sie schnell an dieses Geld herankommen. Er kenne jemanden bei der Credit Suisse, der das Geld sofort auszahlen könne.

Es sei besser, gleich einen grösseren Kredit zu nehmen, riet B. Es gebe ja nur zwei Bedingungen: Sie müssten den Kredit innert fünf Jahren zurückzahlen und dürften ihn nur für Geschäftszwecke verwenden. Rita Müller weiss noch, wie sie B. fragte, ob das wirklich wahr sein könne. Dass der Kredit maximal zehn Prozent des Umsatzes betragen dürfe, habe er mit keinem Wort erwähnt.

Sein Engagement hatte einen Preis: B. wollte 30'000 Franken, angeblich um seinen Vertrauensmann bei der Bank zu bezahlen. 

Anzeige

«Nie hätte ich gedacht, dass etwas nicht stimmen könnte.»

Aline Müller*, Firmeninhaberin

Am 30. März kam Mesut B. mit dem ausgefüllten Kreditantrag ins Geschäft der beiden Frauen. «Alles, was ich mit meinen schlechten Augen sah, waren Kreuzchen», sagt Rita Müller. Wegen ihrer Sehschwäche musste sich die 75-Jährige auf das Wort ihres Finanzberaters verlassen. Sie und ihre Tochter unterschrieben den Vertrag. B. schickte noch am selben Abend das ausgefüllte Formular auf das Handy der Tochter. Inklusive einer vorgefertigten Nachricht und mit der Aufforderung, den Antrag genau so an die Credit Suisse zu senden. «Ich habe das Formular nicht überprüft. Nie hätte ich gedacht, dass etwas nicht stimmen könnte», sagt Aline Müller.

Anzeige

Dem Beobachter liegt die Mail vor, ebenso die Geschäftskontoauszüge der Müllers. Sie zeigen: Sieben Tage nachdem der Kredit ausgezahlt worden war, erhielt Mesut B. die versprochenen 30'000 Franken. Rita und Aline Müller können es heute kaum mehr glauben, dass sie das akzeptiert haben. «Wir waren in einem riesigen Schlamassel und dachten, ohne Kredit würde unser Geschäft nicht überleben. Wir waren blind.»

Viel zu hoher Umsatz

Am 31. März erhielten Rita und Aline Müller einen Corona-Kredit über 380'000 Franken, ausgezahlt von ihrer Hausbank, der Credit Suisse. Was sie nicht wussten: Auf dem Kreditantrag stand, ihr Geschäft erziele einen Umsatz von 3,8 Millionen Franken im Jahr. In Wahrheit sind es rund 200'000.

Von dieser Diskrepanz erfuhren sie erst am 17. Juli, als die Credit Suisse einen Beleg für den selbstdeklarierten Umsatz forderte. Für Rita und Aline Müller brach eine Welt zusammen.

Anzeige

«Schlussendlich unterschreibt der Kunde, sorry. Das ist heutzutage überall so.»

Mesut B.*, Finanzberater

Mittlerweile hat die Staatsanwaltschaft Zürich ein Strafverfahren gegen die Frauen und Berater Mesut B. eröffnet – wegen Verdachts auf Kreditbetrug. Für alle gilt die Unschuldsvermutung.

Gegenüber dem Beobachter weist Finanzberater Mesut B. sämtliche Vorwürfe zurück. «Schlussendlich unterschreibt der Kunde, sorry. Das ist heutzutage überall so.» Er habe nur Tipps gegeben. Das sei eine einmalige Geschichte gewesen.

B. will auch nichts davon gewusst haben, dass es missbräuchlich war, überhöhte Angaben zum Umsatz zu machen. «Damals wusste ich das nicht. Sonst hätte ich es nicht gemacht und davon abgeraten.» Dass er Geld bekommen habe, um den Kredit zu beschaffen, verneint B. kategorisch. «Die 30'000 Franken waren für meine sonstigen Dienstleistungen, die ich in Rechnung gestellt habe.»

Anzeige

«Nicht die Einzigen, die reingefallen sind» 

Wie es weitergehen soll, wissen Rita und Aline Müller nicht. Sie sind daran, den Kredit zurückzuzahlen, und warten, bis die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft abgeschlossen sind. «Wir waren nicht die Einzigen, die in der Notsituation während des Lockdowns auf einen wie Mesut B. reingefallen sind», glaubt Rita Müller. «Ich wollte das Volk nicht bestehlen. Aber das glaubt mir kein Mensch.»

Die Not war im Frühling gross. Allein in den ersten acht Tagen, nachdem die Corona-Kredite ins Leben gerufen worden waren, gingen fast 80'000 Kreditanträge ein (siehe Infografiken weiter unten). Vor allem Kleine griffen zu: Acht von zehn Firmen, die einen Kredit beantragten, beschäftigen weniger als zehn Angestellte.

Scheinfirmen und Luxusautos

Fälle von Kreditmissbrauch sind bislang recht wenige bekannt. 116 Strafverfahren laufen, rund 1400 Fälle sind in Abklärung. Darunter solche gegen Personen, die sich mit dem Kredit ein Luxusauto gekauft haben und ins Ausland verschwunden sind. Oder wegen Scheinfirmen, die nur gegründet wurden, um an einen Kredit zu kommen.

Anzeige

Häufiger sind Fälle, in denen sich Unternehmer trotz Corona-Kredit Dividenden ausgeschüttet oder mit dem Geld Aktien gekauft haben. Beides ist verboten. In rund 350 Fällen laufen Abklärungen, weil Firmen falsche Umsatzangaben machten, um mehr Kredit zu erhalten.

Wie bei Rita und Aline Müller stellt sich dabei immer auch die Frage der Mitverantwortung der Banken. Gemäss dem Prüfkonzept zur Missbrauchsbekämpfung des Seco mussten sie Gesuche ablehnen, die «Missbrauch vermuten lassen oder Auffälligkeiten aufweisen».

Müllers sind privat und geschäftlich seit vielen Jahren Kundinnen bei der Credit Suisse. Selbst bei einer minimalen Überprüfung hätte der Grossbank auffallen müssen, dass ein Umsatz von 3,8 Millionen Franken überrissen war. Zum vorliegenden Fall will sich die Credit Suisse nicht äussern. Ein Sprecher betont aber, die Bank sei ihren Pflichten nachgekommen und habe die Umsatzangaben der Kreditanträge grundsätzlich auf ihre Plausibilität überprüft. 

Anzeige

Infografiken | Corona-Kredite: Krisenhilfe in Milliardenhöhe

Zwischen dem 26. März und dem 31. Juli 2020 konnten Firmen, die in finanzielle Not geraten waren, Corona-Kredite im Umfang von bis zu zehn Prozent ihres Umsatzes beantragen.

Dazu mussten sie ein Onlineformular ausfüllen. Der Umsatzerlös musste lediglich deklariert, nicht belegt werden.

Kredite von bis zu einer halben Million Franken wurden unbürokratisch innert weniger Stunden von den Hausbanken der Firmen ausgezahlt. Sie sind zu 100 Prozent vom Bund abgesichert.

Die Darlehen sind zinslos und müssen innerhalb von fünf Jahren zurückgezahlt werden.

Infografik: Anzahl vergebener und abgelehnter Corona-Kredite in der Schweiz
Quelle: Seco/covid19.easygov.swiss – Infografik: Anne Seeger
Infografik: Fast 17 Milliarden Franken haben Banken an Corona-Krediten ausbezahlt
Quelle: Seco/covid19.easygov.swiss – Infografik: Anne Seeger

21 Millionen Franken

... muss der Bund bisher als Verlust verbuchen.
 

372 Millionen Franken

... zahlten Kreditnehmer bereits zurück.
 

Kleine Firmen, grosse Not

Infografik: Kleine Firmen, grosse Not
Quelle: Seco/covid19.easygov.swiss – Infografik: Anne Seeger

116 Verfahren

... wegen Missbrauchs von Corona-Krediten laufen momentan. Es geht um insgesamt 20 Millionen Franken.
 

1395 Fälle

... sind in Abklärung. Bei rund einem Viertel der mutmasslichen Delikte wurden überhöhte Umsätze angegeben.
 

Infografik: Aufteilung Corona-Kredite nach Branchen
Quelle: Seco/covid19.easygov.swiss – Infografik: Anne Seeger

*Name geändert

«Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox»

Andres Büchi, Chefredaktor

Woche für Woche direkt in Ihre Mailbox

Der Beobachter Newsletter

Anzeige