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Savoir-vivre Wo die Zeit stillsteht

Es gibt Cafés, die eine nostalgische Leichtigkeit verströmen. Das «Odéon» in Biel ist eines davon.

In alter Frische: Das Bieler «Odéon» war 1930 die erste Bar der Schweiz.
Von Veröffentlicht am 12. April 2019, aktualisiert am 10. April 2019

Zum ersten Mal ins «Odéon» kam er wegen Carmen, damals vor 73 Jahren. Sie war die Frau des Patrons, eine Spanierin, schön wie ein Bild. Er, das ist Kurt Vogt, ältester Stammgast im «Odéon» in Biel. Geboren 1930, im gleichen Jahr, in dem das «Odéon» seine Türen öffnete, als erste eingetragene Bar der Schweiz.

Kurt Vogt erinnert sich gut. Er war 16 Jahre alt bei seinem ersten Besuch. Der Kaffee kostete 80 Rappen, das Bier 30 Rappen. Heute ist Vogt 89 Jahre alt. Er sitzt an seinem Lieblingsplatz am Fenster, vor sich eine heisse Schokolade. Draussen in der Morgensonne der Bieler Bahnhofstrasse reiht sich Café an Café. Doch für Vogt gibt es noch immer nur das «Odéon». «Ich wäre jeden Tag hier, wenn ich könnte. Hier ist die Zeit stehengeblieben.»

Solchen Cafés mit Geschichte widmet sich der Schweizer Heimatschutz mit der Publikation «Die schönsten Cafés und Tea Rooms der Schweiz». 
Dunkelroter Samt, Marmortische und Kugelleuchten an floralen Messinghaltern, alles aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Das «Odéon» hat sich in seiner fast 90-jährigen Geschichte nur wenig verändert. Noch immer steht in geschwungener Leuchtschrift über der Tür: «À l’Odéon tout est bon». Noch immer kommen die Stammgäste jeden Morgen für den Kaffee, die Zeitung und die Geschichten von früher. An die schöne Carmen aber erinnert sich nur noch Kurt Vogt.

Cafe Odeon
Das Personal ist bestens gelaunt: Kurt Vogt, Stammgast seit über 70 Jahren, käme am liebsten jeden Tag ins «Odéon»
Quelle: Franziska Frutiger

Von Blankochecks und Champagner 

«Die Stammgäste gehören zum Inventar. Ihre Geschichten auch.» Rolf Schädeli dreht seine Runden zwischen den jahrzehntealten Tischen und Bänken. Seit neun Jahren führen er und Nathalie Jeanrenaud das Café. Von den ältesten Gästen sind zahlreiche Legenden überliefert worden aus der Zeit, als die Uhrenindustrie noch Geld nach Biel und ins «Odéon» brachte. 

«Hier haben sich fast 90 Jahre Geschichte abgespielt. Manchmal wünschte ich mir, diese alten Wände könnten sprechen.»

Rolf Schädeli, Geschäftsführer im «Odéon»

Sie handeln von angetrunkenen Bankern, von Blankochecks und Immobiliendeals. Oder von einem Rolls-Royce-Fahrer, der zwei Flaschen Dom Pérignon bestellte, eine allein kippte und mit der anderen die Scheibenputzanlage seines Autos auffüllte. Auch Maler und Schriftsteller sollen im «Odéon» ein und aus gegangen sein. «Manchmal wünschte ich mir, diese alten Wände könnten sprechen.»

Schädeli bleibt stehen, gratuliert einem Stammgast zum Geburtstag. «Viele kommen ins ‹Odéon›, seit sie denken können. Hier haben sich fast 90 Jahre Geschichte abgespielt. Aber alles sieht aus wie eh und je.»

Neues muss draussen bleiben

Das «Odéon» von 1930 ist auch das «Odéon» von 2019. Dahinter stecken aber eine Menge Arbeit und Jahre sorgfältiger Pflege. Fast zwei Monate lang haben Schädeli und Jeanrenaud renoviert und restauriert, bevor sie das Café wiedereröffnen konnten. Sie schliffen das Holz und lackierten es. Sie bezogen Polster und verlegten Böden. Sogar die Tapete aus der Eröffnungszeit kam bei der Renovation hinter den Spiegeln wieder zum Vorschein. Heute hängt eine originalgetreue Kopie an der Wand, nachgedruckt von derjenigen Wiener Firma, die schon die ursprünglichen Tapeten produziert hat.

Schädeli und Jeanrenaud sind erst die sechsten Patrons in der Geschichte des «Odéon». Die ersten zwei lächeln heute von einem Schwarzweissfoto hinter der Bar. «Das ‹Odéon› gehört noch zur alten Garde Cafés, die sich stur gegen Veränderungen wehren», sagt Schädeli. «Das hat mich schon immer gereizt. Neues will man hier gar nicht. Alles muss genau so sein wie immer.»

Cafés sind wie Zeugen aus einer anderen Zeit. 1720 eröffnete das älteste Kaffeehaus Europas, das Caffè Florian, am Markusplatz in Venedig. Es steht noch heute. Man erzählt, Frauenheld Casanova sei dort eingekehrt. Im Café Frauenhuber in Wien spielte Mozart. 

Im «La Palette» in Paris diskutierten Cézanne, Picasso und Braque. Im «Odeon» in Zürich Einstein, Thomas Mann und Lenin. Das «Criterion» in London war Anfang des 20. Jahrhunderts der Treffpunkt der ersten Frauenrechtlerinnen. Die Kunst des Kaffeetrinkens ist sogar Unesco-würdig. Die internationale Organisation zeichnete die Wiener Kaffeehauskultur 2011 als immaterielles Kulturerbe aus. 

Zeit für eine Zeitreise – Cafés mit Charme

Büdner Kunstmuseum
Café im Bündner Kunstmuseum (Chur), erbaut 1876, Bahnhofstrasse 35
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Cafe Ravelli Locarno
Ravelli (Locarno), eröffnet 1914, Largo Franco Zorzi
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Café Parc des Bastions
Café Restaurant du Parc des Bastions (Genf), eröffnet 1882, Promenade des Bastions 1
Quelle: Schweizer Heimatschutz
Cafe Zimmermann
Café Zimmermann – Schwyter (St. Gallen), erbaut 1910, Rorschacher Strasse 116
Quelle: Schweizer Heimatschutz

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Anina Frischknecht, Redaktorin

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