Künstler verdienen ihr Geld mit Auftritten, mit Gigs, wie sie auf Englisch heissen. Auch Ruedi Flück ist gewissermassen ein Künstler. Der 35-jährige Berner bestreitet seinen Lebensunterhalt als selbständiger Fotograf. Seit dem Ausbruch der Corona-Krise hat er keine Gigs mehr. Alle Wintersportanlässe, für die er als Fotograf gebucht war, wurden abgesagt. Und die Hochzeit Ende Mai, bei der er hätte Bilder machen sollen: Verschoben auf nächstes Jahr.

10'000 Franken fehlen ihm in der Kasse. Zwei bis drei Monate könne er ohne Aufträge überbrücken, sagt Ruedi Flück. Dauere die Krise länger, gehe es ans Existenzielle.

Jacqueline Badran könnte Hunderte solcher Geschichten erzählen. Ihr Postfach ist voll mit Hilferufen, deren Absender Freiberufler Freie Mitarbeiter Gelte ich als selbständig oder angestellt? sind. Tontechnikerinnen, Grafiker, Barkeeper: Ein gestrichenes Konzert macht sie alle auf einen Schlag arbeitslos.

«Ich bin die Klagemamma der Nation», sagt Unternehmerin und SP-Nationalrätin Badran. Es ärgert sie, dass der Bund die Selbständigen wochenlang im Regen stehen liess Nothilfe für Selbständige Jetzt muss Geld fliessen . Badran kritisiert aber auch die Sorglosigkeit gewisser Freelancer: «Viele lebten von der Hand in den Mund, es ging ihnen ja gut.» Dabei predige sie schon lange: «Gründet eine anständige Firma, vernetzt euch, wappnet euch für die nächste Krise

Das Ende der Freiheit

Der Gig Economy gehöre die Zukunft, schrieben neoliberale Kommentatoren noch vor wenigen Wochen. Jetzt liegt sie in Trümmern. Zur Strecke gebracht nicht etwa durch staatliche Eingriffe – sondern durch ein fieses kleines Virus. Keine Berufstätigen trifft die Pandemie Pandemie Die Gefahr, die nicht interessierte härter als die Selbständigen. Gig Worker können weder Kurzarbeit anmelden noch aufs RAV. Ihre Freiheit und Flexibilität bezahlen sie mit weniger Sicherheit. Wer weder eine Erwerbsausfallversicherung noch Ersparnisse besitzt, steht plötzlich vor dem Nichts.

E.R.* kann ein Lied davon singen. Ein tieftrauriges Lied. Seit einem halben Jahr fährt der Mann in Zürich für Uber. Sein Umsatz ist um die Hälfte eingebrochen. «Die Leute haben Angst, in ein fremdes Auto zu steigen», sagt er. Auf Hilfe von Uber kann er nicht hoffen. Obwohl Uber die Preise bestimmt und seine Fahrer bei Fehlverhalten sanktioniert, betrachtet das US-Unternehmen die Chauffeure nicht als Angestellte, sondern als selbständige Dienstleister. Nur wenn er positiv auf das Coronavirus getestet Coronavirus-Test Wie funktioniert er und wer wird getestet? würde, hätte er Anrecht auf eine Kompensation, aber nur für maximal 14 Tage.

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Sein eigener Chef

Die Idee klang bestechend: Jeder mit einem Talent und einem Smartphone kann sein eigener Chef werden , flexibel arbeiten – Internet sei Dank! Die Krise deckt nun schonungslos die kaputten Mechanismen auf, die der Gig-Wirtschaft zugrunde liegen.

Der britische Soziologe Colin Crouch hat es schon vor der Krise in seinem Buch beschrieben: «Die Gig Economy verschafft Arbeitgebern etwas, das es woanders nicht gibt, nämlich Arbeitnehmer, die der Autorität des Unternehmens vollkommen unterworfen sind, ohne dass dieses ihnen gegenüber auch nur die geringste Verantwortung übernehmen muss.»

Nicht ganz so schwarz malt Sebastian Wörwag, Rektor der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in St. Gallen. Das Hautproblem der Gig-Wirtschaft sei die mangelnde Absicherung Absicherung Eigener Chef? Eigenes Problem! der Arbeitnehmenden, sagt er. «Gibt es keine Gigs, gibt es keinen Umsatz.» Er hofft, dass die aktuelle Krise die Diskussion über die neuen Arbeitsmodelle befördert. Vermutlich benötige es einen neuen Beschäftigtenstatus für Freischaffende, damit diese von bestehenden Absicherungsangeboten profitieren könnten. «Die Corona-Krise ist für die Gig Economy ein Weckruf, kein Todesstoss», sagt Wörwag.

Nicht nur die Zahlen des Fahrtenvermittlers Uber sind eingebrochen. Auch andere Vertreter der Sharing Economy sehen ihr Geschäftsmodell derzeit zerbröseln. Seit die Notmassnahmen gelten, registriert das Schweizer Carsharing-Unternehmen Mobility einen starken Rückgang bei den Buchungen. Einen Teil der Fahrzeugflotte bietet Mobility nun zur Langzeitmiete an.

Arg gebeutelt wird auch die Wohnungsplattform Airbnb. Weltweit steht ein grosser Teil der Wohnungen leer. In Dublin etwa wurden in den ersten Märzwochen über 70 Prozent mehr Ein- und Zwei-Zimmer-Wohnungen auf dem regulären Wohnungsmarkt angeboten. Viele der Objekte wurden zuvor als Feriendomizil an Touristen vermietet. Das «Handelsblatt» schreibt, dass der Wochenumsatz von Airbnb in der Schweiz von 20 Millionen Franken auf 7 Millionen eingebrochen sei.

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Jeder Vierte

Frank Ohoven hat vor fünf Jahren ein Unternehmen gegründet. Seine Plattform Gigme.ch sollte Arbeitnehmer und -geber zusammenbringen. Das Start-up Start-ups Gescheiter scheitern erhob eine Gebühr auf den Stundenlohn und kümmerte sich im Gegenzug um Abrechnung, Versicherungsschutz und um die steuerlichen Belange der Gig Worker.

Seit ein paar Wochen befindet sich Ohovens Firma in Liquidation. Einerseits fehle es an Investoren. Nötig gewesen wären 5 bis 15 Millionen Franken. Auftreiben konnte Ohoven bloss 700'000 Franken. Andererseits sei es schwierig gewesen, den Arbeitnehmern zu vermitteln, wie wichtig eine Sozialversicherung sei. «Die Leute haben lieber den Franken in der Hand.»

Er habe alles riskiert, sagt Ohoven, und sei durch die Hölle gegangen. «Am Schluss machte die Familie nicht mehr mit.» Jetzt arbeitet er wieder in seinem angestammten Beruf, dem Immobilienmanagement. Sein Homeoffice hat Ohoven im Keller eingerichtet.

In der Schweiz gehe jede vierte Person im erwerbsfähigen Alter projektbasierten, temporären Arbeiten nach, schrieb das Beratungsunternehmen Deloitte 2016. Die Zahl jener, die ihren Lebensunterhalt ausschliesslich mit Gig Work bestreiten, dürfte wesentlich tiefer liegen, Schätzungen zufolge deutlich unter 10 Prozent.

Ohovens Gigme.ch ist nicht die einzige Plattform in der Schweiz, die gescheitert ist. Auf der Website von Getworkdone heisst es: «Die Nutzung von Getworkdone hat nicht die gewünschte Nutzungsgrenze überschritten, weshalb wir uns entschieden haben, die Plattform per 29. Februar vorübergehend vom Netz zu nehmen. Sobald wir unser Geschäftsmodell überarbeitet haben, werden wir uns wieder bei euch melden.»

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«Airbnb schreit nach Staatshilfe, und der einfache Uber-Fahrer steht auf der Strasse.»

Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin

Frank Ohoven sieht zwei Szenarien, wie es mit der Gig Economy in der Schweiz nach der Corona-Krise weitergehen könnte. Das optimistische lautet, dass der Staat endlich Kontrollmechanismen einführt, um die Nutzer digitaler Job-Plattformen zu einem sauberen Abrechnen zu zwingen. Arbeitnehmern gäbe das mehr Sicherheit, und der Staat profitierte von höheren Steuereinnahmen. In der Schweiz werden gemäss Seco jährlich 40 Milliarden Franken schwarz erwirtschaftet.

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Das deprimierende Szenario: Alles wird noch schlimmer. Viele durch die Krise arbeitslos gewordene Menschen werden sich zu noch mieseren Konditionen verdingen, Arbeitgeber setzen auf Billigarbeitskräfte, neue Plattformen schiessen aus dem Boden, die von dieser Not profitieren. Das Prekariat Crowdworking Billige, willige Arbeiter – ohne jeden Schutz wächst.

Unternehmerin Jacqueline Badran zeichnet ein düsteres Bild von der Zukunft. Sie warnt vor einem Lädelisterben Lädelisterben Schuhkrise an bester Lage und Massenarbeitslosigkeit. Und vor internationalen Ketten und Konzernen, die bereits in den Startlöchern stehen, um in die Lücke zu springen. «Die Zweiklassengesellschaft wird sich akzentuieren», sagt Badran. Auf der einen Seite die gut ausgebildeten Arbeitnehmer in Festanstellungen, auf der anderen Seite das Prekariat in Billigjobs.

Ihr vorläufiges Fazit zur Krise: Das Kapital gewinnt, die Arbeit verliert. «Airbnb schreit nach Staatshilfe, und der einfache Uber-Fahrer steht auf der Strasse.» Es gelte jetzt, die Lehren aus dem Corona-Schlamassel zu ziehen. «Die Machtverhältnisse müssen korrigiert werden. Und wir benötigen ein widerstandsfähigeres Wirtschaftssystem», so Badran.

Zeit für die Steuern

Fotograf Ruedi Flück hält sich über Wasser. Die Ankündigung des Bundesrats von Mitte April verschafft ihm etwas Luft. Endlich gebe es Unterstützung für Selbständige Corona-Krise So funktioniert die Bundeshilfe für KMU und Selbständige , so klein diese auch ausfällt. Flück rechnet mit rund 50 Franken pro Tag.

Während er auf bessere Zeiten hofft, erledigt er Dinge, die sonst länger liegen bleiben. Er kümmert sich um die Steuern, arbeitet das vergangene Jahr auf. Dazwischen widmet er sich künstlerischen Projekten, die kein Geld einbringen, jedoch wichtig sind fürs Portfolio. «Meine Fixkosten sind tief, das einzig Teure ist die Ausrüstung.» Was er im Juni und Juli machen wird, weiss Flück noch nicht. «Ich vertraue darauf, dass es wieder Aufträge geben wird.» Als jüngst eine Teilzeitstelle für einen Fotografen bei einem Museum ausgeschrieben war, hat er sein Dossier zusammengestellt und sich beworben. So wie 170 andere auch.

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Peter Aeschlimann, Redaktor

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