«Nicht bankfähig» ist ein hartes Urteil, wenn man viel Energie und sein gesamtes Vermögen investiert hat, um sich den Traum von der eigenen Firma zu verwirklichen. Der Traum von Janine Korner und Joao Domingos war es, mit ihrer
JJ Domingos AG Kaffee und Kakao aus Afrika zu importieren. Der Aufbau dauerte zwei Jahre: Joao Domingos, gebürtiger Angolaner mit Schweizer Pass, reiste monatelang in Kamerun umher, organisierte Lieferan­ten und stellte in der Hafenstadt Douala fünf Mitarbeiter ein, die die Ware in die weite Welt verschiffen sollten. Abnehmer in verschiedenen europäischen Ländern und in Malaysia waren bereit, dem Jung­unternehmen je nach Saison mehrere hundert Tonnen Kaffee oder Kakao abzukaufen. Was im Herbst 2008 noch fehlte, waren einzig 500'000 Euro Betriebskapital, um die ersten grossen Kaffeelieferungen vorfinanzieren zu können. Das harte Urteil der Kreditinstitute jedoch lautete unisono: «nicht bankfähig», sprich: zu risikoreich.

Ex-CVP-Nationalrat verschafft den Kontakt

Geld suchte zu dieser Zeit auch Josef Brenner. Betrachtet man sein Familienunternehmen von aussen, so hat er das geschafft, wovon Joao Domingos und Janine Korner träumen: Er hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen Betrieb auf die Beine gestellt, der sich trotz Widrigkeiten behaupten kann.

Josef Brenner heisst in Wahrheit anders, und der Name seiner Firma oder auch nur die Branche sollen nicht im Beobachter stehen. Er muss in den nächsten Monaten einen Kredit über drei Millionen Franken erneuern, aber auch in seinem Fall erachten die Banken das Risiko als zu hoch.

Hier tritt Adriano Imfeld auf den Plan. Er führt in Sarnen ein Treuhand- und Revisionsbüro. Imfeld sei einer der «Briefkasten­könige von Obwalden», lästerte vor kurzem der Firmenauskunftsdienst Money­house. Der diplomierte Wirtschaftsprüfer sass von 2001 bis 2007 für die CVP im ­Nationalrat.

Anzeige

Auch die JJ Domingos AG hat ihren offiziellen Firmensitz bei der Imfeld Treuhand- und Revisions AG. Und so hatten denn Joao Domingos und Janine Korner grosse Hoffnungen, als ihnen Imfeld im Herbst 2008 eine E-Mail sandte. Er habe nun «einen mög­­­lichen Investor für die Domingos-­Grup­pe gefunden. Es handelt sich um einen Herrn Spreiter, welcher aktiv solche Investmentmöglichkeiten sucht.» Zudem, erinnert sich Janine Korner, habe Imfeld gesagt, «Herr Spreiter», mit Vornamen Günter, sei ihm von einem Ständerat empfohlen worden.

«Was solche Firmen genau machen, sieht man oft erst, wenn sie operativ tätig werden»: Hans Hess, Anwalt und Notar, FDP-Ständerat

Quelle: Websites www.parlament.ch und www.advokatur-hess.ch
Anzeige

Dieser Ständerat ist der Sarner Anwalt Hans Hess (FDP). Auch er gilt laut Moneyhouse als «Briefkastenkönig». «Empfohlen» habe er den Investor seinem Bekannten Imfeld nicht, sagt Hess: «Wir arbeiten oft zusammen, und deshalb sage ich meinen Kunden bei Firmengründungen manchmal, sie sollen doch Herrn Imfeld als Revisionsstelle einsetzen.»

Das tat Hess auch im Herbst 2008, als sein Sohn und Angestellter Hansruedi Hess bei der Spreiter-Firma Swiss Diamond ­Invest in Meyrin GE den Posten des einzigen Verwaltungsrats übernahm. Imfeld wurde, wie schon ein paar Monate zuvor bei Spreiters Firma Vision Trust, zur Revi­sionsstelle gewählt. Was die Firma in Meyrin genau machte, habe er damals nicht gewusst, sagt Hess senior: «Das sieht man bei solchen Firmen oft erst, wenn sie operativ tätig werden.»

Ein Treuhänder müsse gemäss den Standesregeln «jeden Auftrag sorgfältig und gewissenhaft prüfen», sagt dazu der Revi­sionsexperte Karl Renggli. «Das gilt auch, wenn ein Treuhänder ein Verwaltungsratsmandat einer Firma annimmt. Zu einer solchen Abklärung gehört die Beurteilung, ob die Geschäftstätigkeit des Kunden und sein Umfeld seriös sind. Kann ein Treuhänder einen Auftrag zum Beispiel nicht frei von Interessenkonflikten durchführen, so muss er das Mandat ablehnen.»

Anzeige

Die deutsche Justiz sucht den Investor

Dass Günter Spreiter für seine Geschäfte die Nähe zu bekannten Politikern suchte, dürfte kein Zufall sein. Er brauchte jeman­den, der half, seinen Ruf aufzupolieren, hatte doch sein letzter Auftritt in der Schweiz als «Investor» in Handschellen geendet: Spreiter hatte im Frühjahr 2006 den Verantwortlichen des Mystery Parks bei ­Interlaken Hoffnungen auf eine Investition von 60 Millionen Franken gemacht, die er dem finanziell klammen Unternehmen vermitteln könne. Bevor es so weit kam, wurde er aber verhaftet und nach Deutschland ausgeliefert. Die dortige Justiz suchte ihn wegen Vermögensdelikten.

Als Inhaber der JJ Domingos AG hätten Janine Korner und Joao Domingos prüfen müssen, mit wem sie sich auf ein Geschäft einliessen. «Wir wussten von der Episode in Interlaken», räumt Janine Korner ein, «aber wir waren überzeugt, es sei alles in Ordnung, wenn Imfeld und Hess uns diesen Investor empfehlen.» Und schliesslich war Sprei­ters Angebot unschlagbar: 500'000 Euro zu einem Zins von 2,8 Prozent, rückzahlbar auf zehn Jahre. Das Geld sollte von einer «R & B Gulf & International Investment» kommen, einer Firma in den Verei­nig­ten Arabischen Emiraten, deren «Handlungsbevollmächtigter» Spreiter zu sein vorgab.

Anzeige

«Ich habe den Vertragsparteien lediglich meine Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt»: Adriano Imfeld, Treuhänder und Ex-CVP-Nationalrat

Quelle: Websites www.parlament.ch und www.advokatur-hess.ch

Der Millionenkredit trifft nie ein

Am Tag vor der Vertragsunterzeichnung erhöhte Spreiter auf eine Summe von 2,5 Millionen Euro: Joao Domingos und Janine Korner wurden auch da nicht stutzig, sondern sahen sich ihrem Traum noch einmal ein Stück näher. Man traf sich bei Imfeld im Büro und unterschrieb. Imfeld sei damals anwesend gewesen und habe den Raum nur während der Vertragsunterzeichnung kurz verlassen, erinnern sich Janine Korner und Joao Domingos. Imfeld bestreitet dies gegenüber dem Beobachter: «Ich habe ­lediglich meine Räumlichkeiten zur Ver­fügung gestellt, habe aber nie an einer Sitzung mit den Vertragsparteien teilgenommen. Das kann ich mit Arbeitsrapporten belegen.»

Anzeige

In der zweiten Januarhälfte 2009 werde das Geld bereitliegen, versprach Spreiter. Bloss brauche er für eine Geschäftsreise in die Vereinigten Arabischen Emirate eine «Spesenentschädigung» von 5000 Franken, erklärte er dem Ehepaar Domingos-Korner. «Etwas gewundert haben wir uns schon», sagt Korner, aber dann habe man bezahlt.

Ob Spreiter die Reise tatsächlich antrat, bleibt sein Geheimnis. Der «Handlungs­be­vollmächtigte» ist für den Beobachter unter keiner seiner zahlreichen Telefonnummern zu erreichen und antwortet auch nicht auf E-Mails. Tatsache ist: Der vertraglich vereinbarte Kredit traf nie auf dem Konto der JJ Domingos AG ein. Stattdessen brach Spreiters Lügengebäude Stück für Stück zusammen. Schon die Firmenadresse der «R & B Gulf & International Investment» in Vaduz erwies sich bei genauem Hinsehen als fiktiv. Eine «Auelerstrasse 5», wie auf Spreiters Visitenkarte angegeben, gibt es dort nicht, wohl aber eine Aeulestrasse 5. An ihr haben zahlreiche Treuhandfirmen ihr Domizil. «Als wir das entdeckten, dämmerte uns langsam, dass uns da ein Hochstapler als finanzkräftiger Investor präsentiert worden war», sagt Janine Korner.

Anzeige

Den Unternehmern bleibt nur der Schaden

Günter Spreiter war nun telefonisch nicht mehr erreichbar, und auch Treuhänder Imfeld machte per E-Mail einen «allgemeinen Termindruck» geltend. Im März 2009 – Joao Domingos und Janine Korner hatten in der Zwischenzeit sämtliche Kaffeebestellungen stornieren müssen – schrieb Imfeld: Er habe Spreiter und das Ehepaar Domingos-Korner «im Sinne einer für Sie kostenlosen Türöffnerfunktion/eines Tipps unter Geschäftspartnern» zusammengebracht.

Auch Josef Brenner, der zweite Unternehmer auf Geldsuche, der von Imfeld einen «Tipp unter Geschäftspartnern» ­erhalten hatte, sah nie Geld. Auch ihm ­gaukelte Günter Spreiter vor, «Handlungs­bevollmächtigter» der «R & B Gulf & International Investment» zu sein, auch von ihm erhielt Günter Spreiter «Reisespesen», wenn auch «nur» 3500 Franken. Und auch im Fall von Josef Brenner war das versprochene Geld über Monate blockiert.

Anzeige

Vor ein paar Wochen dann habe ihm Spreiter in einem Zürcher Restaurant einen Check über 2,3 Millionen Euro auf den Tisch gelegt, erzählt Brenner: «Aber bevor ich ihn einlösen konnte, sollte ich 40'000 Franken als ‹Aufwandentschädigung› an ihn bezahlen.» Brenner verzichtete und sucht weiterhin verzweifelt nach Geld.

Domingos und Korner bleibt bloss der Schaden. Etwa 300'000 Franken haben sie nach ihren Schätzungen verloren, weil sie wegen Spreiters nicht existierenden Millionen während der Kaffeesaison ihre Kunden nicht beliefern konnten. Wie es mit ihrem Traum weitergehen soll, wissen sie nicht. Sie suchen weiter nach einem Investor. Immerhin zahlte ihnen Spreiter mittlerweile die 5000 Franken zurück. Etwa gleich hoch sind die Rechnungen, die sie nach dem Fiasko noch bei Imfeld offen haben.

Anzeige