Marlis Buchmann ist zu je 50 Prozent Professorin für Soziologie an der ETH und an der Universität Zürich. Die Mutter von zwei kleinen Kindern ist zudem Mitglied der Eidgenössischen Arbeitskommission und Präsidentin des Schweizerischen Sozialarchivs.

Beobachter: Wenn Sie die heutige Schweiz in drei Klassen einteilen, wie gross sind diese Gruppen?

Marlis Buchmann: Die Oberschicht würde ich mit etwa 10 Prozent veranschlagen. Dann haben wir ein breites Mittelfeld von etwa 50 bis 60 Prozent. Die Unterschicht umfasst etwa 30 Prozent.

Beobachter: Was definiert man genau als Mittelschicht?

Buchmann: Am häufigsten wird die Mittelschicht als jene mit einem mittleren Einkommen bezeichnet. Das sind Personen mit einem Einkommen zwischen etwa 40000 und 80000 Franken pro Jahr.

Beobachter: Häufig spricht man vom Mittelstand. Was ist damit gemeint?

Buchmann: Damit werden in der Regel die Selbständigen bezeichnet, die staatstragende Schicht. Man unterscheidet zwischen den «alten» Selbständigerwerbenden Gewerbetreibende, Ladenbesitzer, Bauern und den «neuen» Selbständigen, insbesondere im Dienstleistungsbereich, so zum Beispiel in der Informatik, im Sozial- und Gesundheitswesen, im Beratungssektor.

Beobachter: Und die Unselbständigerwerbenden?

Buchmann: Zur Mittelschicht gehört auch eine Gruppe von Angestellten, die teilweise Kaderpositionen besetzen. Es sind gefragte Fachleute und Experten etwa in den Medien, in der Verwaltung oder in technischen Berufen.

Beobachter: Gibt es unterschiedliche Verhaltensmuster im «alten» und im «neuen» Mittelstand?

Buchmann: Ja. Der traditionelle Mittelstand hat es wegen der wirtschaftlichen Veränderungen heute schwieriger. Die neuen Selbständigen erleben durch die technologische Entwicklung hingegen einen Aufschwung, sie haben die Zukunft vor sich.

Beobachter: Ist der neue Mittelstand eher optimistisch, der klassische eher pessimistisch eingestellt?

Buchmann: Das kann man der Tendenz nach so sagen. Entscheidend für das Denken sind ja nicht nur die momentanen Bedingungen, sondern die Perspektiven als Gruppe. Das prägt dann die Wertvorstellungen bis hin zur politischen Einstellung. Darin unterscheiden sich die beiden Gruppen relativ stark.

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Beobachter: Zum Beispiel beim Abstimmungsverhalten?

Buchmann: Klar. Wenn man Schwierigkeiten sieht, ökonomisch zu überleben, hat man die Tendenz, das Bestehende zu bewahren. Wer in den Strudel gerät, setzt meist nicht auf Veränderung. Wer hingegen von der neuen Entwicklung profitiert, ist stärker nach vorne orientiert. Anderseits gibt es durch die Mobilität auch eine gewisse Lockerung zwischen der Position, die man im sozialen Gefüge einnimmt, und der «dazugehörigen» politischen Orientierung.

Beobachter: Schon vor 50 Jahren hat der Mittelstand über die Steuerlast geklagt. Auch die Warnung vor dem Aussterben ist nie verstummt. Wie ist Ihr Befund heute?

Buchmann: Die Mittelschicht als Ganzes ist relativ stabil. Innerhalb der Schicht aber findet eine beträchtliche Umwälzung statt: ein teilweiser Niedergang beim erwähnten traditionellen und ein ansehnliches Wachstum beim neuen Mittelstand.

Beobachter: Also keine Ausdünnung des Mittelstandes?

Buchmann: Nein. Interessant ist aber, dass selbst innerhalb des traditionellen Mittelstands neue Möglichkeiten entstehen. Der hochqualifizierte Antiquitätenschreiner zum Beispiel oder der ökologische Bauer besetzen neue Nischen sie erleben eine Aufwertung.

Beobachter: Wie entwickeln sich die andern beiden gesellschaftlichen Klassen, die Unter- und die Oberschicht?

Buchmann: Wir beobachten, dass der Anteil der Unterschicht am Gesamteinkommen seit den fünfziger Jahren tendenziell abnimmt.

Beobachter: Aber der Kuchen insgesamt ist gewachsen?

Buchmann: Das stimmt. Es geht nicht um das Realeinkommen, es geht um die Verteilung des ganzen Kuchens. Und da kann man sagen, dass die Ungleichheit zugenommen hat. Armut ist immer etwas Relatives.

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Beobachter: Sie stellen eine Tendenz zur Zweidrittelsgesellschaft fest. Was heisst das konkret?

Buchmann: In vielen westlichen Industrieländern gibt es einen Bevölkerungsteil etwa einen Drittel , der schlecht in die Gesellschaft integriert ist. Er ist infolge Arbeitslosigkeit vom Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Arbeit ist aber ein zentraler Wert unserer Gesellschaft. Deshalb stellt sich für diese Menschen die Frage, wie zugehörig sie sich noch fühlen.

Beobachter: Aber gilt das auch für die Schweiz? Bei uns betrifft die Arbeitslosigkeit ja «nur» 3,5 Prozent der Bevölkerung.

Buchmann: Man darf nicht nur den momentanen Zustand betrachten. Wenn man sich fragt, wie viele Leute im Lauf einiger Jahre arbeitslos waren, ist ein viel grösserer Teil der Bevölkerung davon betroffen. Dazu gibt es in der Schweiz zwar kaum Zahlen, aber man weiss, dass unser Land eine der höchsten Langzeit-Arbeitslosenquoten hat.

Und die Reichen werden sie immer reicher?

Buchmann: In den letzten Jahren ist vor allem das Kapitaleinkommen durch die Börsenentwicklung gestiegen. Das begünstigt jene, die ohnehin schon am Reichtum partizipieren.

Beobachter: Wo liegen die Gefahren, wenn sich die gesellschaftliche Schere immer weiter öffnet?

Buchmann: Die ungleiche Verteilung und das Wachsen der Gegensätze lassen bei einem Teil der Bevölkerung den Eindruck entstehen, er sei zuwenig am Wohlstand beteiligt. Damit kann es zum Wunsch nach einer Umverteilung kommen, was die Gefahr von sozialen Unruhen in sich birgt.

Beobachter: Wie sehen Sie die künftige Entwicklung: Nimmt die Ungleichheit noch weiter zu?

Buchmann: Das Ende der Umstrukturierung und damit der Umwälzungen ist noch nicht absehbar. Solche Entwicklungen kann man aber zumindest ansatzweise steuern etwa über politische Prozesse. Man muss ja nicht alles dem Markt überlassen.

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Beobachter: Können wir aus der Entwicklung im Ausland etwas lernen?

Buchmann: In vielen westeuropäischen Ländern sind diese Prozesse, die wir in der Schweiz beobachten, weiter fortgeschritten, etwa in Frankreich oder in Deutschland. Andere Länder wie England konnten sich hingegen erholen. Mit anderen Worten: Die Entwicklung bietet auch Innovationschancen.