Betroffene aus dem ganzen Land ­riefen an, um mir Tipps zu geben oder um zu zeigen, dass ich mit dem Problem nicht allein dastehe. Auch das Medieninteresse war gross: Zeitungen, ­Radiostationen und Fernsehsender kamen ­vorbei. Sogar RTL aus Deutschland hat angefragt, ob sie bei mir filmen dürften. Der Beitrag «Invasion der Tausendfüssler» in der Sendung «Einstein» des Schweizer Fernsehens hat einiges bewirkt.

Nun hat sich auch der Leiter des Amts für Natur und Umwelt Graubünden bei mir gemeldet – ein Jahr nachdem ich die Behörde auf die Tausendfüsslerplage aufmerksam gemacht habe. Er entschuldigte sich, dass es wegen einer «Kommunika­tions­panne» so lange gedauert habe, und versprach, das Problem aufzugreifen und mit Experten zu untersuchen. Endlich. Deshalb habe ich mich ja auch an die Öffentlichkeit gewandt; damit sich etwas tut.

«Wenn es irgendwo eine Öffnung gibt, krabbeln sie herein.»

Quelle: Miriam Künzli/Ex-Press

Bald ist das ganze Dorf dran

Angefangen hat alles vor sechs Jahren: Jede Nacht krabbelten Tausendfüssler unsere Hauswände hoch. Damals noch in relativ überschaubaren Mengen, aber es wurden Jahr für Jahr mehr. Anfangs dachte ich noch, die Tiere befallen nur unser Haus, doch mit der Zeit fand ich heraus, dass die ganze Nachbarschaft betroffen ist. Und jedes Jahr wandern sie weiter hinunter ins Dorf. Geht es so weiter, ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis ganz Flims sich mit ­ihnen herumschlagen muss.

So kann es nicht weitergehen. Im Frühling und im Herbst, wenn die Invasion ­wegen der klimatischen Bedingungen am grössten ist, verbringe ich jeden Morgen und Abend je eine Stunde damit, die Tiere mit Schaufel und Besen von den Wänden herunterzuwischen. Ich könnte mich die ganze Nacht damit beschäftigen, ohne dass es eine gros­se Wirkung hätte. Hielten wir nicht permanent alle Fenster und Türen geschlossen, würden sie in die Stube krabbeln. In der Garage tun sie das, denn da ist die Tür nicht dicht. Wenn es irgendwo eine Öffnung gibt, krabbeln sie herein. Auch in unseren Schlafzimmern sind wir nicht sicher vor ihnen: Der Lampenschirm meiner Tochter war voll von Tausendfüsslern, als ich kürzlich eine Glühbirne wechselte. Ich befürchte, dass sich etliche von ihnen in den Zwischenböden unseres Hauses aufhalten, von wo sie immer wieder in unsere Zimmer kommen.

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Die beiden «Einstein»-Journalisten hat es geschüttelt, als sie das Gekrabbel ­filmten. Wir ekeln uns nicht mehr, mein Mann, meine beiden Töchter und ich. Wir haben uns an sie gewöhnt. Auch an das Geräusch, das entsteht, wenn man draus­sen durch die Tausendfüssler-Massen stampft. Knirsch. Knirsch. Knirsch. Es hört sich an wie das Knacken von Popcorn. Aber die Tausendfüssler stossen Blausäure aus, was einen sehr unangenehmen Geruch verursacht. Wer weiss, ob der Stoff nicht nur stinkt, sondern in diesen Mengen auch Schäden am Haus verursacht? Und selbst wenn nicht – störend ist die Situation allemal. Es war so ein schöner September, doch wir konnten keinen einzigen Abend draussen geniessen. Stattdessen mussten wir uns im Haus verbarrikadieren und jedes Fenster, jede Tür geschlossen halten.

Hoffentlich bleibt es lange kalt

Ich frage mich, wieso die Tausendfüssler auf unsere Häuser losgehen, wo sie doch rundherum genug Platz zum Leben hätten. Es ist ja nicht so, dass wir in einer Stadt wohnen und ihnen den Lebensraum wegnehmen. Rund ums Dorf findet man Natur pur. Und doch kommen sie. Ich habe natürlich über die Jahre einige Theorien zur Ursache der Wanderungen entwickelt und gesammelt. Eine Betroffene aus der Nähe von Biel vermutet, dass diese Art Tausendfüssler in Kartoffeläckern heimisch ist, die es hier früher auch gab. Jetzt, wo diese Äcker nicht mehr bewirtet und gepflegt werden, suchen sich die Tiere ­vielleicht ­einen neuen Lebensraum. Oder hat es ­etwas mit dem Tunnel zu tun, der hier vor sechs Jahren gebaut wurde?

Sehr wahrscheinlich ist es kein lokales Phänomen: Bei den meisten Betroffenen, die sich bei mir gemeldet haben, hat es nämlich zur selben Zeit angefangen: im Jahr 2005. Und wir sprechen nicht nur von Graubünden, sondern unter anderem auch von Grindelwald, vom Berner Seeland und vom Kanton St. Gallen.

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Für dieses Jahr ist das Schlimmste vorbei. Sobald es kälter wird, kommen weniger und weniger Tausendfüssler. Aus diesem Grund habe ich auch den Leuten von RTL abgesagt, die mit der Kamera vorbeikommen wollten. Es gäbe keine interessanten Bilder mehr. Jetzt haben wir ein paar Monate Ruhe, aber nächsten Frühling geht es wieder los. Es sei denn, wir haben einen warmen November oder Dezember – dann schon etwas früher.