Sie nennen sich Animal Liberation Hallmarks, Aktion Zirkus ohne Tiere oder Vegan Planet, und es werden immer mehr. Allein im Zürcher «Vegan Café» treffen sich jede Woche 50 bis 80 linksautonome Tierrechtler und -befreier, und in jeder grösseren Stadt existiert eine aktive Gruppe. Ihr Ziel: die Tiere aus den «Klauen der menschlichen Ausbeutung» befreien, egal ob aus Zirkussen, Zoos, Ställen oder den Labors der Pharmaindustrie.

«Die Schweizer Tierrechtsbewegung ist in den letzten Jahren stark gewachsen und organisierter geworden», sagt Bill Müller von der Bewegung Animal Liberation Hallmarks. Derzeit machen die Aktivisten vor allem mit Demonstrationen vor Zirkussen oder Schlachthöfen auf sich aufmerksam. Auf die Frage, ob es in ihren Reihen auch Militante gebe, die aktiv Tiere befreien, schreibt ein Angehöriger der Tierrechtsgruppe Zürich ausweichend: «Solche Menschen gibt es schon lange und wird es immer geben.»

«Die Jäger aus dem Wald fegen»

Dass in der Szene wohl nicht nur über Tiere philosophiert wird, zeigte sich im Programm des ersten Forums für Tierrechte, das Mitte April in Winterthur stattfand. Die rund 80 Anwesenden – fast alle Veganer, die keinerlei tierische Produkte konsumieren – informierten sich in Workshops über die rechtlichen Aspekte von Aktionen und erfuhren dabei, wie man bei Verhaftungen vorgehen soll oder wie man geheime E-Mails verschlüsselt. Bei Problemen mit der Justiz kommt ein Kollektiv für die Anwaltskosten auf. Trotzdem beteuern die Tierrechtler, nichts mit Anschlägen und Gewalt zu tun zu haben. Ein Artikel in der «Wochenzeitung» vom 13. August 2009, in dem fünf Tierrechtsanarchisten porträtiert wurden, deutet aber klar darauf hin, dass durchaus Verbindungen von militanten Aktivisten zu einzelnen Tierrechtsgruppen bestehen. Die linksautonomen Tierrechtler sind indes nicht die Einzigen, die die Tierschutzszene mit radikalen Meinungen und unkonventionellen Aktionen aufmischen. Immer mehr neue Vereine, Aktionsgruppen und Einzelkämpfer positionieren sich neben etablierten Vereinen wie Schweizer Tierschutz (STS), Tierschutzbund Zürich oder Ocean Care. So sammelt etwa der SVP-Jungpolitiker Lukas Sulzer Unterschriften für die Einführung einer Steuer auf Fleisch. In der Innerschweiz existiert ein Verein für Schweinefreunde, der den einzigen Zweck hat, das Ansehen der Schweine in der Öffentlichkeit zu verbessern. Auffallend ist, dass es sich bei den meisten Menschen hinter diesen neuen Vereinen und Einzelinitiativen um (Beinahe-)Veganer handelt, denen der konventionelle Tierschutz nicht weit genug geht. Renato Pichler, Geschäftsführer der Schweizerischen Vereinigung für Vegetarismus (SVV), sagt denn auch: «Der Veganismus ist derzeit ein grosser Trend.» Vor allem Junge machten sich immer öfter Gedanken zum Umgang mit Tieren, und einige von ihnen würden dann auch im Tierschutz aktiv. Allerdings eher selten in den alteingesessenen Verbänden, sondern bevorzugt in eigenen Gruppen. Auch der SVV träumt von einer veganen Gesellschaft ohne jegliche «Ausnutzung von Tieren». «Vegetarismus ist gut, doch Veganismus ist besser», erklärt Pichler die Haltung der Organisation. Die Zahl der Veganer in der Schweiz schätzt er auf rund 25'000, was zehn Prozent der Vegetarier entspricht.
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«Tierschützer Teil des Problems»

Schade findet Pichler, dass Veganer und Tierrechtler allgemein noch immer «als Extreme betitelt werden». Denn extrem sei im Gegenteil der Umgang der Menschen mit den Tieren. Und in diesem Zusammenhang sieht er die gesellschaftlich und politisch anerkannten Tierschutzorganisationen «als Teil des Problems». Er verstehe zum Beispiel nicht, warum sich der STS als bekannteste Organisation nicht für die vegane oder wenigstens vegetarische Lebensweise stark mache, sondern die Massentierhaltung weiterhin toleriere. Auf diesen oft gehörten Vorwurf entgegnet Mark Rissi, Medienverantwortlicher des Schweizer Tierschutzes, sein Verband könne auf politischer Ebene nur erfolgreich sein, wenn er moderate und erreichbare Forderungen stelle. Dem STS sei es daher wichtiger, dass man Anreize für eine tierfreundliche Produktionsweise schaffe. Über die Szene der Tierrechtler und all die neuen Vereine und Initiativen, die derzeit aktiv sind, sagt Rissi diplomatisch: «Diese Leute verfolgen zwar einen anderen Weg als wir, doch Druck von allen Seiten hat noch nie geschadet.» Allerdings glaubt er nicht, dass die Aktivisten mit ihren radikalen Ansichten jemals «politisch eine Rolle spielen» könnten. Sorgen bereiten Rissi jene extremistischen Tierschützer, die Häuser anzünden, Autoreifen aufschlitzen und Morddrohungen verbreiten. Gemäss Recherchen des Schweizer Fernsehens geht der Staatsschutz von rund 50 gewaltbereiten Perso-nen in dieser Szene aus. Mal geben sie sich als Animal Liberation Front (ALF) aus, mal als Animal Rights Militia (ARM), dann wieder nennen sie sich Militant Forces against Huntingdon Life Science.
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Bauern und Züchter am Pranger

«Höhepunkte» ihres Aktivismus waren der Brandanschlag auf das Jagdhaus von Novartis-Chef Daniel Vasella im Sommer 2009 in Österreich und die Schändung des Grabs von dessen Mutter in Chur. Auch sonst sind die Radikalen seit einigen Jahren ziemlich aktiv: Zwischen Januar 2006 und August 2008 registrierte der Staatsschutz laut «Basler Zeitung» 123 Aktionen und 78 Demonstrationen. Und für 2009 rapportierten die Aktivisten auf der Webseite von ALF selber rund ein Dutzend Aktionen. Besonders radikal ist eine Tessiner Gruppe, die im Dezember 2009 damit gedroht hat, Lebensmittel zu vergiften, und auch schon Zootiere befreit und Lastwagen angezündet hat. «Dass diese Extremen in den Medien immer wieder als ‹Tierschützer› betitelt werden, stört uns», sagt Mark Rissi. Das lasse den gesamten Tierschutz in einem schiefen Licht erscheinen.

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Immer wieder für Schlagzeilen sorgt auch Erwin Kessler, Präsident des Vereins gegen Tierfabriken (VgT). Zwar hat er in den letzten Jahren etliche Tierquälereien aufgedeckt und den Konsumenten aufgezeigt, welch katastrophale Zustände in einigen Mastbetrieben herrschen. Doch seine Methoden sind nicht gerade zimperlich: Bauern oder Kleintierzüchter, die aus seiner Sicht gegen das Tierschutzgesetz ver-stossen, stellt er in der Vereinszeitung «VgT-Nachrichten» und im Internet – zum Teil mit Angabe von Adresse und Telefonnummer – zu Hunderten an den Pranger. Die monierten Missstände belegt er mit Fotos und Filmen, die in einigen Fällen ohne Wissen der Kritisierten aufgenommen wurden.

«Erwin Kessler ist sehr sachkundig und hat schon viel erreicht», bescheinigt ihm ein bekannter Tierschützer, der nicht genannt werden will, «aber sein Problem ist seine Aggressivität.» Ein anderer sagt, er kenne kaum jemanden in der Tierschutzszene, der nicht schon von Kessler angegriffen worden sei.

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Kessler selber verweigert gegenüber BeobachterNatur jegliche Stellungnahme. Dafür lässt er online verlauten, was er von der jüngsten Aktion der Tierrechtsaktivisten hält. «Hallo, aktive Tierfreunde», heisst es auf Kesslers Homepage: «Kleber ‹Kein Geld für Gewalt an Tieren. Meiden Sie Zoo und Zirkus› beim Zirkus Monti anzubringen, der gar keine Tiere hat, erhöht die Glaubwürdigkeit des Tierschutzes nicht. Bitte auch beim Einsatz für die Tiere das Denken nicht vergessen.»