Die Stiftung Pro Juventute wird im November 2012 100-jährig und feiert sich ein Jahr lang selbst. Als Höhepunkt lädt die Jubilarin im kommenden August «die ganze Bevölkerung der Schweiz» ein, zur Bundesfeier aufs Rütli zu pilgern. Das Budget für die Jubelparade beträgt eine Million Franken – so viel schiesst Hauptsponsor Manor für die Events ein. Für Pro Juventute ist das ein stolzer Betrag: Die gemeinnützige Organisation ist auf Gönner angewiesen und sass noch 2010 auf ­einem Schuldenberg von 3,7 Millionen.

Knausrig ist hingegen der Umgang der Pro Juventute mit den Jenischen. Das von der Stiftung getragene «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» (siehe auch nachfolgende Bildgalerie) nahm den jenischen Familien rund 600 Kinder weg, um sie unter Zwang sesshaft zu machen. Das «Hilfswerk» wurde 1926 gegründet und erst 1973 aufgelöst, massgeblich auf Druck des Beobachters. Fast keine andere «Dienstleistung» der Pro Juventute hatte länger Bestand als die ­Aktion, die das erklärte Ziel verfolgte, «die Vagantität auszurotten».

«Ganz klar ein dunkles Kapitel»

Doch mit dieser Vergangenheit mag sich die heutige Pro Juventute nicht gern auseinandersetzen. Durch einen radikalen Umbau ihrer Strukturen hat sich die Stiftung in den letzten zwei Jahren neu aufgestellt. Sie bietet in verschiedenen Bereichen Beratungs- und Unterstützungsleistungen an – durchaus wertvolle, wie die Resonanz zeigt: Mehr als 300'000 Kinder und Jugendliche sowie 100'000 Eltern aus der ganzen Schweiz nutzen jährlich Angebote wie das Beratungstelefon «Hilfe 147» oder die Pro-Juventute-Elternbriefe.

«Das ‹Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse› ist ganz klar ein dunkles Kapitel in der Stiftungsgeschichte», sagt Direktor Stephan Oetiker zwar. Aber die jetzige Generation der Leitung und der Mitarbeitenden seien nicht die Fachleute, um über die damaligen Vorfälle Bescheid zu wissen. Die Inputs dazu müssten von aussen geholt werden. «Wir arbeiten mit Hilfe von Experten und von Betroffenenverbänden, die sich besser mit der Thematik auskennen», so Oetiker.

Das Thema auf drei Zeilen abgehandelt

Das trifft so nicht zu: Einerseits werden Experten zwar angefragt, deren Meinung wird dann aber ignoriert. Anderseits kommuniziert Pro Juventute zu den «Kindern der Landstrasse» auch in eigener Regie – und setzt dabei aufs absolute Minimum oder verbreitet gar grobe Fehler. In der «Stiftungsgeschichte» auf der Website handelt Pro Juventute das Thema mit drei dürren Zeilen ab, gut versteckt unter der Jahreszahl «1926». Eine inhaltliche Fehlleistung ist der Eintrag in der aktuellen Imagebroschüre («Für dich da», August 2010). Dort nennt Pro Juventute den «Hilfswerk»-Skandal «eine unrühmliche Massnahme im Auftrag des Bundes», was in Historikerkreisen als krasse Verharmlosung gilt. Und die Behauptung, die ­Aktion habe «im Auftrag des Bundes» ­gehandelt, sei «völlig abwegig», kritisiert der Zürcher Historiker Thomas Meier (siehe Artikel zum Thema «Das berührt eigenartig»).

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Eigenartig ist, dass Pro Juventute zunächst versucht hatte, die Vergangenheit des «Hilfswerks» in korrekter Form wiederzugeben. Sie erteilte der mit der Thematik vertrauten Zürcher Historikerin Sara Galle ein Mandat, nachdem diese die unkorrekte Darstellung auf der Pro-Juventute-Website kritisiert hatte. Galle erhielt 2009 den Auftrag, die «ungenügende und unprofessionelle Kommunikation zum Thema Kinder der Land­strasse» – so drückte sich Pro Juventute selbst aus – zu verbessern.

Für die Homepage der Stiftung verfasste Galle mehrere Texte, darunter eine Chronologie der Aufarbeitung sowie zwei Einträge zur Stiftungsgeschichte. Die Texte wurden auf Französisch und Italienisch übersetzt und auf die Website geschaltet.

Doch als Pro Juventute Anfang 2011 die Jubelfeierlichkeiten einläutete, waren die Einträge plötzlich verschwunden. «Alle von mir für die Pro-Juventute-Website verfassten Texte wurden gelöscht und durch eine veraltete und verzerrte Version ersetzt. Ich bemängelte das sofort», sagt Sara Galle. Direktor Stephan Oetiker habe ihr damals versichert, man werde dem umgehend nachgehen – doch den Worten folgten keine Taten. Im Gegenteil: Statt die wissenschaftlichen Fakten zu publizieren, wärmte die Stiftung veraltete Artikel auf, in denen das «Hilfswerk» erneut als «unrühmliche Aktion» schöngeredet wurde.

Quelle: Privatbesitz
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Die Texte waren plötzlich unauffindbar

Historikerin Sara Galle intervenierte mehrfach, letztmals im Juli 2011 – umsonst: Es fand sich keine Lösung für eine korrekte, dem Leid der Opfer angemessene Darstellung. Zudem musste Pro Juventute gestehen, dass die bereinigten Schlussversionen der Texte am Stiftungssitz in Zürich schlicht nicht mehr auffindbar waren. In der Chronik wurde sogar die Jahreszahl «1973» entfernt und der Eintrag aufs Jahr «1926» beschränkt, um das menschen­verachtende Vorgehen möglichst weit in die graue Vergangenheit zu verbannen.

Zu diesen Vorgängen gibt sich Pro Juventute unwissend. Bei der Neugestaltung der Homepage habe man die Stiftungschronik «aus Platzgründen» straffen müssen, so Kommunikationsleiterin Marianne Affolter, deshalb sei der Eintrag zum «Hilfswerk» aufs Jahr 1926 gekürzt worden. Und Direktor Stephan Oetiker betont, man werde Bereinigungen vornehmen, sollten die übrigen Texte Fehler enthalten. Er stellt auch in Aussicht, dass die «Hilfswerk»-Vergangenheit beim geplanten Tag der offenen Tür im Verkehrshaus Luzern (25. August 2012) «in irgendeiner Form ein Thema sein wird». Man müsse aber die Verhältnismäs­sigkeit wahren, schränkt er ein, «das ‹Hilfswerk› war eines von vielen Kapiteln in der Stiftungsgeschichte, da gab es auch eine Fülle an anderen, positiven Beispielen, die wir ebenfalls aufzeigen wollen». Einen sepa­raten «Tag der Jenischen» oder eine eigen­ständige Publikation zum «Hilfswerk» wird es 2012 also vermutlich nicht geben.

Wie die Stiftung anlässlich ihres Jubi­läums die «Kinder der Landstrasse» thematisiert, irritiert nicht nur die Historiker. Auch die damaligen Opfer fühlen sich ein weiteres Mal nicht ernst genommen. Uschi Waser, Präsidentin der Selbsthilfeorganisation Naschet Jenische und selber Betroffene des «Hilfswerks», zeigt sich erschüttert über die Haltung der heutigen Pro Juven­tute, «einfach nicht mehr rückwärts zu schauen, sondern nur noch vorwärts». Dies passiere aus Angst, der unbewältigte Skandal könne wieder hochkommen. Doch an einer restlosen Verarbeitung führe kein Weg vorbei. Zwar unterstütze Pro Juventute Naschet Jenische finanziell, doch müsste sie mit aller Kraft auch dazu beitragen, dass das dunkle Kapitel nicht vergessen geht: «Was passiert ist, gehört in jedes Schulbuch und in die Ausbildung der Lehrer und Sozialarbeiter», fordert Waser.

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Auch Daniel Huber, Präsident der Radgenossenschaft der Landstrasse, ist enttäuscht, dass Pro Juventute in ihrem Jubeljahr die Jenischen kaum einbezieht – eine offizielle Anfrage zur Mitwirkung hat er nicht erhalten. «Der Grossteil der Bevölkerung kann sich nicht mehr vorstellen, was damals passiert ist», sagt Huber. «Dabei wurde das ‹Hilfswerk› auch vom Bund unterstützt, also vom ganzen Schweizer Volk.»

«Gleiche Taktik wie schon früher»

Der ehemalige Beobachter-Journalist Hans Caprez, der 1972 als Erster die Machenschaften des «Hilfswerks» aufdeckte, spricht von einem «weiteren Versuch, das Unrecht im Zusammenhang mit der Jenischenverfolgung zu vertuschen». Dass Pro Juventute sogar wissenschaftlich erstellte Texte wieder lösche, gehöre zu einer «langjährigen Taktik»: «Als es in den achtziger Jahren darum ging, den Aktenberg mit ­diffamierenden Angaben offenzulegen, hat Pro Juventute mit der gleichen Taktik versucht, das Vorhaben zu torpedieren.» Selbst in ihrem Jubeljahr wolle Pro Juventute «die Verantwortung abschieben und die systematische Verfolgung der Jenischen verharmlosen», ärgert sich Caprez.

Im Jubeljahr schweigt auch der Bund. Bundesrat Didier Burkhalter, Vorsteher des Departements des Innern und damit indirekt Nachfolger von Ruth Dreifuss, die sich stark für die Fahrenden engagiert hatte, will zum Thema nicht Stellung nehmen. Für ein Interview mit dem Beobachter ­habe der Magistrat keine Zeit.

Immerhin findet Burkhalter genug ­Musse, den Kopf für eine nationale Kam­pagne hinzuhalten – er ist einer der prominentesten offiziellen Botschafter der Pro Juventute. In seinem Werbeauftritt heisst es: «Als Pro-Juventute-Botschafter baut der freisinnige Neuenburger Brücken zu Kindern und Jugendlichen in der Schweiz, die in dunklen Momenten ihres Lebens Hilfe brauchen.» Ob er da wohl auch an die «Kinder der Landstrasse» gedacht hat?

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«Kinder der Landstrasse»: Die Geschichte eines Skandals

1926
Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» der Pro Juventute wird mit dem Ziel gegründet, «die Vagantität aus­zurotten». Treibende Kraft ist der Leiter des «Hilfswerks», Alfred Siegfried, der wegen Unzucht mit Kindern zuvor eine Stelle als Lehrer verloren hat. Siegfried spannt mit den Behörden in Gemeinden und Kantonen sowie mit kirchlichen Institutionen zusammen. Von 1930 bis 1967 erhält das «Hilfswerk» finanzielle Hilfe vom Bund. Bis 1973 werden 586 jenische Kinder den Eltern weggenommen; sie landen bei Pflegeeltern, in Heimen, Psychiatrien und Haftanstalten.

1972
Der Beobachter enthüllt die Machenschaften des «Hilfswerks», das 1973 aufgelöst werden muss. Viele Opfer sind traumatisiert und suchen jahrelang nach ihren leiblichen Angehörigen, viele wurden an den Pflegeplätzen misshandelt. In den Akten, die Pro Juventute erstellt hat, werden die Betroffenen schwer diskriminiert und stigmatisiert.

1986
Bundespräsident Alphons Egli entschuldigt sich im Parlament für die finanzielle Beteiligung des Bundes am «Hilfswerk». Zuvor hatte der damalige Stiftungsratspräsident, alt Bundesrat Rudolf Friedrich, noch bis in die achtziger Jahre die Haltung ver­treten, eine Stiftung sei rechtlich gesehen «eine Fiktion» und habe «kein Gewissen».

1987
Pro Juventute entschuldigt sich zum Teil: Vizepräsident Paulo Bernasconi und Zentralsekretär Werner Stauffacher drücken den Opfern ihr Bedauern aus.

1998
25 Jahre nach dem Ende des «Hilfswerks» entschuldigt sich die höchste Leitung der Pro Juventute, Stiftungsratspräsidentin Christine Beerli, bei den Betroffenen.

2002
Die Frage, ob es sich bei der Jenischen­verfolgung durch das «Hilfswerk» um Genozid (Völkermord) handelt, wird von Historikern und Juristen neu aufgegriffen. Ein definitiver Befund steht noch aus. «Nach geltendem Recht fällt die systematische Wegnahme und Umerziehung von Kindern zur Assimilierung einer Minderheit unter den Tatbestand des kulturellen Völkermords», findet etwa die Zürcher Historikerin Sara Galle.