Zu allen Zeiten glaubten Menschen, dass bestimmte Kräuter, Beeren und Wurzeln liebestoll machen – Geheimwissen aus Magie und handfester Erfahrung. Vieles ist Mythologie. Aber bei einigen Pflanzen wurde nachgewiesen, dass sie tatsächlich anregen oder entspannen und so indirekt aphrodisierend wirken können. Allerdings wird im Volksglauben der sexuelle Effekt oft hochgejauchzt und fahrlässig verschwiegen, dass viele Extrakte psychoaktive Stoffe enthalten und hochgiftig sind.

Wer dennoch Lust bekommt, kann selbst einen Liebesgarten anlegen. Dazu muss man in die Kulturgeschichte und die Heil- und Giftpflanzenkunde steigen. Zwar sollen vor allem exotische Gewürze die Libido anregen: Pfeffer, Safran, Muskat, Nelken, Kardamom, Kurkuma, Ingwer, Zimt, Vanille. Aber auch hierzulande gedeiht Liebeswürze wie Anis, Koriander, Senf, Dill, Ba­silikum, Rosmarin und Knoblauch. Die Römer schworen auf Zwiebelsamenpulver mit Honig, Pinien und Indischer Narde. Aus Narde stellten sie auch Fo­lia­tum-Salbe her. Und mit Wein schlürften sie die pulverisierte Knolle der Satyrion-Orchidee, benannt nach den Lüstlingen im Gefolge des Dionysos. Orchideen wie Stendelwurz und Knabenkraut galten bis in die Neuzeit als Fruchtbarkeitshelfer. In Aphrodites Apotheke gehörte auch die heimische Eberraute. Eheleute legten sich die dicke Wurzel unters Bett. Und wenn ein Bursche einer Maid unbemerkt einen Zweig unters Schürzenband steckte, liess sie angeblich bald Hüllen und Hemmungen fallen. In England heisst die Eberraute heute noch «Maiden’s Ruin».

Schon im Mittelalter beliebt

Solche Gewächse wirken nur, wenn man dran glaubt. Bei ­andern wirkt Chemie, so bei Mohn und Hanf, seit alters als ­Stimulans beliebt. Das magische Kraut schlechthin ist Alraune, deren Wurzel oft einem Menschenkörper ähnelt. In der Antike gehörte sie zum Aphrodite-Kult. Im Mittelalter mischte man ­daraus Hexensalbe, mit Bilsenkraut, Tollkirsche und Stechapfel. Alle diese Nachtschattengewächse enthalten Alkaloide, die Räusche bis zur Ekstase auslösen. Tollkirsche nahmen Frauen auch, um dem Schönheitsideal entsprechende weite Pupillen zu bekommen. Stechapfel war «ein Mittel der Hurenwirte, schlimmer Mädchenverführer, entarteter Buhlerinnen und frischer Wollüstlinge», denn K.-o.-Tropfen aus den Samen machten Mädchen gefügig. Rausch, Narkose und Vergiftung liegen bei den Nachtschattengewächsen eng beieinander, die Wirkstoffe sind kaum dosierbar und schon in geringer Menge tödlich. Also: Finger davonlassen!

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Besser hält man sich an Gesundes. Sinnliche Wirkung wird der Tomate (Liebesapfel) nachgesagt, dem Liebstöckel, Rettich und Pastinake. Sie fördern Stoffwechsel und Durchblutung. Munter macht dank dem Stoff Apiol auch Petersilie. Schon die Nymphe Kalypso verführte Odysseus damit. Derb wirds bei Sellerie: Er soll den Unterleib in Wallung bringen und heisst im Volksmund «Geilwurz».

Dass der Saft all dieser Gewächse tatsächlich direkt in die ­Lenden fährt, konnte die Wissenschaft nicht erhärten. Das gelang nur beim westafrikanischen Yohimbe-Baum. Mit heimischem Kraut kann man aber mindestens die erotische Phantasie an­regen. Das allein wirkt Wunder, denn auch im Liebesgarten gilt: Der ­Appetit kommt mit dem Essen.