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Novartis-CampusDie verbotene Stadt

Jede Lounge ist einem anderen Kulturkreis gewidmet.
Jede Lounge ist einem anderen Kulturkreis gewidmet. Bild: Hanna Jaray

Hinter Mauern und Zäunen verbirgt sich in Basel das luxuriöse Universum des Novartis-Campus. Wir haben die «Stadt in der Stadt» besucht.

von Yaël Debelle

Der Haupteingang, genannt «Main Gate», wirkt wie ein Zollhäuschen, eins mit Marmorboden und Designerstühlen allerdings. Hier wird die Identitätskarte geprüft, Gäste erhalten ein Badge mit auf­gedrucktem Namen. Es ist der Schlüssel zur Stadt in der Stadt, die sich in Basel zwischen Rhein und Frankreich auf einer Fläche von rund 28 Fussballfeldern erstreckt. Zutritt hat nur, wer für Novartis arbeitet oder von einem Angestellten eingeladen wird.

Eigene Post, eigenes Passbüro

Arbeitspsychologen, Soziologen, Architekten und Kunstexperten haben auf dem Campus eine Arbeitslandschaft entworfen, die die 7500 Novartis-Angestellten zu Höchstleistungen antreiben soll. Ein Dutzend Stararchitekten, von Jacques Herzog und Pierre de Meuron über Frank Gehry bis ­Roger Diener haben seit 2001 für den Pharmakonzern gebaut. Über 50 neue Gebäude könnten laut Masterplan bis 2030 dazukommen. Der Campus offeriert fast alles, was eine Kleinstadt bietet: Post, UBS-Filiale, Coop, Apotheke, Fitnesscenter, Kindertagesstätte und sogar ein Passbüro.

Forscher und Experten aus rund 100 Ländern arbeiten auf dem Areal. Umgangssprache ist Englisch. Viele dieser Expats haben befristete Ver­träge oder sind auf Rotation. Sie bleiben oft unter sich, schicken ihre Kinder in englischsprachige Kitas und an die International School.

«Es sind riesige Investitionen – wir wollen die besten Wissenschaftler der Welt nach Basel holen», sagt Novartis-Mediensprecherin Esther Keller. Bisher kostete der Campus rund 2,2 Mil­liarden Franken. «Gerade die Jüngeren möchten nicht mehr acht Stunden vor dem PC sitzen, sondern auch mal mit dem Laptop in den Garten.»

Die verbotene Stadt

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Im «Visitors Center» von Architekt Peter Märkli werden Campus-Besucher fürstlich empfangen.
Hanna Jaray

«Prestigeprojekt für die Arbeitselite»

Wer den Campus verlässt, erblickt gegenüber dem «Main Gate» eine Reihe heruntergekommener Häuser. Die Bewohner der Wasserstrasse kämpfen seit Jahren gegen Aufwertung rund um den Campus im Quartier St. Johann. Bislang haben sie sich erfolgreich gegen den geplanten Abriss ihrer Häuser gewehrt. «Es gibt Widerstand gegen die Dominanz des Campus», sagt die Basler Stadtsoziologin Aline Schoch. «Eigentlich ist der Campus eine Gated Community, eine abgeschottete Gesellschaft.» Er sei ein Prestigeprojekt für die globale Arbeitselite, nicht für die Stadtbevölkerung. «Die Stadt Basel hat dafür allzu demütig Konzessionen gemacht», sagt Schoch.

Für den Bau des Campus hat die Stadt den Hafen St. Johann und einen Grenzübergang verlegt, eine Strasse priva­tisiert, Allmendflächen verkauft und Zonenpläne geändert. Dafür bezahlte Novartis 100 Millionen Franken und baut einen Rheinuferweg für Fussgänger. Immer seien Steuereinnahmen und Arbeitsplätze das Argument: «Novartis droht mit Abwanderung», so Schoch, «und die Stadt lässt sich davon einschüchtern.»

Die finanziellen Machtverhältnisse sprechen eine deutliche Sprache: Der Gewinn von Novartis war 2014 mit zehn Milliarden Franken 55-mal so hoch wie der Überschuss von Basel-Stadt mit 179 Millionen.

Veröffentlicht am 2015 M03 30