Beobachter: Sind Sie ein sehr gefragtes Model?
Julia Alexander-Schweizer: Ich kann nicht klagen. Ich schätze, ich bin obere Mittelklasse.

Beobachter: Es war in den letzten zehn Tagen schwierig, Sie nur schon ans Telefon zu bekommen.
Alexander-Schweizer
: Es war eine eher hektische Woche – aber man muss eben nehmen, was man kriegt.

Beobachter: Hätten Sie nicht was auslassen können?
Alexander-Schweizer: Schon, aber das Geschäft ist sehr kurzlebig und dadurch finanziell unsicher; mal ist es viel, mal sehr wenig. So entsteht ein gewisser Druck, möglichst jeden Auftrag anzunehmen. Letztes Jahr hat mein Vater die ganze Familie zu einem einwöchigen Skiurlaub eingeladen, und dann erhielt ich plötzlich ein Hammerangebot: drei volle Tage mit hoher Gage. Ein Dilemma.

Beobachter: Wie haben Sie sich entschieden?
Alexander-Schweizer: Ich habs abgelehnt. Aber wäre ich noch neu im Geschäft, hätte ich die Ferien wahrscheinlich abgebrochen.

Beobachter: Aus Angst, sonst keine Aufträge mehr zu erhalten?
Alexander-Schweizer: Ja. Als Model sind die Leute von der Agentur ein bisschen wie Gott für dich. Du bist total von ihnen abhängig, vor allem am Anfang. Deshalb willst du sie nicht ent­täuschen, sonst ist schnell eine andere da. Ich habe unterdessen ein persönliches Verhältnis zu meinen Agenten aufgebaut, aber das brauchte Zeit.

Anzeige

Beobachter: Ist die Konkurrenz in den letzten Jahren stärker geworden?
Alexander-Schweizer: Ich finde schon. Es gibt immer mehr Mädchen, vor allem aus Osteuropa. Die Kunden fragen nach immer neuen Gesichtern, so dass die Scouts mittlerweile überallhin reisen, um Talente zu suchen. Die sorgen für so viel Nachschub, dass du eigentlich gar nicht existieren müsstest.

Beobachter: Sehen Sie Modeln trotzdem als Traumberuf?
Alexander-Schweizer: Nein, auf keinen Fall. Es ist viel und harte Arbeit. Man muss fast täglich mit Nieder­lagen fertig werden, das nimmt man am Anfang oft persönlich. Ausserdem bist du als Model sehr fremdbestimmt. Du weisst nie, wann der nächste Auftrag kommt – und dann geht es oft schon am nächsten Tag in den Flieger, irgendwohin. Du kannst kaum planen, lebst von Tag zu Tag und bist oft allein. Dazu kommen die Reiserei, die Jetlags, die langen Tage, an denen du zu Fuss und mit deiner schweren Tasche Kilometer um Kilometer abspulst – das ist echt anstrengend.

Anzeige

Beobachter: Aber ist nicht gerade das der Traum der ­Mädchen – mit dem Flieger von Shooting zu Shooting rund um den Erdball zu jetten?
Alexander-Schweizer: Wenn man jung und unbeschwert ist, mag das toll klingen, aber es macht müde, vor allem mental. Und das Ganze ist bei weitem nicht so glamourös, wie viele glauben. Die Modelapartments sind zum Teil ziemlich schäbig und liegen manchmal in Gegenden, wo man sich abends kaum mehr auf die Strasse traut. Dort teilst du dann zu dritt oder zu viert ein Zimmer, und im Bad funktionieren weder Dusche noch WC. Zudem bietet der Job kaum Sicherheiten.

Beobachter: Inwiefern?
Alexander-Schweizer: AHV-Beiträge, Unfallversicherung und so weiter sind meistens deine Sache. Und wenn du ein hartnäckiges Ekzem hast, verdienst du halt nichts. Das ist schwierig, vor allem am Anfang. Du hast keine Ahnung, wie dieses Geschäft läuft, und es wird dir auch von niemandem erklärt.

Anzeige

Beobachter: Man liest viel von Magersucht, Drogen und ­sexueller Ausbeutung im Modelbusiness.
Alexander-Schweizer: Magersucht ist in der Branche verbreitet, wird aber oft totgeschwiegen oder schöngeredet. Ich bin da nicht so auf der ­Mitleidsschiene. Ich finde, jede ist selbst für sich verantwortlich. Bei mir stand mal mitten in der Nacht ein Mädchen heulend im Hotelzimmer und jammerte, sie spüre ihre Arme nicht mehr – Kunststück, wenn du den ganzen Tag bloss einen Apfel und ein Joghurt isst und dann beides wieder rauskotzt.

Beobachter: Gehört ein bisschen Hungern nicht einfach zum Geschäft?
Alexander-Schweizer: Natürlich muss jede auf ihren Körper achten, aber es hat alles seine Grenzen. Ich hab oft gehört, wie manche Agenturen wegen des Gewichts Druck auf die Mädchen ausübten – dem muss man erst mal gewachsen sein. Und wer nicht die entsprechende körperliche Veranlagung hat, sollte das Modeln einfach bleibenlassen.

Anzeige

Beobachter: Was ist mit Drogen und Sex?
Alexander-Schweizer: Da ist es ähnlich: Es ist die eigene Entscheidung. Man kann nein sagen und entsprechende Signale aussenden, dann passiert nichts. Viele der Mädchen sind dafür allerdings schlicht zu jung und zu unsicher. Eine 14-Jährige aus einer kaputten Familie, die hofft, dank dem Job ihrem sibirischen Kaff entfliehen zu können, ist unter Umständen zu vielem bereit.

Beobachter: Sie selbst sind seit acht Jahren dabei. Was hält Sie bei der Stange?
Alexander-Schweizer: Es gibt natürlich Highlights – die spannenden Orte und Leute, die man sonst nie kennengelernt hätte. Wenns gut läuft, hat man schon ein aufregendes Leben. Das trägt dich dann auch durch etwas härtere Zeiten. Du weisst nie, wie es weitergeht – aber jederzeit kann ein Top-Angebot eintrudeln. Das hat Suchtpotential.

Anzeige