Beobachter: Ihr Film «Hexenkinder» behandelt das Schicksal von fünf administrativ Versorgten. Warum die Anspielung auf die Hexenprozesse?
Edwin Beeler: Es gibt diese Parallelen. Nur schon dass sich jetzt wie damals die Täter für rechtschaffen hielten und im Namen Gottes schutzbefohlene Kinder misshandelten. Dahinter verbirgt sich das gleiche Muster: eine zwangsreligiöse Zucht- und Rutenpädagogik, die Kinder jeder Fantasie beraubte und sie unbedingt gefügig machen wollte.


Ist der Vergleich nicht etwas gar drastisch: hier die Hexenprozesse mit vielen Hinrichtungen in der frühen Neuzeit, da das Schicksal der Versorgten im 20. Jahrhundert?
Alles hat Wurzeln, die in die Vergangenheit reichen. Solche Dinge sind ja nicht plötzlich da, sie haben eine Geschichte. Und ja, wir haben diese Tradition im Umgang mit Unterschichtskindern. Man trichterte ihnen ein, sie müssten auf den rechten Weg gebracht werden, Gott habe sie bewusst dorthin platziert, wo sie sind. Deshalb müssten sie ein gottgefälliges Leben in Armut mit Beten und Arbeiten zubringen. Die administrativ Versorgten sind Opfer dieser Mentalität.


Warum der Verweis auf die Religion?
Viele Heime wurden von Kirchenpersonal beider Konfessionen geführt. Was vom Staat ja auch ausgenutzt wurde. Die Leute arbeiteten für Gotteslohn und waren gar nicht oder nur schlecht ausgebildet. Unser Land hat diese Kinder systematisch vernachlässigt.


In den Akten finden sich ausführliche Berichte, wie es diesen Kindern erging. Ist das nicht ein Hinweis darauf, dass es doch eine Kontrolle gab?
Die Berichte sind fast durchwegs stereotyp abgefasst, oft hat man gar nicht mit den Kindern gesprochen. Der Historiker Markus Furrer spricht deshalb von Aktenzöglingen. Den Kindern wurde eine zweite, völlig klischierte Biografie verpasst. Darin finden sich Sätze wie «Er war faul» oder «Freude hat er nicht an der Schule». Oder, über ein siebenjähriges Mädchen: «Sie besitzt die Schulreife noch nicht, ist sittlich verwahrlost.»

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Das waren aber doch interne Akten…
Für die Betroffenen sind sie bis heute Realität. Viele, die ihre Akten lasen, waren erschüttert. Man findet darin nichts Persönliches, der Staat hat sie kategorisiert und abgestempelt. Das gleiche Muster findet man in den Verhörprotokollen der Hexenprozesse. Die Formulierungen unterscheiden sich zwar, aber es ist die gleiche diffamierende Sprache, die gleichen Worthülsen, seelenlose Kanzleisprache. In den Akten der Hexenkinder finden sich keine Hinweise, was für Kinder und Jugendliche das waren.


Im Film stellen Sie die Protokolle der Hexenprozesse kommentarlos neben die Aussagen der administrativ Versorgten. Warum?
Als Filmemacher will ich den Zuschauerinnen und Zuschauern ja nicht vorschreiben, was sie denken sollen. Das machen sie selber besser. Man kann Parallelen ziehen oder sich sagen: Das hat nichts miteinander zu tun. Aber belehren? Das ist nicht meine Sache. Informationen sucht man sich besser in Sachbüchern oder – wie im Fall der administrativ Versorgten – im Beobachter. Ein Teil meiner Arbeit basiert auf den Recherchen von Redaktor Otto Hostettler.


Der Film erzählt strikt aus der Perspektive der Kinder. Zu einer historischen Aufarbeitung gehört doch auch die Sicht der Täter?
Viele sind inzwischen hochbetagt oder gestorben, andere haben ein Gespräch abgelehnt. Vor allem aber wollte ich den Opfern eine Stimme geben. Ich habe ja einen Film gedreht, niemandem den Prozess gemacht.


Die ehemaligen Zöglinge berichten von Erlebnissen, die sie bis heute extrem belasten.
Ja. Wir erlebten auch sehr schwierige Momente. Als wir mit MarieLies Birchler vor dem Einsiedler Marienbrunnen drehten, mussten wir abbrechen. Sie war zu aufgewühlt. Wir haben das später mit ihr und Pedro Raas, der zur selben Zeit im Kinderheim war, dann nochmals versucht. So konnten sie sich gegenseitig Halt geben.


Daraus ist eine ergreifende Szene geworden.
Wir gingen zu dritt durch das ehemalige Kinderheim. Im Estrich erzählt Pedro, wie er eines Nachts von MarieLies’ Schreien aufgewacht war, in den Estrich ging und dort sah, wie eine Nonne MarieLies gepackt hatte und die andere mit dem Stock auf sie einschlug. Er sprang eine Klosterfrau an und riss ihr den Schleier herunter. Dann gingen sie auf Pedro los, der keine zehn Jahre alt war. Sie warfen ihn die Treppe hinunter, schleppten ihn in das berüchtigte Zimmer 38, banden ihn auf den Tisch und schlugen auf ihn ein mit einem Plastikschlauch. Er hat noch heute eine Narbe auf der Nase.


Was sagen die Nonnen zu diesen schweren Vorwürfen?
Ich wollte den Opfern eine Stimme geben. Denn bei der Aufarbeitung wurde immer wieder versucht, ihre Aussagen zu relativieren. Man sagte: Es waren ja noch Kinder, die Fantasie ist mit ihnen durchgegangen, es war damals normal, Kinder auch mal zu schlagen. Das war aber nicht ein Tatzenhieb des Lehrers, und damit hatte es sich. Das war systematische Folter.


Im Rahmen der Wiedergutmachungsinitiative wurden viele entschädigt.
Der sogenannte Solidaritätsbeitrag hatte eher den Charakter eines «Pflästerli». Viele waren natürlich froh, weil sie sich so endlich mal etwas leisten konnten. Dass sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga bei ihnen persönlich entschuldigt hat, war für viele sehr wichtig.


Aber es gab doch auch abseits der Öffentlichkeit Gesten der Versöhnung?
Eine solche Geste erzählte mir Pedro Raas. Er verbrachte Weihnachten im Kloster Einsiedeln, und plötzlich stand Abt Georg Holzherr mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern vor seiner Tür und fragte, ob Pedro ihm seine Geschichte erzählen könne. Das machte Pedro dann auch. Am Schluss bedankte sich der Abt, warf sich zum Gebet auf den Boden, segnete Pedro und entschuldigte sich bei ihm dafür, was ihm seine Kirche angetan hat. Solche Gesten haben leider nur wenige erleben dürfen.


Haben Sie die Ingenbohler Schwestern, die das Heim in Einsiedeln geführt hatten, auch gefragt?
Ich habe das für Willy Mischler getan. Eine Entschuldigung wäre für ihn wichtig gewesen, um dieses Kapitel endlich abschliessen zu können. Es ging mir um eine Geste der Versöhnung, die von Herzen kommt. Deshalb schrieb ich den Nonnen einen langen Brief. Ich erhielt eine Eingangsbestätigung. Ein halbes Jahr später teilte mir das Büro Küng Advokatur Notariat Mediation Wettingen mit, dass die Klosterfrauen mit mir sprechen wollen – unter folgender Bedingung: auf der einen Seite Notar Küng, ein Kommunikationsmensch, die beiden leitenden Nonnen der Mutterprovinz Ingenbohl; auf der anderen Seite Beeler, Filmemacher. Es war wie die Vorladung zu einer Gerichtsverhandlung.


Kam es zu dem Gespräch?
Nein. Ich wollte den Historiker Markus Furrer und Willy Mischler mitnehmen. Notar Küng lehnte das ab. Man wolle nicht Hand bieten für eine Inszenierung vor der Kamera. Willy habe ich diese Mail nicht mehr gezeigt. Er hatte mir schon vorher geschrieben: «Mir fehlen die Worte, ich fasse es nicht.»

Zur Person

Edwin Beeler, 62, ist Träger des Innerschweizer Kulturpreises (2017). Seine bekanntesten Filme sind «Arme Seelen» (2011) und «Die weisse Arche» (2016). Beeler hat in Zürich Geschichte studiert, wohnt in Luzern und hat zwei Töchter.

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Martin Vetterli, stv. Chefredaktor

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