Alain Chervet hat sich ein Handtuch übers Gesicht gezogen und stemmt den Kopf gegen die Fäuste. Das Tuch zittert, der weisse Putz und das Neonlicht der Garderobe lassen die ­Beklemmung nicht entweichen. «Das isch diis Loos, Alain», sagt Vater Walter in die Stille: «Du muesch se umlaa, dass de gewinnsch.»

Es war ein enger Kampf an jenem trübnassen Novembersonntag in Baden; Final der Elite-Schweizer-Meisterschaften und sein letzter Auftritt als Amateur­boxer. Die Kampfrichter entschieden 29:30 gegen Alain – Silber­medaille. Der Zweitplatzierte ist der erste Verlierer, das ist selten so wahr wie im Boxsport.

Aber genau das fasziniert Alain: «Beim Boxen bist du für Sieg und Niederlage immer selbst verantwortlich», sagt der 22-Jährige.

Nicht alle sind dieser Meinung. Im Zweifel schlage sich Alains Nachname auf die Seite des Gegners, unkt es neben dem Ring: Bei einem Chervet brauche es halt immer ein bisschen mehr, damit der Punktrichter auf den Knopf drückt. Wenn im Boxen der Name Chervet fällt, ist niemand mehr unbefangen.

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«Alain ist dort. Ich bin hier»

«Alain hat es nicht einfach», sagt Fritz Chervet. «Vielleicht auch ein bisschen wegen mir.» Fritz ist Alains Onkel und «Der Cham­pion», wie ihn ein Buchtitel in den Siebzigern bezeichnete. Was Federer fürs Schweizer Tennis, ist der mittlerweile 70-Jährige für den Schweizer Boxsport: Fritz Chervet, der erfolgreichste ­Boxer, den die Schweiz je hatte. In den Sechzigern und Siebzigern surrte er als «Berner Fliege» durch den Ring und ­machte das Boxen hierzulande fast im ­Alleingang salonfähig. Chervet gewann den ­Europameistertitel im Fliegengewicht, den er mehrfach verteidigte, und kämpfte zweimal um die Weltmeisterschaft. Sein Palmarès: 71 Kämpfe, 58 Siege, 10 Niederlagen, 2 Unentschieden, ein Kampf ohne Wertung. Damit wirft der kleine, schmale Mann einen mächtigen Schatten, der noch heute bis in den Ring hineinreicht.

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Seit seinem Rücktritt vom Boxsport lebt Chervet zurückgezogen in einem alten Haus am Murtensee, das er noch während seiner Aktivzeit gekauft hat. Schon damals redete er nicht viel. Reportagen und ganze Bücher über ihn wurden fast ohne sein ­Zutun geschrieben. Ein kürzlich erschienener Artikel zu seinem 70. Geburtstag in der NZZ liest sich wie ein Nachruf. Das Letzte, was die Öffentlichkeit von Fritz Chervet wahrnahm, war wohl seine Pensionierung 2007, nachdem er lange Jahre als Weibel im Bundeshaus tätig gewesen war.

Dass sein Neffe Alain nun Profi wird, ändert wenig an Fritz’ Zurückhaltung. «Alain ist dort», sagt er und zeigt auf den bleiernen Murtensee hinaus, in jene ­Richtung, in der Bern vielleicht ­liegen könnte. «Ich bin hier.» Seit 40 Jahren.

Die Chervets boxten alle weg

Von Alain hat er erst den einen oder anderen Kampf gesehen, und eigentlich will er gar nicht mehr übers Boxen reden. «Das ist vorbei. Man verändert sich. Als junger Mann sammelt man Pokale, hat Freude daran, aber irgendwann ist das alles nicht mehr so wichtig. Und das ist auch gut so.»

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Alain Chervet ist ein junger Mann, und sein Zimmer im elter­lichen Haus in Zollikofen BE ist voller Trophäen. Der gedrungene Raum unter dem Dach ist ein ­kleines Boxmuseum. Neben selbsterrungenen Medaillen hängen ­Plakate und Auszeichnungen von Onkel Fritz, «die hätte er sonst weg­geschmissen». Alain sagt, er sei stolz, ein Chervet zu sein. Zur Sammlung gehören auch ein Dutzend Schweizer-Meister-Gürtel von Alains Vater Walter und seinen Onkeln Paul, Ernst und Werner. Die ­Chervet-Brüder boxten alle weg, der Clan beherrschte über Jahre die nationale Amateurszene, vor allem im Fliegengewicht: «Zuerst hat sie Paul verdröschet, dann Fritz, und als sie froh waren, dass der Profi wurde, bin dann ich noch gekommen», sagt Walter grinsend.

Fritz war der einzige der Brüder, der es zum Profi brachte: «Vielleicht konnte ich ein bisschen mehr Gas geben. Aber da müssten Sie Herrn Bühler fragen – lebt der überhaupt noch?» Ja, Charly Bühler lebt noch; mittlerweile 80, irgendwo in Frankreich. Bühler war Chervets Boxlehrer. Als Architekt von Fritzlis Karriere ist er der zweite grosse Name im Schweizer Boxen, der auch Laien ein Begriff ist.

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Um im Ring zu bestehen, müsse man von unten kommen, sich durchbeissen wollen, sonst kann mans vergessen, sagt Fritz: «Ich habe damals von morgens bis abends gearbeitet und danach trainiert. Das war ganz anders als heute.»

Mit Boxen ist kein Staat zu machen

Ganz so anders ist es heute nicht. Alain Chervets Alltag als Profi beginnt um sieben Uhr früh bei der Metzgerei Spahni in Zol­likofen. Nicht mit Schlagtraining an Rinderhälften, sondern mit Kistenschleppen. Als Kurier fährt er vormittags Fleisch zu Hotels und Kantinen in der Umgebung von Bern, nachmittags wird trainiert. «Für mich ist das perfekt», sagt er, während er Plastik­harasse aus dem Lieferwagen lädt, auf ­dessen Seiten sein Konterfei prangt. Der Job als Kurier ermöglicht Alain neben dem zeitraubenden Boxtraining ein kleines ­Einkommen. Der Geschäftsführer der Metzgerei ist Mitglied im Victory-Club, einer Gönnervereinigung, die Alains erstes Jahr als Profi finanziert. 30'000 Franken sind dafür budgetiert, bis Ende 2013 sieben bis neun weitere Kämpfe geplant. Bescheidene Zahlen. Während Onkel Fritz mit seinen Kämpfen die Massen begeisterte und das Zürcher Hallenstadion füllte, ist Boxen heute eine Randsportart. Zu Amateurkämpfen pilgern ein paar wenige Zuschauer, und der Boxing Day am 26. Dezember, der grösste und ­traditionsreichste Boxanlass, findet im ­Berner Kursaal statt, wo sich rund 1500 ­Zuschauer um den Ring drängen können. Die Angebote für Fernsehübertragungsrechte sind nahezu lächerlich. Der Jungprofi Alain verdient mit Boxen also erst ­einmal überhaupt nichts. Nach seiner Ausliefertour und seinem Mittagessen absolviert Alain eine erste Trainingseinheit. Danach gibts ein paar Stunden Ruhe vor der zweiten Runde, wenn möglich ein bisschen Schlaf – jeden Tag ausser Sonntag, seit Anfang Oktober.

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Eine linke Gerade an die Lederbirne

Der Keller der Boxing Kings – Alains Boxstall – befindet sich im Untergeschoss des Steinhölzli-Zentrums, Liebefeld BE. Alain tänzelt vor dem wandgrossen Spiegel, schleift Ausweichbewegungen, Schlag- und Schrittfolgen ein. Was er im Match als geschmeidigen Bewegungsfluss vorträgt, zerlegt er im Training in kleinste Teile, wie einen Filmstreifen, der in Einzelbilder zerschnitten wird. Diese werden tausendfach wiederholt und immer wieder neu kombiniert. Linke Gerade aus der Distanz an eine Lederbirne. Eine Viertelstunde lang. Eine Kombination von Schlägen und Schritten auf einen schweren Ledersack, immer und immer wieder.

Die Übungsgeräte, an denen sich Alain abmüht, sind stoische Gegner, die zahllosen Schläge haben ihnen nichts an. Alains Muskeln hingegen sind über Tausende Stunden zu zähen Strängen verledert.

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Im Abendtraining lässt Trainer Bruno Arati Schlagfolgen pauken. Im ­Duett mit seinem Schüler erklärt sich die leicht geduckte Haltung des Boxlehrers, der seine Schultern stets leicht hochgezogen trägt, als müsste er jeden Moment die Fäuste hochnehmen, um sich gegen Schläge zu schützen: «Ha-ha-hua!» Alain donnert ihm drei Aufwärtshaken in die Schlagpolster. Und noch mal. Und noch mal schneller. Der dritte Schlag wäre jeweils ein vernichtender Aufwärtshaken.

In wenigen Tagen wird Alain versuchen, seine Fäuste gegen ­einen anzubringen, der in den letzten Wochen vermutlich ebenso hart trainiert hat. Sein Gegner am 26. Dezember ist der Weissrusse Siarhei Afonin. Ein Matchmaker hat ihn für den Kampf vermittelt. «Er ist Rechtsausleger, aber sonst weiss ich gar nichts über ihn. Das ist gut so», sagt Alain.

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Alain soll im Ranking steigen

Es gibt keine Videos von Afonin im Internet. Laut Boxrec.com hat der 27-Jährige bisher 15 seiner 17 Profi­kämpfe verloren. Ein Aufbaugegner? «Er ist schlagbar – aber er soll auch einen guten Kampf liefern», sagt Daniel Hartmann. Wäre der Gegner nur Fallobst, würde Alain nicht profitieren. Hartmann ist Promoter und Besitzer des Berner Boxstalls Boxing Kings. In Boxkreisen wird er auch mal «Dan King» genannt – in Anlehnung an Don King, legendärer Tyson-Manager und Zwielichtgestalt. Er bildet mit Arati Alains Betreuerstab und managt dessen junge Karriere.

«Wir wollen Alain von Beginn weg mit möglichst verschiedenen und auch immer stärkeren Gegnern konfrontieren, damit er schnell viele Erfahrungen sammelt und im Ranking steigt», erklärt Hartmann. «Alain muss zu einem ‹Ring-General› werden, wie wir sagen.» Die dafür notwendige ­Erfahrung könne man nur durch Kämpfe sammeln.

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Zur Vorbereitung auf den Ernstfall stand vergangene Woche tägliches Sparring mit einem Trainingspartner aus Ungarn auf dem Programm. Dieser ist wie Afonin Rechtsaus­leger und wurde eigens eingeflogen. Manager Daniel Hartmann ist zufrieden mit der Leistung seines Schützlings: «Alain hat in den letzten Wochen noch einmal gros­se Fortschritte gemacht. Wenn er am 26. Dezember sein ganzes Poten­tial abrufen kann, werden wir ­einen sehr guten Match sehen.»

Wer Angst hat, soll daheimbleiben

In diesen letzten Tagen vor dem Kampf wird sich Alain vor allem erholen und die Speicher auffüllen. Technisch und konditionell ist er so gut vorbereitet wie irgend möglich. Doch das Körperliche ist nur die eine Seite. «Er muss auch mit dem Druck fertig werden, der auf ihn ausgeübt wird – von sich selber, von den Medien, von seinem Umfeld und auch von der ­Kulisse», so Hartmann. Alains Entourage überlässt auch in diesem Punkt nichts dem Zufall und hat einen Mentalcoach einbezogen.

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Am 26. Dezember wird er in den ausverkauften Berner Kursaal einmarschieren. Auf den Rängen sitzen dann Hundertschaften, von denen die meisten nicht einfach den Jungprofi Alain sehen, sondern den Neffen von Fritz Chervet. Dessen Name ­alles ist, was den meisten zum Schweizer Boxen in den Sinn kommt. Es sei schwierig, das Gefühl zu beschreiben, wenn man zum ersten Mal als Profi in den Ring steigt, hat Fritz Chervet gesagt: «Das musst du erlebt haben, das verstehst du sonst nicht – aber wenn du Angst hast, musst du zu Hause bleiben.»