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TischfussballEine Liebeserklärung ans Töggele

Zu viel Ehrgeiz, zu viele Regeln: Irgendwann verlor Markus Keel (61) den Spass am Töggelen. Wie kann es seinen ursprünglichen Charme wieder zurückgewinnen?

Die Schweizer Töggeler-Szene ist äusserst aktiv – unter anderem in der «Sansibar» in Zürich.
von aktualisiert am 28. November 2018

Der letzte Wettkampf war vorbei, bevor er angefangen hatte: Markus Keel trat gar nicht mehr an. Zu sehr nervte ihn das Gehabe seines Gegners am anderen Ende der Stangen, der ihn vor dem Spiel mit allen Mätzchen aus dem Konzept zu bringen versuchte. «Als er noch anfing, sich Augentropfen zu verabreichen, habe ich mir gesagt: Blased mer doch i d Schue!»

Die Schlussszene einer langen Karriere im Tischfussball, mit Turniersiegen, WM-Medaillen und Trainings, bei denen er tausendfach den perfekten Schuss einübte, war: ein Rückpass. Markus Keel hatte genug gesehen von Wettkampfsport. Zu viel Verbissenheit, ein immer dichteres Regelwerk. Unter diesen Vorzeichen hatte das Töggele für den Mann aus Degersheim SG seinen ursprünglichen Charme verloren.

Das war 2007. Seither arbeitet Markus Keel an der Mission Rückeroberung. Tischfussball soll für ihn nur noch ein Plausch sein. So wie früher, als er in Jugendhäusern und Bars an keinem Kasten vorbeigehen konnte, ohne die Gegner zu fordern. «Ich musste meine Getränke selten selber bezahlen», erinnert er sich. Will heissen: Der Mann hatte schon früh Talent. Das Virus gesetzt hatte Keels älterer Bruder lange vorher; stundenlang hatten die Kinder im Keller des Elternhauses gespielt. «Dabei habe ich zu Beginn kaum auf den Tisch gesehen.»

Was macht einen guten Töggeler aus?

Unterdessen ist Markus Keel 61. Bald kommen die vier Enkel ins Alter, in dem er angefangen hatte, an den Stangen zu drehen. Auch wenn sich die Prioritäten verändert haben: Seine Leidenschaft für das Geschicklichkeitsspiel mit den sauber aufgereihten Fussballmännchen hat sich nicht abgenutzt. Die Antworten auf die Fragen an den Fachmann kommen wie aus der Pistole geschossen – schnell und präzis wie ein zünftiger «Snake» (siehe «Töggeler-Latein» am Artikelende).

Also: Was macht einen guten Töggeler aus? «Die optimale Koordination zwischen Kopf und Hand.» Der Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Spieler? Wenn zwei ähnlich starke Spieler gegeneinander antreten, gewinne derjenige, der besser mit der 5er-Stange umgehen könne, also der Mittelfeld-Reihe mit fünf Spielern. «Sie ist zentral fürs Blocken und füttert den Dreier vorne.» Der Rückfall in den Töggeler-Jargon verrät: Ganz verschwunden ist das Wettkampffieber nicht.

Blick aus dem Tischfussballtor aufs Spielfeld
Seit dem 1. Januar 2018 ist Tischfussball in der Schweiz offiziell als Sportart anerkannt.
Quelle: Michele Limina

Tischfussball gehört auch zu Markus Keels Berufsleben. Es ist das zweite Standbein neben seinem Bastelgeschäft in Degersheim. Unter dem Label Bärenherz, seinem indianischen Übernamen («der Bär ist in mir drin»), organisiert Keel Turniere für Vereine, Firmen und Private. Etwa 50-mal pro Jahr rückt er an den Wochenenden aus, um in Sälen «Tschutichäschte» aufzustellen – getreu seiner Mission: Töggele fürs Volk! Den Plauschcharakter der Turniere unterstreicht schmissige Oldies-Musik. Und: «Kein Reglement!» Das Runde soll einfach ins Eckige, ohne Firlefanz.

Rund ist bei Markus Keel wirklich rund, dafür hat der Ostschweizer Kicker-König höchstpersönlich gesorgt. Er gilt als Erfinder «der wohl rundesten Bälle der Welt», wie die «Wiler Zeitung» vorsichtig-euphorisch titelte. Noch zu seiner Aktivzeit hatte er sich darüber aufgeregt, dass die gängigen Bälle häufig «eiern». Die Ursache dafür ist ein Hohlraum, der im Innern der Bälle entsteht, wenn der frisch gegossene Kunststoff abkühlt und sich verdichtet.

Ausgeklügelte Lösung

Zwei Jahre lang experimentierte Keel an einem Verfahren, um dieses Manko zu eliminieren. Gefunden hat der Tüftler die Lösung schliesslich in der richtigen Mischung aus fünf Kunststoffsorten, einem speziellen Spritzverfahren und einer ausgefeilten Methode fürs Aushärten. Connaisseurs wissen den feinen Unterschied zu schätzen: Jedes Jahr setzt Markus Keel in 30 Ländern mehrere Tausend superrunde Bälle ab.

Auch hierzulande fliegen die gelben Keel-Bälle, derzeit besonders häufig: zwischen Spätherbst und Frühling ist die klassische Turniersaison. Unter der Bezeichnung «Fordere» gibt es beispielsweise in Zürich seit elf Jahren die Barfoos-League für Plauschspieler, letztes Jahr haben St. Gallen und Luzern nachgezogen – ein Indiz dafür, wie aktiv die Schweizer Töggeler-Szene ist. Die hiesige Begeisterung für den Tischfussball, die gerne auch in Pausenräumen von Schulen und Firmen ausgelebt wird, hat womöglich historische Gründe: Der Genfer Hersteller Kicker soll der erste gewesen sein, der zu Beginn des letzten Jahrhunderts serienmässig Tische produziert hat.

Die Nase vorn hat die Schweiz auch im Wettkampfbereich. Seit dem 1. Januar 2018 ist Tischfussball offiziell als Sportart anerkannt. Damit ist die Dachorganisation Swiss Tablesoccer Federation (STF) vollwertiges Mitglied von Swiss Olympic, dem olympischen Komitee – als weltweit erster Tischfussballverband. Dem STF gehören rund 1200 lizenzierte Spielerinnen und Spieler an.
 

«Mein Sohn und ich schauen jeweils, dass wir nur knapp gewinnen.»

Markus Keel, Tischfussball-Crack


Markus Keel, das einstige Aushängeschild, hat sich aus diesem Kreis längst verabschiedet. Heute steht er noch alle zwei Wochen in einer Altherrenrunde am Kasten. Da spielt er gelegentlich gegen einen 89-Jährigen – ein valabler Kontrahent. «Zwar nicht mehr so schnell, aber er weiss halt, wo man stehen muss», sagt Keel. Noch so ein spezieller Reiz: «Töggele ist alterslos.»

Manchmal, wenn er mit seinem ebenfalls tischfussballversessenen Sohn unterwegs ist, kann es Markus Keel nicht lassen und fordert im Pub Gegner zu einem Mätschli heraus. «Wir schauen jeweils, dass wir nur knapp gewinnen», sagt er augenzwinkernd. «Ihnen soll es ja auch Spass machen.» Es sei denn, das Gegenüber entwickelt plötzlich jenen grimmigen Ehrgeiz, von dem Keel nichts mehr wissen will: «Dann gibt es ein 7:0 für uns.»

Das «Töggeler-Latein»

Alien

Trickschuss, bei dem der Ball auf einer eigentlich für die rechte Hand gedachten Stange mit der linken gespielt wird

 

Babyfoot

Französisch für Tischfussball – auch in der Romandie gebräuchlich

 

Calcio balilla

Töggele auf Italienisch

 

Crank

Linkshändiger Schuss, bei dem der Töggel einen Überschlag vollführt

 

Foosball

So heisst Töggele in den USA. Die Briten sagen table football.

 

Hack

Sofort schiessen, wenn der Ball in Reichweite kommt, ohne zu stoppen und zurechtzulegen – durchaus abwertend gemeint

 

Jar

Den Tisch in unerlaubter Weise bewegen, indem man die Stangen gegen die Bande schlägt

 

Kickern

In Deutschland gebräuchlicher Ausdruck für Tischfussball. Regionale Interpretationen: Knack (Saarland) oder Krökel (Raum Hannover)

 

Köderverteidigung

Man lässt absichtlich eine Lücke offen, um vorzeitige Schussabgaben zu provozieren.

 

Lemming

Ein Ball, der langsam, aber sicher ins Tor kullert, trotz aller Anstrengungen des Verteidigers

 

Snake

Scharfschuss von der 3er-Reihe, bei dem der Ball vorne eingeklemmt wird und der Spieler die Stange nicht in der Handfläche hält, sondern mit dem Handgelenk – und dann schnell abrollt

 

Wuzzeln

So wird Tischfussball in Österreich genannt. Das Bundesland Oberösterreich treibt es noch bunter: Zoistsn.

«Lesen Sie, was wir beobachten.»

Dani Benz, Ressortleiter

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