Undeutlich dringt eine Stimme aus dem Telefon im Blechkasten. Wie ein langgezogenes Krächzen. Auf dem Schild darunter steht: «Fahrt ­telefonisch anmelden. Anweisungen des Maschinisten entgegennehmen. Gepäck aufladen. Einsteigen und Kabinen­türe schliessen.»

Sanft trägt uns die Seilbahn auf die Obere Bärchi. Das Seil hängt durch, die Gondel holpert nie über Masten. Wir lehnen uns nach dem steilen Aufstieg zurück und geniessen diesen Abschnitt der zweitägigen Seilbahnwanderung. Surrende Fliegen aus den Weiden über­tönen das Summen der Seilbahn, der ­Urnersee schillert türkisblau im Tal.

Die Seilbahn als Hauptverkehrsmittel

Die schroffen Berge des Urnerlands sind nur spärlich von Strassen erschlossen. Und wenn sich doch ­eine Naturstrasse zu den Bauernhöfen und ihren Bewohnern hin­aufwindet, macht der Schnee sie im Winter oft unpassierbar. Die Verbindung der Bewohner zur Welt unten im Tal, zu Verwaltung und Läden, aber auch zu Bekannten und Verwandten, sind die Seilbahnen. 50 Seilbahnen sind es insgesamt, davon sind 39 für Touristen zugänglich – doch auch diese transportieren vor allem Einheimische.

Unsere Drei-Personen-Seilbahn hält neben dem Hof der Familie Eberli-Ziegler; wir ziehen ein Stück der hölzernen Seitenwand heraus, das als Kabinentür dient. Das Wohnhaus vor uns ist mit den Jahren leicht schief geworden, als wollte es sich der Landschaft anpassen, und wenn der Wind in stürmischen Nächten ums Haus bläst, bringt er die Kinderzeichnungen an den Zimmerwänden zum Flattern.

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Es ist Sonntagmittag, der Grossvater Edy Ziegler, die zweijährige Carmen und der Hofhund hüten die Seilbahn – für den Fall, dass Wanderer ihre Tour um ein paar hundert Höhenmeter abkürzen möchten. Im Backofen gehen «Wienerli im Teig» auf, Carmens Eltern und Geschwister sollen bald vom Heuen auf einer der Wiesen ­hinter dem Hof zurückkehren, die so abschüssig sind, dass die Arbeit noch heute von Hand und nicht mit Maschinen verrichtet wird.

«Einer muss den Hebel umlegen»

In der Bergstation legt Edy Ziegler ­einen Hebel um, und die Räder hinter ihm, die nur so gross wie Veloräder sind, beginnen sich zu drehen. Er blickt nach unten ins Tal, zupft an seinem bauschigen Bart und wartet, bis das Bähnchen über der Kuppe auftaucht. Kurz bevor es die Station erreicht, bremst er es mit einem zweiten Hebel sachte ab. Edy Ziegler ist mit den Seilbahnen gross geworden.

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Die Familie Eberli-Ziegler betreibt die letzte mechanische Seilbahn im Kanton Uri. Sie wurde in den Siebzigern für den Tierarzt und den Besamer gebaut, wichtiger Besuch auf einem Bauernhof, auf den man nicht lange warten kann. Heute gondelt sie die Kinder in die Schule, schleppt Material hoch, und manchmal führt sie die Familie auch aus. Zumindest bis auf den Letzten, der den Fussweg nimmt: Denn einer muss den Hebel an der Bergstation umlegen, um die Bahn in Fahrt zu setzen. Auf dem Heimweg muss der Erste denselben Weg hinaufgehen.

Kräftige Winde bereiten Verdruss

Oberhalb des Hofs verliert sich unsere Wander­route im kniehohen Gras, so dass wir nach der nächs­ten Wegmarkierung wie nach einem Osterei suchen müssen. Der Wanderweg zieht sich in immer engeren Schleifen das steile Gelände hinauf. Schon bald klebt das Shirt am Rücken, wir wünschen uns die nächste Bahn herbei. Aber bis zur Furggelen, wo uns Augus­tin Bissig und seine Seilbahn erlösen werden, dauert es noch ein Weilchen.

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Zwischen dem Gotthardpass und dem Vierwaldstättersee breitet sich der Kanton Uri auf 1077 Quadratkilometern aus; mehr als die Hälfte ­davon ist gebirgig und landwirtschaftlich unproduktiv. Im Kanton mit dem landesweit dichtesten Seilbahnnetz wehen oft kräftige Winde, die den Bahnbetreibern Verdruss bereiten.

Denn wenn es stürmt, dürfen die Bahnen nicht ­verkehren. Im Winter müssen die Kinder manchmal bei Bekannten im Dorf übernachten, um nicht zu viel ­Unterrichtsstoff zu verpassen. Die Erwachsenen sind gezwungen, Termine sausenzulassen und mit der Vorratskammer vorliebzunehmen, weil ihnen Wind und Schnee die Wege versperren. Ohne die Bahnen gerät der Alltag auf den Urner Alpen leicht durcheinander.

In Isenthal sind die Strassen am nächsten Morgen menschenleer. In der Seilbahn auf die Gietisflue ziehen wir die Jacken bis über die Nase, der Schatten der Berge lässt uns frös­teln. Bäche stürzen über nackten Fels ins Chlital.

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Der Tau auf den Bergwiesen funkelt wie Feenstaub im ersten Licht. Leises Gebimmel in der Ferne. Bis am Abend wird uns kein anderer Wanderer begegnen. Der Weg rankt sich aufs Schartihöreli, wo er auf 1693 Metern über Meer abrupt endet. Hunderte Fliegen umschwirren das Gipfelkreuz. Man könnte meinen, es sei nicht aus Holz, sondern aus Geisskäse gezimmert.

Auf die Seilbahn angewiesen

Auf dem Abstieg erreichen wir fast 1000 Höhen­meter unter dem Gipfel die Bodmi. Marta Wipfli giesst ­Urner Kräutertee in Gläser, sie lebt mit ihrer Familie im modernen Hof über der Seilbahnstation. Übernachtungsgäste heisst sie im Tipi willkommen, sonntags wird ein Brunch aufgetischt. Neben der Seilbahn wiegt sich eine Schaukel im Wind, der an der Gondel ­montierte Briefkasten der Familie wird morgen im Tal ­wieder vom Pöstler gefüllt werden.

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Vor 20 Jahren eilte Marta Wipfli zur Mittagszeit noch zwischen den Kochtöpfen und der Bergstation hin und her, um ihre Kinder zum Essen nach oben zu «seilen», wie die Urner das Betreiben der Seilbahn nennen. Heute funktioniert die Bahn automatisch. ­Jedes Familienmitglied besitzt ­einen Schlüssel, mit dem es die Gondel in Bewegung setzen und sich selbst ins Dorf oder nach Hause chauffieren kann.

Wir fahren in der Viererkabine das letzte Stück ­hin­unter ins Tal. Auf dem fast senkrechten Abstieg durch glitschige und düstere Wälder zuvor mussten wir uns an Hanfseilen festhalten. In der Seilbahn­kabine fühlen wir uns geborgen. Umso mehr, weil jetzt der Regen aufs Dach zu trommeln beginnt.

Diese Wanderung wurde auf Anfrage von Beobachter­Natur von Eurotrek unterstützt.

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Quelle: Angel Sanchez

Auf und ab: Wandern mit Seilbahnhilfe

Zwei-Tages-Tour (Karte)

Erste Etappe Altdorf–Isenthal: Von Altdorf zum Vierwaldstättersee, dem See entlang zum ­Gurgeli und zur Seilbahn Vordere Bärchi, die zur Oberen Bärchi fährt. Nach einer Höhenwanderung gehts mit der Seilbahn von der Furggelen hinab ins Isental.

Zweite Etappe Isenthal–Altdorf: Die Wanderung führt ­zuerst ins Chlital und mit der Seilbahn auf die Gietisflue. Über das Schartihöreli gehts zur Bodmi und mit der Seilbahn hinunter zum See und nach Altdorf.

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Fünf-Tages-Tour

(erste und zweite Etappe wie Zwei-Tages-Tour)

Dritte Etappe Altdorf–Unterschächen: Fahrt bis Talstation ­Eggberge und mit der Seilbahn zum Schächentaler Höhenweg. Wanderung zuerst Richtung Klausenpass, dann der Abzweigung nach ­Unterschächen folgen. Vierte Etappe Unterschächen–Erstfeld: Wanderung ins Brunnital und Fahrt mit der Seilbahn auf die Sittlisalp. Ein Höhenweg führt zum Bergbeizli Wannelen und eine Seilbahn zurück nach Unterschächen. Fahrt nach Erstfeld.

Fünfte Etappe Erstfeld–Altdorf: Mit der Seilbahn zum ­Wilerli und zu Fuss zum Brüsti. Per Seilbahn nach Attinghausen, auf der Via Alpina nach Altdorf.

Tourencharakter: Beide Mehrtagestouren bestehen aus mittelschweren alpinen Wanderungen mit durchschnittlicher Marschzeit von fünf bis sieben Stunden täglich. Trittsicherheit und gutes Schuhwerk sind Voraussetzung. Wer in den kleinen und zum Teil offenen Gondeln fährt, sollte schwindelfrei sein.

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Die Touren kann man bei Euro­trek inklusive Gepäcktransport und Übernachtungen buchen. Anreisetermine täglich bis 30. September.

Weitere Informationen unter www.eurotrek.ch oder Telefon 044 316 10 00

Auf die Sittlisalp fährt seit 1998 eine Seilbahn.

Quelle: Angel Sanchez

Tagesausflug mit Kindern

Der Ausflug beginnt mit der Seilbahnfahrt von Attinghausen auf das Brüsti. Auf dem Evolutionspfad staunen Kinder über die Entstehung des Sonnensystems und der Erde. Für den einen Kilo­meter langen Rundweg mit Informationstafeln und Erlebnisposten muss man zirka eine Stunde ­einrechnen. Neue Kraft kann ­danach im Berggasthaus Z'Graggen getankt werden. ­Weiter geht es mit der Seilbahn vom Brüsti nach Waldnacht, wo das Waldnachter-Seeli zum Planschen und Baden einlädt. Von Waldnacht führt ein schöner Weg in einer Stunde auf den ­Zieriberg, von wo ein offenes Seilbähnchen die Kleinen und ihre Eltern nach Ripshausen transportiert. Über den Attinghauser Höhenweg erreicht man in 45 Minuten wieder den ­Ausgangspunkt.

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Hinauf aufs Brüsti überwindet die Bahn 927 Höhenmeter.

Quelle: Angel Sanchez

  • Preise für kleine, private Seilbahnen: einfache Fahrt zirka 5 bis 6 Franken; Kinder die Hälfte

  • Weitere Informationen unter www.uri.info oder Telefon 041 874 80 00

  • Website zu den Bergbahnen der Schweiz: www.bergbahnen.org
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