Das Postauto setzt uns bei der ­Haltestelle Sörenberg Hirsegg ab. Bald lassen wir die Teerstrasse hinter uns und nehmen den steilen ­Anstieg durch den morgenfrischen Wald in Angriff. Bei Bodenhütten zeigt ein ­Wegweiser zum «Heideloch». Das klingt aufregend, da wollen wir hin.

Wie eine gewaltige Mauer riegelt die Schrattenfluh den grünen Talkessel von Sörenberg gegen die sanften Hügel des ­unteren Entlebuchs ab. Nur bei Flühli, wo sich die nach Gewittern heftig anschwellende Waldemme ihren Weg gefressen hat, öffnet sich ein schmaler Durchgang. Gleich hinter dem Dorf steigen die Hänge steil an, ganz oben ragen senkrechte Felswände aus den grünen Weiden. Diese Bergflanke ist Schafen sowie trittsicheren und schwindelfreien Wanderern vor­behalten. Weil es tags zuvor viel geregnet hat und die Pfade rutschig sind, haben wir den weniger exponierten Weg von ­Sörenberg auf die Schrattenfluh gewählt.

Kurz vor der Waldgrenze rasten wir im Schatten knorriger Tannen. Dann stossen wir in die fast vegetationslose Karstlandschaft vor, wo der lösliche Schrattenkalk verwittert und ausgewaschen ist. Zerklüfteter Stein, so weit das Auge reicht. Nur an geschützten Stellen, wo sich ein wenig Erde halten konnte, ducken sich Alpen­rosen und Bergföhren. Zahlreiche Spalten durchziehen diese Mondlandschaft. Wasser, das hier im Untergrund verschwindet, kommt erst im 20 Kilometer entfernten Thunersee wieder zum Vorschein.

Wir kommen nur langsam voran, müssen immer wieder stehen bleiben, uns umschauen und staunen. Die Pausen können wir gebrauchen, es wird heiss in dieser Einöde. Und Eile ist auf dem Kalkpanzer sowieso nicht geboten. Die steinigen Rippen sind so scharf, dass sie bei einem Sturz bis auf den Knochen schneiden könnten. Irgendwann tauchen über dem Brienzer­grat die leuchtenden Gipfel der Berner Schneeberge auf.

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Grossartige Rundumsicht

Vorbei an wiederkäuenden Schafen erreichen wir den Punkt Heideloch. Auf dem Grat zeichnet sich die Silhouette einer Gämse gegen den Himmel ab. Wo genau das Heideloch sein soll, lässt sich an­gesichts der vielen Löcher nicht aus­machen. In manchen liegt schwarzer Schnee vom Vorjahr, andere sind gefüllt mit erbsgrossen Hagelkörnern vom Vortag. Am Himmel kreisen Greifvögel.

Auf dem Hengst, mit 2093 Metern die höchste Erhebung des sechs Kilometer langen Grats, steht ein Gipfelkreuz. Hier macht man Rast und geniesst den Blick ins Land. Eiger, Mönch und Jungfrau und auch das Finsteraarhorn können wir identifizieren. Aber wo ist der Napf? Von oben erscheinen die Hügel von Entlebuch und Emmental alle gleich klein.

Auf steinigem Pfad geht es weiter Richtung Südwesten, später dann auf weichem Gras. Hier könnte man barfuss gehen, und der Grat ist breit genug, dass einen der Abgrund nicht in die Tiefe zu reissen droht. Bei Chlus wird die Landschaft schliesslich zugänglicher, wir verlassen den Mond, die Erde hat uns wieder. Gegen die drückende Hitze hilft eine Stunde später ein kühles Bier in der ­Bauernschenke Schlund.

Für den letzten Abschnitt ist der Holzweg der richtige: Auf dicken «Rugeli» durchqueren wir ein Moor. Und wer gut achtgibt und den Wegweiser hinter einer Holzbeige entdeckt, muss nicht wie wir auf Teer zurück zur Bushaltestelle.

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Wanderungen rund um Sörenberg

1 Schrattenfluh

Route: Hirsegg–Bodenhütten–­Heideloch–Hengst–Schibegütsch–Chlus–Schlund–Hirsegg
Charakter: anspruchsvolle Bergwanderung Wanderzeit: 7 Stunden
Distanz: 14 Kilometer
Aufstieg: 1000 Meter
Abstieg: 1000 Meter
Saison: ganzjährig, im Winter mit Ski oder Schneeschuhen
Achtung: Wenn die Schneedecke dünn ist, stellen die zahlreichen unter ihr verborgenen Dolinen eine Gefahr dar.
Karte: Landeskarte 1 : 25'000; Blatt 1189 Sörenberg

ANREISE
Mit dem Zug bis Schüpfheim und mit dem Bus 241 weiter bis Sörenberg Hirsegg. Parkmöglichkeiten für Autos gibt es an der Strasse kurz vor der Südelhöchi.

ESSEN
Die Höfe Alp Schlund (ganzjährig) und Silwängen (von Juni bis September) bieten Speis und Trank an.

ÜBERNACHTEN
Kurhaus Flühli: Anfang des 20. Jahrhunderts galt das Kurhaus als eines der­modernsten und komfortabelsten Hotels im Entlebuch. Heute geben die nostalgisch eingerichteten Flure einen Eindruck vom damaligen Kurbetrieb.
www.kurhaus-fluehli.ch

Weitere Übernachtungsmöglichkeiten in Sörenberg und auf dem Salwideli.

STAUNEN
Nach dem Aufstieg über schroffen Fels kann man auf 2000 Metern über Meer auf weichem Gras barfuss gehen – eine Wohltat für die Füsse.

2 Hoch über der Waldemme

Route: Sörenberg–Sörebärgli–Junkholz–Gloggenmatt–­Bunihus–Flühli
Charakter: leichte ­Bergwanderung
Wanderzeit: 2 Stunden und 30 Minuten
Distanz: 10 Kilometer
Aufstieg: 180 Meter
Abstieg: 450 Meter

Sehenswertes: Der Höhenweg von Sörenberg nach Flühli bietet eine grossartige Aussicht auf die Steinwüste der Schrattenfluh und auf die Waldemme unten am Talgrund. Der Abschnitt Junkholz–Gloggenmatt führt durch ein Moor, hier lohnt es sich, die Schuhe auszuziehen. Für den Rest der Strecke ist gutes Schuhwerk zu empfehlen, da manche Wege aufgrund der feuchten Moorböden immer nass sind.

3 Moor-Rundweg Rossweid

Route: ausgeschilderter Rundweg ab Rossweid
Charakter: Spaziergang
Wanderzeit: 30 Minuten
Distanz: 1,5 Kilometer

Sehenswertes: Flachmoorwiesen und Hochmoorwälder gehören zu den landschaftlichen Höhepunkten der Biosphäre Entlebuch. Auf der Rossweid ob Sörenberg bietet sich Gelegenheit, diese feuchten Lebensräume kennenzulernen. Der kurze, kinderwagentaugliche Rundweg ist mit zahlreichen Infotafeln versehen. Von Sörenberg führt eine Gondelbahn auf die Rossweid.