Der Bleichehof im St. Galler Rheintal heisst nicht zufällig so. Um helles Wachs herzustellen, wurde an diesem Ort früher gelbes Bienenwachs unter der prallen Sonne gebleicht. Bis heute dreht sich auf dem Hof in Altstätten alles um Kerzen. Er ist das Zuhause von Hongler Kerzen, der ältesten Kerzenfabrik der Schweiz. Und der Arbeitsort von Barbara Gredinger. Seit zwölf Jahren ist sie hier Produktentwicklerin.

Neben alten Fabrikhäuschen aus der Blütezeit des Textilgewerbes steht auf dem Areal heute ein moderner Neubau – das Herz der 300-jährigen Kerzenfabrik.

«Kerzen werden hier noch wie im Mittelalter gezogen. Das ist grosse Handwerkskunst.» Gredinger steht neben einer gigantischen Walze, die endlose Meter Docht durch ein Wachsbad zieht und aufwickelt. Es herrscht reger Betrieb.

Weniger Nachfrage seitens der Kirchen

Die katholische Kirche ist bis heute der wichtigste Kunde der Manufaktur. Weil aber die Anzahl der Gläubigen abnimmt, werden weniger Kerzen nachgefragt. Seit zwölf Jahren produziert die Firma deshalb auch Wachsprodukte für den Alltag.

Einst war die gebürtige Zürcherin noch Kundin der Kerzenfabrik. Gredinger hat Modedesign studiert, viele Jahre als Fotostylistin gearbeitet und später mit ihrem Mann in Ligerz am Bielersee einen Weinbauernhof übernommen. Mit Kerzen hatte die 53-Jährige wenig am Hut – bis sie in einer Gutenachtgeschichte, die sie ihren Kindern vorlas, auf die schwedischen Grenljus-Kerzen stiess. Sie gleichen in ihrer Form einem mehrarmigen Kerzenständer und kommen in Schweden traditionell an Weihnachten auf den Tisch. 

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Als Winzerin vermisste Gredinger die kreative Herausforderung, also bestellte sie sich mehrere der Kerzen und setzte sich ein Ziel: Innerhalb eines Jahres wollte sie ihre eigene Kerze an einer Messe für Design verkaufen. Kurzerhand verwandelte sie einen alten Schuppen auf dem Hof in eine Kleinst-Kerzenmanufaktur. Sie sezierte eine Schwedenkerze nach der anderen und tüftelte an einem Gestell, mit dem sie ihre Kerzen ziehen und trocknen konnte. Bis zum perfekten Prototyp verbrauchte sie fast eine Tonne Wachs. Es war Wachs aus dem St. Galler Rheintal. 

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Die Kundin aus der Westschweiz, die immer wieder säckeweise Wachs ins Auto lud und damit quer durch die Schweiz fuhr, fiel Elsa und Cyril Egger auf. Mutter und Sohn führten Hongler Kerzen in der achten und neunten Generation. Barbara Gredinger, glaubten die Eggers, könnte ihrem neuen Geschäftszweig den kreativen roten Faden verleihen. Also verlagerte Gredinger ihre Produktionsstätte ins Rheintal und half mit, auf dem Fabrikgelände einen exklusiven Kerzenladen einzurichten.  

Spitzenverbrauch in der Schweiz

«Kerzenziehen klingt einfach: Man taucht einen Docht so lange in flüssiges Wachs, bis genug daran haften bleibt und eine Kerze entsteht. Aber so simpel ist es nicht. Das Handwerk habe ich in meinem Schuppen am Bielersee auch lange unterschätzt», sagt Barbara Gredinger. Sie steht vor grossen Behältern mit Paraffin-Perlen, Stearin-Perlen und Perlen aus Bienenwachs. Nur noch jede fünfzigste Kerze enthält das Sekret aus den Wachsdrüsen der Insekten. 

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Chemisch herstellen kann man Bienenwachs nicht. Für ein Kilogramm braucht es 150'000 Bienen. Billiger sind Stearin aus asiatischen Pflanzenölen und Paraffin, ein Erdölprodukt. Neun von zehn Kerzen werden aus Paraffin hergestellt. «Die Schweiz gehört zu denjenigen Ländern, in denen man Kerzen speziell schätzt», so Gredinger. «Pro Kopf und Jahr verbrauchen wir über zweieinhalb Kilo.»

Do-it-yourself

Wärme in der kalten Jahreszeit: Kerzen-Arrangement bei der Firma Hongler.

Quelle: Sonja Ruckstuhl

In der Produktionshalle riecht es nach flüssigem Wachs. «Meine ersten mehrarmigen Kerzen sind vor meinen Augen in sich zusammengesunken.» Die Rezeptur der Wachse, die Grösse und Form der Dochte – für die perfekte Kerze muss alles stimmen. Altar- und Liturgiekerzen müssen aus mindestens 55 Prozent Bienenwachs gezogen sein – so will es die katholische Kirche. 

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Vor einer Wand voll unterschiedlich grosser und dicker Kerzen bleibt Barbara Gredinger stehen. «Unser Wachsziehermeister passt die Masse des Kerzenlochs am Fuss der Kerze jeweils dem Dorn der Kerzenständer an. Mittlerweile kennt er Länge und Durchmesser des Dorns aller Altarkerzenhalter.» Die Ausbildung zum Wachszieher kann man nur noch in Deutschland absolvieren. Der Lehrgang dauert drei Jahre – bis man eine perfekte Kerze hinbekommt, braucht es jahrelange Erfahrung. 

Am liebsten weiss und schlicht

Ein wenig ins Handwerk schnuppern darf man bei Hongler Kerzen auch ohne Ausbildung. Heute zeigt uns Barbara Gredinger, wie man ein einfaches Windlicht herstellt, in das man ein brennendes Teelicht stellt. «Ich mag die Lichter am liebsten weiss und schlicht», sagt sie. «Wenn man sie in Gruppen anordnet, ergibt das eine stimmungsvolle Dekoration.» Mit Wachs zu arbeiten sei sehr sinnlich. «Ich würde es zu Hause allerdings immer im Wasserbad erhitzen, sonst kann es sich entzünden.» Auch das habe sie lernen müssen, sagt Gredinger und lacht. 

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Um gegen die Billigkonkurrenz zu bestehen, setzt Hongler Kerzen auf ein liebevoll zusammengesuchtes Sortiment. Die Kerzenliebhaber, die in der Adventszeit jeweils den Laden in Altstätten stürmen, finden darin auch das Schwedenmodell, das einst in einem Schuppen am Bielersee entworfen wurde. Gredinger hat es Candelunica getauft.

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Jasmine Helbling, Redaktorin

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