Tamara De Icco kann nur Hell und Dunkel unterscheiden, seit ihr Sehnerv bei einer Operation im Kindes­alter geschädigt wurde. Dennoch steuert sie mit ihrem Blindenhund zielsicher durchs Gewimmel in Bahnhöfen, Treppen nimmt sie problemlos. «Ich bin es gewohnt, mein Leben selbständig zu organisieren», sagt die 23-Jährige aus Zollikofen BE.

Sie machte eine kaufmännische Lehre, lernte vier Sprachen, absolvierte mehrere Praktika, am Computer ist sie fix. Nur: Bei der Stellensuche hilft das alles nicht. Über siebzigmal bewarb sie sich seit letztem Sommer, einen Job hat sie bis heute nicht.

Blindenzentrum lehnt Blinde ab

Tamara De Icco bezieht Arbeitslosengeld, will aber arbeiten, selber für sich sorgen können. Vergebens: «Nicht selten werde ich mit Begründungen abserviert, die diskriminierend und unberechtigt sind», sagt sie. Wie kürzlich bei einem Treuhandbüro an ihrem Wohnort Zollikofen – dort hiess es, die Stelle komme für sie nicht in Frage, weil sie sich am Arbeitsplatz viel und schnell bewegen müsse.

Bei der Billag wiederum, der Inkassostelle für die Fernseh- und Radiogebühren in Freiburg, musste ihr Blindenhund als Absagegrund herhalten: Mitarbeiter würden allergisch auf ihn reagieren. Als sie anbot, das Tier in einen Nebenraum zu setzen, winkte die Billag ab – das sei dem Hund nicht zuzumuten. Bei der Billag heisst es auf Nachfrage lapidar, damals sei gar keine Stelle frei gewesen; über die Akzeptanz eines Blindenhunds habe man nur «allgemein» gesprochen.

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Eine weitere Erfahrung, die De Icco machte: Institutionen, die sich die berufliche Integration auf die Fahne geschrieben haben, sagen oft am schnellsten ab. Nach dem KV-Abschluss bewarb sie sich 2010 um eine Praktikumsstelle beim Blinden- und Behindertenzentrum Bern (BBB). Vergeblich. Die Begründung: Das Betreuerteam wolle keine Blinde. «Das tat weh und hat mich geschockt», sagt De Icco.

Susanna Wittwer, seit Mitte 2011 Vorsitzende der BBB-Geschäftsleitung, bemüht sich um Schadensbegrenzung: Was damals geschah, sei für sie «schwierig nachzuvollziehen». Wenn sich heute eine blinde Person bewerbe, werde diese Anfrage besonders sorgfältig geprüft. Dazu sei man als Blindeninstitution verpflichtet.

Gut, aber angeblich nicht geeignet

De Icco kommt sich oft vor wie eine heisse Kartoffel, die weitergereicht wird: «Mir wird gesagt, ich wäre zwar eine super Mitarbeiterin, nur sei ausgerechnet dieser Arbeitsplatz für eine Blinde nicht geeignet.» Zu einem Vorstellungsgespräch wird sie nur selten eingeladen, versprochene Rückrufe bleiben aus. Den Sozialbereich hat sie inzwischen abgehakt.

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Die IV hat ihr einen Betreuer zugeteilt, um sie bei der beruflichen Integration zu unterstützen. Sie erwähnte auch die diskriminierenden Absagen, doch geändert hat das nichts: «Letztlich bin ich auf mich selber angewiesen.»

Das Beispiel zeigt: Firmen und Institutionen tun sich schwer mit der beruflichen Eingliederung von Menschen mit Behinderung. Auch wenn sich der Schweizerische Arbeitgeberverband, der Bund und die Invalidenversicherung wortreich dazu bekennen, wie in einer offiziellen Mitteilung von Anfang 2012: «Mit jeder erreichten Eingliederung bleibt ein Mensch über die Arbeit eingebettet in ein tragendes soziales Gefüge, statt auf dem Rentengleis untätig abgestellt zu sein.»

Hinzu kommt: Arbeitgeber gehen nicht einmal finanzielle Risiken ein, wenn sie Behinderte einstellen – im Rahmen eines «Arbeitsversuchs» können sie einen Bewerber bis zu sechs Monate lang testen, ohne durch einen Arbeitsvertrag gebunden zu sein. Die Invalidenversicherung bezahlt den Lohn, oder die Rente läuft weiter.

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Immerhin: Für Tamara De Icco tut sich nun doch noch eine Tür auf – sie hat ab Oktober ein Angebot einer Grosshandelsfirma in Zollikofen. Diese beschäftigt in ihrer Telefonzentrale seit Jahren Sehbehinderte. Einer von ihnen wird nun pensioniert, De Icco könnte nachrücken. Sie freut sich über die langersehnte Chance.