Etwas über 100 Franken kostet die Smartwatch GT von Huawei. Sie zählt die Schritte, horcht Herztöne ab, wacht über den Schlaf und die Aktivitäten davor und danach. Die Daten gibt sie ungeniert weiter nach Shenzhen in China. Dort ist die Firma Huawei zu Hause, die mit den USA um die Weltherrschaft in der Telekommunikation streitet.

Dutzende von Millionen digitale Uhren Smartwatch Das Kleinhirn am Handgelenk von Apple, Samsung, Fitbit oder Huawei klammern sich an Menschen, denen es wichtig ist, jeden Zug beim Schwimmen zu registrieren, vom Handgelenk aus mit der Mutter zu telefonieren oder eine Mail zu lesen. «Falls ihre Augen gut genug sind für die Bildschirmchen», wie ein Schweizer Juwelier bissig anfügt.

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Er sitzt am anderen Ende der Nahrungskette. Der Juwelier muss nicht wie Huawei oder Garmin im Internet nach Käufern fischen, die 100 oder 200 Franken für eine Uhr auf Paypal abbuchen lassen. Seine Leute kommen in sein Geschäft mit dem dämpfenden Teppich. Sie lassen sich dies und das zeigen und gucken interessiert, dann legen sie den Kopf schräg und fragen: «Hätten Sie denn möglicherweise und eventuell und vielleicht auch eine Nautilus?»

Nautilus (oder wie Profis sagen: Notilüss) ist ein Modell des Genfer Hauses Patek Philippe. Die Notilüss in Stahl kostet regulär 27 000 Franken, im Internet gern dreimal so viel. Gebraucht. Wer eine brandneue Apple Watch Apps fürs Herz Was Smartphone & Co. als Pulsmesser taugen aus der Packung klaubt, hält nur die Hälfte ihres Werts in der Hand.

Wer eine Nautilus trägt, muss eher befürchten, dass ihm jemand die Hand abhackt. Aber nicht, dass Patek ihm per Bluetooth nachstellt und weiss, ob das Fitness von 17 bis 19 Uhr tatsächlich im Gym stattfand. 

27'000 Franken kostet die Nautilus regulär, im Internet dreimal so viel. Gebraucht.

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Der prophezeite Abstieg

Es ist ein Spannungsfeld, in dem sich die Branche bewegt. Auf der einen Seite die Luxusuhren in einem Segment, in dem kein Uhrmacher der Welt mit den Schweizern gleichziehen kann, ausser, vielleicht, die hervorragenden Deutschen aus Glashütte. Auf der anderen Seite der Druck von der Strasse, von den Sportbegeisterten, den Straffen und Gestrafften, die ihr Sein und Werden ständig vermessen haben wollen. Und das für möglichst wenig Geld.

Aufgeschreckt wurde die Schweizer Uhrenbranche im September 2014 durch die Ankündigung der Apple Watch Fitness-App Fit mit Gratis-App? . Dieses Produkt des Computerherstellers aus Cupertino, Kalifornien, sah zwar trotz Design des Briten Jony Ive nicht sehr begehrenswert aus. Aber Apple verkaufte allein im vergangenen Jahr 31 Millionen Stück, jede zweite Smartwatch weltweit.

Alle Schweizer Hersteller zusammen kamen auf 21 Millionen Uhren. Das waren, mit Ausnahmen, mechanische Uhren. Die teuersten enthielten Erfindungen wie das Tourbillon, jenen winzigen Wirbelwind, der Uhrenbegeisterten bis heute die Tränen in die Augen treibt, wenn sie das Stück nach langem Warten in Händen halten.

Ausländische wie inländische Medien feierten den Aufstieg der Smartwatches und prophezeiten den Abstieg der Schweizer Feinstmechanik. Die «Handelszeitung» hielt dagegen. Sie schrieb: «Auch wenn nur rund 2,5 Prozent aller weltweit produzierten Uhren aus der Schweiz stammen», fliesse jeder zweite Franken, der von Tokio bis Tuvalu für Uhren ausgegeben wird, in die Schweiz. 

Uhrmacher bei der Arbeit

Im Luxussegment fast konkurrenzlos: mechanische Schweizer Uhren

Quelle: Melanie Duchene/Keystone
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Das teure Stück

Tatsächlich ist der Wert der Schweizer Ausfuhren in den letzten Jahren stetig gestiegen, pro Uhr werden nun 992 Franken erzielt. «Das bedeutet nicht, dass die Marken ihre Preise erhöht haben, aber wir exportieren mehr Uhren im oberen Segment als vorher», sagt Jean-Daniel Pasche, der Präsident der Uhrenindustriellen. «Der Aufstieg der Smartwatches ist keine Bedrohung für die Schweizer Uhrenindustrie als Ganzes.»

Weniger Uhren wurden in den günstigen Kategorien verkauft. Darunter finden sich Werke mit Exportpreisen bis 200 Franken und solche von 200 bis 500 Franken. Hier ist die Konkurrenz durch die Smartwatches aus den USA, Südkorea oder China Mentalität «Die Chinesen sind uns sehr ähnlich» spürbar. Japan, das die hiesige Uhrenindustrie in den Siebzigern in eine Existenzkrise gestürzt hatte, spielt im Bereich der Smartwatches keine Rolle mehr. Und die heutige Situation ist nicht mit damals zu vergleichen, als die Zeit für die Schweizer Uhrenindustrie stillstand. 

Gründe für eine Krise

Uhren- und Schmuckhändler wie Gübelin verfolgen die Entwicklung dennoch mit Interesse. «Wir gehen davon aus, dass das Segment der Smartwatches noch wachsen wird. Zugleich gibt es auch Kunden, die sowohl Smartwatches als auch mechanische Uhren kaufen, um sie je nach Gelegenheit zu tragen», sagt Raphael Gübelin, Chef der Luzerner Familienfirma mit acht Standorten in der Schweiz und in Asien. Laut ihm verkaufte Gübelin letztes Jahr weniger Uhren im günstigen, dafür mehr Uhren im Luxussegment.

Auch Bucherer, der weltgrösste Schmuck- und Uhrenhersteller, winkt ab. «Unsere Kernkompetenz liegt halt nun mal im Bereich mechanischer Uhren, und das ist einfach auch, was die Kunden bei Bucherer suchen», schreibt die Medienstelle. Stärker zugesetzt hat dem prominenten Haus am Luzerner Schwanenplatz der abrupte Rückgang der Gäste aus Asien. Wie 2003, als das Sarsvirus die Flugzeuge leerte, führte Bucherer in Luzern Anfang März wegen des Coronavirus Covid-19 Was Sie über das Coronavirus wissen müssen Kurzarbeit ein.

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«Wir gehen davon aus, dass das Segment der Smartwatches noch wachsen wird.»

Raphael Gübelin, Kopf der Familienfirma, Gübelin

Das Virus, die Unruhen in Hongkong und der Streit mit der Wettbewerbskommission wegen der Anforderungen an die Swissness sind für manche Schweizer Uhrmacher die grössere Herausforderung als der Erfolg der digitalen Zeitmesser. Die Aktien des Uhrenkonzerns Swatch fielen nach dem Ausbruch der Coronakrise auf den Kurs von 2009 zurück.

Swatch hofft auf den Erfolg der Uhrenlinie, die sie für den Tüftler Q im neuen Bond-Film «No Time to Die» auf den Markt brachte. Wegen des Coronavirus Coronavirus Werden nun die Medikamente knapp? wurde der Filmstart auf den Spätherbst verschoben. Für die Olympischen Spiele in Tokio steuert Swatch neue Omega-Uhren bei.

Zu verdanken hat die Schweiz die fast 60 000 Arbeitsplätze ausgerechnet einem Feind des Bling-Blings: Jean Calvin. Der protestantische Pfarrer aus Genf verbot 1541 das Tragen von Schmuck. Daraufhin schraubten die Genfer Goldschmiede erste Uhren zusammen. Inzwischen tun das 700 Firmen in Genf und im Jurabogen.

Trend hin zu analogen Uhren

Manche Schweizer Hersteller nahmen den Trend zur Smartwatch auf. Dazu gehört Mondaine aus Zürich. Mondaine brachte 2015 Helvetica auf den Markt, die erste Smartwatch, die nicht aussieht wie eine. Die Uhr heisst nach der zeitlos minimalistischen Schrift Helvetica, entworfen 1956 von zwei Schweizer Grafikern.

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Wie die Uhren der ausländischen Konkurrenz speichert auch die Helvetica Daten Datenschutz im Internet So schützen Sie Ihre Daten vor Google & Co. ihrer Trägerinnen und Träger. Sie weiss, ob jemand isst oder schläft, und spornt ihn an, sich sportlich zu betätigen. Und das für 480 Franken, trotz Schweizer Fertigung. Das entspricht dem Preis einer durchschnittlichen Apple Watch.

«Wir hatten eigentlich erwartet, dass weitere Uhrenhersteller bei dieser Revolution am Handgelenk mitmachen würden», sagt Mondaine-Chef André Bernheim. Er nimmt an, dass sich die Lust auf Smartwatches wieder legen wird. Bernheim könnte recht behalten. Smarte Uhren sind in der Schweiz zwar beliebter als smarte Staubsauger Haushaltshilfe Die Hightech-Helfer . «Aber Konsumenten besitzen heute meist mehrere Uhren, und es zeigt sich wieder ein klarer Trend hin zu formschönen und hochwertigen analogen Zeitmessern. Gerade für Männer sind diese zu wichtigen Accessoires geworden», sagt Bernheim. 

«Es gibt kaum ein anderes Objekt, das so viele Emotionen hervorruft.»

Patrick Pruniaux, Chef von Ulysse Nardin

Chance statt Bedrohung

Von besonderem Interesse für die Schweiz ist die Geschichte von Patrick Pruniaux, 48. Er war Verkaufsleiter beim Uhrenhersteller TAG Heuer aus La Chaux-deFonds. 2014 wechselte er nach Cupertino und half, die Apple Watch zu lancieren. Drei Jahre später war Pruniaux zurück im Jura, diesmal als Chef der Uhrenmacher Ulysse Nardin und Girard-Perregaux.

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Digitale Uhren führt er nicht im Sortiment. «Ehrlich gesagt, sehe ich den Nutzen nicht. Eine mechanische Uhr wird Sie nie die letzte Textnachricht lesen lassen. Ebenso wenig wird eine Smartwatch Sie in die Verzückung versetzen können, die Sie beim Betrachten Ihrer neuen komplizierten Uhr erleben», sagt Pruniaux.

Er setzt auf die Millennials , jene weltweit vernetzte Generation junger Käufer. «Sie sind sehr viel mehr dem Luxus zugeneigt als ihre Mütter und Väter.» Die Millennials sind in einer digitalen Welt aufgewachsen und suchen Dinge, die ihrer Persönlichkeit und ihren Gefühlen Ausdruck verleihen. Ihnen verkauft Patrick Pruniaux gern eine «Freak». So heisst der mechanische Zeitmesser von Ulysse Nardin. Zu haben ab 20 000 Franken.

Pruniaux sagt, Smartwatches seien «ganz und gar keine Bedrohung» für die klassische Uhrenindustrie. Er sieht sie als Chance. Neue Generationen von Käuferinnen und Käufern begännen, Uhren zu tragen. Ein Teil von ihnen wird zu luxuriösen Schweizer Uhren wechseln. «Es gibt kaum ein anderes Objekt als eine mechanische Uhr, das so viele Emotionen hervorruft. Viel mehr, als das eine Smartwatch tun kann, die bloss Informationen und Daten liefert.» Seine Apple Watch hat er längst gegen eine mechanische Uhr eingetauscht.

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René Ammann, Redaktor

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