«Mein Umfeld sagt, ich sei erträglicher geworden»

Kurt Zobrist hat dem hektischen Leben den Kampf angesagt.

Pharma-Manager Kurt Zobrist, 48, prescht in vollem Karacho durch seine Sätze, als ob er noch beim Reden Zeit schinden wollte. 4000 Kilometer legt er pro Monat im Auto zurück, las noch bis vor kurzem 300 E-Mails die Woche, brachte vier Sitzungen am Tag hinter sich, stemmte bis zu 17 Stunden Arbeit. Wenns am Wochenende regnete, freute er sich: So konnte er zu Hause ohne schlechtes Gewissen weiterarbeiten.

Vor ein paar Monaten musste Zobrist aufgeben. Auftauchen, um Luft zu holen, den «Notausgang suchen», wie er sagt. Der Manager, nebenbei noch Familienvater, Vizegemeindepräsident und Schulgemeindepräsident, kündigte seine Stelle. Doch die Geschäftsleitung der Firma wollte ihren Kadermann nicht ziehen lassen, bewilligte zur Entlastung eine neue Stelle. Und Zobrist entschleunigte, wo er nur konnte.

Heute gönnt sich der Manager ab und zu einen Espresso im Strassencafé, isst auch mal über Mittag zu Hause, spielt öfter als früher mit den Kindern. Die Freisprechanlage im Auto hat er entfernt, auch checkt er nicht mehr permanent seine E-Mails auf dem Blackberry. Im elektronischen Briefkasten ist der Abwesenheitsassistent aktiviert, seine Handynummer hat er nur für Notfälle hinterlassen.

Das Ritardando im Job schlägt sich auf seine Laune nieder: «Mein Umfeld sagt, ich sei erträglicher geworden.» Erträglicher. «Ich stehe zwar immer noch unter Stress, bin aber weniger hektisch», bilanziert Kurt Zobrist. Gemütlichkeit schmeckt anders.

Der Atemlosigkeit des modernen Lebens entkommt auch der verlangsamte Manager nicht. In allen Industrieländern klagen die Menschen über Stress und Zeitnot. Auf einer Rangliste der Lebenstempos in 31 Ländern belegt die Schweiz den ersten Platz (siehe nachfolgende Box «Tempo des Lebens: Schweizer sind Weltmeister»).

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Wir sparen Zeit und haben nichts davon

«Dieses Dauernd-unter-Strom-Stehen nehmen die Menschen deutlich wahr», sagt der deutsche Soziologieprofessor Hartmut Rosa, der über das Thema Beschleunigung habilitierte. «Wir erleben eine massive Beschleunigungswelle und wissen eigentlich nicht, wie wir darauf reagieren sollen, haben es mit einem grossen Experimentierfeld zu tun.» Wer Rosa per E-Mail kontaktiert, wartet vergeblich auf Antwort. Da hilft nur eine Methode aus dem analogen Zeitalter: der Griff zum Telefonhörer. «Ich arbeite meine E-Mail-Berge nicht mehr ab», erklärt der 44-Jährige. «Wenn ich die alle beantworten würde, käme ich zu nichts anderem mehr.»

Dabei ist diese Zeitnot paradox. «Wir haben keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss gewinnen», stellt Rosa fest. Das Auto ersetzte das Pferd, E-Mails erleichtern das Briefeschreiben, Intimpartner sichten wir zeitsparend und seriell im Speed-Dating, sogar den Schlaf optimieren wir mittels Power-Nap. In der Dalli-dalli-Gesellschaft müssten wir mit Zeit eigentlich nur so um uns werfen können – stattdessen hetzen wir mit hängender Zunge durchs Leben.

Die Erklärung des Paradoxes: Wir schreiben eben nicht nur schneller, sondern auch immer mehr. Die Autos werden nicht nur schneller, wir weiten zugleich auch die Distanzen aus. Beschleunigung ist immer auch Wachstum. «Time is money», Zeitvorsprung ist bares Geld. Gleichzeitig sind auch unsere Leben instabiler, brüchiger geworden: Der eine identitätsstiftende Beruf ist längst ersetzt worden durch eine Folge von Jobs. Auch haben wir nicht mehr die Krankenkasse fürs Leben, die Versicherung fürs Leben, die Frau oder den Mann fürs Leben, die Tageszeitung oder die Partei fürs Leben. All das wird ständig hinterfragt, so Rosa, und das verkompliziert unsere Lebensplanung, bindet Zeitressourcen, bedeutet Stress.

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Die Bremser sind auf verlorenem Posten

Kein Wunder, ertönt der Ruf nach Entschleunigung: Ratgeber und Lebenshilfen zum besseren Zeitmanagement à la «Simplify your life» verkaufen sich gut, Bücher mit Titeln wie «Die Entdeckung der Langsamkeit» sind Bestseller. Entschleuniger, inspiriert von religiösen, ökologischen, ultrakonservativen und anarchistischen Quellen, organisieren sich in Gruppen wie dem «Verein zur Verzögerung der Zeit» oder den «Glücklichen Arbeitslosen», die sich als Müssiggänger feiern. Hinter dem Ruf nach Entschleunigung steckt meist eine nostalgische Sehnsucht nach einer verlorenen «langsameren» Welt. Die Warner tauchen in der Geschichte regelmässig auf, wenn die Gesellschaft wieder mal Gas gibt. So unkten sie bei Einführung der Eisenbahn, nun sei die Grenze dessen erreicht, was der Mensch überhaupt noch an Tempo vertrage. Heute gilt der Zug als geradezu gemütliches Transportmittel.

Bisher, so Hartmut Rosa, «endete noch jeder dieser Kulturkämpfe zwischen Beschleunigern und Entschleunigern mit dem Sieg der Beschleuniger». Niemand zweifelt ernsthaft daran, dass Fast Food gewonnen hat und nicht Slow Food.

Wer aus dem Avanti-Leben ausbrechen möchte, der muss schon lebenslänglich die Mönchskutte überstreifen und ins Kloster gehen. Möglichst ohne iPhone. Das tun auch viele, vor allem gestresste Manager – aber eben nur auf Zeit. Doch wer ein paar Wochen den Klosterbruder spielt oder den Jakobsweg abwandert, «kann nach drei Wochen seinen E-Mail-Berg gar nicht mehr abbauen oder höchstens durch erhöhtes Aufholtempo», warnt Soziologieprofessor Rosa. «Er findet sich damit ab – oder kriegt Depressionen oder ein Burn-out.» Es gebe Anzeichen dafür, dass es sich bei der allerorten zu beobachtenden Zunahme von Depressionen auch um pathologische Reaktionen auf den gesellschaftlichen Beschleunigungsdruck handelt. In Phasen der Depression scheint für den Kranken die Welt häufig stillzustehen.

Den totalen Stillstand erlebten 100'000 Bahnreisende am 22. Juni 2005. Es passierte um 17.45 Uhr, in der Rushhour bei brütender Hitze: Auf den 3034 Kilometern Schienennetz der Schweizer Bundesbahnen tat sich gar nichts mehr. Kein Strom. Alles tot. Eine grossangelegte Zwangsentschleunigung sozusagen.

Und was passierte? Wildfremde Menschen erzählten sich Witze, scherzten, lachten, reichten sich Bier, machten sichs bequem wie an einem Open-Air-Festival. Die meisten Leute schienen geradezu Spass zu haben. Erstaunlich, wenn man weiss, dass Verkehrsminister Moritz Leuenberger immer mal wieder Briefe von SBB-Kunden zugeschickt bekommt, die sich schon über wenige Minuten Zugverspätung beschweren.

Fachmann Rosa überrascht das nicht: «Wenn ein Totalausfall alle anderen ebenfalls stranden lässt, geniesst man das geradezu. Weil klar ist: Ich bin nicht schuld. Man ist entlastet vom Impuls, noch dies und das erledigen zu müssen. Man kriegt plötzlich Zeit geschenkt.» Der Professor wohnt im Schwarzwald, wo im Winter ab und zu der Strom ausfällt. Auch er, der Vielbeschäftigte, schätzt diesen Zustand sehr. Weil er ja weiss: Den anderen geht es genauso. Erst das gemeinsame Bad im Stillstand wirkt beruhigend und lindert unseren Tempostress.

Wer hingegen allein den Zug verpasst, hat ein schlechtes Gewissen und das Gefühl: Du verplemperst deine Zeit. Deshalb ist es so schwierig, als Einzelner sein Lebenstempo zu drosseln – weil das Leben um einen herum immer noch pulsiert, rast und hetzt. «Stillstand wird unvermeidlich zu einer Form des Zurückfallens, in allen Dimensionen des Lebens», erklärt Beschleunigungsexperte Rosa. Deshalb seien auch Feier- und Sonntage so wichtig. Zeitliche kollektive Entschleunigungsoasen. Da müsse man gar nicht religiös sein oder Gewerkschafter, um den Sonntagsverkauf abzulehnen.

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«Rama Bolo, Rama Bolo, Bolo Bolo Ram»

Einer, der sein Lebenstempo radikal gedrosselt hat, ist Andreas Vetsch, 61. Er ist Yogi mit eigener Schule in Arbon. In seinem Loft direkt am Bodensee, im ersten Stock eines stillgelegten Saurer-Fabrikgebäudes, wo er wohnt und arbeitet, liegen elf Frauen und zwei Männer rücklings auf Matten: stumm, die Augen geschlossen, der Duft von Räucherstäbchen in der Luft. Eben neigt sich eine Yogalektion dem Ende zu.

Yogi Vetsch, kahler Schädel, Habichtsnase, scharf geschnittene Gesichtszüge, hüpft in schwarzen Trainerhosen und Kapuzenjacke barfuss auf ein Podest, klemmt sich in den Lotussitz vor einem indischen Harmonium, mit dem er seine Schülerinnen und Schüler musikalisch begleitet, die jetzt aufrecht sitzen und im Chor «Rama Bolo, Rama Bolo, Bolo Bolo Ram» singen. Im Lotussitz, die Handballen auf den Knien, Zeigfinger und Daumen berühren sich. Drinnen fliessen jetzt die Energien der Ruhe, draussen tobt die Welt.

«Die Leute kommen, um innezuhalten», sagt der Yogi. Auch er hat innegehalten, vor 15 Jahren. Er war Filmer für Werbung und Fernsehen, lebte in New York, war 45, hatte eben einen Film abgedreht mit 17-Stunden-Tagen, zu viel Kaffee, Zigaretten, Bier, betrachtete im Spiegel seine Wampe und beschimpfte sein Spiegelbild: «Du siehst scheisse aus!» Er war kurz vor dem Herzinfarkt. «Emotional und psychisch hatte ich abgewirtschaftet.» Sein Leben war nur noch Hast.

Vetsch kam nicht ganz zufällig zum Yoga: «In New York war das in den Neunzigern der absolute Hype.» Auf der Yogamatte neben ihm dehnte sich auch schon mal Willem Dafoe, der Schauspieler. Alle machten Yoga. Es folgte der obligate Trip mit dem 60-Liter-Rucksack nach Indien. Heute unterrichtet Vetsch selber und sagt: «Mein Leben hat sich radikal entschleunigt.» Er sieht sich nicht als Aussteiger, eher als Umsteiger. E-Mail gehört zu seinem Alltagswerkzeug ebenso wie Handy und digitale Kamera. Er ist kein Fundi, trinkt auch mal Espresso, nicht nur Grüntee. Kürzlich leitete er sogar ein Theaterprojekt – er kanns nicht lassen: Selbst ein Yogi knipst nicht einfach Neugier und Ehrgeiz aus.

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Spute dich, sonst kommts noch schlimmer

Was uns fertigmacht, ist nicht eigentlich das Tempo, behauptet Hartmut Rosa. «Schnell rennen wäre ja nicht so schlimm, wenn man ein Ziel vor Augen hätte», sagt er. In Deutschland sei kürzlich ein Wachstumsbeschleunigungsgesetz beschlossen worden. «Nicht mit dem Versprechen, dass es nachher wirklich gut kommt, sondern mit der Drohung: Wenn wir das nicht machen, wird die Krise wirklich schlimm.» Sich sputen also, bloss um das Allerschlimmste zu verhindern. Ohne Aussicht darauf, dass man nach dem Spurt durchatmen könnte. «Das hat psychisch verheerende Konsequenzen.»

Genauso stresst uns die Fragmentierung unserer Aktivitäten: Weil wir heute gleichzeitig einen Text auf Word schreiben, E-Mails checken, simsen und twittern, stehen die Zeitfenster, in denen wir uns auf eine Sache konzentrieren, immer weniger lang offen. Lesen, das stundenlange Sich-Vertiefen, wirkt wie Mittelalter. Ständig erledigen wir heute mehrere Sachen zugleich – nur aus lauter Angst, etwas zu verpassen.

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Quelle: Dan Cermak

«Ich hatte immer das Gefühl, man rennt ständig, genügt aber trotzdem nicht. Ich merkte, dass ich die Handbremse ziehen muss­te.»

Regula Späni hat ihren Job als Fernsehfrau an den Nagel gehängt

«Völlig bireweich»

So weit wollte es Regula Späni, 45, nicht kommen lassen. Sie hängte nach 20 Jahren als Sportmoderatorin beim Schweizer Fernsehen ihren Teilzeitjob an den Nagel, um sich voll ihrer Familie zu widmen. «Ich hatte immer das Gefühl, man rennt ständig, genügt aber trotzdem nicht.» Sie fragte sich: Wofür das alles? «Ich merkte, dass ich die Handbremse ziehen musste.» Heute betreut sie als Hausfrau ihre drei Kinder Sari, 10, Gian, 9, und Niklas, 3, die sie nicht mehr «durch den Tag peitschen» möchte wie bis anhin. Und sie wünscht sich mehr Zeit für sich: mal ein Buch lesen oder einfach mal wieder ins Opernhaus, das sie als Kind so oft besuchte, denn ihr Vater war Opernsänger. Vor 15 Jahren war sie das letzte Mal dort

Solche langfristigen Ziele ohne Deadline, ohne Frist, geraten laut Rosa in unserer Turbogesellschaft unter die Räder. Ich sollte endlich mal wieder etwas für die Fitness tun, sagen wir dann, mal wieder in die Oper, mal wieder meine Freunde treffen – aber wir schaffens nicht, weil wir vollauf damit beschäftigt sind, die Feuer in unserem Alltag zu löschen, die allerorten aufflackern. Befeuert auch durch die permanente Erreichbarkeit. Dabei wären es gerade Familie und Freunde, die den Dauerstress mindern könnten. Auch Fernsehfrau Späni sagte sich immer wieder: Ich lade die jetzt mal zum Essen ein. «Und plötzlich war ein Jahr verstrichen, ohne dass es geklappt hätte.»

Späni wurde auch durch die vielen E-Mails und SMS gehetzt, die immer mehr in ihre Freizeit überschwappten. «Ich hatte immer das Gefühl, wenn ich nicht antworte, müssen andere warten und können nicht weiterarbeiten.Auch heute noch schaue ich zwei- bis dreimal nach, weil ich etwas erwarte. Völlig bireweich.» Hartmut Rosa nennt das «Tyrannei des Augenblicks».

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Wenn jemand 100 E-Mails oder SMS in die Welt hinausschickt, heisst das, dass mindestens 100 andere diese Botschaften erhalten. Sie sind die Opfer der modernen Kommunikation – die sich in Täter verwandeln, denn sie schlagen zurück. Sofort. Gnadenlos. Und warten auf sekundenschnelle Antwort. So dreht sich das immer weiter. Die grössten Lawinen löst aus, wer seine E-Mails routinemässig an ganze Abteilungen verschickt, die «Cc-isten». Sie müssen sich nicht wundern, wenn ihnen vor lauter Antwortpost schwindlig wird.

«Nicht mal der Tod ist stark genug»

Und was rät der Soziologe? Können wir uns überhaupt wehren, oder ist jede individuelle Entschleunigungsstrategie zum Scheitern verurteilt? Professor Rosa rät zu zeitlichen und räumlichen «Entschleunigungsinseln». Er selber wohnt unter der Woche, wenn er an der Universität in Jena lehrt und forscht, in einer Mansarde ohne Internetzugang und Fernsehapparat. Und er hält stur an seiner wöchentlichen Bandprobe fest. «Dieser Termin ist nicht verhandelbar. Vermeiden Sie überhaupt das Aushandeln!» Das fresse nur Zeit und Energie.

Solch fixe Ankerpunkte scheinen nötiger denn je. Pfarrer berichten, dass Hinterbliebene immer öfter um den Tag der Bestattung feilschten, um ihn möglichst passend in den Terminkalender zu quetschen. Jahrhundertelang galt für die Angehörigen: Zwischen Tod und Beerdigung steht die Zeit still. «Nun ist nicht mal mehr der Tod stark genug, um dieses hektische Rad zu stoppen», bedauert Rosa.

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Quelle: Dan Cermak

«Emotional und psychisch hatte ich abgewirtschaftet»

Der Blick in den Spiegel bewegte Andreas Vetsch zum Innehalten.

Nehmen Sie sich Zeit: Tipps zur Entschleunigung

  • Schmeissen Sie Ihren Fernseher raus. Er ist ­eine Zeitfressmaschine.

  • Setzen Sie Prioritäten: dringend, halb dringend, nicht dringend. Vergessen Sie Nichtdringendes sofort.

  • Züchten Sie Bonsais und schauen Sie ihnen beim Wachsen zu.

  • Schrauben Sie alle Sicherungen heraus und behaupten Sie dann, der Blitz habe eingeschlagen. Der Abend bei Kerzenlicht wird in Erinnerung bleiben.

  • Kaufen Sie sich einen alten Hund. Er entschleunigt Ihr Leben rapid.

  • Schreiben Sie einem guten Freund einen Brief. Verschicken Sie ihn mit einer echten Briefmarke. Er ersetzt 50 E-Mails.

  • Planen Sie Dates nicht mehr mit E-Mail und SMS. Das Hin und Her ist viel zu aufreibend. Greifen Sie zum Telefon und machen Sie Nägel mit Köpfen.

  • Stellen Sie Ihre Uhr 20 Minuten vor. Sie werden sich wundern, wie viel Zeit Sie übrig haben.

  • Ziehen Sie in die Stadt. ­Pendeln ist öde und zeitraubend.

  • Zeugen Sie Kinder. Sie geben zwar viel Arbeit, zwingen aber zur Langsamkeit.
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