MinusstundenMuss ich die Fehlstunden nacharbeiten?

Schwankungen bei der Arbeitszeit können vorkommen. Doch was, wenn sich zu viele Minusstunden anhäufen? Bild: Getty Images

Wochenlang gibt es nichts zu arbeiten, und dann soll man plötzlich Überstunden schieben? Angestellte müssen sich nicht alles gefallen lassen.

von Lucia Schmutzaktualisiert am 2017 M06 26

Immer häufiger kommt es vor, dass der Chef Klara Muster bereits am Mittag nach Hause schickt. Oder er ruft abends an und sagt, sie müsse am nächsten Tag nicht kommen – weil es zu wenig zu tun gibt.

Zuerst hat sich Klara Muster über die zusätzliche Freizeit gefreut. Aber jetzt macht sie sich langsam Sorgen, dass sie die Minusstunden gar nicht mehr aufarbeiten kann. Es ist ja nicht so, dass sie nicht arbeiten möchte. Zudem ist sie auf den Lohn angewiesen. Was, wenn der Chef die Minusstunden nun vom Gehalt abzieht?

Klara Muster müsste das nicht akzeptieren. Wenn es zu wenig Arbeit hat – etwa weil die Kunden ausbleiben oder sich Materiallieferungen verzögern –, fällt das unter das Betriebsrisiko des Arbeitgebers. Er kann das nicht auf die Mitarbeiter überwälzen.

Besonderer Schutz für Angestellte

Juristen sprechen von einem Annahmeverzug des Arbeitgebers. Für diesen Fall enthält das Gesetz eine besondere Schutzbestimmung für Arbeitnehmer: Sie haben trotz den unfreiwilligen Arbeitspausen den vertraglichen Lohn weiter zugut und müssen die ausgefallene Zeit auch nicht nacharbeiten.

Der Chef kann Arbeitnehmer mit fester wöchentlicher Arbeitszeit also nicht einfach unbezahlt nach Hause schicken. Er kann sie auch nicht zwingen, wegen der Betriebsflaute kurzfristig Ferientage zu beziehen. Wichtig ist aber, dass die Mitarbeiter gegen die Minusstunden protestieren und ihre Arbeitskraft ausdrücklich anbieten.

Minusstunden: Das ist zu tun

Sie wollen arbeiten, können oder dürfen aber nicht – weil der Chef das so will? Was können Sie tun?

  • Protestieren Sie gegen die Minusstunden und bieten Sie Ihre Arbeitskraft ausdrücklich an – am besten mit einem eingeschriebenen Brief (siehe Guider-Mustervorlage unten, exklusiv für Mitglieder). Denn Sie müssen belegen können, dass Sie Ihren Arbeitswillen eindeutig kundgetan haben. Laut Bundesgericht genügt es nicht, dass der Arbeitgeber die Leistungsbereitschaft aufgrund der Umstände annehmen musste.

  • Berufen Sie sich auf Art. 324 Obligationenrecht und verlangen Sie den Lohn für die ausgefallene Arbeitszeit.

  • Aber: Wenn Sie die Minusstunden selbst verursacht haben, etwa weil Sie früher nach Hause gegangen sind, kann der Arbeitgeber verlangen, dass Sie die Zeit nacharbeiten. Andernfalls müssen Sie entsprechende Lohnabzüge hinnehmen.
Guider Logo

Musterbrief «Protest unfreiwillige Minusstunden» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Werden Sie häufig nach Hause geschickt, weil der Chef Ihnen zu wenig Arbeit anbieten kann? Mitglieder von Guider können sich mit dem Musterbrief «Protest gegen unfreiwillige Minusstunden» wehren, damit sie zu ihrem Recht kommen.

Wie normal sind Schwankungen?

Bei Klara Muster liegt der Fall jedoch etwas anders. Sie hat keine feste wöchentliche Arbeitszeit. In ihrem Betrieb wurde Jahresarbeitszeit vereinbart, also eine jährliche Sollarbeitszeit definiert. Schwankungen in ihrem Pensum sind daher normal. Mal gibt es etwas mehr, dann wieder etwas weniger zu tun. Im Lauf des Jahres sollte sich das ausgleichen.

Klara Muster ist unsicher, ob auch in ihrem Fall ein Annahmeverzug vorliegt. Wenn sie den Chef auf die Minusstunden anspricht, weist er sie immer darauf hin, dass Minusstunden bei Jahresarbeitszeit normal seien. Sobald wieder mehr Arbeit vorhanden sei, könne sie die Minusstunden ja nacharbeiten. Aber: Kann man von ihr verlangen, dass sie später wochenlang Überstunden macht, um die ausgefallene Zeit wieder hereinzuholen?

Viele Betriebe müssen die Arbeitszeiten flexibel gestalten, um zum Beispiel saisonale Schwankungen auszugleichen. Im Rahmen solcher Schwankungen ist eine gewisse «Verschiebung» der Arbeitszeiten zulässig. Dass dabei immer mehr die Betriebe die Arbeitszeit festlegen und die Arbeitnehmer sich an die «Flexibilität» des Arbeitgebers anpassen müssen, zeigt eine europäische Erhebung, über die der «Tages-Anzeiger» kürzlich berichtete. Umso wichtiger ist es, dass bei einem Arbeitsvertrag mit Jahresarbeitszeit klare Abmachungen getroffen werden (siehe Box weiter unten «Jahresarbeitszeit: Das ist zu regeln»).

Es gelten die Regeln bei Annahmeverzug

Aber auch bei der Jahresarbeitszeit darf der Chef das Unternehmerrisiko nicht auf die Arbeitnehmenden überwälzen. Wenn sich abzeichnet, dass die Minusstunden ein Ausmass annehmen, dass man sie nicht mehr aufarbeiten kann, sollte man reagieren, indem man sich auf die Regeln beim Annahmeverzug beruft. Denn die Jahresarbeitszeit darf nicht dazu führen, dass Arbeitnehmer über längere Zeit über ihr vertragliches Pensum hinaus arbeiten müssen, um Fehlstunden auszugleichen. Ausserdem dürfen die Minusstunden nicht zu Lohnabzügen führen, weil ein Nacharbeiten nicht möglich ist. Trotz flexibler Arbeitszeit muss das Arbeitspensum planbar und einigermassen konstant bleiben.

Es gibt keine gesetzlichen Bestimmungen zur Jahresarbeitszeit. Aus diesem Grund ist es unerlässlich, dass Arbeitnehmer und Chef die Rahmenbedingungen im Arbeitsvertrag oder in einem Arbeitszeitreglement definieren. Insbesondere sollte man darin festhalten, wie hoch die Schwankungen der Arbeitszeit sein dürfen beziehungsweise in welchem Rahmen sich Plus- und Minusstunden zu bewegen haben.

Wenn Klara Musters Arbeitgeber das getan hätte, gäbe es darüber keine Diskussionen mehr.

Jahresarbeitszeit: Das ist zu regeln

Jahresarbeitszeit ist gesetzlich nicht geregelt. Halten Sie daher mit dem Chef die Antworten auf folgende Fragen vertraglich fest:

  • Wie erfolgt die Erfassung der Arbeitszeit?

  • Gibt es trotz Flexibilität gewisse Zeitvorgaben, die eingehalten werden müssen?

  • Wie müssen Teilzeitarbeitende ihre Sollstunden leisten? An fixen oder beliebig wählbaren Arbeitstagen?

  • Wie hoch dürfen die Schwankungen der Arbeitszeit sein (Plus- und Minusstunden)?

  • Wie wird am Jahresende abgerechnet? Übertrag eines Plus- oder Minussaldos ins nächste Jahr oder finanzieller Ausgleich? Kann ein Saldo verfallen?

  • Was gilt bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses?
Guider Logo

Merkblatt «Annahmeverzug» bei Guider, dem digitalen Berater des Beobachters

Mitglieder von Guider erfahren im Merkblatt «Unfreiwillige Minusstunden», was sie tun können, damit sich zu wenig zugewiesene Arbeit nicht zu ihren Ungunsten auswirkt und welche Pflichten Arbeitnehmer bei einem Annahmeverzug zu erfüllen haben.

Buchtipp

Arbeitsrecht

Vom Vertrag bis zur Kündigung

Mehr Infos

Arbeitsrecht