Er lässt eine Gruppe junger Langläufer einfach stehen. Mit seinen 90 Jahren ist Karl Hischier immer noch der Schnellste auf der Loipe in Oberwald, zuhinterst im Goms. Dreimal war er Weltmeister. Der leicht gebückte Langläufer steigt elegant aus der Spur, bremst ab, schiebt die Sonnenbrille auf ­seine Oberwald-Mütze und spult die Jahreszahlen ab: «1948, 1950, 1956.»

Aber Hischier ist nicht nur Weltmeister – er ist auch der Mann, der den Langlauf ins Goms gebracht hat. Doch davon später.

Heute, fast 70 Jahre nach seinem ersten Titel, leben die Einwohner des bäuerlich geprägten, sanft ansteigenden Tals zwischen Niederwald und Oberwald zu einem beachtlichen Teil vom Langlauf. Das fällt dem Wintertouristen bereits im roten Züglein auf, das von Brig aus ins Goms schaukelt. Zwischen den Wagen ruhen ausschliesslich Langlaufskier im Ständer, alte mit Holzkern neben neonfarbenen, neuen Modellen, und in den engen Abteilen drängen sich Sportler in auffallend leichter und atmungsaktiver Bekleidung.

Im Goms gibt es viele urchige Dörfer.

Quelle: Stefan Walter
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In Niederwald erblickt man durch das Zugfenster zum ersten Mal die Rottu-­Loipe, die die einzelnen Dörfer des Goms miteinander verbindet und Teil des 90 Kilometer langen Loipennetzes ist. In Ulrichen hält der Zug ein paar hundert Stockstösse vom Nordischen Zentrum entfernt, wo es Duschen und einen Skilift für Langläufer gibt, die sich in den Schussfahrten üben wollen.

Je weiter sich der Zug ins Goms ­hinaufwindet, desto langsamer rollt er voran. Immer wieder bleibt er fast stehen; es sieht aus, als seien die Langläufer auf der Loipe schneller unterwegs als der Zug. Diese Gemächlichkeit ist charakteristisch fürs Goms. Der Takt ist ein anderer als in den gros­sen Skiarenen.

Am Morgen stehen die sonnenverbrannten Chalets der Gommer Dörfer noch im Schatten. Erst gegen Mittag leuchten die Eiszapfen an den Dächern in allen Regenbogenfarben. Viel Leben kommt damit aber auch nicht in die Dörfer, die aussehen, als schlummerten sie in einer Art Dornröschenschlaf. An der Tür eines Immobilienbüros ist zu lesen, man solle doch bitte anrufen, wenn man einen Wunsch habe, und im Wirtshaus ums Eck kostet der «Ballon» Wein noch immer Fr. 3.70. Was aber nichts daran ändert, dass kein Tisch besetzt ist.

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Jung und Alt auf der Loipe

Tagsüber spielt sich das Leben im Revier der türkisfarbenen Wegweiser ab. In der klassischen Spur läuft ein älterer Herr in Knie-Cordhose langsam talabwärts, zwei Vierjährige sind ihm dicht auf den Fersen, ihre Stöcke kommen immer ­wieder den Skiern in die Quere. Und während die Sonne höher klettert, knabbert auf einer Holzbank am Loipenrand eine Familie an ihren Walliser Randen­würsten, ein älteres Ehepaar feuert zwei ­Jugendliche an, die im Gleichschritt auf der Skatingspur vorüberhasten.

Die Rottu-Loipe verbindet die zwölf malerischen Dörfer der Region.

Quelle: Stefan Walter
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Beinabstoss, Stockabstoss, Gleit­phase. Beim Langlauf sind Technik, Ausdauer und Kraft gleichermassen gefragt. Der Sport hat aber auch etwas Tänzerisches: Man muss in den Rhythmus finden, sich von den Spuren führen lassen, sich in die Bewegung hineingeben.

Müsste man mit einem Wort beschreiben, was den Langläufer ausmacht, würde man wohl sagen: die ­Naturverbundenheit. Er zieht es vor, fernab von Après-Ski-Bars und Ski-Autobahnen ruhige Stunden zu verbringen. Sich in der Umgebung zu verlieren. Die Sonne auf dem Gesicht zu spüren.

Weil diese Sehnsucht viele antreibt, werden die Langläufer im Goms von Jahr zu Jahr mehr. Vor zwei Jahren wurden rund 3140 Saisonkarten verkauft, mehr als doppelt so viele wie acht Jahre zuvor. «Naturverbundenheit und Gesundheit stehen heute hoch im Kurs», sagt Roberto Imoberdorf, Geschäftsführer von Obergoms Tourismus. «Da bietet sich der Langlauf geradezu an.» Ein ­weiterer Grund für den Boom des einst biederen Langlaufs ist für ihn Dario ­Cologna. Der Bündner wurde 2009 als erster Schweizer Gesamtweltcupsieger im Langlauf und machte den Sport danach mit zahlreichen Goldmedaillen nicht nur populär – er veränderte dessen Image nachhaltig.

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Comeback des traditionellen Stils

Das bestätigt Koni Hallenbarter, ein ­weiterer einheimischer Langläufer, der Sportgeschichte geschrieben hat. Er war Mitglied der Schweizer Nationalmannschaft und gewann 1983 den berühmten Wasalauf in Schweden. Seit 25 Jahren betreibt er ein Sportgeschäft, eine Langlaufschule und die Vasa Bar in Ober­gesteln. Er stellt fest, dass seine Kundschaft stetig jünger wird. Vor einigen Jahren habe er noch hauptsächlich im sportlichen Skatingstil unterrichtet, der viele jüngere Sportler auf die Loipe gebracht hat. «Heute ist auch der tradi­tionelle Stil wieder gefragt.»

Koni Hallenbarter, Wasalauf-Sieger 1983

Quelle: Stefan Walter
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Reto Amstad verbringt mit dem Seeclub Stansstad eine Trainingswoche im Goms. Die Sportler flitzen den ganzen Tag über die Loipe. «Meine Teamkollegen schätzen das Langlaufen, weil ihnen das alpine Ski- und Snowboardfahren zu stressig ist», sagt Amstad. «Ich mag den Sport, weil ich mich hier, in der wunderbaren Winterlandschaft des Goms, vom hektischen Alltag erholen kann.»

Am schönsten ist es auf den Loipen, wenn abends die Sonne gross und orange am Himmel hängt. Der Schnee schimmert rosa im letzten Licht, das Rauschen der Rhone ist das einzige Geräusch. In diesem Moment wünscht man sich, die Loipe möge nie enden, weil man ewig weiterlaufen könnte.

Mit der Dunkelheit kriecht die Kälte zurück ins Tal. Zeit, auf einen Stuhl in einer der Walliser Stuben zu sinken, die sich erst jetzt mit Leben füllen. Zu spüren, wie sich eine woh­lige Müdigkeit im Körper breitmacht. Ein Glas Fendant und eine Walliser Cholera – eine Art Gemüsekuchen – zu bestellen, bevor man frühzeitig unter die Bettdecke schlüpft.

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Karl Hischier, dreifacher Weltmeister im Langlaufen

Quelle: Stefan Walter

Als der dreifache Weltmeister Karl Hischier auf seinen ersten Langlaufskiern dahinglitt, gab es noch keinen Tourismus im Goms. Die Loipen spurten er und seine Kollegen zu Fuss; zwei stapften die Spuren für die Stöcke, einer diejenige für die Skier. 1959 baute Hischier das erste Sporthotel in Oberwald. 1968 bastelte er einen Motorschlitten zum Spurgerät um und präparierte die erste Loipe zwischen Oberwald und Münster. Damit schuf er sich Feinde: Die Bauern bangten, ob ihre Wiesen nach dem Winter noch genug Heu abwerfen würden.

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Und heute? Sitzen die ­Bauern mit den Langläufern am Loipenrand und prosten sich auf den Winter zu – der ­ihnen allen gar nicht lange ­genug dauern kann.

Von Ulrichen bis Obergesteln ist die Loipe abends bis 21.30 Uhr beleuchtet (für Skating und klassische Technik).

Quelle: Stefan Walter

Langlaufparadies

Insgesamt stehen 90 Kilo­meter Loipen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade zur Verfügung. Das Besondere an der Gommer Loipe ist, dass sie zwölf Dörfer von Oberwald bis Niederwald verbindet. Fast jedes verfügt über eine Haltestelle der Matterhorn-Gotthard-Bahn. So können die Langläufer ­eine Strecke fahren – und mit dem Zug zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Die Tageskarte kostet 15, ­eine Loipen-Saisonkarte 105 Franken; die Benutzung der Bahn von Fiesch bis Oberwald ist inbegriffen.

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Skimuseum

Vor über 100 Jahren waren im Winter die Skier oft das einzige Mittel, um im Goms von Ort zu Ort zu gelangen. Eine immense Skisammlung zeigt, wie sich der Langlauf über die Zeit verändert und sich den jeweiligen ­Bedürfnissen an­gepasst hat.

Toni’s Skimuseum in Münster, Öffnungszeiten auf Anfrage; Telefon 079 652 02 40 oder 027 974 68 68.

Übernachten

Das familiäre Hotel Joopi befindet sich in Reckingen, einem typischen Walliser Dorf. Die Loipen sind zu Fuss in fünf Minuten erreichbar.

DZ inklusive Frühstück ab 75 Franken pro Person.

Quelle: Stefan Walter
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