Muss das nicht schrecklich sein? Bis vor einigen Monaten wohnten Emil und Christa Zopfi in Obstalden im Glarnerland, wo sie –  der bekannte Schriftsteller und nach eigenen Worten «fanatische Kletterer», und die Journalistin – in ihrem geräumigen Haus Schreibseminare anboten. Dort oben, am Fusse des Mürtschenstocks, fühlte sich Emil Zopfi, 67, seiner geliebten Bergwelt nahe, genoss an klaren Tagen den Blick hinüber auf die nackten Steilwände der Churfirsten und hinunter auf den Walensee – für einen Bergsüchtigen wie ihn ein paradiesischer Ort. Anfang dieses Jahres haben die Zopfis eine Stadtwohnung in Zürich bezogen.

BeobachterNatur: Emil Zopfi, haben Sie kein Heimweh nach der hehren Bergwelt?
Emil Zopfi: Nicht wirklich. Die Berge sind ja auch hier präsent. Sie werden lachen: Von meinem Arbeitszimmer aus erblicke ich bei guter Sicht meinen ehemaligen Hausberg, den Mürtschenstock, und vom Zimmer darüber das Vrenelisgärtli auf dem Glärnisch. Zürich liegt ja zum Glück nicht allzu weit weg von den Bergen, und zudem habe ich hier den Uetliberg fast vor der Haustür.

BeobachterNatur: Immerhin sind Sie Alpinist. Was kann Ihnen der Uetliberg da bieten?
Zopfi: Unterschätzen Sie den Uetliberg nicht! Es gibt da sehr schöne, versteckte Wege und eine herrliche, reiche Vegetation. Er ist auch nicht bloss ein simpler Hügel. Immerhin sind hier schon Leute in Bergnot geraten, ja tödlich verunglückt. Friedrich von Dürler war 1837 der erste Tourist auf dem Tödi und ist dann 1840 zu Tode gestürzt – am Uetliberg! Eine unerhörte Geschichte, die ich in meinem historischen Roman «Schrot und Eis» erzähle.

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BeobachterNatur: Sie haben sofort die ganzen geschichtlichen Hintergründe zur Hand?
Zopfi:
Mich interessiert nicht nur die Landschaft, sondern mindestens so sehr die Geschichte der Berge. Ich schreibe ja Bergmonografien, und in denen spielt die Geschichte eine grosse Rolle.

BeobachterNatur: Sie klettern anspruchsvoll.
Zopfi: Ich habe sehr jung mit der Extremkletterei begonnen. Ich hatte eine schwierige Jugend – Verlust der Mutter, keine Lehrstelle – und fühlte mich eingesperrt. Als Kind trieb es mich in die Wälder, Schluchten und Höhlen. Das war wie ein Ausbrechen aus meiner damaligen Lebenssituation. Später dann das Klettern – das bedeutete mir Freiheit und Selbstbestimmung.

BeobachterNatur: Worin besteht die Herausforderung?
Zopfi: Einerseits bilden die Berge und die Natur eine Gegenwelt zur Stadt; hier finde ich Ruhe und Stille. Dazu kommt die körperliche Herausforderung. Das Ganze ist ein Wechselspiel, und so ist auch die Rückkehr immer sehr schön.

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BeobachterNatur: Heute wird die Bergwelt immer stärker zu einem Mythos verklärt.
Zopfi: Man findet weite Gebiete, auch in der Schweiz, die wirklich noch intakt sind, unberührt von der Zivilisation, da hat man nicht einmal Handyempfang. Das ist echt und authentisch, auch wenn die ­Alpwirtschaft längst am Tropf der Subventionen hängt.

BeobachterNatur: Ein hochindustrialisiertes, globalisiertes Land – und darüber die heile Bergwelt?
Zopfi: Alpen und Alpwirtschaft sind ein Teil ­unserer Tradition und Kultur. Ich will das beileibe nicht verherrlichen – falsche Folklore ist mir ein Horror. Da wird die ­Tradition zur reinen Kulisse degradiert.

BeobachterNatur: Etwa wenn ein Industrieller am Zürichsee sein Wahl in den Bundesrat mit einer Treichlergruppe aus einem Bergkanton feiert...
Zopfi: Genau. Wenn ein Multimillionär, der vom Export chemischer Werkstoffe lebt – wir müssen ja keine Namen nennen –, sich von Trachtenmädchen und Jodel­chörli feiern lässt, dann ist das nur noch Missbrauch der Folklore.

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BeobachterNatur: Aber dieser Missbrauch kommt an.
Zopfi: Kitsch kommt immer an. Manchmal ist das eine Gratwanderung, zum Beispiel wenn Trachtenchörli und Alphornbläser aus einer Agglomerationsgemeinde stammen. Aber jeder muss für sich entscheiden, wo es für ihn noch stimmt und wo ein Brauch in den Missbrauch kippt.

BeobachterNatur: Auch in der Literatur werden die Berge oft als Idylle dargestellt, etwa bei Ludwig Ganghofer, Jakob Christoph Heer, John Knittel…
Zopfi: Diese Heimatdichter kenne ich nicht so genau. Immerhin haben wir heute auch junge Autoren, die ihre Themen – mit durchaus kritischen Ansätzen – in der Bergwelt ansiedeln, etwa Urs Augstburger oder Dominik Bernet. Ich bin ein grosser Fan von Meinrad Inglin, der als Heimat- und Schulbuchdichter gilt, dabei aber ein kritischer Realist war.

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Emil Zopfi interessiert sich nicht nur für die Landschaft, sondern auch für ihre Geschichte.

«Man gewinnt eine Beziehung»: Emil Zopfi vor der Felswand des Bockmattli oberhalb Innerthal SZ.

Quelle: Stefan Jäggi

BeobachterNatur: Man findet weite Gebiete, auch in der Schweiz, die wirklich noch intakt sind, unberührt von der Zivilisation, da hat man nicht einmal Handyempfang. Das ist echt und authentisch, auch wenn die ­Alpwirtschaft längst am Tropf der Subventionen hängt.

BeobachterNatur: Ein hochindustrialisiertes, globalisiertes Land – und darüber die heile Bergwelt?
Zopfi: Alpen und Alpwirtschaft sind ein Teil ­unserer Tradition und Kultur. Ich will das beileibe nicht verherrlichen – falsche Folklore ist mir ein Horror. Da wird die ­Tradition zur reinen Kulisse degradiert.

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BeobachterNatur: Etwa wenn ein Industrieller am Zürichsee sein Wahl in den Bundesrat mit einer Treichlergruppe aus einem Bergkanton feiert...
Zopfi: Genau. Wenn ein Multimillionär, der vom Export chemischer Werkstoffe lebt – wir müssen ja keine Namen nennen –, sich von Trachtenmädchen und Jodel­chörli feiern lässt, dann ist das nur noch Missbrauch der Folklore.

BeobachterNatur: Aber dieser Missbrauch kommt an.
Zopfi: Kitsch kommt immer an. Manchmal ist das eine Gratwanderung, zum Beispiel wenn Trachtenchörli und Alphornbläser aus einer Agglomerationsgemeinde stammen. Aber jeder muss für sich entscheiden, wo es für ihn noch stimmt und wo ein Brauch in den Missbrauch kippt.

BeobachterNatur: Auch in der Literatur werden die Berge oft als Idylle dargestellt, etwa bei Ludwig Ganghofer, Jakob Christoph Heer, John Knittel…
Zopfi: Diese Heimatdichter kenne ich nicht so genau. Immerhin haben wir heute auch junge Autoren, die ihre Themen – mit durchaus kritischen Ansätzen – in der Bergwelt ansiedeln, etwa Urs Augstburger oder Dominik Bernet. Ich bin ein grosser Fan von Meinrad Inglin, der als Heimat- und Schulbuchdichter gilt, dabei aber ein kritischer Realist war.

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Quelle: Stefan Jäggi

BeobachterNatur: Auch durch Ihre Romane weht der Wind der Gegenwart: Spekulationsfieber und Elektrosmog, ­Emanzen und alternative Älpler.
Zopfi: Die Bergwelt war für mich nie etwas Isoliertes, sondern stand immer in Verbindung mit den Städten. Meine Mutter war eine Bergbauerntochter, mein Vater ein Arbeiter aus dem Glarnerland. So habe ich schon als Kind erfahren, dass die ­Berge nicht die heile Welt sind. Ich habe die Probleme und ­Konflikte mitbekommen und hinter die Stalltüre geschaut.

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BeobachterNatur: Wie sehr formt das vielfältig zerklüftete Landschaftsbild der Schweiz den Charakter der Menschen?
Zopfi: Die Topografie prägt vieles: Geschichte, Wirtschaft, Kultur und Bewusstsein. Es ist aber nicht so, dass ein enges Tal einen ­engen Geist erzeugt. Das Glarnerland ist das beste Gegenbeispiel. Es verzeichnete traditionell eine starke Auswanderung – die Reisläuferei, die Emigration nach Amerika –, dann brachte die Industrialisierung eine starke Einwanderung von Fachleuten. Diese gesellschaftlichen ­Bewegungen haben den Geist nachhaltig geprägt. Das Glarnerland ist zwar eng, aber auch eng mit der Welt verbunden.

BeobachterNatur: So eine Topografie ist im Zeitalter der ­Kostenoptimierung doch unrentabel. Die Denkfabrik Avenir Suisse hat schon mal ­angeregt, man könnte ruhig ein paar Bergtäler schliessen.
Zopfi: Der Vorschlag war wohl provokativ gemeint, man wollte einen Schock auslösen. Aber Prozesse der Kostenoptimierung sind heute überall im Gange: Dorfläden werden geschlossen, Poststellen aufge­hoben, Alpen nicht mehr betrieben. Das geht schon an die Substanz.

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BeobachterNatur: Sind Sie Patriot?
Zopfi: Sicher. Ich habe die Schweiz gern, die Berge, auch Zürich – das ist mir alles ans Herz gewachsen. Ich habe auch Militärdienst geleistet (lacht) und dabei die Schweiz kennengelernt, auch wenn ich immer ein kritischer Bürger war und man heute von mir aus die Armee abschaffen könnte. Ich bin nach wie vor für einen EU-Beitritt – trotz Eurokrise. Es geht schliesslich um den Frieden in Europa, nicht nur ums Geld.

BeobachterNatur: Inwiefern sind Ihre zwei Passionen, das ­Schreiben und das Klettern, verwandt?
Zopfi: In frühen Jahren schrieb ich im Winter meine sommerlichen Bergerlebnisse ­nieder. So war Schreiben für mich am ­Anfang ein Ersatz fürs Klettern. Später ­kamen neue Themen dazu. Aber Berg­steigen ist für mich noch immer die schönste Art, die Welt zu erleben. Das Schreiben über Berge ist allerdings eine Gratwan­derung, bei der jederzeit der ­Absturz in Pathos und Kitsch droht.

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BeobachterNatur: Heute Outdoor das Gebot der Stunde. Jeder wandert, jeder ist grün.­
Zopfi: Ich finde es grundsätzlich schön, dass die Bergwelt neu entdeckt wird und viele Menschen wandern und bergsteigen. Zwar ist das alles zu einem riesigen ­Freizeitmarkt geworden, aber dagegen habe ich nicht viel einzuwenden.

BeobachterNatur: Ist die Bergwelt in Gefahr, zum Abenteuerspielplatz zu verkommen?
Zopfi: Es gibt durchaus fragwürdige Erscheinun­gen. In den Medien sind die neuen Hel­den die, die eine Wand in Rekordtempo durchsteigen. Diese Entwicklung ist mir suspekt. Oder die Klettersteige – da bringe ich schon ein paar Fragezeichen an.

BeobachterNatur: Das macht nicht viel Sinn?
Zopfi: Man bringt Leute an Orte, an denen sie schlicht nichts zu suchen haben. Da turnen sie dann durch den Fels, blicken entsetzt in die Tiefe, erleben plötzlich eine Blockierung, können weder vor noch ­zurück, geraten in Panik und müssen von der Rega herausgeholt werden.

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BeobachterNatur: Das ist nicht das Bergerlebnis, das Sie meinen?
Zopfi: In die Berge zu gehen, muss man lernen. Man sammelt Erfahrungen, man gewinnt eine Beziehung. Die Klettersteige waren ja nicht die Idee der Alpinisten, sondern die der Touristiker. Alles nur Fun, alles nur Spektakel!