Nein, kein rotbackiger, untersetzter Mann im Edelweisshemd betritt die Beiz in Luzern, wo fürs Gespräch abgemacht ist. Im Gegenteil: Marcel Oetiker ist 1,97 Meter gross, schlank und blass, trägt Jeans und hat grosse Hände. «Das ist sicher von Vorteil fürs Örgelen», sagt er und legt seine Brille vor sich auf den Tisch.

Er kennt die Klischees über Volksmusiker bestens. «Ich bin kein Hinterwäldler oder SVPler», erklärt er bestimmt, «ich interessiere mich mehr für Philosophie als für Politik.» So bezeichnet er denn sein Örgeli auch viel lieber mit dem Überbegriff «diatonisches Akkordeon». Das sei nicht so einschränkend wie Schwyzerörgeli, erklärt er. Schliesslich gebe es auch österreichische und irische Varianten des Instruments. Doch gewisse Vorurteile gegenüber der traditionellen Schweizer Volksmusik kann er gut nachvollziehen: «Jahrzehntelang wurden die immer gleichen Jodler und Ländler gespielt ohne jegliche musikalische Weiterentwicklung und persönliche Interpretation. Das ist wirklich langweilig und konservativ.»

Aufgewachsen ist Oetiker mit seinen Eltern und zwei Brüdern in Altendorf am Zürichsee, Kanton Schwyz. Sein Vater starb 2001 bei einem Feuerwehrunfall. Seine Mutter übernahm damals zusammen mit dem älteren Bruder das Familienunternehmen, eine Mechanikerwerkstatt.

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AC/DC und Techno auf dem Örgeli
Berge sieht man in Altendorf nur von weitem, und Volksmusik ist in der steuergünstigen Gemeinde nicht gerade in obwohl der Kanton Schwyz den Schwyzerörgeli zu ihrem Namen verholfen hat. «Meine Musik war mir früher peinlich. Ich habe niemandem in der Schule erzählt, dass ich Schwyzerörgeli spiele.» Geschämt habe er sich, wenn jeweils kurze Berichte über ihn in der Lokalzeitung erschienen seien. «Ich betete immer: ‹Hoffentlich liest das niemand.›» Erst später, in der Pubertät, mischte er die Musikstile und spielte etwa AC/DC auf dem Schwyzerörgeli. «Das fanden die Kollegen natürlich cool.» Auch heute hört er oft Hard Rock und lässt sich von den unterschiedlichsten Musikstilen inspirieren. So hat auch ein Technostück Eingang auf einer seiner CDs gefunden. «Ich mache traditionelle Musik», stellt er klar, «ehrliche, echte Musik gefällt mir am besten.» Der «TagesAnzeiger» bezeichnete sein Spiel kürzlich als «getrieben von einer freigeistigen Haltung und der Absage an Konventionen, ohne sich dabei von der Tradition zu lösen». Oetiker lacht: «So kann man das auch sagen.»

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Mit sieben, acht Jahren begann er mit dem Örgelen. Sein jüngerer Bruder hatte mit dem Instrument angefangen. Und immer wenn er mal nicht da war, schlich Marcel ins Zimmer und spielte selber. Sein grosses Vorbild war sein Onkel und Götti Hans Oetiker, «ein Original mit wildem, rotem Bart und Schalk im Nacken», lacht er. Sein Onkel spielte Kontrabass, urige, traditionelle Musik, und nahm den kleinen Marcel überallhin im Lande mit für Konzerte. «Ich habe mein Spiel auf der Bühne gelernt, von den anderen Musikern abgeguckt und ausprobiert. Das war eine wertvolle Erfahrung», so der heute 28-Jährige.

Doch zum Profimusiker war es ein weiter Weg. Nach der Lehre arbeitete Oetiker einige Jahre als Polygraf, bildete sich weiter zum Webpublisher und machte Musik nur noch nebenher. «Das Schwyzerörgeli liess mich aber nie los», sagt er. Das kleine, handliche Instrument sei so komplex auf der Melodienseite, es reize einen richtig, da alles rauszuholen. Im Jahr 2004 gab er den Beruf auf und machte sich als Musiklehrer selbständig. Bis zu 50 Schüler und Schülerinnen habe er an verschiedenen Musikschulen in Einsiedeln und Umgebung unterrichtet und nebenbei auch immer noch Auftritte gehabt. «Ich lebte knapp am Existenzminimum», sagt er, «aber Geld spielt für mich eh keine grosse Rolle.» Vor seinem Schritt in die Selbständigkeit hatte er an verschiedenen Schweizer Musikhochschulen versucht, aufgenommen zu werden. Vergeblich. «Ich war wohl noch etwas zu jung, um ernst genommen zu werden», meint er heute.

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Die neuen Traditionalisten
Dann kam 2006 plötzlich die Anfrage, ob er mit seinem Schwyzerörgeli an der Musikhochschule Luzern nicht den neuen Studiengang Jazz mit Schwerpunkt Schweizer Volksmusik belegen wolle. Sein Lehrer dort ist Markus Flückiger, der wohl zurzeit bekannteste Schwyzerörgeler des Landes. «Markus ist für mich ein grosses Vorbild. Ohne ihn würde ich heute kaum Volksmusik machen», sagt Oetiker. Er versuche aber, seinen eigenen Weg zu gehen. Sein nächstes Ziel ist der Bachelor, danach will er in vier Jahren noch den Master of Arts in Music draufsetzen. «Dann will ich mich zur Ruhe setzen und unterrichten, manchmal noch ein Auftritt, aber gemächlich. Das wäre für mich ein Ankommen», sagt Oetiker. Er unterrichte sehr gern, es mache ihm Spass, junge, talentierte Menschen zu fördern. «Das ist das Schönste für mich.»

Man nimmt es ihm ab, obwohl Oetiker gerade daran ist, so etwas wie ein Star der Schweizer Volksmusik zu werden ein Aushängeschild der Erneuerungsbewegung. «Seit ein paar Jahren gibt es ein Revival der Volksmusik. Das spüren wir Jungen sehr.» Heute müsse sich keiner mehr schämen, traditionelle Musik zu spielen. «Musiker, die zehn Jahre jünger sind als ich, spielen ganz selbstverständlich Schweizer Volksmusik. Das ist eine neue Generation, die sich keinen Deut um die alten Vorurteile kümmert.» Zum Glück, so Marcel Oetiker.

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«Nicht gern im Mittelpunkt»
Die Nachfrage nach seiner Musik ist gross. So spielte er zum Beispiel am 1. August auf Einladung der Schweizer Botschaft in London auf: «Ein tolles Abenteuer.» Weitere Auftritte im In und Ausland sind geplant. Oetiker gibt Konzerte als Solist sowie mit Bands, beides gefalle ihm, aber: «Ich stehe eigentlich nicht so gern im Mittelpunkt.» Drei CDs, SoloEigenproduktionen, hat Oetiker bis jetzt eingespielt. «Es läuft für meine Verhältnisse gut», sagt er. Am meisten freue ihn aber das positive Echo der Kritiker und Hörer. «Wenn ich mit den CDs ein richtiges Geschäft machen wollte, müsste ich meine Musik kommerziell ausrichten, doch mir gehts bei meinen Sachen um Weiterentwicklung.»

Marcel Oetiker steht auf und zieht seine Jeansjacke an, er muss zur Schule. Zum Abschied sagt er noch: «Ich würde kaum in traditioneller Schweizer Tracht auftreten. Das wäre nicht echt für mich.» Lacht und verschwindet um die Ecke.

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Was ist ein Schwyzerörgeli?

Das Schwyzerörgeli ist eine Variante des diatonischen (wechseltönigen) Akkordeons, bei dem je nach Zug oder Druck ungleiche Töne der Tonleiter entstehen, und wird hauptsächlich in der Schweizer Volksmusik verwendet. Moderne Instrumente sind meist mit drei bis vier Tastenreihen im Diskant (die rechte Seite des Instruments respektive die Melodietastatur) ausgestattet. Typische Merkmale des Örgelis sind die kompakte Bauweise mit Cassotto (ein erweiterter Hohlraum auf der Diskantseite) und einem Balg mit Lederschoner. Die ältesten Schwyzerörgeli waren die Langnauerli, die ab 1836 in Langnau im Emmental hergestellt wurden. Der Name Schwyzerörgeli leitet sich vom Kanton Schwyz ab − Robert Iten, der erste offizielle Schwyzerörgelibauer, stellte das Instrument in Pfäffikon SZ her.