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SAC-GeschichteClub der Patrioten

Der Schweizer Alpen-Club widerspiegelt wie kaum eine andere Organisation die gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz – und deren Schattenseiten. In diesem Jahr wird er 150 Jahre alt.

Stolze Pioniere des Alpinismus: Männer der Bieler Sektion des SAC posieren 1885 vor dem Wild Andrist im Berner Oberland.
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Heute ist der Schweizer Alpen-Club (SAC) ein offe­ner, vielfältiger Sportverband. Doch das war nicht immer so. «Der SAC war lange Zeit ein nationalkonservativer Männerclub», sagt Gianni Haver, Geschichtsprofessor an der Universität Lau­sanne. «Frauen konnten während mehr als 70 Jahren nicht Mitglied werden, Linke wurden zeitweise ausgeschlossen.» In der Zwischenkriegszeit half der Alpen-Club sogar mit, Bürgerwehren aufzubauen.

An seiner 150-jährigen Geschichte lässt sich so viel über die gesellschaftliche Entwicklung der Schweiz ablesen wie bei kaum einer anderen Organisation im Land.

Bergsteigen als «eidgenössische Tat»

Gegründet wird der Alpen-Club im April 1863, 15 Jahre nach der Schaffung des modernen Bundesstaats. Ziel ist es, den Alpinismus und die alpine Wissenschaft zu fördern. Rekrutiert werden vorab wohl­habende Leute der wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Elite.

Der SAC leistet aus privater Initiative viel für die junge Nation. Er forscht, gründet das Alpine Museum in Bern, baut Schutzhütten und Wege, kartographiert die Schweizer Berge. Und feiert dabei ganz zeittypisch erzpatrio­tische Werte. «Der ­Alpen-Club war von Beginn an ein Hort der Konservativen», sagt der Historiker ­Daniel Anker, der seine Lizentiatsarbeit über den SAC verfasst hat. Der Verband habe immer das Bild vom hehren Vaterland hochgehalten, das «wie ein unverrückbares Bollwerk der Freiheit in der bösen Welt stand».

Bergsteigen sei in den Anfangsjahren der Schweiz mehr gewesen als nur in die Berge steigen: «Es war auch eine eidgenössische Tat.» Im Zentrum standen die Moral der Seilschaft und das Gefühl der Freiheit. «Das Bergsteigen galt auch als Modell für die Gesellschaft», fasst Daniel Anker zusammen.

Gipfelstürmerinnen: Viele Bergsteigerinnen konnten sich bereits im 19. Jahr­hundert mit ihren männlichen Kollegen messen. Dennoch wurden Frauen erst 1980 vom SAC aufgenommen. Diese Fotografie stammt aus dem Jahr 1910.
Quelle: Jean Deppeler

Und der SAC wächst rasch, wird bald zu einem der wichtigsten nationalen Verbände. Die Frage, ob Frauen Mitglied werden können, bleibt jedoch lange ungeklärt. Bereits 1880 kann sich der Club nicht mehr länger der Diskussion verwehren, weil «einige berühmte Alpinistinnen dem SAC immer häufiger die Show stehlen», wie Gianni Haver im Buch «L’invention de l’alpinisme» schreibt. Doch die Argumente der Gegner überwiegen. Schliesslich wird es den Sek­tionen überlassen, ob sie Frauen wenigs­tens als Passiv- oder Ehrenmitglieder aufnehmen wollen.

1907 werden die Frauen ganz aus dem SAC ausgeschlossen. Im Jahr zuvor hat Finnland als erstes Land Europas seinen Frauen das Wahlrecht gewährt. Zehn Jahre später führt Aserbaidschan als ers­tes muslimisches Land das Frauenwahlrecht ein. Doch der SAC will nichts von Fortschritt wissen und bekräftigt seinen Entscheid: Frauen haben bei ihm nichts zu suchen. Also gründen die Alpinistinnen einen eigenen Klub.

Erst 1980 – acht Jahre nach Einführung des Frauenstimmrechts in der Schweiz auf nationaler Ebene – sind die Frauen im SAC wieder willkommen.

«Die späte Fusion mit den Alpinistinnen hatte mit dem konservativen Selbstverständnis der Vereinsmitglieder zu tun», sagt Peter Mäder, der bis Ende Februar die Geschäfte des SAC führte. «Die Entscheidungsträger wurden in einem reinen Männerklub gross und ­sahen keinen Grund, dies zu ändern.»

Angst vor Ausländern und Sozialisten

Auch Ausländer stossen im SAC auf Ablehnung – vor allem ab dem Ersten Weltkrieg, der für die Schweiz eine grosse Gefahr birgt. Eine «Aktion zugunsten der Nationalisierung des SAC» warnt eindringlich: «Der SAC ist in höchster Gefahr, unter dem Einfluss der bevorstehenden katastrophalen Überfremdung der Schweiz den Charakter einer nationalen Vereinigung einzubüssen.» Weniger als zehn Prozent der Vereinsmitglieder sind Ausländer. Trotzdem wird 1923 folgender Passus in die Statuten genommen: «Die Zahl der Ausländer [...] ist derart zu beschränken, dass der nationale Charakter des Clubs gewahrt bleibt.»

In Europa herrscht spätestens seit der russischen Oktoberrevolution von 1917 die Angst vor dem Kommunismus. Auch der SAC wehrt sich gegen alles, was als sozialistisch empfunden wird. Als Teil des Bürgerblocks stellt er sich gegen die linke Arbeiterschaft. Auch das Zentralkomitee des SAC beteiligt sich an der Konfrontation, die 1918 im Landesstreik kulminiert. Konkret engagiert sich der SAC aktiv bei der Gründung der «Union Civique Suisse» und des «Schweizerischen Vaterländischen Verbandes». Beides sind Zusammenschlüsse paramilitärischer Bürgerwehren, aus deren Dunstkreis später auch Sympathisanten des Nationalsozialismus hervorgehen. «Das heilige Feuer des Patriotismus muss die Trägheit unserer Behörden und unserer politischen Vertreter kompensieren», mahnt das Zentralkomitee die Mitglieder des SAC.

Alpinisten, die mit den Kommunisten sympathisieren, sind in der Zwischenkriegszeit in einigen Sektionen explizit unerwünscht. Bei der Zürcher Sektion Uto bleibt ein entsprechender Passus im Bewerbungsformular bis 1980 erhalten. Natio­nalsozialisten hingegen werden bis 1945 grösstenteils geduldet.

Gesellschaftliche Öffnung

Peter Mäder relativiert: «Der SAC war immer ein Spiegelbild der Gesellschaft. Damals widerspiegelte er die bürgerlich-konservative Mehrheitsschweiz.» Daniel Anker sieht das ähnlich: «Der SAC war mit seinem Kampf gegen den Sozialismus nicht allein. Seine Aktio­nen sind Ausdruck der damaligen Zeit.» Zudem seien nicht alle Sektionen und Mitglieder politisch aktiv gewesen: «Für die meisten Mitglieder stand weniger die Politik als vielmehr das Bergsteigen im Zentrum.» Gleichzeitig hätten aber gerade leitende Mitglieder den SAC als politische Bühne missbraucht – obwohl sich der Club offi­ziell immer unpolitisch gab.

Parallel zum gesellschaftlichen Aufbruch in den sechziger Jahren wandelt sich auch der SAC langsam zu einem offenen Sportverband. Über den Gipfeln weht ein liberaler Geist. «Mit der Aufnahme der Frauen und der Jugend hat sich der Club in jeder Hinsicht geöffnet», sagt Peter Mäder. Familienmitgliedschaften und Wettkampfklettern wurden eingeführt. Bergsteiger, Wanderer, Skitourenfahrer und Kletterer beider Geschlechter sind heute dabei. ­Jugendliche loten in der Jugendorganisation ihre Grenzen aus, Kinder machen beim Familienbergsteigen mit.

Erstmals nun beleuchtet der SAC in seiner Schrift zum 150-Jahre-Jubiläum, dem Buch «Helvetia Club», auch die dunklen Winkel seines historischen Rucksacks.

Remo Kundert, Marco Volken: «Die Hütten des Schweizer Alpen-Clubs»; AS-Verlag, 2013 (erscheint im April), 336 Seiten, 69 CHF

Daniel Anker: «Helvetia Club. 150 Jahre Schweizer Alpen-Club SAC»; Schweizer Alpen-Club, 2013 (erscheint im April), 280 Seiten, CHF 49.90

Veröffentlicht am 08. März 2013