Genau 83 Minuten hat Werner Küntzel Zeit, um in Uster alle Zeitungen zu verteilen. Deshalb steht er jeden Werktag um 3.30 Uhr auf. In seinem Auto stapelt sich Papier: Auf dem Boden «NZZ» und «Tages-Anzeiger», auf dem Sitz «Blick», «Annabelle» oder «Zürcher Oberländer», im Kofferraum die «Schweizer Familie». In der vorgegebenen Zeit schafft er seine Tour nur bei idealem Wetter. Jede Minute, die er länger braucht, arbeitet er unbezahlt. «Wenn es schneit, brauche ich eine halbe Stunde länger, weil so früh noch nirgends gepfadet ist», sagt der 76-Jährige.

In Zukunft muss der Rentner für seinen Rundgang mit noch weniger bezahlter Zeit auskommen. Um sechs Minuten oder rund sieben Prozent kürzt die Presto AG, eine Tochterfirma der Post, seine Tour und damit seinen Verdienst. Sie begründet die Lohnsenkung damit, dass die wöchentliche Grossauflage des «Tages-Anzeigers» wegfällt. Küntzel ist sauer, denn für den zusätzlichen Aufwand von einer Stunde, die er für das Verteilen der Grossauflage benötigte, erhielt er in den letzten drei Jahren nie einen Rappen mehr.

«Schwächste müssen den Kopf hinhalten»

Von tiefen Löhnen für Zeitungsverträger profitieren die Zeitungsverlage, weil damit die Kosten für die teure Frühzustellung sinken. Doch jetzt ist wegen der Tiefstlöhne selbst einem von ihnen der Kragen geplatzt: Hugo Triner, Verleger des «Boten der Urschweiz», hat einen offenen Brief an die Post sowie die Verlage Tamedia und NZZ geschrieben. Vergeblich hatte er sich zuvor um ein Gespräch mit Peter Hasler bemüht, dem Verwaltungsratspräsidenten der Post. Triner betont, er sei durch und durch Unternehmer, doch Rendite dürfe nicht bis zum Gehtnichtmehr gesteigert werden. «Es kann doch nicht sein, dass alle profitieren und nur die Schwächsten den Kopf hinhalten müssen», sagt er. Seinen offenen Brief veröffentlichte Triner Anfang Dezember.

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Bereits 2009 hatten Tamedia und NZZ noch rasch die Löhne ihrer Verträger gekürzt – kurz bevor sie ihre gemeinsame Zustellfirma Zuvo der Post verkauften. Nach eigenen Angaben um knapp 10 Prozent im Schnitt, gemäss Gewerkschaften um bis zu 20. Fakt ist: Die Post konnte die Verträger zu einem Stundenlohn von CHF 17.32 netto übernehmen. Nur im Kanton Zürich musste sie noch CHF 18.81 zahlen.

Die Löhne der Zeitungsverträger sind derart tief, dass sich selbst Bundesrätin Doris Leuthard damit befassen musste. Auf eine Anfrage hin erklärte sie: «Diese Lohnsenkungen sind sicherlich nicht erfreulich. Doch ist zu beachten, dass die Post sie zusammen mit den Gewerkschaften diskutiert und sozialpartnerschaftlich umgesetzt hat.» Tatsächlich stimmten die Gewerkschaften einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV) zu. Dies allerdings nur, um überhaupt einen GAV für die Branche unter Dach zu bringen: «Wir hatten lange gezögert, bis wir den Vertrag unterschrieben, denn Löhne unter 20 Franken sind eine Sauerei», erklärt Fritz Gurtner, Vizepräsident der Gewerkschaft Syndicom.

Aufgrund des Gesamtarbeitsvertrags darf die Post-Tochter Presto AG die Mindestlöhne nicht mehr weiter senken. Doch jetzt reduziert sie einfach die bezahlten Arbeitsminuten. Und das lohnt sich: Bei der letzten grossen «Tourenoptimierung» im Herbst kürzte sie 8000 Touren, was grob geschätzt eine Einsparung von einer Million Franken ergibt. Die Post betont, dass sich unzufriedene Verträger an eine neutrale Schlichtungsstelle wenden können. Seit die Post die Firma Zuvo übernommen habe, würden die Zeitungsverträger korrekt entschädigt. Und was davor unter der Ägide der Verlagshäuser passiert sei, dafür könne die Post jedoch keine Verantwortung übernehmen.

Werner Küntzel wird auch im nächsten Jahr weiter um halb vier Uhr aufstehen. Am Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag und Samstag, bei Regen, Wind und Schnee, damit er seine AHV-Rente um ein paar hundert Franken aufbessern kann. Ab dem Jahreswechsel dann für noch einmal 50 Franken weniger im Monat.