Ich mache einen falschen Schritt nach hinten und falle. Ich falle rückwärts die steile Felswand hinunter. Immer und immer wieder. Fünf, sechs Mal wache in dieser Nacht auf — immer kurz vor dem Aufprall. Schweissgebadet. Und jedes Mal, wenn ich wieder einschlafe, falle ich erneut.

Diese Horrornacht erlebte ich erst, als ich schon wieder unten war. Nachdem ich den Klettersteig Pinut bereits bezwungen und mich meiner Höhenangst gestellt hatte. Konfrontationstherapie nennen das die einen. Ich war vor allem neugierig: Würde ich es trotz meiner Panik schaffen, 900 Höhenmeter nach oben zu marschieren, an der Südkante eines Bergs, den ich bisher nur von unten kannte?

Die Stimme im Ohr

Er ist imposant, der Flimserstein. Er ragt wie ein grosser Beschützer über die Surselva, zwischen Piz Segnas und Ringelspitz oberhalb von Flims. Diesen mächtigen grauen Felsen haben Bauern bereits Mitte des 18. Jahrhunderts erklommen, um Heu für ihr Vieh zu schneiden, das sie die Wand hinunterwarfen.

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Seit 1907 ist der Pinut ein offizieller und damit der älteste Klettersteig der Schweiz. Damals schlug ein gewisser Christian Meiler die erste Eiseninstallation in die Felswand. Wie genau, weiss niemand mehr. Bekannt ist nur, dass ihm der italienische Einwanderer Alberto Daloli half. Meiler wollte Touristen nach Flims locken. Damals war gerade die Elektrizität ins Dorf gekommen und die Hotellerie zum Leben erwacht.

«Dumm nur, dass direkt danach der Erste Weltkrieg ausbrach», sagt Peter Rhyner, der von Meiler erzählt, als wir unsere Ausrüstung montieren. Helm, Gurt und Klettersteigset mit Karabinern. Der 50-Jährige arbeitet bei Flims Electric, ist Obmann der Rettungsstation Flims und beim Verein Pro Pinut unter anderem für den Unterhalt des Klettersteigs zuständig. Ein Naturbursche, der sich an diesem Berg zu Hause fühlt.

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Für die nächsten zwei Stunden ist er die gute Stimme in meinem Ohr – oder besser gesagt: das sichere Gefühl in meinem Rücken. Mit seiner Ruhe wird er mich Schritt für Schritt nach oben begleiten. Mit dabei ist seine Frau, Susy Rhyner, die schon so oft auf dem Pinut war, «dass ich aufgehört habe zu zählen».

Ein Kinderspiel also – hoffe ich. Meine Hände sind schweissnass, und es ist Susy Rhyner, die mir den Helm unter dem Kinn schliessen muss, wie bei einem Kind. Nicht gut für den Stolz, aber für Stolz ist in diesem Augenblick sowieso kein Platz. Noch einen Schluck Wasser und Traubenzucker. Die Nervosität frisst mir alle Energie.

Die erste Leiter ist definitiv die schlimmste. Mir schiesst das Adrenalin ins Blut. Schweissausbruch.

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«Ab hier ist alpines Gebiet», sagt Peter Rhyner. Der Weg ist blau-weiss markiert und nicht immer erkennbar. «Für unsere Sicherheit sind wir selbst verantwortlich.» Alles, was wir unter uns noch sehen, sind die Baumspitzen. Der Boden ist trocken und staubig, vor uns ragt der graue Fels empor. Ich weiss nicht, was mich oben am Berg erwartet, dafür aber, wie die Hölle aussieht: Abgrund, Schlucht, Sog nach unten.

Jede Fünfte in Europa leidet unter Höhenangst, der Akrophobie. Bei mir kam sie schleichend. Als Kind kletterte ich auf Bäume und sprang von hohen Mauern, als wären meine Beine aus Gummi. Doch irgendwann war ich nicht mehr schwindelfrei.

Konfrontation mit der Angst

Konfrontation mit der Angst: Melanie Wirz auf dem Klettersteig Pinut in Flims
Quelle: Joël Hunn
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Tritt um Tritt

Nach einem kurzen Marsch durch den Wald stehen wir auf 1420 Metern vor einer Metallleiter: der Einstieg. Das Spezielle sei, dass der Pinut eben kein typischer Klettersteig sei, sagt Peter Rhyner. «Auf beinahe der gesamten Strecke läuft man auf einer Eisentreppe und sichert sich mit den Karabinern an einem Stahlseil.» Damit gehört der Pinut zu den leichten Klettersteigen. Er ist für Kinder ab zwölf gut machbar, auch ohne Führung.

2007 wurde er saniert. Projektleiter war Peter Rhyners Vater, Kaspar. Er hatte mit anderen Initianten dafür gekämpft, dass der Pinut nicht abgebrochen wurde. «Der neue Einstieg beginnt extra mit einer Leiter. Man wollte nicht, dass die grösste Schwierigkeit erst weiter oben kommt und einige dann umkehren wollen.»

Die erste Leiter ist definitiv die schlimmste. Mir schiesst das Adrenalin ins Blut. Schweissausbruch. Ich weiss nicht, wo ich hinschauen soll. Links die Felswand, rechts der Abgrund. Und immer dieser Sog in die Tiefe. Ich gehöre zu denen, die umkehren würden. Doch hinter mir steht Rhyner, lächelt seelenruhig. Er weiss, was los ist. Mit leichter Handbewegung bedeutet er mir, dass ich weitergehen soll. Also klicke ich ein, Karabiner um Karabiner.

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Am Abgrund

Am Abgrund: Melanie Wirz kämpft um jeden Höhenmeter

Autorin Melanie Wirz kämpft um jeden Höhenmeter.

Quelle: Joël Hunn

Peter Rhyner spricht ununterbrochen mit mir. Obwohl er eher der stille Typ sei. «Ich bin nicht jemand, der viel redet.» Über sich erzählt er wenig, über seinen Beruf bei Flims Electric fast nichts. Dafür alles über den Pinut und die Arbeit am Berg. Wie die Vereinsmitglieder den Steig jede Saison herausputzen. Wie der Weg gefegt und das Seil im Frühling neu angebracht werden muss. Der erste Gang im Jahr sei der abenteuerlichste, ohne Seil. «Da ist man quasi freihändig – und schon etwas gehemmter als sonst.»

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Peter Rhyner redet und redet. Seine Stimme ist mein Halt. Dann zeigt er nach links: der Meilerstein. Eine der höchsten frei stehenden Felsnadeln der Schweiz, benannt nach dem Pinut-Pionier Christian Meiler. Waghalsige klettern diesen Pfeiler hoch. Noch Waghalsigere spannen eine Slackline zwischen Meilerstein und Berg. Ich klammere mich verzweifelt an das Stahlseil.

Aufatmen

Endlich erreichen wir eine Höhle, in der ich mich etwas entspannen kann. Es ist dunkel und kühl, Wasser tropft von den Wänden. Ein Vogelnest mitten in den Steinen verrät: Hier oben gibt es Leben. Dann stehen wir vor einer alten Holztüre. Der Durchgang ist so niedrig, dass wir gebückt durchlaufen. «Für 50 Rappen konnten früher Touristen den Schlüssel im Hotel Fidazerhof ausleihen und gelangten durch diese Türe nach oben zum Flimserstein.»

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Wir erreichen die Pinutwiese, einen Felsvorsprung, bedeckt mit saftigem Gras und ein paar Dutzend Nadelbäumen über dem Abgrund. Wir sitzen zwischen Baumwurzeln und Ameisenstrassen. Kurze Pause, Traubenzucker. Den Steinadler, den die anderen entdecken, sehe ich nicht. Zu sehr bin ich mit mir beschäftigt.

Es geht verdammt weit runter. 50 Meter, vielleicht 100 oder 1000. Für die Kinder sei die Wiese der langweiligste Teil. «Sie lieben die Action am Berg, das Einhaken der Karabiner. Manchmal rennen sie ihren Eltern förmlich davon.» Dass selbst kleine Kinder den Klettersteig mit links machen, tröstet mich mit der Senkrechten im Rücken nicht wirklich.

Nach dem Aufstieg eine kurze Entspannung in der Höhle

Nach dem Aufstieg eine kurze Entspannung in der Höhle auf dem Klettersteig Pinut für Melanie Wirz

Autorin Melanie Wirz – für einmal etwas entspannt.

Quelle: Joël Hunn
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Den letzten Abschnitt klettere ich hinter Susy Rhyner. Der Klettersteig sei wie ihr überdimensional grosser Balkon. Sie lächelt. Überhaupt lächelt sie den ganzen Tag und ist mit ihrer Fürsorglichkeit die zweite grosse Unterstützung. Die beiden sind ein eingespieltes Team. «Manchmal gehen wir hier einfach hoch, um den Sonnenaufgang zu geniessen oder den Vollmond zu bestaunen.»

Immer wieder dreht sie sich nach mir um. Immer wieder fragt sie, ob alles in Ordnung ist. So realisiere ich gar nicht, dass wir Höhenmeter um Höhenmeter machen. Irgendwann vergesse ich fast meine Angst. Nur der Schweiss, der von meiner Stirn rinnt, erinnert mich daran, dass wir an einem Berg hängen.

Die letzten Schritte. Eine Metalltreppe gibts hier nicht mehr. Ich stelle mein rechtes Bein auf den nächsten Steinvorsprung. Er bröckelt. Ich nehme meinen restlichen Mut zusammen, klettere – und ich falle nicht.

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«Geschafft!», jubelt Susy Rhyner. Meine Beine zittern, sind weich wie Pudding. Noch ein letztes Stück Traubenzucker. Langsam fällt die Spannung von mir ab, und ich beginne, wieder in ganzen Sätzen zu reden. Dann gehts zum Kiosk auf der Alp Bargis. Mini-Bündner- Törtchen und Apfelschorle. Und als grösste Belohnung: die Aussicht – ein Traum von Bergspitzen und unendlicher Weite.

Klettersteig Pinut

  • Ausgangspunkt

von der Postautohaltestelle Pinut in Fidaz GR 30 Minuten bis zum Einstieg
 

  • Endpunkt

Berghaus Bargis (Postautohaltestelle Bargis)
 

  • Distanz

4,4 Kilometer 
 

  • Dauer

3 Stunden
 

  • Aufstieg

900 Höhenmeter
 

  • Abstieg

511 Höhenmeter
 

  • Saison

Mai bis Oktober
 

  • Anforderung

mittlere Kondition, technisch einfach, nur für trittsichere, schwindelfreie Personen, Kinder ab etwa zwölf Jahren
 

  • Website

pinut.ch
 

  • Ausrüstung

Klettergurt, Klettersteigset, Wanderschuhe, Helm, Verpflegung

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Klettersteige für Familien

  • Mittagshorn VS (K2/K3)

ideale Einstiegstour oberhalb von Saas-Fee, alpin; früh losgehen.
 

  • Brunnistöckli OW (K2)

leichter Klettersteig ob Engelberg, geeignet für Anfänger; durchgehend gesichert.
 

  • Braunwald GL (K3)

fantastische Glarner Alpenkulisse; Einsteiger- und Kinderklettersteig oberhalb Berggasthaus Gumen
 

  • Via ferrata del Diavolo UR (K2/K3)

spektakuläre Route in Granitfelsen.


Schwierigkeit: K1 (leicht) bis K6 (extrem schwierig)

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