Christus soll ohne Essen 40 Tage in der Wüste überlebt haben. Mohammed wurde nach einer ebenso langen Zeit ohne Nahrung der Koran offenbart. Und der Ire Bobby Sands führte einen 66-tägigen Hungerstreik für die IRA durch.


All diese «Fastenkuren» dienten entweder einem religiösen oder einem politischen Zweck – als Gesundheitsmassnahme waren sie nicht gedacht. Denn: «Hungern strengt den Körper enorm an und ist nicht gesund», so Reinhard Imoberdorf von der Medizinischen Klinik des Kantonsspitals Winterthur.

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Der Begriff Heilfasten verheisst dagegen Wohltuendes. Die erklärten Ziele des heilsamen Hungerns lauten denn auch: geistige und körperliche Entschlackung, Ausscheidung von Giftstoffen und Selbstfindung. Das Angebot an medizinischen Fastenkuren ist gross. Sie finden unter ärztlicher Aufsicht im gepflegten Ambiente von Sanatorien oder Viersternehotels statt. Malkurse, Meditation, Massagen und ähnliche Aktivitäten erleichtern das Leben bei Mineralwasser und Saft. Eine Fastenkur bedeutet mehr als nur Hungern. Sie soll nicht nur der Gewichtsabnahme dienen, sondern auch der so genannten Entschlackung und Reinigung des Körpers. Das Fasten beginnt in der Regel mit einer Reinigung des Darms durch das Abführmittel Glaubersalz. Anschliessend verzichtet der oder die Fastenwillige zehn Tage bis zwei Wochen beinahe vollkommen auf Nahrung. Danach erfolgt ein langsamer Kostaufbau. Während der Kur gibts vor allem reichlich zu trinken, denn ohne Flüssigkeit könnte der Mensch nur einige Tage überleben. Ausserdem benötigt der Organismus Wasser, um die anfallenden Stoffwechselprodukte, zum Beispiel Harnsäure, auszuscheiden.


Ein Glas Weisswein ist erlaubt

Modernes Fasten findet nicht ganz ohne Kalorien, Vitamine und Mineralstoffe statt. Bei der Buchinger-Kur werden Obstsäfte und Gemüsesüppchen verabreicht. Bei der Mayr-Kur versorgen trockene Semmeln (zwei am Tag), etwas Milch und viel Kräutertee oder Mineralwasser den Organismus mit dem Nötigsten. Viel trinken soll man auch im Rahmen einer Schroth-Kur, alle paar Tage sogar ein Gläschen Weisswein. Bei solchem so genannt modifiziertem Fasten nimmt man etwa 250 bis 500 Kalorien pro Tag zu sich.


Aber schon bei absoluter Ruhe benötigt der Organismus täglich 1200 Kalorien, um alle seine Aufgaben einwandfrei ausführen zu können. Bleibt der Energienachschub aus, schaltet er auf Notbetrieb um (im Fachjargon Hungeradaptation): Der Blutzuckerspiegel sinkt. Um ihn einigermassen aufrechtzuerhalten, verwandelt der Körper zunächst die Stärke, die in Leber, Nieren und Muskeln gespeichert ist, in Traubenzucker. Das geschieht auch jede Nacht, wenn man schläft und dabei unbewusst während einiger Stunden fastet. Der Stärkevorrat reicht nur für einen Tag. Dann wird Eiweiss abgebaut. «In den ersten zwei Wochen verliert der Fastende täglich 20 bis 70 Gramm seiner wichtigen Eiweissreserven», sagt Reinhard Imoberdorf. Nach etwa einer Woche werden auch die Fettvorräte angegriffen, aber ihre Ausnutzung bleibt unvollständig. Als Endprodukt entstehen so genannte Ketonkörper, die den Muskeln und dem Gehirn als Zuckerersatz dienen. Ketonkörper liefern nicht nur dringend benötigte Energie – sie üben im Gehirn, zusammen mit dem Stresshormon Kortison, auch eine euphorisierende Wirkung aus. Deshalb verschwindet beim Fasten nach einiger Zeit das Hungergefühl; es weicht einer allgemeinen Zufriedenheit und Hochstimmung. Nicht alle Fastenden erleben jedoch eine angenehme Hungerzeit. Viele leiden unter Müdigkeit, Kopfschmerzen, Schwindel, Schlafstörungen oder Depressionen. Im Hungerstoffwechsel entsteht unter anderem auch vermehrt das Abfallprodukt Harnsäure. Bei entsprechend veranlagten Menschen kann es Gichtanfälle auslösen. Um die Harnsäure auszuschwemmen, ist Trinken das oberste Gebot bei allen Fastenkuren. Aber beim Hungern entsteht nicht bloss mehr Harnsäure: Aus dem Fettgewebe werden manche Giftstoffe mobilisiert. In welchem Mass sie der Körper wirklich selektiv ausscheiden kann, ist nicht geklärt. Vermutlich gehen bei der gewünschten «Entgiftung» ebenso viele nützliche Substanzen verloren. Diabetiker, Schwangere, Stillende, Herzkranke oder Personen mit chronischen Leiden dürfen auf keinen Fall über längere Zeit fasten.

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Die Natur kennt kein Fasten

Eine Fastenkur vermittelt allein schon durch die ungestörte Konzentration auf das eigene Ich das Gefühl, dem Körper etwas Gutes zu tun. Aber: «Fastenkuren schaden der Gesundheit mehr, als sie nützen», warnt Reinhard Imoberdorf. Wie die meisten Schulmediziner hat er noch keinem Patienten zu einer solchen (Ross-)Kur geraten und würde dies auch nicht tun. Wenn Fastenperioden für den Menschen gut und nötig wären, so Imoberdorf, hätte die Natur sicher für einen entsprechenden «Fasteninstinkt» gesorgt. Eine gesunde Ernährung und Persönlichkeitspflege lassen sich auch ohne Fasten erreichen. Etwa durch eine entsprechende Lebensweise, eine komplementärmedizinische Entspannungstechnik wie Meditation oder entspannende Ferientage.

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