Die Rütteners aus Meilen ZH werden die Wanderung auf den Piz Lischana wohl nie vergessen: Plötzlich rollen mehr und mehr Steine talwärts. Die Rütteners realisieren, dass seit ihrem Aufstieg Felsspalten aufgegangen sind. «Als die ersten Steine aus der Wand sprangen, begannen wir zu laufen, so schnell es auf dem Grat ging. Wir wussten, was jetzt kommt», erklärt Mutter Stefanie Rüttener. Auf dem nächsten Vorsprung zückt die Geophysikerin das Handy und filmt (siehe Video). Vor ihren Augen bricht ein riesiges Stück Fels ab: Es scheint, als stürze die halbe Bergflanke in die Tiefe. Später schätzen Geo­logen den Felssturz auf 2000 Kubikmeter.

Weil weitere Felsstürze drohen, erklären die Behörden den Gipfel zur Sperrzone. ­Eine delikate Sache: Denn wer nicht auf dem Gipfel war, hat einen Berg nicht bezwungen. Das ist wie eine Torte ohne Häubchen, ein Studium ohne Abschluss oder Sex ohne – na, Sie wissen schon. Das ist auch den Touristikprofis im Unterengadin klar, deshalb zügeln die Bergler den Gipfel einfach ein paar Höhenmeter nach unten. Jetzt begrüsst schon dort ein Steinmännchen mit Gipfelbuch im Bauch all die Schwindelfreien, die es bis nach fast ganz oben, also bis zur Absperrung, geschafft haben. «Das Steinmännchen ist aber nur einen Steinwurf vom Gipfel entfernt», beschwichtigt Niculin Meyer, Mediensprecher beim Zungenbrecher Tourismus Engadin Scuol Samnaun Val Müstair AG.

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«Wer nicht ganz oben war…»

Wer weiter hinauf will, wird handgeschrieben mit einem ganzen Arsenal Ausrufe­zeichen gewarnt: «Stop! Danger, major rockfall Piz Lischana closed!!!»

Doch hat den Piz auch bezwungen, wer nur auf dem neuen «Gipfel» war? Peter Mäder, Geschäftsführer des Schweizer Alpen-Clubs (SAC), gerät ob dieser Frage etwas aus dem Tritt. «Wer auf einem Berg nicht ganz oben war, kann eigentlich nicht in Anspruch nehmen, er habe ihn bestiegen und als Gipfelerfolg in sein Tourenbuch eintragen. Das ist Ehrensache», erklärt er. Ehrensache auch, weil die SAC-Sektionen zwar regelmässig mit vollen Gipfelbüchern beschenkt werden, diese aber niemand auswertet. Es gibt kein Register darüber, wer welchen Berg bezwungen hat. Und so unterscheidet auch keiner zwischen jenen Bergsteigern, die noch vor dem Felssturz vom 31. Juli den einzig echten Gipfel des Lischana auf 3105 Meter erreicht haben, und all den anderen, die jetzt erst gehen.

Zum Glück für die Bündner Tourismusbranche brach der Fels am Lischana und nicht an der Bernina. Nicht auszudenken, wenn sich am einzigen Viertausender der Ostalpen ein Steinmännchen als Gipfel ausgeben müsste.