Liselotte Keller (Name geändert) ist nach ihrer Scheidung seit einigen Jahren wieder arbeitstätig und geniesst die berufliche Anerkennung. Doch dann der Schock: Das Unternehmen, in dem sie arbeitet, ist von der Wirtschaftskrise schwer betroffen und schliesst verschiedene Abteilungen, darunter auch jene von Liselotte Keller.

Sie habe aber Glück, sagt ihr Chef, da sie mit 59 schon in einem Alter sei, in dem sie sich gemäss dem Reglement der Pensionskasse frühpensionieren lassen könne, wenn sie wolle. Sie könne sich aber auch die Austrittsleistung der Pensionskasse (also jene Summe, die man mitnimmt, wenn man die Stelle wechselt) auf ein Freizügigkeitskonto überweisen lassen.

Vorsorgelücke in der Pensionskasse schmälert das Altersguthaben

Die Auskunft über die Höhe ihrer Altersrente fällt für Liselotte Keller jedoch enttäuschend aus: Wegen einer längeren Erziehungspause ist ihr angespartes Altersguthaben nicht sehr hoch, so dass auch die Rente mit rund 670 Franken monatlich eher tief ausfällt. Dazu kommt, dass diese durch die vorzeitige Pensionierung noch zusätzlich gekürzt wird. «Wie soll ich denn bis zur AHV von dieser Rente leben?», fragt sich Liselotte Keller. Und eigentlich würde sie auch gern noch weiterarbeiten und erst später eine Rente beziehen. «Kann ich auch stempeln gehen?», will sie vom Beobachter-Beratungszentrum wissen.

Ja, sie kann. Weil Liselotte Keller ihre Stelle aus wirtschaftlichen Gründen verlassen muss, kann sie Arbeitslosengeld beziehen, unabhängig davon, ob sie bei der Pensionskasse die Rente oder die Austrittsleistung wählt.

Wie funktioniert das schweizerische Vorsorgesystem?

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Aufbau der drei Säulen der schweizerischen Altersvorsorge.

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Pensionskassenrente «aufstocken» lassen

Grundsätzlich ist die Arbeitslosenversicherung zwar nicht für Personen gedacht, die nach einem Stellenverlust Altersleistungen (Rente oder Kapital) beziehen. Es gilt aber laut Gesetz immer dann eine Ausnahmeregelung, wenn jemand «aus wirtschaftlichen Gründen oder aufgrund zwingender Regelungen im Rahmen der beruflichen Vorsorge vorzeitig pensioniert wurde» und die Altersleistung tiefer ist als die Arbeitslosenentschädigung. Das entsprechende Taggeld wird zunächst ganz normal aufgrund des vorherigen Lohns berechnet – in der Regel gibts 70 Prozent davon. Von diesem Betrag wird die monatliche Rentenleistung der Pensionskasse abgezogen. Bezieht man die Altersleistung als Kapital, rechnet die Arbeitslosenkasse dieses vor dem Abzug in eine monatliche Rente um.

Liselotte Keller kann sich also ihre Pensionskassenrente von der Arbeitslosenversicherung «aufstocken» lassen. Oder aber sie kann die Austrittsleistung der Pensionskasse auf ein Freizügigkeitskonto überweisen lassen und den vollen Betrag der Arbeitslosenentschädigung beziehen. Doch dann geht sie das Risiko ein, dass sie später – sollte sie in keine neue Pensionskasse mehr eintreten – ihr Guthaben nicht in Rentenform bekommt. Bei Auflösung des Freizügigkeitskontos erhält man nämlich das gesamte Geld auf einmal und muss sich den Unterhalt damit selber organisieren.

Die 59-Jährige wählt die Sicherheit der Rentenform. Sie meldet sich bei der Arbeitslosenversicherung an und muss fortan – wie alle anderen Stellensuchenden – Termine bei der regionalen Arbeitsvermittlung (RAV) wahrnehmen und genügend Bewerbungen vorlegen (siehe nachfolgende Info «Rechte und Pflichten: Über 55 und arbeitslos»). Natürlich ist sie auch verpflichtet, eine allfällige zumutbare Stelle anzunehmen. An ihrer Pensionskassenrente würde das nichts ändern: Sie wird ihr trotz neuem Erwerbseinkommen weiter ausgerichtet.

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Selber gekündigt: Kein Arbeitslosengeld

Wenn allerdings ein Arbeitsverhältnis unter anderen Umständen endet, kann es auch ganz anders laufen. Das zeigt das Beispiel des 61-jährigen Hannes Federer (Name geändert). Auch seine Arbeitgeberin ist seit Beginn der Krise nicht mehr auf Rosen gebettet und legte Abteilungen zusammen, doch Entlassungen gab es nur wenige. Hannes Federer hat aufgrund der Umstrukturierungen seit einigen Monaten einen neuen Chef, der einen sehr strengen Führungsstil pflegt. Obwohl sich Federer flexibel in die neue Situation hineinschickte, leidet er immer häufiger unter Schlafstörungen. Die Situation am Arbeitsplatz setzt ihn derart unter Druck, dass er schliesslich auf Rat seines Hausarztes selber kündigt.

Auch Hannes Federer hat aufgrund des Reglements seiner Pensionskasse die Wahl, entweder bereits eine Rente zu beziehen oder sich die Austrittsleistung auf ein Freizügigkeitskonto überweisen zu lassen. Zwar will er sich eine neue Stelle suchen, allerdings nur noch in Teilzeit. Da er somit bei einer neuen Pensionskasse nur noch in geringem Umfang versichert wäre und seine bisherige Kasse generell sehr gute Leistungen vorsieht, entscheidet sich auch Federer für die Rente. «Bekomme ich trotzdem Arbeitslosengelder?», will er wissen.

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Leider nein, muss ihm das Beobachter-Beratungszentrum ausrichten: Aus Sicht der Arbeitslosenversicherung gilt Hannes Federer als freiwillig pensioniert, weshalb er im Moment keine RAV-Leistungen beziehen kann. Erst wenn er wieder zwölf Monate gearbeitet hätte und dann arbeitslos würde, könnte er stempeln gehen.

Entscheidend ist der Grund der Frühpensionierung

Der massgebliche Unterschied der beiden Situationen liegt in den Gründen, die zur Auflösung des Arbeitsverhältnisses geführt haben. Wer von sich aus kündigt, selbst wenn dies aus verständlichen Gründen geschieht, hat bei einem Bezug der Pensionskassenrente keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Auch wer aus anderen als wirtschaftlichen Gründen gekündigt wird, kann gemäss Rechtsprechung des Bundesgerichts bei Bezug einer Altersrente nicht stempeln. Dies gilt insbesondere auch bei einer Entlassung nach längerer Arbeitsunfähigkeit.

Rechte und Pflichten: Über 55 und arbeitslos

Arbeitslose Personen ab 55 Jahren haben 520 statt nur 400 Taggelder zugut, wenn sie in den zwei Jahren vor der Anmeldung bei der Arbeitslosenversicherung während mindestens 22 Monaten angestellt waren.

Wer sich innerhalb der letzten vier Jahre vor dem AHV-Alter arbeitslos meldet, hat abermals 120 Taggelder mehr (total also 640) sowie eine verlängerte Rahmenfrist zugut.

Auch ältere Arbeitslose müssen alles Zumutbare unternehmen, um ihre Arbeitslosigkeit zu verkürzen. Insbeson­dere sind in der Regel acht bis zwölf Bewerbungen pro Monat gefordert – was angesichts der geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt oft als Alibi­übung anmutet. Erst in den letzten sechs Monaten vor Erreichen des AHV-Alters ist man von dieser Pflicht befreit.

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Quelle: Thinkstock Kollektion

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