Mit prüfendem Blick steht Pierre Tscholl am Rand des Tümpels. Auf einmal hellt sich sein Gesicht auf. Entschlossen greift er ins Wasser und zieht vorsichtig einen Grasfrosch heraus. «Das ist der Beweis dafür, dass wir auf dem richtigen Weg sind», erklärt der Forstingenieur erfreut. Mit «wir» meint er die Ökologie-Fachstelle der Kraftwerke Oberhasli (KWO), die er selber aufgebaut hat. Die KWO haben seit den zwanziger Jahren eine Reihe von Staumauern und Kraftwerken im Grimsel- und Sustengebiet errichtet. Wie zu jener Zeit üblich, entsorgte sie die Baustelleninfrastruktur danach nur notdürftig. Ruinen von Unterkünften und Kranbahnen sowie grossflächige Gesteinsdeponien prägten die Umgebung der Staumauern.

Hoch oben wächst alles langsamer

Daran stiess sich lange Zeit niemand. Die menschenleere Gegend galt als wertlose Wildnis – aufräumen lohnte sich nicht. Diese Einschätzung habe sich grundlegend geändert, erklärt Tscholl: «Die Städte und Agglomerationen dehnen sich aus, die Landwirtschaft geht zurück. Der ideelle Wert von Naturlandschaften ist deutlich gestiegen.» Die KWO haben deshalb Ende der neunziger Jahre eine Reihe von Massnahmen zur Aufwertung der Landschaft in ihrem Tätigkeitsgebiet eingeleitet.

Das grösste Projekt, das Tscholl begleitet hat, war die Renaturierung im Gebiet der Oberaar-Staumauer. Nicht betriebsnotwendige Anlagen wurden abgebrochen und das planierte Gelände am Fuss der Staumauer hat man naturnah gestaltet. Auf diese Weise entstanden mehrere Tümpel – wertvoller neuer Lebensraum. Der Oberaarsee liegt auf 2300 Metern über Meer. In dieser Höhe dauern natürliche Entwicklungsprozesse wesentlich länger als im Unterland. Pflanzen und Tiere benötigen aufgrund der harten Lebensbedingungen viel mehr Energie und Zeit, um neue Standorte zu besiedeln. Dass hier jetzt Grasfrösche heimisch sind, zeugt gemäss Tscholl für den Erfolg der Massnahmen.

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Förderung des sanften Tourismus

Auf der Rückfahrt zum Grimselpass schaltet Tscholl einen Zwischenhalt bei einem Aussichtspunkt ein. Hier zeigt das Gebiet seinen spröden Charme. In der Tiefe schimmert grüngrau das eisige Wasser des Grimselsees. Dahinter erstrecken sich rundliche Felsformationen. Darüber erhebt sich wild gezacktes, zu senkrechten Platten geschichtetes Urgestein, das seinerzeit als Insel aus dem Eismeer ragte. «Diese Landschaft ist karg und trotzdem reich», schwärmt Tscholl. «Sie zeigt Härte, doch sie verfügt auch über einen Liebreiz, den man nicht in Worte fassen kann.» Nicht von ungefähr gehört der westliche Teil der Grimselregion zum Unesco-Welterbe «Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch».

Riesige, nur dünn besiedelte Geländekammern kennzeichnen das Gebiet des Grimsel und des benachbarten Susten. Grosse Höhenunterschiede und intensive Niederschläge bieten ideale Voraussetzungen für die Produktion von Strom aus Wasserkraft. Jährlich gehen 700 Millionen Tonnen Wasser über dem Gebiet nieder – das entspricht mehr als dem gesamten Trinkwasserverbrauch in der Schweiz. Nicht von ungefähr gilt Wasser als der einzige nennenswerte Bodenschatz des Gebiets. Die Kraftwerke Oberhasli nutzen ihn zur Produktion von elektrischer Energie für eine Million Haushalte.

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Mit ihren Bemühungen um Aufwertung der Landschaft verfolgen die Kraftwerkbetriebe zwei Ziele. Einerseits soll die Gegend dem sanften Tourismus besser zugänglich gemacht werden, damit eine breitere Öffentlichkeit den Erholungswert des Gebiets schätzen lernt und nachhaltig zu nutzen versteht. Zu diesem Zweck hat die KWO mehrere bis anhin nur dem Personal zugängliche Bergbahnen umgebaut und für das Publikum geöffnet. Dazu gehört die steilste Standseilbahn Europas, die Gelmerbahn, oder die Zufahrt zur spektakulären Hängeseilbrücke an der Trift.

Anderseits will das Unternehmen seine Fachkompetenz im Bereich Ökologie und Landschaftspflege unter Beweis stellen. Im Hinblick auf künftige Projekte ist es nämlich verpflichtet, allfällige nachteilige Auswirkungen auf die Natur durch Ausgleichsmassnahmen zu kompensieren. Im Vordergrund steht dabei die geplante Erhöhung der Staumauern am Grimselsee um 23 Meter. Das Ziel des Vorhabens besteht darin, die verfügbaren Wassermengen besser auszunutzen. Dem höheren Seespiegel würde allerdings ein Uferstreifen mit einer Reihe von alten ­Arven zum Opfer fallen. Die Zone wird von Naturschutzorganisatio­nen als Moorschutzgebiet eingestuft, weshalb sie Einsprache gegen das Projekt erhoben haben.

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Unkonventionell: Adolf und Annemarie Huber mit ihren schottischen Hochlandrindern

Quelle: Tomas Wüthrich

Rinder sollen den Wald bremsen

Eine halbe Stunde Autofahrt vom Grimselsee entfernt, im Weiler Furen im Gadmental, liegt der Bauernhof von Adolf und Annemarie Huber. Trotz der ansehnlichen Distanz zum Stausee beteiligt sich auch Bauer Huber an einem Ökologieprojekt der Kraftwerkbetriebe.

Im Tal geht die Bevölkerungszahl zurück, und mit ihr auch diejenige der Bauern. Noch sieben Landwirte führen hier im Haupterwerb einen Betrieb, halb so viele wie vor 20 Jahren. Aber Adolf Huber denkt nicht ans Aufgeben: «Ich glaube nach wie vor an die Zukunft der ­Berglandwirtschaft», erklärt er. Bis vor drei Jahren hat er nicht nur auf seinem Hof gearbeitet, sondern zusätzlich bei einer auswärtigen Firma. «Zwei 100-Prozent-Jobs gleichzeitig, das wurde mir dann aber zu viel», erinnert er sich.

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Weil hier an der Strasse Richtung Sustenpass immer weniger Boden bearbeitet wird, ist der Wald auf dem Vormarsch. Was positiv klingt – die Natur nimmt sich, was ihr zusteht –, hat eine gewichtige Schattenseite: Es verschwinden wertvolle Trockenweiden, die einer Vielzahl von Pflanzen und Tieren Lebensraum bieten. Einheimische Kühe kapitulieren vor Stauden und Gehölzen, mit denen sich der Wald langsam auf Wiesen und Weiden vorschiebt. Deshalb grasen seit letztem Jahr auf Hubers Weiden neben den 20 heimischen Kühen und Rindern auch zwei schottische Hochlandrinder. Auf einer Bergwiese unter den Kalkwänden des Tällistocks – das Klettergebiet ist auch bekannt unter dem Namen «Hasli-Dolomiten» – fressen Jelena und Leona mit Genuss nicht nur würzige Kräuter, sie verschmähen auch die Vorboten des Waldes nicht. Die kleinwüchsigen Tiere sind wahre Unkrautvernichter. Sie verputzen selbst Brombeerstauden und sorgen auf diese Weise dafür, dass Adolf Hubers Boden nicht von Wald über­wuchert wird. «Das funktioniert besser, als wir ursprünglich annahmen», bilanziert Huber. «Die Tiere sind nicht wählerisch. Sie fressen so ziemlich alles Grünzeug, das sie erwischen.» Die Kraftwerke Oberhasli haben Huber bei der Rodung von bereits überwachsenen Trockenstandorten finanziell unterstützt. Ein weiterer Gewinn aus dem Projekt lockt aus der Zukunft: Das Fleisch von Hochlandrindern gilt als ausgesprochen gehaltvoll und schmackhaft. Auf dem Markt erzielt es deshalb deutlich bessere Preise als herkömmliches Rindfleisch.

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«So etwas wie Kinder für mich»: Umweltingenieurin Magdalena Nägeli hegt und pflegt beim Steingletscher junge Arven.

Quelle: Tomas Wüthrich

Vielfalt wurde erfolgreich bewahrt

Es sind unkonventionelle Methoden, mit denen man hier im unteren Teil des Gadmentals das Vordringen des Waldes einzudämmen versucht. Andere Bauern der Region setzen afrikanische Buren-Ziegen oder robuste Rinderrassen wie Dexter und Galloway ein. Koordiniert werden diese Projekte von Magdalena Nägeli. Sie ist ebenfalls bei der Ökologie-Fachstelle der Kraftwerke Oberhasli tätig. Die bisher erzielten Ergebnisse beurteilt sie positiv. Mit den getroffenen Massnahmen konnte die vielfältige Kulturlandschaft erfolgreich bewahrt werden.

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Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die diplomierte Umweltingenieurin weiter oben im Tal, in der Nähe des Steingletschers. Dort, oberhalb des Seebodensees auf rund 2100 Metern, gibt es keinen Wald mehr, den es im Zaum zu halten gilt – im Gegenteil. «In Hublen» (in den Hügeln) heisst das Gebiet im lokalen Dialekt. Zahlreiche kleine und kleinste grüne Hügel prägen das Gesicht dieser wunderbar kargen Landschaft. Vor Jahrhunderten gab es hier grosse Arvenbestände. Noch vor Beginn des Industriezeitalters wurden diese jedoch rigoros für die Verhüttung von Eisenerz abgeholzt. Die Baumgrenze sank, und es setzte eine verstärkte Erosionswirkung durch Lawinen und Murgänge ein. Auf dieser Höhe erholen sich Baumbestände nur sehr langsam. Es dürfte Jahrhunderte dauern, bis Arven beim Steingletscher wieder flächig Fuss fassen. Hier hilft Magdalena Nägeli sanft nach. Gemeinsam mit lokalen Forstarbeitern hat sie im Laufe der vergangenen drei Jahre Jungbäume in den mageren Boden gepflanzt – insgesamt 420 Setzlinge. Die Pflanzen wurden in einer Gärtnerei der Region aus ortstypischen Samen herangezogen. Die optimalen Standorte für das Auspflanzen bestimmte Magdalena Nägeli in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Revierförster anhand der lokalen Ausaperungs- und Sonneneinstrahlungsverhältnisse.

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Ein Herz für Jungpflanzen

Die Entwicklung der Bäume verfolgt sie genau. Zweimal jährlich sucht sie jeden einzelnen Setzling auf und pflegt ihn. Auf diese Weise sind der Umweltspezialistin die Jungpflanzen allmählich richtig ans Herz gewachsen. «Sie sind so etwas wie meine Kinder geworden», stellt sie fest. Und noch etwas ist der aus Polen stammenden Wissenschaftlerin klar geworden. Tief und genussvoll atmet sie auf ihrem Kontrollgang die Bergluft ein und erklärt rundheraus: «Mein Herz gehört dem Gadmental.»

Wilde Berglandschaft – nicht nur für Alpinisten

Grimsel und Susten werden seit Jahrhunderten als Transitrouten genutzt, heute hält sanfter Tourismus Einzug.

Infografik: Beobachter/DR

Quelle: Tomas Wüthrich
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Anreise: Busverbindungen in die Grimsel- und Sustenregion gibt es ab Meiringen BE, Göschenen UR und Oberwald VS.

Besonders lohnende Tagestouren auf ­den alten Passwegen:

  • Abwärts: vom Sustenpass über Steingletscher nach Gadmen; Wanderzeit: 3 Stunden 20 Minuten

  • Aufwärts: von Innertkirchen über Guttannen zur Alp Handegg; Wanderzeit: ­5 Stunden 20 Minuten


Ausflugsziele in der Region:

  • Gelmersee: Von der Handegg zum Gelmersee fährt die steilste Stand­seilbahn Europas, die Gelmerbahn. Sie überwindet eine Steigung von 106 Prozent. Den Gelmersee umwandert man innert zirka zwei Stunden.

  • Kristallkluft Gerstenegg: Die Grotte nahe dem Räterichsbodensee birgt eine einzigartige Kristallpracht. Sie ist nur im Rahmen von geführten Besichtigungen der Kraftwerkanlagen zugänglich. www.grimselwelt.ch

  • Triftbrücke: Mit der Luftseilbahn gelangt man vom Gadmental ins Seitental der Trift. Nach einer eineinhalbstündigen Wanderung erreicht man die 170 Meter lange Hängeseilbrücke über den Gletschersee.

  • Tälli-Klettersteig: Vom Gadmental führt eine Luftseilbahn zur Tällihütte. Sie ist der Ausgangspunkt für einen der längsten und spektakulärsten Klettersteige der Schweiz, begehbar von Juli bis Oktober bei sicherem Wetter. Alternativ führt eine eindrückliche Höhenwanderung in drei Stunden auf die Engstlenalp.
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