Wer die Toilettenspülung benützt, bei Kerzenlicht ein Schaumbad geniesst oder sich von einer Massagedusche verwöhnen lässt, denkt wohl kaum an Geschichte, schon gar nicht an Religionsgeschichte. Als selbstverständlich erleben wir die Entwicklung von der rein zweckdienlichen Nasszelle hin zur Wellnessoase.

Doch wer sich heute im Bad frisch macht für den Tag, hätte noch vor 100 Jahren das Missfallen der Geistlichkeit auf sich gezogen. Zwar wurde in Europa das erste Klosett mit Wasserspülung bereits 1596 installiert. Doch Reinlichkeit galt damals nicht als erstrebenswert. Im Gegenteil: Im Christentum stand die Reinigung der Seele im Zentrum. So dauerte es bis Mitte des 20. Jahrhunderts, bis Badezimmer in normalen europäischen Wohnungen Standard wurden.

Dass das Bad so lange im Abseits stand, führte der englische Designer Terence Conran in seinem Buch «Die neuen Bäder» auf die kirchlich geprägte Scham gegenüber allem Körperlichen zurück. Dieses «Misstrauen gegenüber dem Körper» sei lange propagiert worden, sagt denn auch Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie an der Universität Lausanne. Er habe diese Haltung schon bei Paulus gesehen, der in der Bibel das Fleischliche gegenüber dem Geistlichen abwertete.

Kein Wunder, dass westliche Badezimmer mittlerweile öfters von fernöstlichen Badetraditionen inspiriert sind. So wurde etwa der japanische Holzbadezuber plötzlich zum schicken Wohnaccessoire. Die japanische Schlichtheit im Bad steht für die Huldigung der Natur. Die Rückkehr zu ebendieser zeigt sich auch in modernen Badmaterialien: Holz, Terrakotta oder Naturstein. Das Bad wandelt sich nach und nach zu einer Art Hauskapelle für den modernen Körperkult. Spiritualität wird immer wichtiger und der Körper spielt dabei eine wichtige Rolle.

Verbindung von Schlafraum und Bad

Wo früher die heilige Dreifaltigkeit Badewanne, Lavabo und WC in bescheidenem, einheitlichem Look und vor karger Kulisse ihr Dasein fristete, stehen heute moderne Skulpturen. Sogar Designergrössen wie Gianni Versace, Philippe Starck oder Wolfgang Joop gestalteten in neuerer Zeit sanitäre Einrichtungen.

Die breite Masse entdeckte das Bad jedoch erst in den letzten paar Jahren als individuell gestaltbaren Raum. Was in der normalen Wohnung eben noch als chic galt, nämlich klinisch weisse, gekachelte Zellen, aufs Wesentliche reduziert, ohne Schnörkel, ohne Muster und schon gar nicht blumig dekoriert, scheint den Trendzenit längst überschritten zu haben. Vermehrt halten wieder Farben, warme Materialien und sogar florale Muster Einzug. Das A und O ist dabei die Wohnlichkeit. Wenn irgendwie möglich, verschafft man dem Badezimmer Zugang zu Tageslicht. Wer es sich leisten kann, verbindet Schlafraum und Bad. Nachdem Küche und Wohnraum verschmolzen sind, geschieht Ähnliches mit Bade- und Schlafzimmer - eigentlich logisch, denn beide Räume sind intime Orte.

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Nicht immer lassen es die Platzverhältnisse aber zu, dass man die Badträume aus den Designheften auch verwirklicht. Deshalb wurden in den letzten Jahren auch fürs kleine Bad Schmuckstücke geschaffen, etwa beleuchtete Badewannen, die den Raum grösser aussehen lassen, grosszügige Glaswände oder Leuchten, die Räume mit warmem Licht füllen. Auch Wellnessluxus kann man sich heute in die kleine Nasszelle einbauen: Die Whirlpool-Badewanne etwa ist erschwinglich geworden. Aber es geht auch mit weniger: Zunehmend weichen in kleinen Räumen Badewannen modernen Duschen, die inspiriert sind von Einrichtungen in Hotels oder Wellnessanlagen. Tellergrosse Wasserspender, die den Körper rundum mit warmem Nass umgeben, erinnern an einen tropischen Wasserfall. Idealerweise ist die Dusche dabei direkt zugänglich, also so gebaut, dass keine Tür, kein Vorhang nötig ist.

Buddhafigur und Kerzenschein

Das Bedürfnis nach Wohnlichkeit im Bad zeigt sich aber auch im ganz Kleinen: Statt eines abgetretenen rosa Teppichs aus Acryl liegt im Bad ein Holzrost aus Teak. Auch bei den Accessoires sind viele Stücke orientalisch oder asiatisch inspiriert. Was aber nicht heisst, dass man als Christ zu einer anderen Religion konvertieren muss, um ein warmes Bad im Kerzenschein so richtig geniessen zu können. Denn auch die christliche Abneigung gegen das Fleischliche scheint nicht in die Badezimmerkacheln gemeisselt zu sein. Religionssoziologe Stolz etwa sagt: «Will das Christentum überleben, muss es dem Körper mehr Bedeutung schenken.»

Ob man sich also eine Buddhafigur ins Badezimmer stellen will, einen japanischen Badezuber oder ein christliches Kreuz, ist jedem selber überlassen. Das Wichtigste ist, dass man den Raum individuell gestaltet und sich darin wohl fühlt.

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So machen Sie Ihr Badezimmer wohnlich

  • Licht
    Schaffen Sie eine Beleuchtungssituation, die nicht grell ist, oder kaufen Sie zumindest dimmbare Lampen.


  • Farben
    Trauen Sie sich, mit Farbe zu arbeiten. Wenn nicht bei den Wänden, dann zumindest bei der Frottierwäsche.
  • Accessoires
    Wieso nicht mal eine Blume ins Badezimmer stellen? Oder ein gerahmtes Bild, etwa von Menschen, die Sie mögen?
  • Sanitäre Einrichtungen
    Waschbecken mit beleuchteten Kunststoffinnenwänden sehen besonders leicht aus, weil sie in der Luft zu schweben scheinen. Eine grosszügige Dusche statt einer Badewanne kann viel Raum schaffen, gerade in kleinen Bädern.
  • Bauliche Massnahmen
    Überlegen Sie, ob Sie das Bad zulasten anderer Räume vergrössern können. Manchmal hilft es schon, eine Wand etwas zu verschieben - beispielsweise indem man das Schlafzimmer verkleinert. Einzelne Elemente können auch ausgegliedert werden (etwa das WC in einen separaten Raum). Oder vielleicht haben Sie auch schon immer von der Badewanne im Schlafzimmer geträumt.