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DorfnamenIm wahrsten Sinn des Ortes

In Bubendorf gibts mehr Buben als Mädchen. Doch in Witzwil ists gar nicht so witzig: Die Beobachter-Redaktion hat sich zu einer sommerlichen Entdeckungsreise durch die Schweiz aufgemacht, um herauszufinden, ob Ortsnamen halten, was sie versprechen.

Bubendorf (BL, 375 m ü. M., 4403 Einwohner)
Das findet er cool und lässig an Bubendorf: den grossen Coop mit der super Chipsauswahl. Die Turnhalle, weil sie sehr schön sei. Und nicht zu vergessen: Sehenswürdigkeiten wie das Schloss Wildenstein.

Das Wildschwein Idefix könne man anschauen. Und das Afghanistan-Museum, dort würden Schätze gezeigt. Gut sei auch, dass Bubendorf nicht mitten in einer Ebene liegt. «Am 1. August kann ich auf einen Hügel steigen und habe den ganzen Himmel im Überblick», sagt Silvan Hostettler.

Doch eines fehle in Bubendorf: ein Schwimmbad oder ein See. «Auch ein McDonald’s wäre toll», findet er. «Und ein Kino.» Silvan Hostettler ist zwölf Jahre alt. Ein Bub aus Bubendorf.

«Ich finde das gar nicht so schlecht, dass es bei uns nicht alles gibt», sagt die elfjährige Ann, «sonst kämen wir gar nie aus Bubendorf hinaus.» Das sagt sie aber nicht, weil sie ein Mädchen ist. Ihr Bruder findet das auch.

Die Klasse 5c wird dem Ortsnamen gerecht: zwölf Knaben, sechs Mädchen. «Ich finde, es hat hier viel mehr Buben als Mädchen», sagt der elfjährige Steven. Und Silvan ist überzeugt, dass das fürs ganze Dorf gilt: «Wir sind in Bubendorf in der Überzahl.» Die Statistik gibt ihm Recht: Mit 245 Vertretern sind die Bubendorfer Buben in der Mehrheit. Mädchen gibt es zwar nur 18 weniger, aber immerhin.

Warum sind die Buben in der Überzahl? «Weil wir besser sind.» Protest von Schulkollegin Livia, 11: «Nein. Es ist einfach so; das ist Zufall.»

Severins Erklärung besticht: In Bubendorf wohnen mehr Buben, weil es Bubendorf heisst. «Wahrscheinlich gibt es in Frauenfeld mehr Mädchen», vermutet er. Und lustig sei ja auch, dass das Eidgenössische Turnfest 2002 in Bubendorf stattfand und das nächste in Frauenfeld veranstaltet wird. Elisabetta Antonelli

Chäs und Brot (BE, 595 m ü. M., geschätzte 30 Einwohner)
Hungrig nach Chäs und Brot zu kommen ist keine gute Idee; ausser es ist nach 17.30 Uhr, donnerstags bis samstags. Nur dann nämlich hat «Hedi’s Beizli» offen. Käse und Brot stehen zwar nicht auf der Speisekarte des Landgasthofs gleich neben der Kuhtränke, dafür Schweinehalssteak mit Kräuterbutter für Fr. 19.50.

«Hedi’s Beizli» mag, wenn es denn geöffnet ist, ein Dorftreff sein – ansonsten ist der zur Stadt Bern gehörende Weiler Chäs und Brot ziemlich ausgestorben. Ein gutes Dutzend Häuser entlang der Bottigenstrasse; ein paar Bauernbetriebe, von deren Feldern aus der Blick übers hügelige Mittelland schweift; die Spinnweben werden den feuerroten Billettentwerter an der Postauto-Haltestelle bald umschlungen haben. Bleierne Mittagsstille legt sich über den unscheinbaren Ort.

Wäre nicht «Tempo 40» markiert, gäbe es keinen Grund, auf der Landstrasse von Bern Richtung Neuenburg in Chäs und Brot zu bremsen. Immerhin eine «gewisse Bedeutung für das Orts- und Landschaftsbild» schreibt das Berner Stadtarchiv dem 1818 erbauten Riegelhaus zu, das an der strassenseitigen Fassade in schöner alter Schrift mit «Chäs und Brot» angeschrieben ist. «Als meine Grossmutter das Haus kaufte, war es noch das Ofenhaus des Dorfes», erinnert sich Daniel Hänni, vor 60 Jahren hier geboren und noch immer wohnhaft. «Nirgends wäre mir so wohl wie hier: Ich wohne auf dem Land und bin doch in zehn Minuten am Bahnhof Bern.»

Vor 666 Jahren brauchte man dafür noch länger. Darum, so meint das «Geographische Lexikon der Schweiz», hätten die Berner Truppen anno 1339 bei ihrem Marsch auf Laupen sich bei diesem Weiler verpflegt, weswegen er fürderhin Chäs und Brot genannt wurde. Gleich daneben liegt im Übrigen der «Wursthügel».

Schade nur, dass die Historiker die Laupenkrieg-Geschichte als Legende abtun. Wahrscheinlicher sei, so das Berner Ortsnamenbuch, «dass wir es mit einem Spottnamen auf eine kleine und wenig ertragreiche Bauernsiedlung zu tun haben». Ziemlich prosaisch. Martin Müller


Erde
(VS, 810 m ü. M., 536 Einwohner)
Myriam Evéquoz winkt ab. «Nein, mit dem deutschen Wort Erde hat der Dorfname nichts zu tun», sagt die aus Erde VS stammende Lokalhistorikerin. Eine noble Walliser Familie habe dem Dorf den Namen gegeben, erklärt sie.

Das «Historisch-biographische Lexikon der Schweiz» meint, es sei umgekehrt gewesen. Im 13. Jahrhundert soll sich eine Familie nach dem Dorf Erde benannt haben. Ein Jahrhundert später war das Edelgeschlecht wieder erloschen. Die Familie scheint, excusez, nicht sonderlich gut geerdet gewesen zu sein. Dem Winzerdorf oberhalb von Sitten hingegen geht es bestens.

«Hier ist nie deutsch gesprochen worden», betont Marc Udry, der Dorfälteste von Erde, und pocht energisch auf den Tisch. Kein Problem, war ja nur eine Frage. Der 80-Jährige breitet alte Dokumente aus. Die erste Erwähnung des Namens datiert vom 12. Jahrhundert.

Wie auch immer, die Erde von Erde VS hätte es allemal verdient, geehrt zu werden. Es sind zwar nur wenige Zentimeter, die den brüchigen Schieferstein am Südhang des Mittelwallis bedecken, und jährlich fallen gerade mal knapp 600 Millimeter Regen, kaum die Hälfte des Schweizer Durchschnitts. Es ist eine der trockensten Regionen der Schweiz. Doch die Aromenvielfalt, die die Rebstöcke auf dem kargen Terrain entwickeln – die Melisse der Heida, die Lindenblüten des Fendant, der Honig der Marsanne, die Mineralsalze der Petite Arvine, die Kamille der Malvoisie –, lässt die Weinfreunde jubeln. Aber ja, Pardon, Erde VS hat ja nichts mit Erde zu tun.

«Erde – das muss ein alter Dialektausdruck gewesen sein», so der alte Udry. Er ist einer der Letzten, die das lokale Patois – eine Mischung aus Küchenlatein und Langue d’Oïl – beherrschen. Schnell legt er ein paar Takte hin im knorrigen Idiom der alten Erder und freut sich ob der Ratlosigkeit seines Gegenübers.

Aber wenn Erde VS nicht Erde heisst, was dann? Ein Hauch von Melancholie huscht über Udrys sonnengegerbtes Gesicht. Er zuckt resigniert mit den Schultern. Wer der staubigen Erde von Erde VS den Namen gegeben hat und was er bedeutet, ist auch dem Weisen ein Rätsel. Lukas Egli


Geiss
(LU, 606 m ü. M., 400 Einwohner)
Das Verkehrsschild am Dorfeingang warnt vor Kühen auf der Strasse – zu Recht, wie sich kurz darauf zeigt: Eine Bäuerin treibt Braunvieh am «Ochsen» vorbei, wie der einzige Gasthof im Ort heisst. Eine fast gotthelfsche Szene, durchaus passend zu Geiss, das einen Teil der Drei-Dörfer-Gemeinde Menznau im Luzerner Hinterland bildet. Vieles im Weiler mit seinen schönen, behäbigen Bauernhäusern inmitten einer Hügellandschaft erinnert an vergessen geglaubte Zeiten: Auf dem Friedhof verabschieden sie ihre Toten mit gerahmten Fotos, die Neugeborenen werden mit Storch und Geburtsbaum willkommen geheissen.

Weitere Eindrücke eines Dorfrundgangs in der Sommerhitze: Ein Hofhund döst im Schatten einer Holzbeige, im Teich dümpeln Enten, im Pilgerbuch der Dorfkirche bittet ein Kind den heiligen Jakob darum, «dass unsere Katzen lang bei uns bleiben können». Moment mal: Kühe, Ochsen, Storch, Enten, Hund, Katzen. Mit Tieren aller Gattungen hat man es in und um Geiss zu tun – bloss mit einer nicht: Geissen. Gut gibts noch die Dorfkäserei, die einem Kunden auch dann öffnet, wenn sie eigentlich nicht geöffnet ist. Einmal Geissenkäse, bitte! «Tut mir leid», sagt jedoch die freundliche Käserin, «Geiss ist gerade ausgegangen.» Daniel Benz


Laus
(GR, 1300 m ü. M., 15 Einwohner)
Die Uhr tickt so laut, wie es Uhren nur bei alten Leuten tun dürfen. Die Duffs schenken dem Zeitmesser wahrscheinlich seit Jahren keine Aufmerksamkeit mehr. «Wie die Zeit vergeht», sagt Duri Duff, und seine Frau Gertrud holt alte Fotos hervor.

Laus GR. Steile fünf Kilometer oberhalb des Örtchens Cumpadials gelegen. Eine Kapelle, ein paar Laternen und ein nach dem Dorf benannter Bilderbuch-Bergsee. Nach Disentis sind es gute zehn Kilometer, nach Chur fast 60.

Mit seinen 15 Einwohnern ist Laus so klein, wie es der Name erwarten lässt. Wenn der 76-jährige Duri und seine 77-jährige Gertrud ihre engsten Verwandten um sich scharen, wären sie bei Abstimmungen bereits mehrheitsfähig. Neben den acht Duffs sind noch zwei Mathiuets, zwei Deplazes, zwei Castelbergs und die Frau Deflorin, die Dorfälteste, im Weiler Laus beheimatet.

Noch 1960 lebten 61 Seelen in Laus. Dann ging es bergab. 1970 waren 40 Einwohner gemeldet, 2000 noch 20. «Die Jungen gehen weg, die Alten sterben», erklärt Gertrud, das sei der Lauf der Zeit.

Duri hat mit Gertrud eine Unterländerin nach Laus hochgeholt, dahin, wo im Winter zwei Monate lang nie die Sonne scheint. Damals, vor 50 Jahren, als er mit Kutschenfahrten in Arosa im Winter Geld dazuverdiente. Das waren noch Zeiten. Der Volg-Händler packte einmal pro Woche die Waren, die die Lauser bestellt hatten, aufs Ross. Erst Ende der fünfziger Jahre, als die Strasse gebaut war, fuhren die Lauser zum Einkaufen selber ins Tal. Damals gab es noch zwölf Bauern, keiner hatte mehr als vier Hektaren Land. Heute sind es noch zwei Betriebe. Halb Laus gehört den Duffs, denn Duri hat meistens gekauft, wenn die anderen aufgaben. Und mit den 30 Hektaren, die der Sohn heute bewirtschaftet, sei «es rächts Puure möglich», meint Duri und zwinkert verschmitzt mit den Augen. Der Boden sei gut.

Der Dorfname kratzt sie schon lange nicht mehr. «Laus kommt von loben und ist lateinisch», erklärt Duri Duff. Sie seien weder Lausbuben noch Lausmädchen gewesen. Der Unterricht war streng und immer in Rumantsch. Läuse hätten vor allem die Mädchen gehabt, die Buben nicht, die hatten einen Bürstenschnitt.

Wird es Laus in 50 Jahren noch geben? «Sicher», sagt Duri Duff. «Mein Enkel interessiert sich für den Hof.» Der wird dann vielleicht der einzige Bauer in Laus sein, denn «die andere Familie hat keinen Jungen, der sich fürs Bauern interessiert». Ursula Gabathuler


Moskau (SH, 427 m ü. M., 50 Einwohner)
Oft gehört, nie gemacht: «Moskau einfach!» Dann mal los in allgemeiner Richtung Nordost. Am Zielort genügt ein Blick: keine Spur von Kommunismus in Moskau. Entlang der trottoirlosen Hauptstrasse dominiert ein Geschäftsgebaren nach bester kapitalistischer Manier. Drei Grosstankstellen konkurrieren im Rappenbereich um deutsche Automobilisten, die hier vergleichsweise günstig tanken. Moskau: ein Ortsteil der Schaffhauser Gemeinde Ramsen – ein Zollhaus, zwei Wohnblöcke und eine Hand voll Einfamilienhäuser inmitten einer Ansammlung gesichtsloser Gebäude von Bau- und Speditionsfirmen.

Wie bloss kommt Moskau auf die Landkarte der Schweiz? «Irgendetwas mit der Russenmafia», sagt die Serviertochter des Restaurants Hegau, das bis 1934 «Zur Moskau» hiess, und lacht schallend. Ihre Erklärung ist historisch zwar unscharf, im Grunde aber nicht falsch: 1799, im Zweiten Koalitionskrieg, besetzten russische Truppen das Dorf und trieben es wild. «Me hät no lang vo däne Kärli gredt», notierte später der Ramser Ortshistoriker Albert Hug, «si hönd gar wüescht to ghaa.» Ein Landwirt war dermassen beeindruckt, dass er seinen Besitz Moskau taufte. Suspekt genug. Jedenfalls vermutete in den dreissiger Jahren das Naziregime, im damaligen Restaurant zur Moskau werde ein bolschewistischer Überfall geplant. Eines Nachts kam ein Trupp der SS über die Grenze und stellte die Verhältnisse klar.

Ist seither alles Russische verbannt? Fast scheint es so. Immerhin, die Speisekarte des «Hegau» führt Wodka. War es das? Nicht ganz: Auf einem Regal in der Brockenstube findet sich, verschämt fast, ein vergilbtes Büchlein mit der «Kreutzersonate» von Leo N. Tolstoi. Die nette Dame an der Kasse ist ganz verzückt. «Ich wusste gar nicht, dass wir das haben.» Jetzt nicht mehr: Das letzte Stück Russland tritt die Reise in einfacher Richtung an – weg von Moskau. Daniel Benz


Müllheim
(TG, 413 m ü. M., 2493 Einwohner)
Hübsch, aber hoffnungslos verschlafen. Weder der «Schwinger-Pub» noch der Hundesalon Eilish vermögen den ersten Eindruck zu revidieren, den das 2500-Seelen-Dorf Müllheim der Fremden vermittelt.

Häufig liegt der Reiz im Verborgenen, denk ich mir und mache mich auf die Suche nach einer ortskundigen Person – angesichts der menschenleeren Strassen an diesem sonnigen Vormittag kein leichtes Unterfangen.

«Die Hauptattraktion von Müllheim?» Die junge Frau mit den tomatenroten Haaren kräuselt die Nase, legt die Stirn in Falten und überlegt. «Am ehesten der Minigolfpark.» Was den Müllheimern gut genug ist, kann mir nur recht und billig sein. Also nichts wie hin.

Ich bin um Stunden zu früh. Es ist Dienstag, und die Anlage öffnet erst um 16 Uhr. Doch das Warten sollte sich lohnen. Was mich im Minigolfpark Müllheim erwartet, ist weit mehr als ein kleiner Plastikball, ein Schläger und metallene Pilzlilampen in verblichenem Rot.

An diesem Dienstagnachmittag erlebe ich in Müllheim nichts Geringeres als wahren Luxus. Er offenbart sich in Form von Exklusivität: Der ganze Minigolfpark gehört mir allein. Nicht ein einziges Mal muss ich warten, bis die nächste Station frei wird. Muss keine quengeligen Kinder, keine sauertöpfischen Teenager ertragen, muss mir keine belehrenden Ausführungen von ehrgeizigen Vätern anhören. Und vor allem: Niemand beobachtet mich, während ich den Ball zum x-ten Mal am Hindernis vorbei ins Off befördere. Echter Luxus. Andrea Haefely


Paradies
(TG, 404 m ü. M., 300 Einwohner)
Es ist nicht Sein erstes Paradies. Bereits vor Äonen hatte Er mit dem Garten Eden die Mutter aller Paradiese geschaffen. Im Jahr 1253 muss Er wohl Lust auf ein neues Paradies gehabt haben. Sein Drang manifestierte sich diesmal am Thurgauer Südufer des Rheins, in Gestalt des Klarissinnenklosters Paradies. Die letzten Betschwestern des Bettelordens warfen allerdings bereits 1836 den Bettel hin.

Überliefert ist, dass Er bereits 1896, wenige Kilometer vom alten, ausgedienten Paradies, ein neues schuf. Ob aus purer Langeweile oder dem echten Bedürfnis folgend, schöpferisch-lustgärtnerisch tätig zu werden, ist nicht überliefert.

In Sachen Glanz und Gloria zu Gottes Ehren kann es das Neu-Paradies mit dem Original nicht aufnehmen. Dafür verfügt es über Insignien der Neuzeit, etwa über einen Bahnhof, eine stattliche Lehmgrube, eine Ziegelei und Wohnhäuser für deren Arbeiter.

Viel Glück war dem Neu-Paradies, das eigentlich nur ein Quartier der Gemeinde Schlatt ist, nicht beschieden. Die Ziegelei hat harte Zeiten hinter sich. Und aus der stillgelegten «Uufzügi», einer ehemaligen Aufzugfabrik, ist ein bescheidenes Gewerbezentrum geworden. Den absoluten Tiefpunkt erlebte Neu-Paradies 1993: Damals wurde der 13-jährige Dario im Ortsbach ermordet.

Ein himmlisches Paradies, so heisst es zumindest, soll es ja immer noch geben. Allein, es ist bekanntlich nicht jedermann vergönnt, den spirituellen Lebensabend dort zu verbringen. «Wir waren wenigstens schon vor dem Tod im Paradies», sagen die Einwohner, «für den Fall, dass es nachher nicht ganz reicht.» Andrea Haefely


Tartar
(GR, 995 m ü. M., 176 Einwohner)
Während der Fahrt im Postauto von Thusis bergwärts turteln zwei Einheimische. Er will nichts als Schmusen, sie sagt, sie sei zu alt dafür.

Was erwartet den Gast in Tartar? Einöde, Steppe oder doch rohes Fleisch? In der Dorfbeiz Alpina gibt es kein Tartar auf der Karte. Auf Nachfragen sagt die Wirtin: «Die Leute hier oben haben es lieber einfach.» Deshalb eben Cordon bleu, Wurstsalat oder Bratwurst mit Pommes frites.

Am Rohmaterial würde es derweil nicht fehlen: Gegenüber vom Restaurant wirbt ein grosser Bauernhof mit dem Schild «SwissPrimBeef».

Grün ists in Tartar, lieblich. Verblühte Pfingstrosen am Dorfeingang, ein Kirchlein mit Zwiebelturm, stattliche Wohnhäuser, eine prachtvolle Aussicht auf das Domleschg und die umliegenden Berge. Alpenidylle.

«Tar» ist auch eine vorrömische Wortwurzel für Wald. Um 1290 wurde das Dorf erstmals urkundlich als Tartere erwähnt. Heute umfasst es 158 Hektaren vom Porteinertobel im Süden bis zum Tignezertobel im Norden, äusserer Heinzenberg, hauptsächlich Schieferstein. Nix mit Steppe oder Einöde, sogar eine Post hats im Dorf. Geöffnet von 7.40 bis 8.10 Uhr und 16.15 bis 17.15 Uhr. Birthe Homann


Witzwil
(BE, 432 m ü. M., knapp 250 Einwohner)
Als der Armeehelikopter zum dritten Mal im Tiefflug über mich hinwegdonnert, verwerfe ich den ersten Verfolgungsgedanken: Du siehst Gespenster. Sicher, ich habe mich über die Verbotstafel «Anstaltsareal – Privatweg» hinweggesetzt und radle über kleine Strässchen durch die topfebene Landschaft. Aber für die Heliflüge wird es gewiss eine andere Erklärung geben als die Jagd auf einen Velofahrer im Fahrverbot.

Der vielleicht 40-jährige stämmige Mann steigt für ein Schwätzchen von seinem Traktor. Ob ich den Witz schon kenne? Ein hübsches Mädchen geht an einem Gefängnis vorbei, da ruft der Insasse aus dem Zellenfenster: «Haben Sie heute in vier Jahren schon was vor?» Ob der Erzähler selbst Gefangener oder landwirtschaftlicher Angestellter ist, bleibt offen.

Denn: «Anstaltsareal» meint den 630 Hektaren grossen Landwirtschaftsbetrieb, der zur halboffenen Strafanstalt Witzwil gehört. Knapp 200 Häftlinge verbüssen hier ihre Strafen. Auf den ehemaligen Anstaltsaussenhöfen wohnen höchstens 50 weitere Leute; politisch gehören sie, je nach Standort, zu den Gemeinden Ins oder Gampelen.

Zu lachen gibts wenig hier in Witzwil, dessen Name auch nicht von Scherzen herrührt. Amtsnotar Friedrich Witz kaufte das erst mit der Juragewässerkorrektion zum Kulturland gewordene Gebiet zwischen Ins und der Broyemündung Ende der 1860er Jahre auf. Später kam das Land in den Besitz des Kantons Bern, der darauf 1895 die Strafanstalt errichtete.

Ausserdem wurde das weitläufige Gelände jahrzehntelang als Abfalldeponie der Stadt Bern genutzt. Daher kommt die Bezeichnung «Scherbenland», und darum ist auch ein halbes Jahrhundert später kein biologischer Landbau möglich. Noch heute, erzählt der Inser Gemeindeschreiber, findet man nach nur leichtem Graben Porzellan des Berner Bahnhofbuffets.

Weiter mit dem Velo über die verbotenen Strässchen, vorbei an Sonnenblumen-, Kartoffel- und Gemüsefeldern. Den Helikopter habe ich schon fast vergessen, da steigen zwei ältere Herren aus einem entgegenkommenden Auto und weisen höflich, aber bestimmt darauf hin: «Anstaltsgelände, Sie wollen doch nicht dort drüben im Gefängnis landen, oder?» Von der möglichen Busse bei Zuwiderhandlung des Betretungsverbots (1 bis 40 Franken) sehen sie freundlicherweise ab. Sie beobachten mich aber genau, bis mein Rad wieder auf die erlaubte Hauptstrasse einbiegt. Sie hindern mich am Betreten des Geländes – so, wie sie vor 30 Jahren meinen Vater, der in Witzwil eine Strafe absass, am Verlassen hinderten. Martin Müller

Veröffentlicht am 18. Juli 2005