Es hat etwas im besten Sinne Kindliches: Man surft auf dem Fluss, mitten in der Schweiz – und meint, am Meer zu sein.

So könnte man das Lebensgefühl von Manuel Gerster und Dani Schmutz beschreiben. Soeben sind die beiden mit ihren Surfbrettern von der Bushaltestelle durchs Einfamilienhausquartier zur Aare hinunterspaziert. Früher seien sie oft von ungläubig staunenden Passanten angequatscht worden, mittlerweile habe man sich an ihren Anblick gewöhnt.

«Ich habe etwas Neues geschafft: 360-Grad-Drehung, Backslide, 360-Grad-Drehung!», jubelt Gerster, der gerade aus dem Wasser gestiegen ist. Schmutz klopft seinem Kollegen auf die Schulter, grinst von einem Ohr zum anderen und sagt: «Geile Siech.»

Alles klar. Wir befinden uns in Bern, der Hauptstadt der entspannten Lebensart. An diesem heissen Sommertag gleicht das Aareufer unterhalb Muri einer Freizeitanlage. Die Würste brutzeln auf dem Grill, man philosophiert mit dem Bier in der Hand, Wochenendstimmung. Gerster und Schmutz geben einen Kurs im Bungeesurfen. Heute versuchen Alessandra, Lorenz und Lani abwechslungsweise, auf dem Brett zu stehen – was gar nicht so einfach ist.

Die Anfänger tun sich schwer

Im besten Fall funktioniert es so: Man lässt sich samt Surfbrett und dem an einem Baum befestigten Gummiseil flussabwärts treiben, bis das Seil stark gespannt ist. Dann klettert man auf das Brett. Nun zieht sich das Seil zusammen und lässt den Surfer rasant flussaufwärts gleiten. Ähnlich wie Wakeboarden soll sich das anfühlen, wo der Surfer von einem Motorboot gezogen wird. Doch davon sind die Anfänger noch weit entfernt: Sie lassen das Seil meist rasch los, so dass es wie eine wild gewordene Tarantel allein flussaufwärts schiesst.

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Gerster und Schmutz sind schon gemeinsam auf der Aare gesurft, da waren sie gerade mal zehn Jahre alt. «Damals benutzten wir noch eine alte Schaltafel und ein starres Seil», erzählt Schmutz. «Das klassische Aarebrättle eben.» Bereits um 1920 sollen die Ersten damit angefangen haben. In den sechziger Jahren wurde der Funsport immer beliebter, woran die Polizei offenbar keine Freude hatte. Ein Surfbrett sei ein Wasserfahrzeug, argumentierten die Beamten, es müsse ein Nummernschild tragen. Mittlerweile ist der Sport legal und Bern zum Mekka der Bungeesurfer geworden: Allein zwischen Thun und Bern gibt es 20 bis 30 Hotspots, wo sich die Surfer an der Aare treffen, und das Berner Start-up Royal Ropes vertreibt eigens fürs Bungeesurfen entwickelte elastische Seile. 

Das «Drumherum» ist auch wichtig

Auch in Sachen Sicherheit hat sich der Sport weiterentwickelt: Schmutz lehrt in seinem Kurs, wie man einen Kollegen, der sich verheddert hat, vom Seil schneidet. Damit er nicht unter Wasser gedrückt werden kann. «Wenn so viele Leute auf der Aare sind wie heute, ist allerdings das Pfeifen die wichtigste Sicherheitsvorkehrung», sagt er, nachdem er zum wiederholten Mal einen Schwimmer mit einem lauten Pfiff vom Seil wegbefohlen hat. 

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Doch zu einer wirklich brenzligen Situation kommt es an diesem Nachmittag nicht. Nirgends sonst könne man besser abschalten und Energie tanken, antworten die Berner denn auch, wenn sie gefragt werden, was den Kick des Bungeesurfens ausmache. Und früher oder später kommen sie alle auf das «Drumherum» zu sprechen, das «Umehange» und «Bräätle» mit Freunden und «guten Leuten», das mindestens so wichtig zu sein scheint wie der Sport selbst. 

Surfinstruktor hilft Schülerin.

Tipps vom Könner: Manuel Gerster instruiert eine Kursteilnehmerin.

Quelle: Beat Schweizer
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Ein echter Berner bleibt der Aare treu

Auch wenn sich der typische Surfer-Lifestyle auch im Binnenland zelebrieren lässt: Nie überlegt, ans Meer zu ziehen? Natürlich würden auch sie liebend gern die Wellen vor der Küste Frankreichs oder Portugals reiten, antworten sie. Aber sich im Ausland eine Existenz aufbauen, das sei nichts für sie. «Wir haben hier ein gutes Leben», meint Gerster, der einen eigenen Veloladen betreibt, achselzuckend. «Einen Berner bringst du nicht so schnell weg von Bern.» 

Und es gibt ja auch genug zu tun hier. Bei Worblaufen gibt es eine natürliche Flusswelle, auf der bei Hochwasser gesurft wird. Nun soll sie so ausgebaut werden, dass ein künstliches Hindernis im Wasser die Welle exakt formt. «Dann können wir an 250 Tagen im Jahr auf dem Brett stehen», sagt Schmutz. Das Projekt soll im Rahmen eines Naherholungsgebiets an der Aare gebaut werden und hat gute Chancen auf eine Umsetzung. Gerster ist jedenfalls so optimistisch, dass er sich das Logo der Flusswelle Bern schon mal auf den Oberschenkel tätowiert hat.

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Selbst wenn das Bungeesurfen zu Bern gehört wie die Aare – auch in Zürich gibt es Surfer. Milan Brunner steht in seinem Surfshop Surfari beim Stauffacher, aber eigentlich wartet er auf die perfekte Welle. Auf einer Webseite des Bundesamts für Umwelt checkt er den Wasserstand der Reuss. «Immer noch nichts», sagt er leise seufzend. Mindestens 200 Kubikmeter Wasser muss die Reuss führen, was bei der Schneeschmelze im Frühling oder nach ergiebigem Regen der Fall ist. Dann fliesst das Wasser wieder genug schnell über das Honeggerwehr bei Bremgarten und bringt die Welle zum Laufen. Dann wird Brunner wieder dorthin pilgern, am Morgen, bevor er seinen Laden öffnet, oder abends, nachdem er ihn geschlossen hat. Und klar, das Wochenende verbringt er im Wohnwagen auf dem Campingplatz direkt neben der Flusswelle.

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Die leise Tragik des Surfers ohne Meer

Anders als im Meer surft man auf einer stehenden Welle zwar an Ort und Stelle, vom Gefühl her komme das dem Surfen im Meer jedoch ziemlich nahe. Jedenfalls viel näher als das Bungeesurfen, mit dem Brunner wenig anfangen kann. «Da hängst du immer am Seil», sagt er. «Auf einer Flusswelle wirst du direkt von der Kraft der Welle angeschoben und kannst dich frei auf ihr bewegen.»

Eine vergleichbare Welle lässt sich auch künstlich, mit einem Surfsimulator in einem mobilen Wasserbecken, erzeugen: In einem solchen findet jedes Jahr die Swiss Wavepool Jam statt, wo Brunner jeweils ganz vorn mitmischt. Bei Surfwettkämpfen auf dem Meer habe er hingegen «null Chancen», gibt er freimütig zu. Die seien Sportlern vorbehalten, die an der Küste leben. Brunner lacht. Doch wer genau hinhört, hört sie in seinem Lachen anklingen: die leise Tragik des Surfers ohne Meer.

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Surfer

«Schon mit zehn Jahren waren wir auf der Aare» – Dani Schmutz, Surfinstruktor.

Quelle: Valeriano Di Domenico

«Gerade die künstlichen Wellen tragen viel zur Popularität des Surfens in der Schweiz bei», ist Pascal Brotzer, 28, überzeugt. Die Citywave – ehemals auch unter dem Namen Swisscom Gigawelle bekannt – tourt seit 2015 durch Schweizer Städte. So mancher Neugierige ist auf ihr zum ersten Mal auf einem Surfbrett gestanden. Hier lässt sich die Grösse der Welle per Knopfdruck anpassen, und die Anlage kann für Anfänger sogar mit einer Haltestange ausgerüstet werden. 

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Traum von der Welle im künstlichen See

Brotzer, der mit seinem braungebrannten Teint und ausgesprochen guter Laune mindestens so gut in eine Strandbar auf Hawaii wie in eine Zürcher Werbeagentur passen würde, befeuert das hiesige Surffieber ebenfalls: Er gibt das erste Surfmagazin der Schweiz heraus – und der Szene, die mittlerweile aus 30'000 aktiven Surfern besteht, ein Gesicht. Das «WaveupMag» ist eine Erfolgsstory und bei Lesern und Inserenten gleichermassen beliebt. Frei von allzu viel Bescheidenheit, wirbt es mit dem Slogan: «The Swiss Surf Revolution». 

Auch Brotzer treibt die Vision um, eine künstliche Welle zu realisieren. Sein Projekt hört sich aber noch fantastischer an als das der Berner. Er will einen künstlichen See anlegen, in dem ein Generator Wellen erzeugt. Um den See könnte ein Paradies für Surfer entstehen – mit Apartments, Restaurant, botanischem Garten, Surfshop, Konzertbühne und sogar einem Seekindergarten. 

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Das Ganze soll in Regensdorf bei Zürich realisiert werden. Auch wenn die Baubewilligung noch aussteht und das Projekt wohl noch vors Volk muss: Für Brotzer ist klar, dass sein Wavepool 2020 eröffnen soll, wenn Surfen erstmals olympische Disziplin sein wird. «Think big», überschreibt er seine Vision im Internet.

In der Tat: Die Schweiz ist eine sehr sonderbare Surfernation. Sie hat zwar kein Meer, aber 30'000 aktive Surfer. Sie holt mit künstlichen Wellen das Meer in die City. Und sie ist verrückt genug, um die Beamtenstadt Bern kurzerhand in ein Surfermekka zu verwandeln.

Rund um Schweizer Wellen

Swiss Surfing Association

Die Swiss Surfing Association (SSA) vertritt die mittlerweile rund 30'000 Schweizer Surfer und organisiert die alljährlich am Meer stattfindende Schweizer Meisterschaft. Auch die Wellen im Binnenland sind für die SSA ein Thema. Der Verein unterstützt all die Projekte, die rund um natürliche Flusswellen wie diejenige in Bremgarten oder im Zusammenhang mit künstlichen Wellenpools entstanden sind. Einzig vom Bungeesurfen grenzt sich die SSA ab, dieses sei dann doch etwas zu weit vom Ritt auf einer Atlantikwelle entfernt.
 


Bungeesurfen 

  • Bern: Dani Schmutz und Manuel Gerster zeigen Anfängern in ihren Kursen, worauf es beim Bungeesurfen ankommt. www.bungeesurfen.ch
  • Luzern: Das Seil wird an der Geissmattbrücke befestigt, die über die Reuss führt. Die Interessengruppe Bungeesurf Luzern ist auf Facebook und Instagram aktiv. Das Projekt «Flusswelle Luzern» ist indessen auf Eis gelegt.



Flusswellen

Flusswelle Thun: Die hintere Mühlewelle läuft nur bei genügend Wasser, vor allem im Frühjahr. Sie ist gefährlich, weil sie nah am Brückenpfeiler und neben seichten Stellen liegt, und darum nur für Erfahrene geeignet. Die Scherzligschleuse beim Bahnhof ist je nach Bedingungen eher etwas für Einsteiger. www.aaresurf.ch

Flusswelle Bern: Bereits jetzt kann man unter der Tiefenaubrücke in Worblaufen auf einer natürlichen Welle surfen. Mit einer künstlichen Welle sollen rund 250 Surftage im Jahr möglich sein. Status: Die Flusswelle ist als Teil des Projekts Aareraum Worblaufen in Planung und derzeit in der kantonalen Vorprüfung.

Flusswelle Bremgarten: Sie befindet sich in der Nähe des Militärareals und der Kläranlage. In der Regel von Frühling bis Mitte Sommer befahrbar und kurzzeitig nach viel Regen. flusswellebremgarten.com

Flusswelle in Bremgarten.

Die Flusswelle in Bremgarten.

Quelle: PD (Pressedienst)


Künstliche Wellen

The Wave: In der Mall of Switzerland, einem Einkaufszentrum im luzernischen Ebikon, wird dauerhaft eine künstliche Welle betrieben werden. Status: Eröffnung im Herbst 2017.

Citywave: Die schweizweit einzige mobile Wellenanlage tourte auch schon als «Swisscom Gigawelle» und wird vom 10. Juni bis 24. September 2017 auf dem Geroldareal an der Geroldstrasse 15 in Zürich Station machen. www.wannasurf.ch

Alaïa Campus: Mittels Crowdfunding wurden 103'000 Franken gesammelt, um zwei Action-Sportprojekte in der Westschweiz zu finanzieren. Eines davon ist der Alaïa Campus, ein Surfbecken in der Region Siders. Status: Vorkonzept, noch ohne Baubewilligung.

Waveup: In Regensdorf bei Zürich soll ein künstlicher See mit einem Wellengenerator entstehen. Ziel ist ein Surf- und Badesee mit einem Hauch Strandferienfeeling. Status: Das Crowdfunding läuft auf www.ibelieveinyou.ch. Die Eröffnung ist für 2020 angestrebt. 

Citywave in der Stadt Zürich.

Citywave in der Stadt Zürich.

Quelle: wannasurf.ch
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