Roger Widmer ist ein häufiger Gast bei Adam und der ebenso spärlich bekleideten Eva, er kennt sie seit Jahren. Aber wenn er die schwere Metalltür zu ihnen aufstösst, befällt ihn bei aller Routine immer noch eine gewisse Aufgeregtheit. «Einfach fantastisch!», entfährt es ihm, kaum ist er eingetreten.  

Es ist ein verwirrend verwinkeltes Haus, in dem das Paar lebt. Aber Widmer geht zielsicher durch die Gänge, vorbei an allerlei Getier und Wappenscheiben. Beim Erzengel Gabriel, der sich lässig an die Wand lehnt, geht es noch einmal ums Eck, dann ist der Besucher bei Adam und Eva angekommen. Sie schenken ihm jedoch keine Aufmerksamkeit – verklärt hängt ihr Blick auf der verführerischen Schlange, die sich um den Stamm eines Apfelbaums windet.

Adam und Eva im Bergwerk Buchs

Adam und Eva im Bergwerk Buchs
Quelle: Roger Widmer
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Diese eigen­tümliche Wohn­gemeinschaft befindet sich im Zürcher Unterland, und sie ist gut versteckt: im Erdboden. Im Stollenlabyrinth des Bergwerks von Buchs wurde im späten 19. Jahrhundert damit begonnen, Quarzsand für die nahe Glashütte Bülach abzubauen. Beim Verladen in die Förderwagen gab es län­gere Wartezeiten, in denen die Kumpel anfingen, Objekte in die Wände zu schlagen und mit Wasserfarbe zu bemalen. So entstanden nach und nach gegen 40 Skulpturen, die – exakt 100 Jahre nach der Stilllegung der Anlage – noch gut erhalten sind.

Wobei: gut erhalten bis auf die Köpfe einzelner Figuren. Diese zertrümmerte ein Arbeiter aus Wut darüber, dass er die Kündigung erhalten hatte. Später baute ein «richtiger» Künstler die Köpfe nach – «ziemlich plump», wie Roger Widmer findet. Solche Reminiszenzen hat der 51-jährige Zürcher im Dutzend auf Lager. Nicht von ungefähr, denn Bergwerke und alles, was damit zu tun hat, sind seine Passion.

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Ein Werk der Kumpel

Werk der Kumpel: Rund 40 Skulpturen finden sich in der Buchser Mine.

Rund 40 Skulpturen finden sich in der Buchser Mine.

Quelle: Roger Widmer

Über 1000 – es wimmelt von stillgelegten, oft verfallenen Bergwerken

Im etwa 400 Meter langen Grubensystem von Buchs gibt es für Bergwerkforscher nicht mehr viel zu erforschen. Widmer selber hat im Auftrag der ETH die Quarzsandstollen bis in den hintersten Winkel vermessen und dokumentiert, was er gefunden hat. Aber sonst gibt es für Leute wie ihn reichlich zu tun: Es wimmelt in der Schweiz von stillgelegten, oft verfallenen Bergwerken. Das nationale Rohstoffinventar weist über 1000 Orte aus, an denen Erze oder Energierohstoffe gewonnen wurden. Die Schweiz ist auch ein bisschen Ruhrpott – Glück auf!

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Wenn er mit Helm und Lampe in eine vergessene Mine einsteigt, treibe ihn der Entdeckergeist an, sagt Roger Widmer. «Was ist noch vorhanden? Wie weit geht es?» Die Suche nach Relikten einer vergangenen Industriekultur ­führe ihn mitunter an Orte, an denen sich seit 100 Jahren kein Mensch mehr aufgehalten hat. Ein erhabenes Gefühl sei das, sagt der Mann, der bereits als Jugendlicher einen guten Teil seiner Freizeit in alten Fabrikkanälen an der Sihl verbrachte. Der Hang zum Untergrund ist unverkennbar.

Widmer gehört zu einer verschworenen Gruppe Menschen, die dem Reiz von «Lost Places» unter Tage erlegen sind. Ihre Leidenschaft teilt sich in ­einen Theorie- und einen Praxisteil. Erst steigen sie hinab in Archive, um alte Pläne und geologische Karten nach Hinweisen über den Verlauf ehemaliger Minen zu durchforsten. Mit diesem ­Material geht es anschliessend auf Spurensuche nach draussen. Auffällige Konturen in der Landschaft? Eine bestimmte Gesteinsart am Boden? Oder könnte dort, wo ein Wasserlauf aus dem Berg kommt, früher nicht ein Stolleneingang gewesen sein?

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«Wir scannen das Gelände», erklärt Roger Widmer, «und mein Scanner läuft unablässig.» Vor allem im Wallis und im Bündnerland ist er häufig auf Entdeckungstour.

«Der schleichende Verfall lässt sich nicht aufhalten. Irgendwann ist Schluss.»

Roger Widmer, Bergwerkforscher

Roger Widmer, Bergwerkforscher

Quelle: Roger Widmer

Der Abbau von Rohstoffen hat in der Schweiz eine lange Geschichte. Schon vor rund 5000 Jahren wurde in der Region Olten SO nach Feuerstein gegraben. Später deckten die Menschen in kleinen, lokalen Bergwerken den Eigenbedarf an Rohstoffen. Für die Förderung von Kohle oder Erzen im grossen Stil waren die hiesigen Verhältnisse jedoch unvorteilhaft. Denn durch die Gebirgsfaltung der Alpen sind viele Lagerstätten tektonisch gestört, von ­geringer Qualität und Quantität und oft nur schwer zugänglich. Das trug der Schweiz schon früh den Ruf ein, «reich an armen Bergwerken» zu sein.

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Den Todesstoss versetzte der ein­heimischen Rohstoffgewinnung die Industrialisierung. Bald waren Importe günstiger als die aufwendige Produktion vor Ort. Eine letzte Blüte erlebte sie in der Zeit der Weltkriege im Zeichen der Selbstversorgung, danach wurde ­eine Mine nach der anderen dicht­gemacht.

Diese Geschichte gilt es noch zu erzählen. Bergwerkforscher Roger Widmer arbeitet seit vier Jahren an einem Buch zum Thema; Ende 2021 soll es publiziert werden. Das umfassende Werk mit historischem Karten- und Bildmaterial will dokumentieren, wo und unter welchen Umständen in der Schweiz unter Tage Rohstoffe abgebaut wurden. Und eigene Fotoaufnahmen zeigen, was in der Gegenwart davon übrig geblieben ist.

Gefährliche Gase

Von den genauen Örtlichkeiten der ausgewählten Schauplätze wird der Buchautor aber bewusst nicht viel preisgeben. Vor allem aus Sicherheitsgründen: In ­verlassene Stollen zu steigen, birgt Gefahren. Es kann zu Einstürzen kommen, in Hohlräumen können sich giftige Gase angesammelt haben – das ist nichts für Ausflügler ohne spezifisches Fachwissen und pas­sende Schutzausrüstung. Wer als Nicht­forscher Grubenluft schnuppern will, weicht besser auf Besucherbergwerke aus.

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Hinzu kommt: «Stillgelegte Bergwerke führen einen Kampf gegen die Zeit», sagt Roger Widmer. Im Quarzsandstollen von Buchs werden die Schäden immer deutlicher sichtbar. Das hat viel mit der Klimaveränderung zu tun. Der immer ausgepräg­tere Wechsel von trockenen und feuchten Phasen setzt dem weichen Gestein zu. Da und dort ist es zu Einstürzen gekommen, und in den Stollenwänden zeigen sich Risse. Vom unterirdischen See aus Grundwasser, vor wenigen Jahren noch knietief, sind dünne Rinnsale geblieben.

«Der schleichende Verfall lässt sich nicht mehr aufhalten, irgendwann ist hier Schluss», so die Prognose des Bergwerkforschers. In der kuriosen WG von Adam und Eva und dem Erzengel Gabriel könnte bald Endzeitstimmung aufkommen.

  • Bergwerk Buchs ZH: Auf Anfrage sind Besichtigungen für Gruppen bis zehn Personen möglich. quarzsand-bergwerk.ch
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Schleitheim, Herznach und Co. – 7 Ausflugstipps zu stillgelegten Bergwerken

Ausflugstipp: 7 stillgelegte Bergwerke in der Schweiz
Quelle: Andrea Klaiber

Bergwerk Gonzen SG

Bergwerk Gonzen

Das Bergwerk bei Sargans im St. Galler Rheintal wurde 1396 erstmals urkundlich erwähnt. Bis 1966 wurden aus einem Stollenlabyrinth von insgesamt 90 Kilometer Länge Eisen- und Manganerze gefördert. Heute werden Führungen und ein- oder zweitägige Begehungen angeboten. Zur Anlage gehört ein Museum. bergwerk-gonzen.ch

Quelle: PD

Bergwerk Schleitheim SH

Bergwerk Schleitheim

Das Gipsmuseum in Schleitheim SH ­informiert über den Abbau von Gips im 18. und 19. Jahrhundert. Seit 1790 wurden hier rund 600'000 Tonnen des Minerals gefördert. Kernstück des Museums­besuchs ist der Gang in den einzigen für Besuchende noch zugänglichen Gipsbergwerkstollen der Schweiz. museum-schleitheim.ch

Quelle: PD

Bergwerk Herznach AG

Bergwerk Herznach

Die Geschichte des Aargauer Eisenbergwerks ist kurz, aber intensiv: In den ersten Betriebsjahren in den 1930ern und im Zweiten Weltkrieg war es ein bedeutender Rohstofflieferant. Merkmal des Herznacher Erzes war ein hoher Eisengehalt von bis zu 32 Prozent. Teile des Hauptstollens sind zugänglich, es gibt Ausstellungen. bergwerkherznach.ch

Quelle: PD

Bergwerk Käpfnach ZH

Bergwerk Käpfnach

Zwischen 1548 und 1947 wurden im Bergwerk bei Horgen am Zürichsee gegen 300'000 Tonnen Braunkohle abgebaut. Vom einst 80 Kilometer langen Stollensystem steht ein kleiner Teil für den ­Besuch offen und wird von einer Stollenbahn befahren. Bis Ende November gibt es jeweils am Samstag Führungen, auf Voranmeldung auch für Gruppen. bergwerk-kaepfnach.ch

Quelle: PD

Salzminen Bex VD

Salzmine in Bex (Kanton Waadt)

Seit 1684 wird in den Minen von Bex im Waadtland Salz gewonnen – bis heute. Trotz laufendem Betrieb, der weitgehend automatisiert erfolgt, kann das historische, über 50 Kilometer lange Stollen­system auf Führungen besichtigt werden. Eine Grubenbahn bringt einen ins Innere des Bergs. Die Mine mit ihren grossen Sälen ist zugleich ein Industriemuseum. mines.ch

Quelle: Saline de Bex / Sedrik Nemeth

Landesplattenberg Engi GL

Landesplattenberg Engi

Das Schieferbergwerk im glarnerischen Engi war im 17. Jahrhundert die wichtigste Einkommensquelle der Region: Die Schieferplatten waren weltweit gefragt. Ein Bergsturz im Jahr 1926, bei dem mehrere Stolleneingänge verschüttet wurden, war der Anfang vom Ende. 1961 wurde der Betrieb eingestellt. Heute gibt es Führungen durch die Stollen und Konzerte. landesplattenberg.ch
 

Quelle: PD

Silberberg Davos GR

Silberberg Davos

Der Name ist irreführend: Der Silbergehalt des im Dolomitgestein ob Davos gefundenen Erzes war viel zu gering, als dass sich eine Silbergewinnung gelohnt hätte. Stattdessen wurden zwischen 1477 und 1848 die Mineralien Bleiglanz und Zinkblende gefördert, aus denen Blei und Zink entstanden. Teile der einstigen Bergwerkanlage können besichtigt werden. silberberg-davos.ch

Quelle: PD

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Dani Benz, Ressortleiter

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