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BettgeschichteZu zehnt im Vierfüssler

Späte Gäste liess man ins eigene Bett schlüpfen. Und natürlich schlief man nackt und zu zehnt im selben Bett. Bis die Pest durch Europa zog und alles anders wurde.

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Verschliessen wir die Augen vor der garstigen Zeit, in der sich die müden Erdenbewohner in Höhlen verkrochen. Beginnen wir dort, wo die Bequemlichkeit in die Geschichte einzieht, beim berühmtesten Bett der Antike. Es erhebt sich im Britischen Museum in London. Im doppelten Sinn. Zum einen ist es ein Relief, zum andern räkelt sich darauf König

Sardanapal, der gar nicht so ausschaut, als hätte er vor mehr als 2500 Jahren Babylon erobert, um der Sünde Herr zu werden. Die Damen, die ihn bedienen, müssen sich jedenfalls nicht bücken, um ihm Köstlichkeiten darzureichen.

Sardanapal ruht auf jenem Typus Bett, der im Zweistromland verbreitet war und den man von ägyptischen Gräbern her kennt: ein mit Gurten bespanntes Gestell, das je nach Stand und Vermögen mit Teppichen und Polstern belegt war.

Splitternackt mit Schlafmütze
In Indien ist das Modell noch heute in Gebrauch. Es heisst Charpoy, was sich mit Vierfüssler übersetzen lässt. Die leichten Holzrahmen mit geflochtener Liegefläche lehnen tagsüber dutzendweise an Hauswänden und bedecken nachts ganze Trottoirs. Ein so mobiles Möbel dürfte Jesus gemeint haben, als er zum geheilten Gelähmten sprach: «Steh auf, nimm dein Bett und geh heim.»

Die erste Hochblüte ausgewachsener Bettkultur fällt in die Zeit der Römer. Sie lagen eigentlich immer, wenn sie nicht gerade an der Front bei horizontalen Eroberungen um vertikale Beförderung kämpften. Nachts legten sie sich ins schmucklose Cubiculum, einen ungemütlich dunklen Raum, auf dessen Boden sich die Bediensteten neben dem Bett der Herrschaften ausstreckten. Morgens verlagerten sie sich in den Lectulus, das kleine, einplätzige Bett zum Lesen, Schreiben und Essen. Für geselligere Gelage diente das mehrplätzige Triclinum, das die beliebte hufeisenförmige Tisch- und Liegeordnung erlaubte.

Dem Klima entsprechend schlief es sich an mittelalterlichen Höfen. In den zugigen Gemäuern teilten sich Familien mitsamt Kindern, Onkeln und Tanten, Dienern und Leibeigenen das Lager. Solange die Höfe nomadisierten, bestand das Lager aus Kissen und Säcken am Boden – vom 13. Jahrhundert an aus mit Brettern eingefassten Strohmatten von gewaltigen Ausmassen. Darin schliefen die höfischen Haushalte nicht nur gemeinsam, sondern – sehr zum Missfallen der Kirche – auch noch nackt.

Der heilige Benedikt riet seinen Mönchen, voll angekleidet und mit zugeschnürtem Gürtel im Einzelbett zu nächtigen. Diese Vorschrift verbannte die Mönche auf frostige Pritschen oder Wandbänke. Sie hätte an sich genügt, die Sittlichkeit der Brüder zu wahren, denn wer die Kleider am Leib behielt, signalisierte damit, dass er nicht die Absicht hatte, sich im Bett anderem hinzugeben als dem Schlaf. Als der Ritter Lanzelot bei einer Dame übernachten musste, die sich in ihn verliebt hatte, behielt er einfach sein Hemd an, um wortlos mitzuteilen, dass er ihre Neigungen nicht teilte.

Bei der Nachtbekleidung war der Hals so etwas wie die sittliche Wasserscheide. Mönche schliefen bis zur Halskrause bedeckt, aber mit nacktem Haupt, während der Rest der Bevölkerung splitternackt, aber mit einer Schlafmütze ins Bett hüpfte. Ob als turbanartiges Gebilde oder als neckisches Spitzenhäubchen – die Schlafmütze geisterte durch die Jahrhunderte. Da ihre erotische Anziehungskraft heute stark nachgelassen hat, sei immerhin ihre praktische Wirkung erwähnt: Sie hielt Kälte und Viecher in Schach. Ähnlichen Zwecken diente eine andere textile Ergänzung – der Bettenhimmel. Er bestand aus dicken Vorhängen, die man nachts zuzog und bisweilen sogar von innen verschnürte, um unwillkommene Bettgäste auszusperren.

In einer alten Aargauer Urkunde wird beschrieben, wie ein mittelalterliches Bett aussah: «Ein laubsack, zwei linlachen, ein tecki, ein pfulwen und daruff zwei kopf küssi.» Es war üblich, dass Menschen, die in keiner häuslichen oder familiären Beziehung zueinander standen, mit grösster Unbefangenheit miteinander ins gleiche Bett stiegen. In kalten Gegenden galt es als Gebot der Höflichkeit, einen späten Gast, der zum Übernachten gezwungen war, ins eigene Bett schlüpfen zu lassen.

Kampf gegen den moralischen Schmutz
Von 1347 bis 1352 geschah, was sowohl Besitzverhältnisse wie geistige Werte und nicht zuletzt auch die Bettmode einschneidend veränderte: Die grosse Pest zog durch Europa. Millionen von Menschen wurden dahingerafft, was den bestehenden Reichtum zwangsläufig auf wenige Erben konzentrierte. Diese begannen, angesichts der irdischen Vergänglichkeit, ihre weltlichen Güter schamlos zu geniessen und zur Schau zu stellen.

Sie stapelten das Erbe am sichersten Ort des Hauses: unter dem Bett. Truhen kamen auf, man schob sie unter die Schlafstatt oder benutzte sie als Trittbrett zum bequemeren Einstieg in die zwangsläufig höher werdenden Betten.

Reichtum isoliert, und so beginnt die Privatisierung des Bettes. Die grossen Gemeinschaftsbetten verschwinden, ins Zentrum des Raumes rückt ein riesiges, erhöhtes Paradebett, in dem ein einziger (wohlhabender) Mensch thront. Möglich wird das Einzelgängertum durch die Erfindung von Wind abweisendem Fensterglas. Glas ist zwar horrend teuer, aber straft die nächtliche Einsiedelei nicht gleich mit Erfrierungen.

Die letzten Schlafkommunen lösen sich Ende des 18. Jahrhunderts auf, als eine Revolution durch die Betten fegt: die Hygiene. Holzbetten müssen Eisengestellen weichen, die den Schmutz nicht aufnehmen, vor allem aber muss jeder sein eigenes Bett bekommen, und das in einem eigenen Zimmer. Denn die hygienische Reinigungswelle ist auch eine Kampfansage an den moralischen Schmutz.

Die Unbefangenheit gegenüber der Nacktheit verschwindet, das Nachthemd breitet sich aus. Im 19. Jahrhundert ist das Gefühl der Peinlichkeit bei der Entblössung des eigenen Körpers so gross, dass unförmige Stoffmengen den Körper auch im engsten Familienkreis gänzlich verhüllen müssen. In diesen bürgerlichen Haushalten, in denen selbst eine Ehefrau nur als anständig gilt, wenn sie beim Vollzug ehelicher Pflichten keinerlei Vergnügen empfindet, muss der Intimbereich der Eltern vor den Kindern verborgen werden.

Das Ehebett wird in ein Elternschlafzimmer verbannt, das als Tabuzone die angeblich schmutzigen Vorgänge vor den reinen Kinderblicken fern hält. Dass es den Kindern auch die schwachen Momente ihres Vaters vorenthält, den sie bloss noch als gefürchteten Kraftprotz wahrnehmen und kopieren, hat den Knaben einen Männlichkeitswahn eingepflanzt, an dessen Seitentrieben Männer- und Frauenbewegungen noch heute herumjäten.

Inzwischen ist das Bett zur Selbstverständlichkeit geworden, unermüdlich stellen wir es um, mit der Mode oder gegen sie, und immer zeigen sich darin soziale Veränderungen. Das Bett ist der beliebteste Ort des Umgangs mit sich und seinen Nächsten, Startbahn ins Leben, oft auch in den Tod, der gängigste Ort der Zeugung. Leider können wir es nicht mitnehmen, wenn uns das letzte Schlaflied gesungen wird und man uns ins Kistlein zur ewigen Ruhe bettet.

Veröffentlicht am 09. September 2004