Am Tag der heiligen Agatha wurde die Lage kritisch. Seit Tagen hatte es ununterbrochen geschneit. Zwei Meter hoch lag der Schnee im Dorf. Markus Inderbitzin, der Gemeindepräsident von Riemenstalden SZ, bot den fünfköpfigen Krisenstab auf, liess die enge, kurvige Strasse nach Sisikon sperren, schickte das Dutzend Schulkinder heim und gebot den Dorfbewohnern, die auswärts arbeiteten, unten zu bleiben.

Es herrschte Lawinengefahr, höchste Alarmstufe. Die Riemenstaldner, die seit je mit Naturkatastrophen leben müssen, begannen sich zu fürchten an jenem 5. Februar 1999. Am schlimms­ten seien die Staublawinen, sagt Inderbitzin. «Sie rauschen lautlos talwärts und reissen alles mit, was im Weg steht: Bäume, Häuser, Menschen.» Einen Monat lang herrschte Ausnahmezustand. Das Tal war von der Umwelt abgeschnitten. Es gab keine Post, die Vorräte drohten zur Neige zu gehen. Über eine Luftbrücke wurden die rund 60 Bewohner mit dem Nötigsten versorgt. Sie verbrachten Tage und Nächte in Schutzräumen und Kellern. Lawine um Lawine ging damals ins Tal nieder, aus beiden Richtungen, von Schwyzer wie von Urner Seite. Menschen oder Häuser kamen nicht zu Schaden.

«Das Dorf steht unter besonderem Schutz», sagt der Pfarrer. Die Mutter Gottes bewahre es vor den unberechenbaren Gewalten der Natur. Jeden ersten Sonntag im Monat bittet Matthias Rey die heilige Jungfrau Maria um ihren Segen. Er geht mit dem Kreuz voraus, zwei Männer tragen die Ma­rienstatue durch die Kirche, gefolgt von Ministranten und Dorfbewohnern. Pro Familie nimmt ein Mitglied an der Prozession teil. Die Riemenstaldner erneuern damit ein Gelöbnis, das ihre Vorfahren nach dem furchterregenden Felssturz von 1932 abgelegt haben.

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Nach der Messe trifft man sich im «Kaiserstock», im einzigen Gasthof. Die jungen Männer sitzen beim Eingang, die alten in der Mitte der Stube, die Frauen beim Kachelofen. Auch der Pfarrer gesellt sich dazu. Man kennt sich, rückt zusammen. In der kleinsten Schwyzer Gemeinde ist jeder auf jeden angewiesen.

Die Winter in Riemenstalden sind lang und hart. Der Ort liegt auf 1030 Metern über Meer, umgeben von schroffen Felswänden. Zwei Monate lang erreicht kein Sonnenstrahl das Dorf. Mit elektrischem Licht werden die 38 Haushalte erst seit Dezember 1950 versorgt, und bis zum Ausbau der Strasse 1976 war der Weg ins Tal im Winter oft nur auf Skiern möglich.

Gebaut wird in Riemenstalden seit Jahrzehnten nicht mehr. Die Handvoll Häuser im Dörfli stehen in der «roten Zone». Laut Lawinengefahrenkarte ist hier «mit der Zerstörung von Gebäuden oder Teilen davon» zu rechnen; Menschen sind auch im vermeintlichen Schutz von Gebäuden in Lebensgefahr.

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Gleich fünf Lawinenzüge bedrohen den Dorfteil. Unterhalb eines schmalen Waldstücks fliessen sie direkt auf die Siedlung zu. Die «Stutzlaui» bricht jeden Winter gleich mehrmals von der mächtigen, beinahe senkrecht stehenden Gross Wand ab. Die teuren Lawinenverbauungen vermögen es nicht zu verhindern. Das Gelände ist mit 80 Prozent Gefälle zu steil. Fast schon träge kommt die Nassschneelawine daher, die im Frühjahr zwischen Dörfli und Chäppeliberg niedergeht. Ein Ampelsystem warnt vor ihr. Wechselt das Licht an der Strasse auf Rot, ertönt eine Sirene, damit sich die Schulkinder recht­zeitig in Sicherheit bringen können.

Ist der Winter überstanden, drohen Fels­stürze. Die Strasse wird immer wieder von Geröll verschüttet. 1985 war die Verbindung nach Sisikon für einen Monat gekappt. 2009 war das Dorf tagelang nur über einen Fussweg erreichbar. Heftige Regenfälle hatten die Strasse in ein Bachbett verwandelt. Die Einheimischen haben gelernt, mit den Gefahren zu leben. «Etwas anderes bleibt uns nicht übrig», sagt die Bergbäuerin Karin Gisler. Wie die anderen Frauen stockt sie ihre Lebensmittelvorräte regelmässig auf. Für eine Woche müssen sie reichen. Eingeschlossen zu sein sei halb so schlimm, solange niemand krank werde. Karin Gisler hat fünf Kinder. Bei Lawinengefahr bleibt sie im Haus. Da fühlt sie sich sicher.

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Es sind die Alten, die sich vor der «Laui» fürchten. Einige haben am eigenen Leib erfahren, wie viel Unheil sie anrichten kann. Andreas Betschart, Jahrgang 1932, geriet als junger Mann bei der Forstarbeit in eine Staublawine. Der Druck erfasste ihn und trug ihn hundert Meter talwärts. Der Schnee war leicht, Betschart konnte sich befreien, kam mit dem Schrecken davon. Auch an den Lawinenwinter 1952 erinnert er sich genau. Einen Steinwurf von seinem Heim entfernt wälzte sich eine La­wine an der Kirche vorbei, drückte einen Stall weg und verschob die Grundmauern von Schulhaus und «Kaiserstock».

Zwei Jahre später kam es noch schlimmer. Seit dem Dreikönigstag hatte es geschneit, Unmengen von Neuschnee bedeckten das Tal. Am Abend des 11. Januar war von der Urner Seite her ein Rauschen zu hören. Ein blauer Blitz zuckte. Dann war es totenstill. Das Licht ging aus, das Dorf versank in Dunkelheit. Wenig später toste es auf der Schwyzer Seite. Eine Lawine beschädigte Stall und Scheune bei der Post, eine zweite drückte das Sakristeifenster der Kirche ein. Der Pfarrer war daran, den Weg zum Pfarrhaus freizuschaufeln, als die stärkste Lawine des Abends niederging. Sie zertrümmerte den Vorbau der Kirche, fegte das Schulhaus bis auf die Grundmauern weg. Der Zufall wollte es, dass die Lehrerin zu jenem Zeitpunkt gerade im Postamt war.

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Glück im Unglück hatten auch die Wirtsleute. Alfred Gisler, langjähriger Wirt, erinnert sich: «Unser Rehpinscherli gab keine Ruhe. Immer wieder lief es die Treppe zum Keller hinunter. Wie wenn es die Katastrophe vorausgeahnt hätte.» Die Stimme des 80-Jährigen zittert. «Wir haben alles verloren. Alles ausser dem Leben.» Die Familie war im Keller versammelt, als die Lawine über sie hinwegbrauste und die oberen Stockwerke mitriss. Auch der Hund überlebte.

Es war bitterkalt in den folgenden Tagen. Die Eltern nächtigten in der Post, Alfred und seine drei Geschwister im Keller. Erst im Frühling konnte die Familie eine Notunterkunft beziehen. Soldaten mit Pferden kamen, um die Trümmer wegzuräumen. Unversehrt war einzig der Brautstrauss der Mutter, den man im Schutt fand.

Der Kanton schickte Hilfe. Auch der Pfarrer bettelte um Geld. «Aber, Jesses, das reichte nirgends hin», sagt Alfred Gisler. Er hat Tränen in den Augen, schneuzt in ein Stoff­taschentuch. So etwas vergesse man seinen Lebtag nie mehr.

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Die Katastrophe machte das «Lawinendorf» landesweit bekannt. Der damalige Schwyzer Landammann war voll des Lobes. Die «tapferen Riemenstaldener» hätten sich von den herabstürzenden Elementen nicht niederringen lassen, die Schicksalsschläge hätten ihnen den Glauben an eine bessere Zukunft nicht nehmen können. «Was hätten wir tun, wohin gehen sollen? Wir hatten kein anderes Daheim», sagt Alfred Gisler. Zwei Jahre später war der neue Gasthof fertig, grösser und schöner. Und mit einer Terrasse ausgestattet.

Im letzten Lawinenwinter hat Gisler die ­Familie geheissen, im Keller zu schlafen. «Weisch no?», fragt Schwiegertochter Vroni, die Wirtin. Eineinhalb Meter Schnee habe es 1999 gehabt, hinten im Tal drei Meter. Strom und ­Te­lefon seien nicht unterbrochen worden, zum Glück. «Wir sind noch einmal davongekommen», sagt sie. In der Gaststube hängt ein Brotring an der Wand. Ein Agathabrötli. Der Wirt hat es gebacken, der Pfarrer hat es gesegnet. Das Brot hilft auf Reisen gegen Heimweh, hier soll es Haus und Hof vor Feuer schützen. Gegen Lawinen hilft es nicht.

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Alfred Gisler mag den Winter nicht. Er bleibt in seinem Stübli, wartet, bis es taut, bis der Frühling kommt. Der viele Schnee macht ihm Angst. Keiner von den Jüngeren könne sich vorstellen, wie schlimm es gewesen sei, sagt er. Auch der Herr Pfarrer nicht.

«Riemenstalden ist sicher», wiederholt dieser. Die Strasse hier sei weniger gefährlich als irgendeine Strasse in der Stadt. Er fürchtet sich vor den Töff- und Fahrradfahrern, die im Sommer bergab um die Kurven rasen. Der Pfarrer lobt seine kleine Kirchgemeinde, das Dorf, das Tal. Was sind schon zwei Monate ohne Sonne, wenn der Himmel blau und die Luft frisch ist? Riemenstalden sei etwas Besonderes. Dass die Lawinen damals in den fünfziger Jahren nur ein Todesopfer gefordert hätten, sei ein Wunder. «Das Dorf steht unter Schutz.» Es klingt wie ein Gebet.

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Quelle: Bruno Augsburger


Anreise
Ab Bahnhof Sisikon am Urnersee fährt ein Postauto nach ­Riemenstalden. Wichtig: Die Fahrt muss angemeldet werden! Tel. 041 820 32 55

Übernachten & Essen
Das Restaurant Kaiserstock wird vom ­Gastroführer Gault ­Millau mit 14 Punkten bewertet. Für Gäste stehen drei heimelige Zimmer mit viel Holz und modernem Komfort zur Verfügung. ­Übernachtung mit Frühstück: 61 Franken pro Person.
Restaurant Kaiserstock
6452 Riemenstalden
Tel. 041 820 10 32
www.kaiserstock.ch
Mo und Di geschlossen

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Aktiv
Die Höhen südlich von Riemenstalden locken Wanderer, Kletterer und Skitourenfahrer mit abwechslungsreicher Landschaft. Mittendrin liegt die Lidernenhütte des SAC. Sie ist im Winter nur mit Skiern oder Schnee­schuhen ­erreichbar; ab Chäppeliberg je nach Route innert 1¼ bis 2½ Stunden.
Tel. 041 820 29 70,
www.lidernenhuette.ch
Wochenendbetrieb von Mitte ­Dezember bis Ostern.

Die Seilbahn Chäppeliberg–Alp Gitschen verkürzt den Weg auf 15 Minuten. Bei guten Verhältnissen ab 8 Uhr, an Wochenenden ab 6 Uhr. Bei schlechtem Wetter auf Anfrage. Tel. 041 820 44 48 oder 041 870 42 46

Ab November ist bei Chäppeliberg ein Skilift in Betrieb.
www.sc-kaiserstock.ch