Manchmal täuscht der erste Eindruck so stark, dass man ihn nicht wieder vergisst – wie die Ankunft in Hermetschwil-Staffeln AG. Der Ort wirkt verschlafen, ein ehemaliges Bauerndorf auf einem Hügel oberhalb der Reuss. Wer mit dem Auto ins Dorf will, stoppt unfreiwillig an der Hauptverkehrsstrasse. Dort signalisiert ein Schild: Fahrverbot. Nur Zubringerdienst gestattet. Fremde scheinen nicht willkommen.

Dabei gibt es kaum eine andere Schweizer Ortschaft, in der so viele Neuzuzüger auf einen Alteingesessenen kommen: Seit 1990 hat sich die Einwohnerzahl des Bauerndorfs auf über 1100 fast verdoppelt. Damit zählt Hermetschwil zu den 15 prozentual am stärksten gewachsenen Gemeinden der Schweiz. Und seit dem Jahr 2000 gehört Hermetschwil, 30 Autokilometer weg von der Stadt, zur Agglomeration Zürich, zum sechsten und äussersten Agglomerationsgürtel.

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«Bevor wir noch weiter wachsen können, müssen wir die Infrastruktur für den nächsten Wachstumsschub vorbereiten», sagt Gemeindepräsident Roger Heiss. Auch er ist – wie so viele hier – ein zugezogener Stadtzürcher. Vor allem junge Familien lassen sich im Dorf im Freiamt nieder. An die Mauern der Reihenhäuser sind Kindervelos angelehnt, in den Gärten zeugen bunte Holzschilder von der Ankunft der jüngsten Sprosse: Jasmin, Marvin, Jonas. Auch Familie Burger hat es nach Hermetschwil verschlagen. «Weil wir ein Kind erwarteten, suchten wir ein neues Zuhause, landeten aber eher zufällig in Hermetschwil», sagt Nicole Burger (siehe Nebenartikel «Hermetschwil-Staffeln AG: Hier kann ich meine Kinder besser beschützen»).

Die Gemeinden an den Rändern boomen



Das Dorf liegt voll im Trend, denn der Speckgürtel rund um die Städte wird breiter und breiter. Doch das Wachstum verteilt sich nicht gleichmässig: Während die Bevölkerung in Stadtnähe und in Städten kaum noch zunimmt, boomen die Gemeinden an den Rändern. Allein die Agglomeration Zürich zählt heute sechs Gürtel mit 131 Gemeinden von Adliswil ZH über Freienbach SZ, Islisberg AG bis Zumikon ZH: insgesamt 1,1 Millionen Menschen. Längst beschränkt sich die Agglomeration nicht mehr auf die klassischen Vorstädte wie Dietikon, die typischen «Agglos» mit anonymen Hochhäusern und tristen Gewerbezonen.

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Damit der Kirchplatz im Ort bleibt



Der Bauboom in Dietikon mit Autobahn, Shoppingcentern und Wohnblöcken ist vorbei. «Wir freuen uns auf die Eröffnung des Kirchplatzes, denn ein Zentrum ist für die Attraktivität des Orts äusserst wichtig», sagt Stadtpräsident Hans Bohnenblust. Statt Rathaus, Marktplatz und Kirche prägen Bahngleise, Strassen und Industriebauten das Ortsbild. Viele Wohngebäude stammen aus den siebziger Jahren und bräuchten eine Renovation, «um für die durchschnittliche Schweizer Familie in Frage zu kommen», so Bohnenblust.

Die Folge: Dietikon hat einen hohen Steuerfuss, aber eine tiefe Steuerkraft, es kommen vor allem wenig begüterte, kinderreiche Ausländerfamilien. Auch Familie Dani, albanischstämmige Mazedonier, zog dorthin (siehe Nebenartikel «Dietikon ZH: Dietikon ist unser Wunschort»). «Dietikon ist unser Wunschort. Man ist hier weder im Gewimmel wie in Zürich noch abgeschieden auf dem Land», sagt Sevdalije Dani. Doch Neuzuzüger dürfen nicht lärmempfindlich sein: Insgesamt durchqueren pro Tag rund 50000 Autos und Lastwagen den Ort. Über die Bahnstrecke donnern täglich 650 Züge. Die Stadt achte sehr auf qualitatives Wohnen und integrierte Grünflächen, um «den guten Mittelstand» anzuziehen, sagt der Stadtpräsident.

Doch «der gute Mittelstand» zieht längst an Dietikon vorbei, weiter hinaus an den Rand der Agglomeration. Das Phänomen beschränkt sich nicht auf Zürich. Auch in Basel und Bern wächst die Agglomeration, während die Kernstädte Einwohner verlieren. Die Gewinner sitzen auch da an den Rändern: Das obere Baselbiet, das Fricktal und das Laufental sind es um Basel, in Bern die Region Erlach/Seeland und das Aaretal. Drei Viertel der Bevölkerung wohnen in einer Stadt oder der dazugehörigen Agglomeration, mehr als vier Fünftel aller Arbeitsplätze sind dort.

Doch das Wachstum an den Rändern ist verheerend: Der Verkehr wächst unaufhaltsam. Strassen sind verstopft, Staus in der Agglomeration nehmen zu. Seit 1991 ist allein der Verkehr auf den Autobahnen in den Agglomerationen um 40 Prozent gestiegen. Das passt schlecht zum Bild vom ruhigen, gesunden Landleben. Der Stadtforscher Christian Schmid glaubt denn auch, dass das Wohnen im Grünen eine Illusion sei (siehe Nebenartikel «Forschung: Das dörflich geprägte Land ist ein Mythos»).

Die vielen Staus führen laut einer Studie des Bundesamts für Strassen zu einem volkswirtschaftlichen Schaden von mindestens 1,2 Milliarden Franken pro Jahr. Seit Jahren nimmt Peter Moser, Forschungsleiter des Statistischen Amts des Kantons Zürich, die Pendlerströme unter die Lupe: «Das Auto ist das dominierende Verkehrsmittel; eine bessere Verbindung mit dem öffentlichen Verkehr bringt nur einen geringen Umsteigeeffekt.» Von den rund 860000 Pendlern, die im Grossraum Zürich wohnen, reist gut ein Drittel mit Bahn und Bus, fast die Hälfte nimmt das Auto.

An den Rand der Agglomeration zieht schon heute nur, wer mobil ist. «Eine lockere Einfamilienhaussiedlung im Grünen kann man nicht vernünftig an den öffentlichen Verkehr anschliessen», sagt Donald A. Keller von der Regionalplanung Zürich und Umgebung. Trotzdem boomen die Siedlungen im Grünen, weil eine verbindliche, übergeordnete Koordination fehlt. «Die Raumplanung hat versagt: Gegen die Zersiedlung und Verhäuselung der Schweiz wird gar nicht angekämpft. Das sind reine Lippenbekenntnisse», kritisiert Benedikt Loderer, Architekt und Redaktor der Zeitschrift «Hochparterre».

Wie aus der Streudose verteilten sich übers ganze Land Einfamilienhäuschen, so Loderer weiter. «Das Nationalstrassennetz ist eine Einladung zur Zersiedlung.» Solange die Verursacher die Kosten für den Ausbau der Infrastruktur nicht tragen müssten, werde dieser Trend anhalten.

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Pendeln kostet Geld und vor allem Zeit



Tatsächlich macht es das ausgebaute Verkehrsnetz möglich, immer weiter weg vom Arbeitsort zu ziehen. Doch das Pendeln lohnt sich nicht, wie eine Studie der Zürcher Kantonalbank belegt. Die sichtbaren Kosten für Zugbillett oder Auto fallen dabei noch am wenigsten ins Gewicht. Richtig ins Geld geht die aufgewendete Zeit. Dem Durchschnittspendler entgehen so monatlich 650 Franken, wie in der Studie vorgerechnet wird. «Wer die Zeit beim Pendeln für die Arbeit nutzen kann, kommt besser weg», sagt Ökonom Adrian Lüscher. Es lohnt sich aber nicht, weit weg von der Stadt zu ziehen. «Die scheinbar hohen Immobilienpreise in der Stadt sind so gesehen angemessen», sagt der Ökonom.

Kommt dazu, dass sich auch der Stress des Pendelns nicht auszahlt: Ein längerer Arbeitsweg macht unzufriedener, einsamer und kränker. Zu diesem Ergebnis kommen die Ökonomen Alois Stutzer und Bruno S. Frey in einer Studie.

Und dennoch kehren jedes Jahr vor allem Familien den Städten den Rücken. Allein in Zürich verlassen 1000 Familien mehr die Stadt, als neue hinzukommen. «Viele junge Familien können sich den Traum vom Einfamilienhaus nur noch am Rand der Agglomeration leisten», sagt Georg Tobler, Verantwortlicher für die Agglomerationspolitik beim Bundesamt für Raumentwicklung. Wichtigster Grund für die Stadtflucht: Familien finden in der Stadt keine genügend grosse, bezahlbare Unterkunft. In einer Befragung gaben 80 Prozent der Wegzüger an, dass die Wohnungen in der Stadt zu teuer seien. Über ein Drittel hat vor dem Auszug vergeblich versucht, dort eine Bleibe zu finden – die Flucht ist nicht immer freiwillig.

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Die ländlichen Regionen gehen leer aus



Geht der Trend weiter, wird die Schweiz in 25 Jahren gemäss einem Szenario des Bundesamts für Raumentwicklung hauptsächlich aus den drei Grossräumen Zürich, Basel und Lausanne/Genf bestehen. Auf diese drei Zentren wird sich das Wirtschaftswachstum konzentrieren, auf Kosten der kleineren Städte, ländlichen Regionen – und der Umwelt.

Für den Geografen Heiri Leuthold von der Universität Zürich ist der Boom der Agglomeration nur eine Weiterentwicklung dessen, was seit je in den Städten abläuft: Weniger Erwünschtes wird an den Rand gedrängt, während das Zentrum teurer wird und nur noch einer Oberschicht Platz bietet. Der Preis für die Flucht an die Peripherie ist nicht sehr hoch. «Heutzutage kann jemand aufs Land ziehen, aber sein Arbeits- und Freizeitverhalten weiterhin völlig auf die Stadt ausrichten, Mitglied im Fitnessklub oder Theaterabonnent bleiben», sagt Leuthold. So entstehen in der Agglomeration Schlafgemeinden.

Zu einer solchen Schlafgemeinde entwickelt sich Niederhasli im dritten Zürcher Agglomerationsgürtel. Die Gemeinde erlebte schon in den siebziger Jahren einen ersten Boom. «Man ist im Grünen und hat dank der Nähe zu Zürich und zum Flughafen trotzdem alles», sagt Petra Schmidt, die mit ihrer Familie in Niederhasli lebt (siehe Nebenartikel «Niederhasli ZH: Die meisten gehen morgens weg und kommen abends heim»). 30 Vereine gibt es im Dorf. «Bei uns ist vor allem die normale Mittelschicht vertreten», sagt Gemeindepräsident Hansruedi Hug.

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Die Neuen integrieren sich kaum



Dass sich Niederhasli zum Schlafdorf entwickelt, kann auch der Gemeindepräsident nicht in Abrede stellen. Einzelne Vereine klagen über Mitgliederschwund, die Stimmbeteiligung liegt im Schnitt bei 20 Prozent, und auch die Gemeindeversammlung wird nur von einer Gruppe Eingeweihter besucht. «Die Leute suchen hier vor allem das Ländliche, das Grün, die Ruhe», sagt Hug. Im Dorf wird munter weitergebaut, obwohl es keine fünf Kilometer Luftlinie zum Flughafen sind. Überall ragen Bauprofile in die Luft und künden Plakate von der baldigen Erfüllung weiterer Wohnträume.

Während in der Agglomeration eine Einfamilienhaussiedlung nach der anderen aus dem Boden gestampft wird, versucht auch die Kernstadt den Wohnungsbau anzukurbeln. Zürichs Vorzeigebeispiel ist Neu-Oerlikon: Hier wurde nicht mehr genutztes Industrieland mit Wohnungen überbaut. Am Ende sollen 5000 Menschen dort leben. Insgesamt liegt in der Schweiz noch Industrieareal mit einer Fläche so gross wie die Stadt Genf brach. Allen Anstrengungen zum Trotz fällt die viel beschworene Renaissance der Stadt aber kaum ins Gewicht: Zwar hat Zürich unter dem Strich keine Einwohner verloren, Bern und Basel aber sind geschrumpft (siehe Nebenartikel «Stadtflucht: Die Agglomerationen wachsen und wachsen»).

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Die Zersiedlung wird noch gefördert



Während die Städte um Einwohner kämpfen, gibt es auf dem Land zu viel Baulandreserven. Tendenz: je ländlicher, desto mehr. Insgesamt würden die Reserven Platz für 2,5 Millionen Menschen bieten. «Solange jede Gemeinde weitgehend selbst über ihre Bauzone bestimmen kann und ihren Steuerfuss verteidigen muss, wird es keine zusammenhängende Planung geben», sagt Architekt Benedikt Loderer.

Gefördert wird die Zersiedlung noch mit Subventionen an Kleingemeinden – wie etwa in Kilchberg und Zeglingen im Kanton Baselland. Die beiden Dörfer im Oberbaselbiet zählen zusammen knapp 600 Einwohner. Zeglingen ist die finanzschwächste Gemeinde des Kantons, erhält 1382 Franken pro Kopf aus dem Finanzausgleich. Trotzdem bauen die beiden Dörfer jetzt für fünf Millionen Franken eine gemeinsame Mehrzweckhalle. Der Regierungsrat hat zusätzlich zum Finanzausgleich einen Beitrag von einer Viertelmillion Franken zugesichert.

Der Preis für Sporthallen ist allerdings ein Klacks im Vergleich zu den Verkehrskosten: Allein sechs Milliarden Franken will der Bundesrat ab 2008 jährlich ausgeben, um die Verkehrsinfrastruktur in den Agglomerationen auszubauen. Mindestens noch einmal so tief müssen die Kantone in die Tasche greifen. Doch der Bundesrat sieht in seiner Botschaft keine Alternative zum Geldregen: «Ohne rechtzeitiges Handeln riskiert die Schweiz, dass die Städte und Agglomerationen in Zukunft im eigenen Verkehr ersticken.»

Nicht nur bei den Verkehrsproblemen sind die Gemeinden überfordert und gründen deshalb Zweckverbände: für Abfall, Feuerwehr, Zivilschutz. Politikwissenschaftler und SP-Nationalrat Andreas Gross kritisiert diese Entwicklung: «Die heute so beliebten Zweckverbände sind Notlösungen, die die Exekutiven stärken, aber nicht demokratisch sind.» Er schlägt vor, Regionalräte einzurichten, als Instanz zwischen Kanton und Gemeinden, ausgestattet mit Kompetenzen und Volksrechten. «Ein solcher Regionalrat könnte vom Spital über Abfall bis zur Kultur vieles besser machen, als das heute die Gemeinden oder der Kanton tun», sagt Gross.

In Hermetschwil-Staffeln will der Gemeinderat zunächst weitere Zweckbündnisse prüfen. Er hat die Kommission «Zukunft» ins Leben gerufen, die abklären soll, was gemeinsam mit Nachbargemeinden gelöst werden könnte. «Wir können es uns nicht leisten, überall unser eigenes Züglein zu fahren», sagt Gemeindeammann Heiss. Tatsächlich fährt in Hermetschwil gar kein Züglein – nur ein Postauto. Und wer das Dorf damit verlassen will, muss sich sputen: Der letzte Bus fährt um 19.47 Uhr.

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