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Arbeitsrecht

Mit Grippe zur Arbeit?

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Wer Fieber hat, gehört ins Bett. Doch viele Erkrankte gehen trotzdem arbeiten. Die Folgekosten sind gewaltig.

von Gitta Limacheraktualisiert am 2017 M01 27

Das Hotel im Engadin war ausgebucht – und ausgerechnet jetzt erwischte eine schwere Grippe einen Angestellten nach dem anderen. Doch der Betrieb musste aufrechterhalten werden. Die Hotelleitung rief die Belegschaft zum Durchhalten auf. Bald hatten sich auch Gäste angesteckt, so etwa Ursula Widmer (Name geändert) und ihr Mann.

Nach den ruinierten Ferien wandten sich die beiden ans Beobachter-Beratungszentrum. Das Hotel sieht sich nun mit Schadenersatzforderungen von Gästen konfrontiert und wird wohl Werbemassnahmen ergreifen müssen, um die Kundschaft zu halten. Ein Paradefall dafür, wie teuer es werden kann, wenn Leute arbeiten, die besser nicht sollten.

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Angeschlagene bleiben seltener zu Hause

Dass Angestellte krank zur Arbeit erscheinen, ist ein verbreitetes Phänomen. Fachleute nennen es Präsentismus. Etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen in der Schweiz geht mindestens einmal pro Jahr krank zur Arbeit, wie die Stress-Studie 2010 des Staatssekretariats für Wirtschaft aufzeigte.

Grund dafür ist nicht bloss die Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzverlust oder übertriebenes Pflichtbewusstsein. «Vor allem auch die jahrelange Debatte über Blaumacher oder Scheininvalide und die damit verbundenen Verschärfungen auf Seiten der Arbeitgeber, der IV und der Taggeldversicherer zeigen inzwischen Nebenwirkungen», sagt Kurt Pärli, der seit Februar 2016 die Professur für Soziales Privatrecht an der Universität Basel leitet. Nicht nur die Gesunden werden durch die Missbrauchsdebatte angesprochen, auch die Kranken fürchten sich vermehrt vor Konsequenzen wie unangenehmen Überprüfungen und schleppen sich deshalb lieber siechend zur Arbeit.

Vor diesem Hintergrund erstaunt es nicht, dass Präsentismus besonders oft bei jenen Personen vorkommt, die sich ohnehin nicht ganz gesund fühlen, wie Pärli in einer Studie aus dem Jahr 2013 nachweist, die er mit Fachkollegen aus der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) und dem Büro für arbeits- und sozialpolitische Studien (BASS) veröffentlichte. Während unter jenen, die ihre Gesundheit als «sehr gut» bezeichnen, «nur» 58 Prozent ab und zu oder gar regelmässig krank zur Arbeit gehen, sind es bei den Befragten mit schlechter Gesundheit 90 Prozent.

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Pärli kritisiert Zielvereinbarungen und Leistungslohn als weitere Ursachen von Präsentismus. «Wer wegen Krankheit länger ausfällt, kann seine ohnehin hochgesteckten Ziele kaum mehr erreichen», sagt er und fordert von den Arbeitgebern, die Ziele bei Krankheit anzupassen.

Manche Arbeitsverträge sehen sogar vor, dass man ein bis drei Absenztage ohne Lohn hinnehmen muss, bevor man Krankentag­gelder erhält. Solche Bestimmungen sind in mehreren Gesamtarbeitsverträgen enthalten und wurden vom Bundesgericht ­zumeist als zulässig erachtet. Besser aber wäre, der Arbeitgeber würde ein Klima schaffen, das es kranken Mitarbeitern ermöglicht, sich in Ruhe auszukurieren.

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Die Kosten sind höher als bei Absenzen

Rund zwei Drittel der durch Krankheit ­verursachten Kosten entstehen nicht durch Absenzen, sondern durch das Weiterarbeiten trotz Krankheit: Erstens kommt es zu Produktivitätsverlust, weil kränkelnde Mitarbeiter nicht die volle Leistung bringen. Zweitens verlängert oder verschlimmert sich die Erkrankung oft, wenn man sich nicht auskuriert. Folgekosten einer An­steckung von Kollegen sind bei dieser Berechnung nicht einmal berücksichtigt.

Aber nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen müssten Arbeitgeber Kranke von der Arbeit abhalten. Sie sind auch rechtlich dazu verpflichtet, Arbeitnehmer vor Überlastung zu bewahren und gesunde Mitarbeiter vor einer Ansteckung zu schützen. Doch sie tun oft das Gegenteil. Sie belohnen Angestellte, die nie fehlten, mit einer Prämie – oder kürzen Kranken die Grati­fikation. Das ist auch rechtlich heikel.

Pärli empfiehlt daher den Verzicht auf Anwesenheitsprämien. Sie seien diskriminierend und stünden im Widerspruch zur Pflicht des Arbeitgebers, die Gesundheit der Angestellten zu schützen. Zielführender wäre ein Management, das versucht, die Gesundheit der Angestellten zu fördern und zu erhalten. «Dieses darf aber keinesfalls in eine blosse Kontrolle ausarten.»

Bleibt also alles an den Arbeitgebern hängen? Nein, denn kranke Angestellte haben zwar keine grundsätzliche Pflicht, die Arbeit auszusetzen, doch in bestimmten Fällen sind sie durch den Arbeitsvertrag verpflichtet, daheim zu bleiben. Das ist der Fall, wenn die Krankheit ansteckend ist.

Das Ehepaar Widmer und die übrigen Gäste im Engadiner Hotel, die an Grippe erkrankten, wären dankbar gewesen, die Angestellten hätten sich daran gehalten.

Krankheit: Die Pflichten der Arbeitnehmer

Sie müssen die Arbeit aussetzen,

  • wenn Sie arbeitsunfähig sind.  
  • wenn die Arbeit der Heilung schadet – vor allem wenn sich die Krankheit verschlimmern kann, sie noch länger dauern oder chronisch werden könnte.  
  • wenn Sie an einer ansteckenden Krankheit leiden.



Folgen einer Nichtbeachtung

Kämen Angestellte trotzdem zur Arbeit, wäre das eine «arbeitsvertragliche Pflichtverletzung», eine Verletzung der Treuepflicht. Im Extremfall könnte der Arbeitgeber auf die Idee kommen, bei einer verlängerten Arbeitsunfähigkeit die Lohnfortzahlung zu verweigern, weil die Krankheit nicht mehr unverschuldet ist. Hier ist aber klar, dass der Arbeit­geber alle zumutbaren Möglichkeiten vorher ausgeschöpft haben muss, den Angestellten vor sich selbst zu schützen. Auf keinen Fall darf der Chef die Lohnfortzahlung verweigern, wenn er dafür sorgte, dass der Kranke gearbeitet und so die Krankheit verschleppt hat.

Krankheit: Die Pflichten des Arbeitgebers

Diese Massnahmen sollen Chefs ergreifen, um Präsentismus zu verhindern:

  • Die Arbeit so organisieren, das Arbeitnehmer bei Krankheit gelassen zu Hause bleiben können (etwa Stellvertretung organisieren, Ziele anpassen und auf unbezahlte Karenztage zu Beginn einer Absenz verzichten).  
  • Bei offensichtlicher Arbeitsunfähigkeit und fehlender Einsicht des Kranken muss der Chef von seinem Recht Gebrauch machen und den Angestellten nach Hause schicken.  
  • Wenn nötig, ist auch die Weiterarbeit von zu Hause aus zu verbieten.  
  • In begründeten Einzelfällen kann es notwendig sein, den Computerzugang zum Firmennetzwerk sperren zu lassen.


Folgen einer Nichtbeachtung

Wer darunter leidet, dass er wegen Krankheit nie zu Hause bleiben kann, könnte vor Gericht klagen oder die Arbeit verweigern, bis das Management eine Lösung gefunden hat. Denkbar wäre auch, Schadenersatz oder eine Genug­tuung zu verlangen. Was das für die weitere Zusammenarbeit bedeutet, ist eine andere Frage.

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