Weihnachtsabend 1390: Mehr als 100 Tote liegen vor der «Chiesa Rossa», der roten Kirche von Castel San Pietro. Es ist das vorläufige Ende einer Familienfehde zwischen Anhängern des Papstes und Gefolgsmännern des Kaisers. Und das alles nur, weil sich Lavinia – «ein Kind von seltener Schönheit», wie die Überlieferung besagt – verliebt hatte. Einen Sohn aus dem anderen Lager, jenem des Kaisers, wollte sie heiraten.

«Chiesa Rossa» in Castel San Pietro von 1345

Quelle: Reto Albertalli

«Das war eine echte Romeo-und-Julia-Geschichte», sagt Edda Vanini, während sie den riesigen Schlüssel in die Holztür ­jener Kirche steckt, wo das Gemetzel einst stattfand. Die ehemalige Lehrerin ist Präsidentin des Vereins «Amici del Parco della Breggia», der die Stiftung, die den Park betreut, tatkräftig unterstützt. So entstanden ab Ende der neunziger Jahre in der Breggia-Schlucht Wanderwege, Brücken und Schautafeln – auch auf Deutsch. 2001 wurde der erste Geopark der Schweiz eröffnet.

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Streifzug durch die Erdgeschichte

Zum Geopark gehören auch vom Menschen geschaffene Sehenswürdigkeiten wie eben die «Chiesa Rossa», ein national geschütztes Baudenkmal. Sein Inneres ­zieren zahlreiche Fresken, darunter Ornamente mit gemalten Konsolen, die räumliche Tiefe suggerieren.

Keine Frage, das Tal ist ein historischer Ort; mit Funden, die bis ins 4. Jahrhundert zurückreichen. Aber was sind schon ein paar Jahrhunderte in der Erdgeschichte? Edda Vanini rollt ihr Foulard zu einem Wulst und unterteilt diesen in Zeitzonen: «Bis hier würde das Paläozoikum reichen, das vor 340 bis 250 Millionen Jahren endete. Dann folgt das Mesozoikum mit der Trias-, Jura- und Kreidezeit.» Vor rund 64 Millionen Jahren habe dann das Känozoikum, die Erdneuzeit, begonnen. Der Mensch ­tauchte erst vor zwei Millionen Jahren auf. Was schliesslich für die Zeit bis heute noch bleibt, ist nur mehr die Spitze des Halstuchs. Mit dieser Demonstration hat Edda Vanini die Basis gelegt für die bevorste­hende Exkursion durch 200 Millionen ­Jahre Erdgeschichte.

Fossilien: Versteinerte Ammoniten zeugen von der Zeit, als ein Urmeer das Land bedeckte.

Quelle: Reto Albertalli

Wir wandern durch den Wald, vorbei an den kaum mehr erkennbaren Mauerresten einer mittelalterlichen Burg, weiter zur 1820 gebauten Strasse, die durch Ero­sion an mehreren Stellen unterbrochen ist. Neue Wege schliessen heute die Lücken. Bereits ist auch ein Wanderweg geplant, der direkt ins idyllische Muggiotal führen soll – ohne Umweg über den tobenden Verkehr oben in Morbio. «Aber es fehlt uns dafür ein Sponsor», sagt Edda Vanini.

Riesige Vielfalt, seltene Pflanzen

Die Expertin erklärt die Vegetation: Hirschzunge, Mäusedorn, Kornelkirsche, Herbstzeitlose, Grüne Nieswurz, Orchideen… Hier leben viele geschützte, teils auf der Roten Liste stehende Pflanzen und Tiere. Kein Wunder – bei dieser Vielfalt an Lebensräumen: stehende Gewässer, Stromschnellen und Wasserfälle, Geröllhalden und Tropfwände, Wälder mit dichtem Unterholz oder relativ frische Erdrutschzonen.

Farne entfalten sich: Der Parco delle Gole della Breggia ist auch ein Natur­paradies.

Quelle: Reto Albertalli

Auf einmal stehen wir am Rand der Schlucht, blicken hinab zur Breggia. Der Bergbach, der sich vom Monte Generoso in das enge Muggiotal hineingefressen hat, wirkt an diesem milden Frühlingstag harmlos. Doch meist ist er wild, gefährlich und vor allem kraftvoll. Nur so konnte er über Jahrtausende die Gesteinsschichten freilegen und diesen Querschnitt durch die Erdgeschichte schaffen. Was man heute sieht, sind Sedimente, die sich lange vor der Alpenbildung in der Jura- und Kreidezeit im Tethysmeer abgelagert hatten, das einst Afrika und Europa trennte.

Nach der Steinbrücke Punt da Canaa klettern wir hinunter zu den Resten einer alten Mühle und sehen übereinandergeschichtete weisse Gesteinsformen, ineinan­der verkantete Falten und Krümmungen. Das Bild erinnert an die zerknautschte Schnauze eines Autos nach einer Frontalkollision. Edda Vanini lacht: «Ja, so ähnlich war es. Die Schichten haben sich aufgetürmt, als der afrikanische und der euro­päische Kontinent aufeinandertrafen.»

Der alte Stein liegt über dem neuen

Logisch wäre ja, dass sich Neues über Älteres lagert. Doch hier liegen die mit rund 190 Millionen Jahren ältesten Gesteinsschichten zuoberst. «Kaum vorstellbar, wie stark die Kräfte waren, als die Alpen gebildet und diese Gesteinsmassen hier gefaltet und verkippt wurden, so dass Altes auf Neuem zu liegen kam», bemerkt Vanini.

Je weiter talabwärts es geht, desto reicher an Fossilien soll der Kalkstein angeblich sein. Auf die Frage, ob man hier tatsächlich Versteinerungen finden könne, schmunzelt Edda Vanini andeutungsvoll: «Wenn man weiss, wo, dann schon…» Allerdings seien die meisten Versteinerungen mikroskopisch klein. Doch dann kraxelt sie behände über einige Felsen und zeigt auf deutlich erkennbare Ammoniten.

Am anderen Ufer neigen sich knollig-gewellte, dunkelrote Gesteinsschichten tal­abwärts, als ob sie gleich umkippen würden. Sie gehören zu den sogenannten ­Rosso-ammonitico-Formationen. Derweil zeigt Edda Vanini auf die Spuren einer unterseeischen Sedimentlawine und bemerkt den fragenden Blick der Reporterin: «Es handelt sich hier um eine ungeheure Steinlawine, die vor 170 Millionen Jahren unter dem Meeresspiegel abging. Sie hat neun Meter hohe, chaotisch übereinandergelagerte Schichten gebildet.»

Bizarre Gesteinsformationen: Eine ungeheure unterseeische Steinlawine hat vor rund 170 Millionen Jahren chaotische Schichten gebildet, die noch heute zu erkennen sind.

Quelle: Reto Albertalli

Kalksteinabbau seit den Sechzigern

Wir kommen zur wilden, unwegsamen ­Buzun dal Diavul, der Teufelsschlucht, über die die Punt dal Farügin – ein bei ­jedem Schritt schwingender Holzsteg – führt. 35 Meter weiter unten liegt das Flussbett, der Blick in die Tiefe ist ebenso be­eindruckend wie schwindelerregend.

Auf der Höhe des grossen Steinbruchs erhebt sich majestätisch eine weisse Wand aus Biancone, einem fast reinen Kalkstein. Bis hierhin haben wir 50 Millionen Jahre zurückgelegt – wenn auch nicht chrono­logisch. Die Wege führen auf und ab
durch den Park, vor und zurück in der ­Erdgeschichte.

Schliesslich erreichen wir eine Reihe von sogenannten Scaglie oder Splittern, mergeligen Felsen, die unter den Witterungseinflüssen erodiert sind und, wie ­Vanini sagt, eine reiche Fauna an Mikro­fossilien enthalten. Und zum wiederholten Mal ­betont sie, dass das Sammeln von ­Fossilien, wie übrigens auch von Pflanzen, Tieren oder Pilzen, im ganzen Park streng verboten sei.

Und dann, nicht zu übersehen, steht das «Monster» da, inmitten einer unwirklich anmutenden Mondlandschaft: die alte Zementfabrik. Ab den sechziger Jahren wurde hier im Tag- und Untertagbau der Kalkstein für die Zementproduktion ab­gebaut. Das ging so lange, bis die «Chiesa Rossa» oben bei Castel San Pietro abzu­rutschen drohte.

2003 hat der Zementkonzern Holcim die Bausünde endlich stillgelegt, jedoch nicht vollständig abgebrochen. Die noch vorhandenen Bauten, darunter der Ofenturm und der Stollen, werden derzeit in ­einen zwei Kilometer langen didaktischen Rundweg integriert, «um die Herstellung von Zement zu demonstrieren», erklärt ­Edda Vanini.

Die Eröffnung des Percorso del Cemento – den die Holcim aus Imagegründen lanciert hat und auch grösstenteils finanziert – ist für nächstes Jahr ge­plant.

Wir passieren einige Biotope und einen kleinen See, bestaunen die vielen Kaulquappen, die speziellen «Taucherli» mit roten Schnäbeln und die von Privaten ­ausgesetzten Schildkröten – die das bio­logische Gleichgewicht gefährden. Dann erreichen wir kleinere, grösstenteils still­gelegte Handwerksbetriebe, die sich hier niedergelassen hatten, um die Wasserkraft des Flusses zu nutzen.

Anschaulich: Edda Vanini demonstriert die Verschiebung der Gesteins­schichten.

Quelle: Reto Albertalli

Zement zähmt den wilden Fluss

Der Breggia entlang klapperten einst 25 Anlagen, in denen Getreide, Mais, Kakao, Kastanie und Tabak verarbeitet, Zement und Papier produziert wurden. Und so ­endet die Wanderung bei der Mühle des Ghitello, deren Räder sich nach jahr­zehntelangem Stillstand seit kurzem wieder gelegentlich drehen. Hier sind auch die Verwaltung und das Informationszentrum des Parks untergebracht.

Zurück in die Gegenwart, zum Einkaufs­komplex Centro Breggia: Kümmerlich fliesst die Breggia daran vorbei, eingepfercht in ein Bett aus Zement – der gewiss aus dem Millionen Jahre alten Kalkstein der Schlucht gewonnen wurde.

Tal der Breggia: Der erste Geopark der Schweiz

Der Geopark ist von Morbio Inferiore, Morbio Superiore, Castel San Pietro und Balerna aus frei zugänglich. Achtung: Das Sammeln von Fossilien und Pflanzen ist streng verboten.

Anreise
Ab Bahnhof Chiasso: Bus bis Centro Breggia, drei Minuten zu Fuss zum Parco delle Gole della Breggia. Ab Bahnhof Balerna: etwa 15 Minuten Fussweg bis Centro Breggia. Per Auto: Autobahn A2, Ausfahrt Chiasso/Balerna, Wegweiser «Centri commerciali» bis Centro Breggia und Parco delle Gole della Breggia.

Rundgang (sechs Kilometer, rund drei Stunden, 300 Meter Höhenunterschied)
Von der alten Mühle des Ghitello zur ­Zementfabrik, hinauf durchs Magnatal bis zur Ruine des Castel San Pietro und zur «Chiesa Rossa». Nach der Brücke Punt da Canaa zu den Resten der Mühle von Canaa. Abstieg via Punt dal Farügin ­zurück zur Mühle. Gutes Schuhwerk nötig!

Historische Kirche
«Chiesa Rossa» in Castel San Pietro von 1345; die Fresken (siehe Bild am Anfang des Artikels) sind durch ein Fenster zu sehen. Schlüssel bei Carlo Fontana: Telefon 091 646 45 25; Besichtigung mit Parkführung: Telefon091 690 10 29; www.parcobreggia.ch

Essen
Grotto del Mulino, Telefon 091 683 11 80; Di geschlossen; www.mulino.webnode.com
Übernachtungen und weitere Infos www.mendrisiottoturismo.ch

Quelle: Reto Albertalli