Die dunkelbraun verwitterten Schindeln erinnern an einen Stall, die länglich-ovale Form an ein Boot: Von aussen ist die Kapelle Sogn Benedetg oberhalb von Sumvitg GR nicht als sakraler Bau zu erkennen. Schreitet man indes über den schmalen Spalt, der zwischen dem Treppenaufgang aus Beton und dem hölzernen Gebäude klafft, zieht einen sofort eine feierliche, intime Atmosphäre in den Bann. Das Sonnenlicht dringt durch die schmalen Oberlichter und spiegelt sich an der silbern gestrichenen Wand und den dünnen Holzstützen. Die Konstruktion wirkt filigran und gewährt nichtsdestotrotz jedem Schutz, der hier Zuflucht sucht.

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Genau das ist die Funktion der kleinen Kirche an diesem unwirtlich-steilen Berghang mitten in den Alpen: ein sicherer Ort, wie arg auch immer der Schneesturm draussen wüten mag. ­Eine ähnliche Wirkung erzielt die zigmal grössere Piuskirche in Meggen (siehe Bildergalerie oben) ausserhalb von Luzern, aber auf ganz andere Weise. Das Licht dringt durch dünne Marmorplatten herein und taucht die fenster­lose Kirche in ein Farbenspiel: am Morgen bläulich, bei Abendsonne honiggelb. 400 Tonnen Stahl hat der Solothurner Architekt Franz Füeg in den 1960er Jahren verbaut, doch der streng geome­trische Bau strahlt innen eine enorme Wärme aus. Nachts ist es genau um­gekehrt: Die von innen beleuchteten Marmorplatten werden opakweiss. Was tagsüber von aussen wie ein weis­ser Stahlklotz aussieht, mutet dann wie eine riesige Laterne an.

Diesen Unterschied zwischen Tag und Nacht macht auch die Kapelle auf der Gotthard-Raststätte der Autobahn A2 bei Erstfeld UR. Die grossen Fenster sind mit grünem Altglas gefüllt. Tagsüber bricht sich das Licht in den smaragdgrünen Scherben, der Andachtsraum wirkt fast wie eine moosbewachsene Höhle. Nachts sieht es aus, als ob der Kubus leuchtet, aus den Fenstern strahlt das Licht in die Dunkelheit. Die einzige Autobahnkirche in der Schweiz knüpft an die mittelalterliche Tradition der Wegkapellen entlang der Pilgerrouten an; die Kapelle ist eine Art spirituelle Tankstelle gleich neben den Benzin-Zapfsäulen.

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Kirchenfenster aus alten Bierflaschen

Architektonisch sind die Kirchen komplett verschieden, und doch gibt es Gemeinsamkeiten: drei moderne Kirchen, alle setzen ganz gezielt auf Licht. Das lässt den Besucher erst den Atem anhalten und gewährt dann umso mehr Luft zum Durchatmen, zum Zur-Ruhe-Kommen, zur Besinnung. «Gott sprach: Es werde Licht. Und es ward Licht», heisst es im 1. Buch Mose.

«Das Wechselspiel zwischen Licht und Schatten ist das Hauptthema im modernen Kirchenbau», sagt die Zürcher Architektin Pascale Guignard. Zusammen mit ihrem Partner Stefan Saner hat sie die Autobahnkapelle sowie drei weitere moderne Kirchen in der Schweiz gebaut. Für die Fenster der Raststättenkapelle haben sie mit Freunden eigenhändig alte Glasflaschen zerschlagen – «und experimentiert, wie dick die Scherben­schicht zwischen den beiden Fensterscheiben sein muss, um genau so viel Licht hereinzulassen, damit der gewünschte Effekt entsteht». Im Moment tüfteln die beiden an gestapelten Glasscheiben mit einer gelblich schimmernden Silberoxidschicht an den Kanten – zu sehen ab dem Herbst im Neubau der neuapostolischen Kirche in Zürich-Albisrieden.

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Klar, hell, schlicht und vor allem prunklos

Alle modernen Architekten nehmen sich die Bibelstelle zu Herzen: Neuzeitliche Sakral­bauten setzen voll auf den Lichteffekt und konzentrieren sich auf den Kern der christlichen Botschaft. Ganz anders etwa die an Ostern voll besetzten uralten gotischen Kathedralen. Zwar bewundern touristische Heerscharen die zahl­losen Engelsstatuen, doch viele fühlen sich ob all dem Schnickschnack beinahe erschlagen oder eingeschüchtert. Klar, hell, schlicht und vor allem prunklos – so ist das Rezept moderner Architekten, um sowohl Gläubige wie Nichtgläubige in die Kirchen zu führen. «Sakralbauten faszinieren mich, wenn sie nicht als herrschaftlicher Verkündigungsort konzipiert sind, sondern als offener Treffpunkt», sagt Stararchitekt Peter Zumthor, Erbauer der Kapelle Sogn Benedetg.

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Selbst schnöder Beton kann eine verblüffende Wirkung erzielen. Etwa bei der erst vor gut einem Jahr eingeweihten Marienkirche in Samstagern ZH, erbaut vom Zürcher Architektenbüro Forster & Uhl. Trutzig hält die massive Betonfassade den Lärm der vielbefahrenen Hauptstrasse ab. Drinnen holen raumhohe Fenster die Natur mitten in den Kirchenraum. Der Blick schweift auf grüne Wiesen und Birnbäume, die grasenden Kühe könnten den Gottesdienstbesuchern zublinzeln. Ein stilvoller Raum der Stille inmitten einer Gegend, in der am Laufmeter gesichtslose und protzige Luxusvillen gebaut werden.

«Die Funktionalität fasziniert mich»

Guignard & Saner haben schon Kirchen unterschiedlicher christlicher Glaubensrichtungen gebaut. «Bei den Katholiken ist die Symbolik immer noch sehr wichtig: Kreuze, Tabernakel und Statuen – aber längst nicht mehr so üppig wie früher üblich», sagt ­Stefan Saner. Das sieht man besonders eindrücklich in Mogno zuhinterst im Maggiatal TI. Marmor- und Granitschichten aus einheimischem Gestein wechseln sich ab, das schwarzweisse Schachmuster raubt einem im Inneren der Kirche fast die Sinne. Der Innenraum ist unten rechteckig, oben aber rund, die Kanten verschwinden beinah unmerklich.

«An Sakralbauten fasziniert mich die Funktionalität des Ortes», sagt der Erbauer, der Tessiner Stararchitekt Mario Botta. «Sie sind nicht dem Konsum unterworfen, nicht den alltäglichen Tätigkeiten. Meditation, Ruhe und Gebet stehen im Mittelpunkt. Kirchen sind seit 2000 Jahren in ihrer funktionellen Struktur gleich.» Die Herausforderung für ihn sei, «die übergeordneten Werte dieser alten Institution auf moderne Weise auszudrücken».

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Mario Bottas Chiesa di San Giovanni Battista von 1996 ist winzig, bietet nur Platz für 15 Leute – passend zum kleinen Weiler, in dem sie steht. Viele alte Kirchen hingegen sind für die heutigen Verhält­nisse viel zu gross; sie werden eine nach der anderen durch kleinere ersetzt. «Das gibt an vielen gut gelegenen Standorten Platz für neue Verwendungszwecke, allem voran Wohnungen», sagt Stefan Saner von Guignard & Saner.

Bei einem Fussballstadion spräche man von einer Mantelnutzung. Aber viele Kirchgemeinderäte schreckten vor diesem kommerziellen Begriff zurück. Als nichtreligiöse Menschen haben er und Partnerin Pascale Gui­gnard weniger Berührungsängste – schliesslich trauen sie sich ja auch den Bau von Gebetsstätten voll und ganz zu. «Man muss kein Fussballprofi sein, um ein tolles Stadion bauen zu können», sagt Stefan Saner.

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