Jede achte Wohnung in der Schweiz wird als zweiter Wohnsitz genutzt. Erhört das Parlament in Bern die Gebete der Kantone, dürfen zusätzlich rund 400'000 Ställe, Schöpfe und Rustici zu Ferienhäuschen oder zu Ferienwohnungen umgebaut werden. Ein zweites Domizil mag Freude bereiten. Es kostet aber auch Nerven, Geduld und Geld, wie die Besitzer von Zweitwohnungen erzählen.

Ihre Sätze beginnen meist mit dem Wort «eigentlich». Eigentlich wollte er gar keine Zweitwohnung. Eigentlich wollte sie eine in den Bergen und nicht in Berlin. Eigentlich wollten sie keine so grosse oder keine so kleine. Eigentlich wollten sie keine Eigentumswohnung, sondern eine Mietwohnung (oder umgekehrt). Eigentlich sind die beiden kaum je dort oder eigentlich sind sie viel zu oft dort und eigentlich wollen sie gern einmal woanders die Ferien verbringen als in ihrer Ferienwohnung.

Der Haushalt der Fahrenden
Eigentlich hat man Mühe, Mitleid für Bewohner und Besitzer von Zweitwohnungen aufzubringen, aber was bleibt einem übrig, wenn man Geschichten hört und Szenen erlebt, die eher auf eine Hypothek auf dem Haussegen schliessen lassen als auf doppeltes Glück im Zweitheim?

«Am besten steigst du hinten ein», sagt Nicole. Ein Blick ins Auto, in dem ein doppelter Bauernschrank bequem Platz fände, wenn man die Rücksitze hinunterklappte, zeigt den Haushalt einer Fahrenden. Heute hier, morgen fort. Entweder ist sie gerade angekommen – oder sie ist schon wieder auf dem Sprung.

Auf dem Sprung wohin? Zum zweiten Wohnsitz. Wobei nicht klar ist, welches der erste und welches der zweite sein soll: Wenn sich die Augen an den abgedunkelten Innenraum gewöhnt haben, erhält man den Eindruck, beide Wohnsitze müssten leer geräumt sein. Auf dem Rücksitz kuscheln sich drei Migros-Säcke aneinander. «Äh, das ist die unerledigte Post», entschuldigt sich Nicole. Über einem Stapel Altpapier («ich bin immer am falschen Tag am falschen Ort») schweben Blusen, Jupes und zuvorderst eine Reiterhose.

«Moment», sagt Nicole und greift sich ein Paar Stöckelschuhe, die unter dem Fahrersitz neben einer Kruste Pizza kauern. «Zieh den Kopf ein, dann stören die Skier nicht!» Sie zerrt an den Skiern und zerdrückt dabei die Papierbecher unterm Handschuhfach. «So. Und nun setz dich, wir fahren jetzt.» Wohin? «Nach Abtwil.»

Manche – wie Nicole – mieten sich eine zweite Wohnung aus beruflichen Gründen. Mit dem Effekt, dass sie nirgendwo mehr zu Hause sind. Leer der Kühlschrank, voll der Briefkasten, wenn sie nach ein paar Tagen Abwesenheit am zweiten Wohnsitz vorbeischauen, den verdorrten Kaktus in den Abfallsack stopfen und im Trockenraum die Wäsche einsammeln, die wie eine Ziehharmonika an der Leine hängt, weil sich ein Nachbar Luft und Platz verschaffen wollte.

Manche gönnen sich eine Zweitwohnung aus Interesse – an zeitgenössischer Kunst, an der Mode oder am Theater. Wie Astrid, eine Bühnenbildnerin. Als sie hörte, ein Kollege suche mit seinem Freund in Berlin eine Zweitwohnung, rief sie ihren Ehemann an und sagte: «Was meinst du? Sollen wir da nicht mitmachen?» Er wollte. Das Herrendoppel ebenso.

Seither nutzen die zwei Paare die Wohnung in Berlin gemeinsam. Eine Einzimmerwohnung, gut und ruhig gelegen (Charlottenburg), problemlos im Unterhalt, recht günstig, weil vier Leute die Unkosten tragen und in Berlin Tausende von Wohnungen leer stehen, was auf die Mietzinsen drückt. «Wir haben das Budget für die Einrichtung gehälftelt», sagt Astrid. Sie hat zur Ambiance ein Bild beigesteuert; Bett, Tisch und Stühle wurden neu gekauft. «Vom Flughafen bin ich in zwanzig Minuten da», schwärmt Astrid. Die Wäsche nimmt sie mit nach Rüschlikon. Im zweiten Koffer. Eine Erfolgsgeschichte.

Manche trifft der Schicksalsschlag gleich doppelt und dreifach – wie Giorgio. Nach dem Tod seiner Eltern ging das Rustico im Centovalli (Steilhang, sonnig, mit Pergola aus lokalem Gestein, schattenspendendes Blätterdach) an die drei Söhne über. Auf den Spielwiesen der glücklich verlaufenen Jugend wucherte bald ein hartnäckiger Zwist.

Dabei hatte alles harmonisch begonnen: Die drei Ehepaare hatten im Voraus geregelt, welche Familie während welcher Schulferien welche Zeit im Centovalli verbringen durfte. Weiter war festgelegt worden: Die wichtigsten Lebensmittel sollten immer vorrätig sein, damit Ankommende auch an einem Wochenende zumindest Spaghetti kochen konnten. Mindestbestand im Kühlschrank: eine Flasche Prosecco, eine Flasche Mineralwasser sowie eine Flasche Himbeersirup.

Nachdem Mama die Schränke nicht mehr stillschweigend auffüllte, galt die Regel: Jeder ersetzt das, was aufgebraucht ist. Nur: Wer sagt, was «aufgebraucht» heisst? Gilt eine Flasche Öl als aufgebraucht, wenn am Boden noch ein paar Tropfen Extra Vergine kleben? Sind Spaghetti aufgebraucht, wenn die Schachtel noch eine Portion für einen Magersüchtigen enthält? Und was ist mit einem einsamen Beutel in der Teebüchse? «Aufgebraucht»?

Unter den eingeheirateten Ehefrauen entbrannte ein Kleinkrieg. Die eine setzte Massstäbe, indem sie einkaufte, dass sich die Regale bogen. Die andere begann, mit wasserfestem Filzstift auf jeder Packung, auf jedem Behälter das Gewicht am Abreisetag zu notieren. Die Pegelstandsmeldung am Salzstreuer brachte das Fass zum Überlaufen. Das Rustico wurde verkauft, der Erlös nach allen Regeln juristischer Kunst seziert und aufgeteilt.

Wenn die Korken zu früh knallen
Manche sind über Pfingsten vom rechten Weg abgekommen – wie Patrik und Stefanie. Ein paar Tage Venedig, und die Stadt bestand für sie aus Immobilienbüros. Wie ein Kashmerepullover die Motten zogen sie die Besucher an, die alsbald in einer winzigen Mansarde mit grossartiger Dachterrasse standen. Ein Glücksfall! Die Tinte auf dem Vorvertrag war trocken, die Korken knallten, die Zähne bleckten, man fiel sich glücklich in die Arme.

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Doch leider war das Objekt der Begierde im Grundbuch nicht erfasst. Was das bedeutet, erfuhren die beiden in den Jahren, die verstrichen, bis auf allen Etagen des Hauses die Besitzer ermittelt, Rechtsansprüche möglicher Erben geklärt, Cousinen vierten Grades in Argentinien aufgespürt worden waren. Bis alle Unterschriften eingeholt waren, gingen fünf Jahre ins Land. In der Zwischenzeit hatten die Preise tüchtig angezogen und das Dach leckte.

Von Einziehen konnte abermals keine Rede sein, erst kam das Bauprojekt, dann die Renovation, was Geduld wie Finanzen strapazierte. Jeder morsche Dachbalken musste per Schiff am Festland entsorgt werden, jeder neu eingebaute Ersatz rief nach einem Bewilligungsverfahren oder einer saftigen Busse. Während der Bauzeit lernten die Besitzer der Mansarde sämtliche Hotels im Quartier kennen wie auch den netten Nachbarn, der sie bei den Behörden angezeigt und ihnen einen Prozess anhängt hatte. Zum Neujahr, endlich, sollte die Mansarde fertig sein. Versprach der Architekt. Das Paar reiste glücklich an – und fand eine unaufgeräumte Baustelle vor. Immerhin war das Dach gedeckt, aber von «fertig» konnte keine Rede sein. Betrübt wärmte sich das Paar an einem Nescafé mit heissem Wasser vom Campingkocher, verfluchte den Architekten in allen vier Landessprachen und prägte den Ausdruck: «Bauen ist Krieg!»

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Kristall- oder Coca-Cola-Gläser
Bis der Prosecco erstmals in den eigenen vier Wänden perlte, sollten seit dem «Glücksfall» sieben Jahre vergehen, und der Gemüsehändler zieht noch heute den Kopf ein, wenn er Patrik und Stefanie sieht. Der unmittelbare Anlass: Die Terrasse war nicht – wie abgemacht – dunkelgrün gestrichen worden, sondern stach in gemeinem Hellblau in den Himmel. Patriks Wutanfall vor dem Laden des Gemüsehändlers war noch tagelang Gesprächsstoff. Ein Trost: Der Händler sieht die zwei Schweizer selten. Sie konnten sich nach der Umbauerei die Reise nach Venedig nicht mehr leisten, weil sie in der Schweiz die Schulden abarbeiten mussten.

Manche fahren gerne Snowboard und wollen das sperrige Gerät nicht jeden Freitag in die Berge und am Sonntag ins Unterland schleppen müssen – wie Sigi und Giovanni. Gut, dass Sigis Eltern damals eine Wohnung in Davos gekauft hatten. Schlecht, dass es nach ihrem Ableben zwei Erben gab. Sigi fand, man müsse die Wohnung renovieren und hübsch einrichten, mit Kristallgläsern und Wedgewood-Porzellan und einer Sitzgruppe von Minotti und so.

Ihr Bruder war anderer Meinung. Ihn interessierte eine Wohnung in den Bergen nicht. Wenn schon, dann wollte er Geld sehen. Wozu Kristallgläser, wenn es Coca-Cola-Gläser auch tun? Die Mieter, die liessen eh alle Gläser fallen oder nähmen sie mit, meinte er, ausserdem kippten sie Averna auf ein teures, beiges Minotti-Teil, also sei das alte Ausziehsofa aus den Sechzigern genau das Richtige, es sei sowieso schon voller Flecken.

Nach langem Feilschen übernahm Sigi den Teil ihres Bruders – und richtete die Wohnung nach ihrem Geschmack ein. Kaum war die Wohnung fertig, brach sie sich auf der Piste das Bein und verlor jegliche Lust auf weitere Wochenenden im Schnee. Seither bleibt sie in Gelterkinden. Giovanni fährt allein in die Berge und hört nach dem dritten Pflümli-Schümli das Handy nicht mehr, wenn Sigi anruft.

Manche wünschen sich einen künftigen Alterssitz – und dafür geben sie unvernünftig viel Geld aus. Wie Leo, der für sich und seine Familie ein herrschaftliches Haus mit weitläufigem Land im Burgund kaufte. Das Gebäude war geräumig genug für alle gesammelten antiken Möbelstücke. Ein Bijou, vom Sockel bis zum Dachfirst.

An einem Regentag im November kam ein Anruf vom benachbarten Bauern. Der hatte sich über die Lastwagenspuren im Rosenbeet gewundert: offene Läden, eingeschlagene Fenster. Nein, vom Alarm war nichts zu hören gewesen (man hatte ja für ausreichend Umschwung gesorgt, um von den Nachbarn nicht gestört zu werden). Der Blitzbesuch im Burgund verlief trostlos. Alles von Wert war weg, nur die Ikea-Betten nicht. Das brachte den Hausherrn auf die Idee der Billigmöbel. Die Hausherrin bestand trotz allem auf Stil und wünschte sich zu Weihnachten eine antike Kommode in der Hoffnung, bei der Suche auf ihr abhanden gekommenes Lieblingsstück zu stossen.

Ein Gespräch mit dem Besitzer eines Möbelgeschäfts brachte die Lösung. Etwas Unvollständiges stiehlt keiner, daher durfte im Haus kein Stück mehr perfekt und vollständig sein. Bei der Kommode fehlte fortan eine Schublade, am Schrank eine Tür, auf dem Sofa ein Sitzkissen. Schublade, Schranktür und Kissen sind sicher verwahrt in einem Lagerraum, den sich die Familie zugemietet hat. Das geplünderte Haus füllte sich wieder, havariert – und stilvoll.

Silvia wollte schon immer ein altes Bauernhaus besitzen. In der Zeitung war ein kleines, zweistöckiges Haus ausgeschrieben. Der Bauer war nach Thailand ausgewandert. Silvia kaufte das Haus. Es war nicht billig, aber auch nicht teuer. Seither pendelt sie zwischen Zürich und dem Toggenburg. Oft ist sie nicht dort, aber oft genug, um die Nachbarn zu kennen und zu schätzen. «Besitzer von Ferienhäusern sind schlechte Nachbarn. Nie da, wenn man Hilfe braucht. Irgendwann streicht man sie aus all seinen Plänen», sagt Silvia.

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Nähe löst viele Probleme
Daher war sie von Anfang an für ihre Nachbarn da. Lud sie zum Essen ein und auf einen Jass, kaufte im Dorfladen ein, beschäftigte lokale Handwerker, half Hecken zurechtzustutzen. Als Bäche und Tümpel vereisten, platzte im Badezimmer die Wasserleitung. Drei Nachbarn hatte sie einen Schlüssel zum Haus überlassen, man rief sie an; der Schaden hielt sich in Grenzen. Die Besitzerin nahm es gelassen: «Ich hätte das Bad früher oder später sowieso renovieren müssen.» Eine Versicherung hatte sie nicht abgeschlossen. «Warum denn? Was soll man schon wegtragen?»

Als sie am Wochenende ins Toggenburg fuhr, war die Leitung notfallmässig geflickt. Silvia lud ihre hilfreichen Nachbarn zum Essen ein. «Es war das Mindeste, was ich tun konnte.» Eigentlich, sagt sie, kenne sie ihre Nachbarn im Toggenburg besser als ihre Nachbarn in Zürich. Und eigentlich lebe sie lieber im Toggenburg als in der Stadt.

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