Frage von Martin G.: «Ich bin eher rational. In meinem technischen Beruf komme ich nicht vorwärts, angeblich haperts mit meiner Kommunikation. Bin ich zu introvertiert?»

Antwort von Koni Rohner, Psychotherapeut FSP: So absolut formuliert, ist das falsch. ­Sicher ist aber, dass in ­unserer Wettbewerbs- und Medien­gesellschaft laute oder ­redselige Selbstdarsteller im Vordergrund ­stehen und ­stillere Menschen leicht über­sehen werden.

Die Begriffe Introversion und Extra­version ­gehen auf den Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung zurück. Er verstand ­darunter nach innen beziehungsweise nach aussen gerichtete psychische Energie.

«Introvertierte sind wie Akkus: Sie brauchen Ruhe, um aufzuladen.»

Koni Rohner, Psychotherapeut FSP

Dass Introvertierte aber gehemmt und ­sozial ­ungeschickt sein sollen, ist ein ­Vorurteil. So hat die Amerikanerin Jennifer Odessa vier Introversionstypen gefunden: Der soziale Introvertierte schätzt durchaus menschliche Beziehungen, will aber nur mit wenigen zusammen sein. Der denkende ­Introvertierte hat ein reiches Innenleben, er handelt nicht nur, sondern reflektiert und analysiert auch. Der zurückhaltende Intro­vertierte braucht immer wieder Zeit, um ­Erlebtes zu verarbeiten. Schliesslich gibt es auch noch den ängstlichen Introvertierten, der tatsächlich Schwierigkeiten hat, sich in grossen fremden Gruppen wohl zu fühlen.

Lieber ein gutes Zweiergespräch

Die deutsche Autorin Sylvia Löhken hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Wert von ­Introversion auch in einer lauten Welt zu ­unterstreichen. Sie spricht salopp von Intros und Extros und schätzt, dass beide Charaktertypen etwa gleich häufig vertreten sind – man höre und sehe einfach mehr von den ­Extros. Sie reden gern, in der Regel ­lieber, als dass sie ­zuhören, fühlen sich in Gruppen wohl wie ein Fisch im Wasser und generieren dabei Energie wie ein Windrad im Wind. ­Sie sind aber schnell ­gelangweilt und ­handeln oft lieber, als dass sie nachdenken.

Intros sind dagegen wie Akkus: Sie brauchen Ruhe, um wieder aufzuladen. Deshalb ziehen sie wenige, aber tiefere Sozialkontakte ­vielen oberflächlicheren vor, ­haben oft nur ­wenige, aber gute Freunde und führen lieber ein Gespräch mit einer Person, als sich in ­einer Gruppe am Gespräch zu beteiligen.

Sozialkontakte sind zwar auch für viele Intros wichtig, aber diese verbrauchen eher Energie, als dass sie welche liefern. Eine ­besondere Stärke der Intros ist ihr reiches ­Innenleben. Erfahrungen gehen nicht ­einfach an ihnen vorbei, sondern werden ­gesammelt, reflektiert und analysiert. Intros denken viel über sich selber nach, wissen deshalb, wer sie sind, und ziehen daraus ein gutes Selbstbewusstsein und eine grosse ­Unabhängigkeit. Sie sind nicht wie viele ­Extros auf eine dauernde Resonanz durch andere angewiesen. Intros können sich gut auch über längere Zeit auf eine Sache konzentrieren und diese sachlich analysieren. Oft können sie besser schreiben als reden, sind aber gute, oft einfühlsame Zuhörer.

Die «längere Leitung» von Zurückhaltenden

Es lässt sich nachweisen, dass die Gehirne der Extros und Intros anders funk­tionieren. Bei den Extros etwa werden Reize schneller weitergeleitet, und der Botenstoff Dopamin, für Neugier und Aktivität ­verantwortlich, ist konzentrierter ­vorhanden. Die Intros ­haben dagegen eine «längere Leitung», und ­Acetylcholin, das für Konzentration und ­Gedächtnis zuständig ist, überwiegt. Selbstverständlich braucht es Intros und ­Extros in ­gleichem Mass. Sie ergänzen sich.

Tipps für Introvertierte

  • Begrüssen Sie sowohl Stärken als auch Schwächen Ihrer Introversion als Freunde.

  • Schlagfertigkeit gehört nicht zu Ihren Stärken, also sorgen Sie dafür, dass Sie Zeit zum Nachdenken bekommen.

  • Bauen Sie Ihre Fähigkeit zuzuhören aus. Das macht Sie automatisch sozial kompetenter.

  • Sie brauchen in allen Situationen Rückzugsmöglichkeiten: stille Ecken, Ihr Zimmer, Ihren Schreibtisch, einen Teich im Wald.

  • Wenn Sie, obwohl Sie Einzelkontakte vorziehen, vor Publikum auftreten müssen, bereiten Sie sich sorgfältig vor.

Buchtipp

  • Sylvia Löhken: «Leise Menschen – starke Wirkung»; Piper, 2015, 288 Seiten, Fr. 17.90
  • Onlinetest «Introvertiert oder extrovertiert?»: www.intros-extros.com/online-test