Der Lehrstellenbewerber rechnete wohl nicht mit dem guten Gedächtnis von Bernhard Isenegger. Der Juniorchef der Camenzind Mechanik AG in Kriens hatte dem Sekundarschüler bereits ein Jahr zuvor eine Absage erteilt. Die Schulnoten entsprachen nicht dem Anforderungsprofil für einen Polymechaniker. Nun lag die Bewerbung wieder auf seinem Tisch, und er verglich die Zeugniskopien. Er hatte sich nämlich über die guten Noten gewundert: «Tatsächlich war da etwa in der Mathematik aus einer 3 eine 5,5 geworden.» Bei der Verhaltensnote stand nun plötzlich nicht mehr ein «Befriedigend», sondern ein «Gut». Und stümperhafterweise war der Name des Lehrers im Feld des Erziehungsberechtigten einkopiert. Das Zeugnis war gefälscht – der zweite Fall für Isenegger in den letzten vier Jahren.

Quelle: Igor Kravarik

«Ganz klar kein Kavaliersdelikt»

Er liess Gnade vor Recht ergehen und verzichtete auf eine Anzeige. Isenegger meldete den Vorfall aber ans Schulrektorat. Daraufhin entschuldigte sich der Fälscher schriftlich. Damit war die Angelegenheit für den Lehrbetrieb erledigt. Um aber Nachfolgetätern den Riegel zu schieben, steht auf der Firmen-Homepage eine deutliche Botschaft: «Bei Zeugnisfälschungen werden rechtliche Schritte vorbehalten.»

Auch das Amt für Berufsbildung des Kantons St. Gallen wies die Lehrbetriebe Mitte Jahr auf «vereinzelte Fälle» von Zeugnisfälschungen bei der Lehrstellensuche hin. Es wird empfohlen, «Einblick in die Zeugnisoriginale zu verlangen».

Einer dieser Betrugsfälle landete nach einer Anzeige bei der zuständigen Jugendanwaltschaft. Jugendrichter Reto Walther möchte sich zum laufenden Verfahren nur prinzipiell äussern: «Es ist ganz klar kein Kavaliersdelikt.» Schwerer als die strafrechtlichen Folgen – in der Regel Arbeitsleistung oder eine Busse – wiegen seiner Ansicht nach die beruflichen Konsequenzen: «Läuft das Lehrverhältnis bereits und fliegt der Schwindel auf, kann der Arbeitgeber fristlos kündigen.» Für die weitere berufliche Karriere wirken solche «Tolgge» im Reinheft oft verheerend.

Gesamtschweizerische Zahlen oder Schätzungen zu gefälschten Zeugnissen oder Fähigkeitsausweisen existieren nicht. Alle angefragten Stellen sprechen von Ausnahmefällen und nicht von einem Trend. So sind beispielsweise der Lehraufsicht des Kantons Zürich aus den letzten fünf Jahren nur zwei Fälle von gefälschten Noten im eidgenössischen Fähigkeitszeugnis bekannt – dies bei rund 50'000 ausgestellten Zeugnissen. Beide Fälschungen wurden polizeilich angezeigt.

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Keine Chance, die Stelle zu kriegen

Und wie sieht es bei den erwachsenen Stellenbewerbern aus? Mutieren sie in Zeiten, wo sich viele um denselben Job balgen und die Anforderungen steigen, zu Bluffern und Tricksern? – Ein Drittel der Personalverantwortlichen ist schon auf gefälschte Arbeitszeugnisse gestossen. Dies besagt eine empirische Untersuchung aus den neunziger Jahren, erstellt von Thomas M. Schwarb, Professor an der Fachhochschule Solothurn Nordwestschweiz. In Deutschland hat die Düsseldorfer Detektei Kocks 5000 Bewerbungsdossiers überprüft. Sie stiess dabei auf 1500 Unkorrektheiten. Der Befund: Am häufigsten werden Lücken im Lebenslauf kaschiert.

Für René Frei, Personalchef bei der Migros Ostschweiz, sind vorenthaltene Angaben oder geschönte Unterlagen eine kurzsichtige Strategie: «In der Regel stossen wir darauf, wenn es zum Vorstellungsgespräch kommt.» Je nachdem, was jemand verschweige, könne ein solches Verhalten «zum Killerkriterium» werden – sprich: keine Chance, die Stelle zu bekommen. Auch bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) wird «bei klarer Falschinformation» nichts aus einer Anstellung. Die Anzahl versuchter Betrügereien – etwa ungenaue Salärangaben bezüglich des vorherigen Arbeitgebers – sei aber verschwindend klein. Im Zweifelsfall verlangt die ZKB dann eine Kopie des Lohnausweises.

Bekannt geworden ist vor drei Jahren der Fall eines Möchtegernarztes in Basel, dessen Hochstapelei erst nach sechs Jahren aufflog. Während dieser Zeit hatte der Schwindler ohne entsprechende Ausbildung in einer Praxis für Drogenabhängige gearbeitet und den Arbeitgeber mit gefälschten Zeugniskopien getäuscht. Ein Wiederholungstäter: Der falsche Arzt hatte zuvor in einem Wiener Krankenhaus gearbeitet. Als die österreichischen Behörden ein Strafverfahren einleiteten, setzte er sich in die Schweiz ab. Als ihm schliesslich auch hier der Boden unter den Füssen zu heiss wurde, trieb er in Deutschland sein Unwesen. Dort wurde er 2004 verhaftet.

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