Beobachter: Welche Berufe sind besonders stressig?
Achim Elfering: Die Unterschiede zwischen den Branchen sind klein. Stress entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Anforderungen und den Möglichkeiten, diese Anforderungen zu bewältigen.


Warum stresst der Job?
Eintönige Arbeiten fördern Stress ebenso wie Überforderung und anspruchsvolle emotionale Anforderungen, etwa der Umgang mit schwierigen Kunden. Stress entsteht auch, wenn man ständig unter Zeitdruck steht oder sich immer voll konzentrieren muss. Ebenso wenn alles genau vorgeschrieben ist, wenn die Arbeit schlecht organisiert ist, man mit schlechten Werkzeugen, etwa ständig abstürzenden Computerprogrammen, arbeiten muss oder dauernd unterbrochen wird.


Arbeitsstress kostet die Schweizer Wirtschaft Milliarden. Wie können Chefs ihn verhindern?
Vorgesetzte können den Arbeitnehmenden das richtige Mass an Autonomie- und Partizipationsmöglichkeiten zugestehen. Auch eine gute Kommunikation, Fairness und Wertschätzung beeinflussen die Gesundheit positiv.


Wie kann man selbst Stress abbauen?
Man kann Prioritäten setzen, mehr delegieren. Die eigenen Ziele überprüfen, wenn die Ansprüche zu hoch waren, oder sich weiterbilden, wenn das Problem mit den eigenen Kompetenzen zu tun hat. Auf der emotionalen Ebene kann ich mich entspannen, ablenken oder Sport treiben. Wichtig ist auch, Ressourcen wie eine gute Gesundheit, eine optimistische Einstellung oder Selbstvertrauen zu suchen und zu stärken.


Braucht man nicht einen gewissen Stresslevel, um gute Ergebnisse zu erreichen?
Die Stressreaktion des Organismus mobilisiert Energie und hilft uns, schwierige Anforderungen zu erfüllen. Das ist im Spitzensport gut zu beobachten. Diese zusätzliche Energie reicht aber nur eine gewisse Zeit. Nach der Anstrengung braucht man unbedingt ausreichende Erholung, um die Batterien wieder aufzuladen.

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Nimmt Stress im Job zu?
Ja, das Verhältnis von Anforderungen und Ressourcen hat sich im Schnitt verschlechtert. Der diesjährige Job-Stress-Index zeigt, dass ein Drittel der Erwerbstätigen mehr Belastungen als Ressourcen hat. Und fast ebenso viele sind emotional erschöpft. Die Arbeit habe sich verdichtet und sei anstrengender geworden, berichten die Befragten. Mehr Aufgaben werden von weniger Personen in kürzerer Zeit bearbeitet.


Die Befragung wurde vor dem Lockdown gemacht…
Ja, Arbeitsplatzverluste und die Angst davor werden zu noch mehr Stress führen. Aber das Homeoffice kann auch ein Gewinn sein, vor allem weil das Pendeln wegfällt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zunimmt.

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Zur Person

Achim Elfering ist Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Bern und Mitautor des Job-Stress-Index 2020.

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