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RuhestandMit 65 ist noch lange nicht Schluss

Nach der Pensionierung weiterarbeiten? Das wünschen sich viele. Doch weil geregelte Angebote von Firmen spärlich sind, müssen Pensionierte selber aktiv werden.

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Lehrer Karl Bichsel ist voll auf ­Europakurs. «Aktives Altern» heisst nämlich das Motto der EU für 2012, um «das Potenzial der Menschen ab 60 zu mobilisieren». Bei Karl Bichsel, 67, muss freilich gar nichts mehr mobilisiert werden: Er denkt nicht an Ruhestand und unterrichtet weiter eine Sekundarklasse B. «Für mich ist der Lehrerberuf eine Berufung», sagt er.

Bichsel lernte ursprünglich Konstrukteur. Doch weil er sich nicht vorstellen konnte, bis zur Pensionierung in diesem Beruf zu arbeiten, holte er die Matur nach und bildete sich zum Realschullehrer weiter. Seit 36 Jahren unterrichtet er nun im selben Schulhaus in Volketswil ZH. Als er 65 wurde, war es für ihn selbstverständlich, weiterzumachen wie bisher. «Ich bin mit derselben Freude wie anfangs dabei, die Schule ist für mich neben der Familie zentraler Lebensinhalt.»

Bei seinen Plänen kam ihm der Lehrermangel entgegen. Das Volksschulamt fordert die Schulbehörden auf, Lehrer im Pen­sionsalter zum Bleiben oder gar zur Rückkehr aus dem Ruhestand zu motivieren. So stehen heute im Kanton Zürich 30 eigentlich pensionierte Lehrer weiterhin vor den Klassen. Der Beruf ist dafür besonders geeignet, findet Bichsel: «Ich profitiere dabei von der Berufs- und Lebenserfahrung.» Auch die positiven Rückmeldungen von Eltern und Schülern bestärken ihn.

Derart selbstverständlich können indes nur wenige übers Pensionsalter hinaus am gewohnten Arbeitsplatz bleiben. Jede siebte Person im Alter zwischen 65 und 74 arbeitet zwar – mehrheitlich Männer, sagt das Bundesamt für Statistik. Doch 45 Prozent von ihnen sind als Selbständige auf eigene Rechnung tätig. Eine aktuelle Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services hat für die Schweiz ergeben, dass die Hälfte der Pensionierten weiterarbeiten möchte, nur 22 Prozent aber auch überzeugt sind, dass sie wirklich weiter beschäftigt würden.

Plötzlich den ganzen Tag lang zusammen

So bleibt die Initiative, auch mit über 65 einer Erwerbstätigkeit nachzugehen, weitgehend den Pensionierten selber überlassen. Bei Jürg Weidmann brauchte es dazu eine kleine Zusatzschlaufe. Er liess sich mit 63 frühpensionieren, um mehr Zeit für die Familie und für Renovationsarbeiten im Ferienhaus zu haben. «In meiner Führungsposition war ich voll gefordert, und es gab kaum Raum für anderes», erinnert er sich. Im Betrieb sei keine Veränderung mög­lich gewesen. Dann kam der Ruhestand – und eine unerwartete Erkenntnis: «Anfangs genoss ich die reichlich vorhandene Freizeit, doch nach einem halben Jahr merkte ich, dass mir der Kick im Alltag fehlte und ich wieder eine Herausforderung brauchte.» Und: «Man unterschätzt auch die Situation, als Paar plötzlich tagsüber mehrheitlich zusammen zu sein.»

Weidmann suchte ein Mandatsverhältnis, in dem er seine Arbeitszeit selber einteilen konnte. Zufällig hörte er von der Zürcher Stellenvermittlung Emeritus-Work. «Es war spannend, mich wieder einem rich­tigen Bewerbungsprozedere zu stellen.» Schliesslich erhielt er das Angebot der Liftbett Swiss AG, das Marketing auszubauen. Nach wenigen Monaten wurde er Geschäfts­führer der Start-up-Firma. «Ich schätze es heute sehr, völlig selbständig noch etwas leisten zu können», betont er. Seit Februar dieses Jahres, als er 65 wurde, bezieht er zusätzlich zum Lohn eine AHV-Rente.

Die Idee zum Netzwerk Emeritus-Work, das sich ausschliesslich an Pensionierte wendet, kam von zwei 30-Jährigen. Ausschlaggebend sei die Diskussion um die Zukunft der AHV gewesen, erzählt Fabio Babey. «Wir wollten etwas tun für eine bessere Integration der Senioren.» An Nachfrage mangelt es nicht: Seit dem Start vor anderthalb Jahren haben sich rund 200 Senior-Berufsleute beworben. «Mehrheitlich suchen sie eine Stelle, weil sie ihre Erfahrungen für Neues einsetzen möchten. Ei­nige geben auch finanzielle Gründe an», so Geschäftsführer Walter Wittmer, der selber im Rentenalter ist. Bis jetzt sind allerdings erst zehn erfolgreiche Vermittlungen zustande gekommen. «Die meisten Absagen erfolgen, weil die anfragenden Firmen meinen, Pensionierte liessen sich für ein Taschengeld oder ohne Bezahlung engagieren», sagt Wittmer.

Dass es mit der Integration von Älteren in den Arbeitsprozess noch harzt, stellt auch Günter Pfeiffer fest. Er ist Mitbegründer des Demographie-Forums Schweiz, das auf Initiative von Swisscom, UBS und der Post entstanden ist. Der ehemalige Swisscom-Personalleiter sagt: «Entstanden sind vor allem Übergangsmodelle für ältere ­Angestellte ab 58, doch für die Weiterarbeit nach 65 bestehen kaum Konzepte.» Es ­fehle an materiellen Anreizen für Mitarbeitende und Unternehmen.

Die Firmen tun sich schwer mit Senioren

Heute beschäftigen Firmen betriebsintern über 65-Jährige praktisch nur in Mandatsverhältnissen für spezielle Aufgaben. Etwa die SBB, die eine Beratergruppe von Topleuten aufgebaut haben, die punktuell eingesetzt werden. 53 Personen im Pensionsalter arbeiten bei der Bahn – als Reiseleiter, technische Experten, Übersetzer und Zugbegleiter bei kommerziellen Fahrten. Derzeit prüfen die SBB verschiedene flexible Pensionierungsmodelle, die Mitarbeitenden Anreize zum längeren Verbleib geben sollen. Möglichkeiten flies­sender Teilpensionierung über 65 hinaus bietet die Bundesverwaltung. Genutzt werden sie aber erst von rund 90 der 37'000 Beschäftigten.

Thomas Daum, Direktor des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, ortet das grösste Problem bei der starren Altersgrenze, die in den Köpfen programmiert sei. Statt eines fixen Alters für den Ruhestand sollte nur noch das Referenzalter zur Bemessung der Versicherungsleistungen gelten, fordert Daum. Dieses Referenzalter würde er bei 67 festlegen. Auch Hans-Ulrich Bigler vom Gewerbeverband wünscht sich mehr Flexibilisierung für den Austritt aus dem Erwerbsleben. Dieser könne beim Alter von 62 oder nach einer obligatorischen Zahl von Beitragsjahren einsetzen und nach oben offen sein, müsse aber ohne Mehrkosten für die AHV ausgestaltet werden. Beide Kapitäne der hiesigen Arbeitgeberschaft sind überzeugt, dass die Verknappung von Arbeitskräften die Nachfrage nach älteren Arbeitnehmenden erhöhen wird. Eine Umfrage von Avenir Suisse bei Personalverantwortlichen von 804 Unternehmen zeigt allerdings: Bei freiwerdenden Stellen würden nur sechs Prozent der Firmen bei gleicher Eignung den älteren, über 50-jährigen Bewerber anstellen.

Einsatz um vier Uhr morgens

In gewissen Branchen ist der Einsatz von Pensionierten aber gewissermassen Teil des Geschäftsmodells, etwa bei Medienzustelldiensten. So sind bei der Presto Presse-Vertriebs AG der Post 700 der 10'000 Beschäftigten im Pensionsalter. Monika ­Engeli trägt für den regionalen Zusteller Schazo AG in Schaffhausen von Montag bis Samstag ab vier Uhr morgens 130 bis 170 Zeitungen aus. Die 71-Jährige sagt: «Dass ich damit einen Zuverdienst habe, spielt eine Rolle.» Denn sie und ihr Mann haben die Maximalrente bei der AHV nicht erreicht. Inklusive Ferienzulage kommt Engeli auf einen Verdienst von rund 450 Franken im Monat.

Die gebürtige Berlinerin arbeitete bis zur ordentlichen Pensionierung als Pflegefachfrau mit einem 80-Prozent-Pensum. Anfangs trug sie die Zeitungen neben der Berufsarbeit aus, jetzt ist es die Haupttätigkeit. «Mir gefällt die Arbeit, und es ist schön, etwas zu machen, was die Leute wertschätzen», sagt sie. Meist braucht sie etwa eine Stunde für den normalen Rundgang, bezahlt werden 45 Minuten, für Grossauflagen 75 Minuten. «Die Zeit wurde mit der Stoppuhr festgelegt; früher war sie grosszügiger bemessen», bemerkt sie. Doch bei Eis und Schnee gebe es schon mal eine Zulage und Ende Jahr einen kleinen Bonus. In den vergangenen zwölf Jahren reichte es nur ein einziges Mal für Fe­rien. Das nächste Ziel der aktiven Rentnerin ist aber ohnehin ein anderes: Sie möchte 2013 das 15-Jahre-Jubiläum als Zeitungsverträgerin erreichen.

Was für Engeli längst Routine ist, lockt viele: Jahr für Jahr suchen mehr Pensionierte nach einer Möglichkeit, weiterzuarbeiten. Neben den Netzwerken für die Vermittlung spezialisierter Fachpersonen sind in den letzten Jahren mehrere Stellenbörsen im Internet entstanden (siehe nachfolgende Box «Arbeiten nach 65»). Hier bieten pensionierte Angestellte, Handwerker, Hausfrauen, aber auch Ex-Direktoren und Kader­leute Dienstleistungen aller Art an.

Mit 65 ist jeder dritte Mann noch erwerbstätig

«Kein Ersatz für Leute mit tiefen Renten»

Doris Bianchi, beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund für Altersarbeit zuständig, warnt vor den negativen Aspekten dieser erhöhten Nachfrage: «Es darf auf keinen Fall dazu kommen, dass Erwerbstätigkeit im Alter als ein Ersatzeinkommen für Leute mit tiefen Renten gefördert wird.» Oft wird Rentnern Arbeit zu Löhnen angeboten, die unter den marktüblichen liegen. «Der gesetzliche Mindestlohn muss von allen eingehalten werden», stellt Bianchi klar. Selbst für Hausarbeit gebe es einen Normalarbeitsvertrag mit Lohnrichtlinien. Kontrollen sind allerdings schwierig, weil Pensionierte bei der AHV einen Freibetrag von 1400 Franken pro Monat erhalten.

«Erwerbs- und Freiwilligenarbeit mischen»

Der Altersforscher François Höpflinger beschäftigt sich seit langem mit dem Poten­tial fitter Senioren. Er findet, dass Firmen die Vorteile der Weiterarbeit stärker gewichten sollten. Schon die Möglichkeit eines Teilrentenbezugs begünstige einen verlängerten Übergang. «Und für Senioren, die bereits Rente be­ziehen, wären neue Arbeitsmodelle wie Mischformen zwischen Erwerbs- und Freiwilligenarbeit geeignet.» Damit würden sie professionelle Fachleute ergänzen, ohne sie zu konkurrenzieren.n

Arbeiten nach 65: Tipps

Rentenaufschub: Den Bezug der AHV-Rente kann man (ausser bei Bezug einer IV-Rente) um maximal fünf Jahre aufschieben und so einen Rentenzuschlag von maximal 31,5 Prozent er­arbeiten. Der Aufschub muss innert eines Jahres nach Erreichen des AHV-Alters angemel­det werden; Teil­rentenbezug ist nicht möglich. Ein Aufschub der BVG-Rente ist in der Regel nicht vorgesehen. Fragen Sie aber bei Ihrer Pensionskasse nach.

Versicherungspflicht: Für Weiter­arbeitende gilt bei der AHV ein Frei­betrag von 16 800 Fanken pro Jahr; für Lohnanteile darüber muss man AHV/IV/EO zahlen, obwohl die Beiträge nicht an die Rente angerechnet werden.

Jobs – Stellenbörsen für Seniorinnen und Senioren: www.rentarentner.ch; www.pensiojob.ch; www.rentnerpower.ch; www.arbeitsrentner.ch; www.activas.ch

Stellenvermittlung für qualifizierte Fachleute: www.emeritus-work.ch

Netzwerke von Führungskräften, die besondere Aufgaben übernehmen: www.adlatus.ch; www.senexpert.ch

Beratungen zur Pensionierung: AvantAge, Fachstelle Alter und Arbeit der Pro Senectute: www.avantage.ch

Bücher: Urs Haldimann: «Glücklich pensioniert – so gelingts!»; 2010, 224 Seiten, 38 CHF (für Beobachter-Mitglieder 31 Franken); Beobachter-Buchverlag,

Klara Obermüller: «Ruhestand – nein danke! Konzepte für ein Leben nach der Pensionierung»; Xanthippe-Verlag, 2005, 178 Seiten, CHF 37.90

Veröffentlicht am 29. Juni 2012